Was löst den jetzt eigentlich wirklich die Wut in mir aus? Was triggert mich wirklich?
Ich finde es unglaublich spannend, was du geschrieben hast. Vor meiner Saufkarriere habe ich mich sehr intensiv mit Themen wie Emotionen, Achtsamkeit und insbesondere dem Buddhismus beschäftigt. Viele Erkenntnisse aus Büchern wie dem, das du erwähnst, haben ja oft Parallelen zum Buddhismus.
Dein Beispiel mit dem ABC-Denken hat mich an eine eigene Erfahrung erinnert, die ich gerne teilen möchte. Sie zeigt, wie man A-C auch „andersherum“ denken kann:
Ich war einmal in der Situation A, nämlich als „langsamer Fahrer“. Ich habe mich bewusst exakt an die Geschwindigkeitsbegrenzung gehalten, da ich pünktlich zu einer Verabredung unterwegs war (und ehrlich gesagt fahre ich generell nicht gerne zu schnell). Hinter mir fuhr jemand, C, der regelrecht ausgerastet ist – dichtes Auffahren, Lichthupe, Gestikulieren, das volle Programm. Durch den Gegenverkehr konnte er nicht überholen.
Früher, während meiner Saufkarriere – und vermutlich auch heute in manchen Momenten – hätte mich so etwas massiv getriggert. Ich wäre wütend geworden, hätte ihn vielleicht absichtlich noch weiter provoziert, langsamer gefahren oder ihn ausgebremst. Doch damals war ich völlig ruhig und entspannt. Was mich aber wirklich überrascht hat, war, dass ich statt Wut eine tiefe Traurigkeit gespürt habe – eine Traurigkeit, die aus Mitgefühl resultierte. Ich wusste in diesem Moment, dass dieser Mensch, C, ein Problem haben musste, mit dem er nicht zurechtkam. Warum sonst sollte er in dieser Situation derart ausrasten? Ich war selbst erstaunt, wie ich in dieser Lage Mitgefühl entwickeln konnte.
Was will ich damit sagen?
Es ist nie hoffnungslos. Man kann nicht nur lernen, mit seinen Emotionen umzugehen, sondern sie sogar „umformen“. Das ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber es geht darum, einen neuen Umgang mit ihnen zu finden. Diese Erkenntnis gibt mir aktuell wieder viel Zuversicht, auch mit meinen momentanen Stimmungsschwankungen und negativen Emotionen zurechtzukommen.
Danke dir, Alex, dass du mich daran erinnert hast. Dein Text hat mich wieder ein großes Stück weitergebracht.
An dieser Stelle fällt mir noch etwas ein: Ich lese auch gerne Hartmut, der mich mit seiner klaren und direkten Art immer wieder inspiriert und wachgerüttelt hat. Sein Tenor ist ja: „Ich saufe nicht mehr, weil ich weiß, dass ich Alkoholiker bin.“ Das klingt vielleicht trivial , aber wenn man das wirklich verinnerlicht, ändert es alles. Wenn man weiß, dass der Fahrstuhl mit jedem Schluck Alkohol nur nach unten fährt, fragt man sich: Warum sollte ich freiwillig meinem Körper und meiner Psyche schaden wollen? Natürlich versucht das Suchtgedächtnis immer wieder, einen zu überreden. Aber wenn man sich klar macht, dass man durch einen Rückfall sofort wieder in der Spirale gefangen ist, bleibt der Kurs eindeutig: nicht saufen!
Ich sehe hier eine klare Parallele zu den Gedanken und Emotionen. Auch das Suchtgedächtnis ist etwas, das sich über die Zeit entwickelt und gefestigt hat. Es ist immer da, bewusst oder unbewusst, und versucht, uns zu beeinflussen. Doch wenn man eine klare Linie verfolgt – nämlich nicht mehr zu saufen –, dann kann man auch damit umgehen.
Das erinnert mich an Alex seine Formulierung: „…es von außen beobachten.“ Genau darum geht es. Wir sind weder unsere Gedanken noch unsere Emotionen, und auch nicht unser Suchtgedächtnis. Wir können all das einfach aufziehen lassen, beobachten und wieder loslassen. Denn der Kurs, den wir verfolgen, ist klar: nicht mehr zu saufen!
Ich hoffe, ich konnte meine Gedanken verständlich und nachvollziehbar ausdrücken.
Ich wünsche euch allen einen wunderbaren Samstag – wir haben heute eine Menge vor, und ich freue mich schon sehr darauf.