Hallo ihr Lieben. Mein "Partner" hat sich heute zur Klinik fahren lassen und hat mir textlich mitgeteilt, dass sie ihn aufnehmen werden, er aber noch Sachen von zuhause holen will. Zuhause wollte er dann etwas später mit mir reden. Ich habe zugestimmt, will ja wissen was jetzt überhaupt los ist, worauf ich mich einstellen muss.
Er hätte direkt ein Bett für den stationären Entzug gehabt und die Ärztin hat ihm 1Std Zeitfenster gegeben bevor das Bett nicht mehr für ihn vorgemerkt werden kann. Er hat die eine Stunde zuhause ausgesessen. Er hat geweint, er hat extreme Angst, er fühlt sich alleine und sagt, er schafft es nicht. Wir haben lange geredet, über unsere Beziehung, die Wohnung, unsere Probleme. Ich bin dabei geblieben, dass er sich bitte eine Wohnung suchen muss und er hat gesagt, er ist komplett überwältigt von allem. Er liebt mich über alles, mag die Wohnung und was wir uns aufgebaut haben und es tut ihm Leid, dass er sich erst jetzt um sein Problem kümmert. Ich habe sehr doll geweint und er wollte mich ein paar Mal in den Arm nehmen, ich habe es 2x zugelassen, weil ich völlig fertig war. Es war sehr emotional und ehrlich, ich habe ihn noch nie so fertig gesehen, er hat auch sehr doll geweint und ich merke, wie er leidet und wie wichtig ich ihm noch bin. Und er mir auch. Ich kann aber nicht mehr zurück zu dem, wie es mal war. Es geht nicht. Er hat mich gefragt, wo die Probleme meiner Meinung nach angefangen haben, wenn man den Alkohol wegnehmen würde und ich habe gesagt, der Alkohol ist der Ausgangspunkt für vieles. Ich habe ihm gesagt, dass ich an mir arbeite und er das auch machen muss. Er will Therapie ohne Entzug, weil er Angst vor dem Leben in Abstinenz und vor dem Verlust von Freunden und den 4 Wochen stationären Aufenthalt hat. Ich habe ihm gesagt, dass die Therapie ohne Entzug nichts bringen wird, da einer der Gründe warum er überhaupt Therapie braucht, der Alkohol ist. Er hat sich entschuldigt für alles was er mir angetan hat und ich habe gesagt, mir geht es nicht um Schuld und er muss anfangen sich zu helfen. Dann bin ich spazieren gegangen.
Eben hat er mir gesagt, er wird morgen wieder dorthin zurück gefahren und er packt jetzt seine Sachen für den stationären Entzug. Ich habe ihn umarmt und nochmal betont, dass er das richtige tut. Auch, dass für ihn dort unsere Beziehung nicht im Vordergrund stehen sollte, sondern nur er selber. Dass er sich trotzdem um eine Wohnung bemühen muss und ich aber verstehe, wenn das nicht so einfach geht, wenn er jetzt 4 Wochen nicht da ist. Es ist außerdem nicht sicher, dass sie morgen direkt ein Zimmer für ihn frei haben.
Ich bin ehrlich, ich habe schon viel Schei**e in meinem Leben erlebt, eine schwere Depression gehabt und ich glaube ich war trotzdem noch nie so emotional aufgewühlt und mitgenommen wie jetzt gerade. Dieser Mensch ist mir trotz allem so wichtig. Ich kann mich mittlerweile besser abgrenzen als vor 3 Monaten und ich muss das auch weiterhin üben und machen. Vielleicht klingt das für viele hier wie eine Manipulation durch ihn und ich bin mir darüber bewusst, dass es so sein könnte. Ich habe ein paar Punkte weggelassen von unserem Gespräch, aber ich habe das Gefühl, zumindest jetzt gerade, dass er wirklich wirklich leidet und es angehen möchte. Er sagt er war vorher schon bei der Suchtberatung und hat dort gelogen, er hat zugegeben unsere Freunde über seinen Konsum belogen zu haben. Er sagt, er kann das jetzt nicht mehr, er sieht dass er bricht. Ich glaube ihm.
Ich versuche weiterhin vorsichtig zu sein und bin in erster Linie erstmal überfordert. Ich wollte, dass er sich Hilfe sucht und nun ist es soweit und meine Gefühle sind gemischt. Ich glaube, was er gesagt hat und dass es ihm sehr schlecht geht und es nicht mehr aushält. Ich weiß gleichzeitig, dass ich es nicht tragen kann, dass ich mich distanzieren muss und ihm jetzt nicht die ganze Hand geben darf und der kleine Finger vielleicht schon zu viel war - ich weiß es nicht genau. Ich habe gemerkt, wie erleichtert er zwischen den Tränen war, dass wir reden und ich ihm wieder Aufmerksamkeit schenke, er macht sich Hoffnung. Das macht mir ein mulmiges Gefühl, ich kann gerade keine Hoffnung auf eine Beziehungswiederaufnahme gebrauchen, es ist viel zu früh. Habe auch versucht das rüberzubringen. Vorerst ordne ich es für mich als Produkt seiner Verzweiflung und Einsamkeit ein. Ich bin einfach nur besorgt um ihn und über mich. Mein Gefühl ihn im Stich zu lassen, ist riesengroß und ich muss aktiv dagegen ankämpfen. Es ist so tief in mir verankert: Wenn jemand Hilfe braucht, helfe ich. In den nächsten Tagen/Wochen werde ich mir viele Gedanken machen müssen, wie ich mit der Situation umgehen kann, sodass es sich für mich richtig anfühlt. Eine feine Linie, das wird schwer. Ich muss weiterhin versuchen und üben meine Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen nicht seinen unterzuordnen, selbstbewusster und gefestiger werden.
Bitte seid nicht zu streng zu mir, es ist viel passiert.
Liebe Grüße, Halbmond