Weiter im Text.
Ja, die Erkenntnis war da. Nur macht Erkenntnis allein noch keinen trocken. Motivation übrigens auch nicht. Irgendwann musste ich das Ganze tatsächlich umsetzen. Blöde Angewohnheit der Realität.
Also zu den Grundlagen. Grundbausteine. Regeln. Neue Wege gehen.
Und für mich hieß das gerade in der ersten Zeit, nicht hier ein bisschen ändern, dort eine Ausnahme machen und an anderer Stelle wieder nachverhandeln, weil es gerade unbequem wurde. Bei den Grundbausteinen gab es für mich nur zwei Möglichkeiten:Ich hielt eine Regel ein oder ich hielt sie nicht ein.
Wenn mein Zuhause alkoholfrei war, dann war es alkoholfrei. Auch wenn Besuch kam, der gerne ein Bier oder einen Wein getrunken hätte. Auch an Weihnachten, am Geburtstag oder wenn Tante Erna unbedingt ihren Eierlikör vermisste.
Und natürlich wurde es schwieriger, wenn es nicht Tante Erna war, sondern Freunde, Partner oder die eigenen Kinder.
"Ach komm, ein Glas kann ich doch bei dir trinken." "Was soll schon passieren?" Und wenn bei mir innerlich alles schrie. Mach doch eine Ausnahme, dann wusste ich erst recht, warum ich keine machte. Denn genau dann musste sich eine Regel bewähren.Alkoholfrei hieß alkoholfrei.
Das Gleiche galt für ehemalige Sauffreunde, Saufstätten und Saufzeiten. Da musste ich nichts ausprobieren und auch nicht testen, ob ich inzwischen stark genug war. Ich hielt Abstand. Nicht weil plötzlich alle Menschen schlecht waren, mit denen ich früher gesoffen hatte.
Aber das war mein altes Leben. Und aus genau diesem wollte ich schließlich raus.Also ging ich nicht mehr hin, nur um zu beweisen, dass ich dort auch mit Cola sitzen konnte.Nicht schön. Nicht immer bequem.
Aber trocken werden war für mich damals wichtiger, als niemandem auf die Füße zu treten. Neue Wege gehen funktioniert nun einmal schlecht, wenn ich ständig auf den alten herumspaziere.
Und wenn ich heute sinngemäß lese. Ich halte mich weitgehend an die Grundbausteine. Dann tue ich mich damit etwas schwer.
Was bedeutet denn "weitgehend" bei einer Regel? Entweder ich halte sie ein oder ich halte sie nicht ein. Natürlich kann jeder sagen: "Dieser Grundbaustein passt für mich nicht. Ich mache das anders." Völlig in Ordnung. Dann gehe ich eben an dieser Stelle einen anderen Weg.
Aber daraus muss ich kein "weitgehend eingehalten" machen. Die Grundbausteine sind schließlich nicht irgendwann vom Himmel gefallen. Dahinter stehen Erfahrungen von Langzeittrockenen, die über viele Jahre gesammelt wurden. Das bedeutet nicht, dass jeder sie übernehmen muss.
Ich habe es getan. Gerade in meiner ersten Zeit hatte ich weder die Erfahrung noch das Bedürfnis, das Rad der Abstinenz neu zu erfinden. Warum auch? Andere waren damit schon jahrelang trocken. Ich wollte erst einmal dahin, wo sie bereits waren.
Natürlich habe ich nach Jahren hier und da etwas verändert, weil sich mein Leben und meine Abstinenz weiterentwickelt haben. Aber in den ersten Jahren musste ich mich nicht auch noch selbst austricksen. Denn wenn ich bei jeder passenden Gelegenheit eine Ausnahme finde, habe ich irgendwann keine Regel mehr.
Dann habe ich eine Verhandlung. Und mit meiner Sucht verhandele ich nicht. Die sucht nämlich keine Lösungen. Die sucht Schlupflöcher.