Liebe Honighummel,
gern erzähle ich vom (etwas längeren) Weg der Entscheidung. Ich hole mal etwas aus. Schau, was für dich interessant ist.
Wie du habe ich lange Zeit nicht wirklich realisiert, dass mein Partner ein massives Alkoholproblem hat, obwohl ich schon 2016 regelmäßig über Situationen im Zusammenhang mit seinem Konsum sehr irritiert war. Wir waren gerade von der Wohnung ins Eigenheim umgezogen, als er immer häufiger abends betrunken war und auf dem Sofa einschlief. Später schlief er auch schon mal nachmittags am Schreibtisch (im Homeoffice) ein. Ich sprach ihn auch immer wieder darauf an und habe gesagt, wie viel Angst mir der Alkohol macht und dass sich das ändern muss. Wirklich konsequent war ich aber nicht.
Wie du habe ich so viel Gutes in meinem Partner gesehen, wenn er nüchtern war. Da war der Mann, den ich so liebte (und den ich an sich auch immer noch sehr vermisse). Ein liebevoller Partner, sensibel, zugewandt und ein fröhlicher Familienmensch.
In den letzten Jahre spitze der Konsum sich zu, nachdem ihm (wieder mal) von seinem Arbeitgeber gekündigt wurde. Ich entdeckte durch Zufall, dass er bereits tagsüber trank. Dann abends beim Kochen, was er immer gern übernommen hat. Da konnte man ja so wunderbar einen "Kochwein" zu trinken. Er war beim Abendessen manchmal schon so betrunken, dass er am Tisch vor seinem leeren Teller einschlief. Meine Tochter (damals 12 Jahre) und ich saßen dabei. Einmal sogar eine Freundin meiner Tochter. Es war so furchtbar peinlich.
Ich fing dann an zu kontrollieren. Scannte sein Verhalten, wenn er dich die Tür kam; ich zählte Weinflaschen und markierte sie; ich suchte in seinen Verstecken nach neuen Vorräten.
Zudem blieb immer mehr Arbeit im Haushalt und für die Sorge um unsere Tochter an mir hängen. Er zog sich immer mehr in sein Büro zurück und damit auch zurück aus unserem Familienleben. Meine Tochter vermißte ihn manchmal so sehr, dass sie anfing zu weinen, wenn er sich mal Zeit für sie nahm, um etwas zu unternehmen.
Meine Tochter sprach nach der Trennung mal von der "komischen Kopie von Papa". Und besser kann man es einfach nicht beschreiben. Wie ein anderer Mensch in der Hülle meines damaligen Partners.
Ich war total überfordert und hatte nach vielen Jahren (2016) wieder mit Anzeichen von Panikattacke zu kämpfen, was ich bis dahin überwunden hatte. Da konnte ich es nicht mehr ignorieren und wurde aktiv. Ich habe ihn überredet sich Hilfe zu holen. Er war auch ein paar mal bei der Suchtberatung. Parallel sind wir (auf meinen Wunsch hin) zur Paartherapie gegangen. Dort gab es in einem Einzelgespräch einen Schlüsselmoment. Der Therapeut sprach allgemein über das "Geben und Nehmen" in Beziehungen und fragte mich, wie denn der Anteil da so bei uns wäre. Da war ich sprachlos.
Ich bin dann als Angehörige selbst zur Suchtberatung gegangen und dort wurde mir empfohlen, das Alkoholproblem des Papas altersgerecht mit meiner Tochter zu sprechen, da sie ja mitbekommt, dass etwas nicht stimmt. Die Realitäten abzugleichen ist so wichtig und das zu benennen, was ist. Wenn die Eltern nur Schweigen, obwohl der Elefant im Raum steht, das muss fürchterlich für Kinder sein.
Ich hatte meinem Partner angeboten, mit ihr selbst zu sprechen. Er wollte es aber nicht übernehmen. Also habe ich es gemacht. Das führte dann zum Eklat zwischen ihm und mir. Obwohl ich das Wording mit ihm abgestimmt hatte, warf er mir vor, dass das ja alles nicht stimmen würde. Er hätte kein Alkoholproblem, sondern ich hätte bzw. wäre das Problem.
Ich blieb dann dran und wurde immer klarer in meiner Forderung, dass sich etwas ändern muss und ich es nicht mehr aushalte. Es gab da auch noch kurze schöne Momente, wo er mir Besserung versprach und ich wirklich Hoffnung hatte, dass wir als Paar die Kurve kriegen. Da hatte ich die Sucht unterschätzt. Irgendwann stritt er sein Problem immer massiver ab. Als ich ihn vor die Wahl stellte, Alkohol oder ich, hat erst sich für den Alkohol entschieden. Wenn ich so über ihn denken würde, dann würde es keinen Sinn mehr machten, sagte er.
Mein fester Wille etwas zu verändern führte also zur Trennung. Ich bin sicher, sonst würde er heute noch betrunken im Wohnzimmer sitzen. Ich glaube, er war nur zu feige oder zu bequem etwas zu verändern.
Wichtig für mich war, dass ich mir in der letzten Phase sehr viel Unterstützung gesucht habe. Und ich habe viel über Sucht und die Mechanismen gelesen. Zu verstehen, dass Sucht eine Krankheit ist, die der Betroffenen nur überwinden kann, wenn er es selbst will. Und das er meine Tochter und mich mit runterzieht, wenn ich es weiter zulasse.
Und bei allem ist es mir so schwer gefallen, diesen geliebten Menschen loszulassen. Und doch war es wichtig und richtig. Er hat sich von allem gelöst, kümmert sich nicht mehr um unseren gemeinsamen Hund und nur selten um unsere Tochter. Er hat sogar eine Frau gefunden, die sein Trinkverhalten wohl nicht stört. Sie haben gerade geheiratet.
Den Kontakt habe ich weitestgehend eingestellt. Da brauche ich für meine Stabilität. Ich nehme einfach vieles. was aufgrund der Sucht passiert ist, immer noch sehr persönlich. Ich weiß es zwar besser aber es ist einfach bei mir heftig gewesen, was nach der Trennung alles hochgekommen ist. Da haben mir die Geschichten hier im Forum sehr geholfen.
Am meisten ärgere ich mich über mich selber, was ich alles mitgemacht habe. Meine Erkenntnis daher: Je schneller man eine Entscheidung für sich trifft, um so besser.
Dir alles Gute auf deinem Weg!