Nachdem ich die Flasche weggestellt hatte und die ersten Schritte Richtung Trockenheit gemacht waren, musste ich mich erst einmal sortieren.
Groß „aufarbeiten“ war für mich dabei nicht das Thema. Das geht für mich auch gar nicht. Ich kann rückwärts nichts mehr geradebiegen, nur damit es sich heute schöner anfühlt. Diese Never-Ending-Story, immer wieder denselben Kram hervorzuholen und neu durchzukauen, war nie meins. Passiert war passiert. Anschauen, einordnen, Konsequenzen ziehen und schauen, wo ich weitermache.
Beim alkoholfreien Umfeld war ich ziemlich rigoros. Zuhause Alkohol raus, Flaschen raus, Gläser und den ganzen Kram gleich mit. Ich habe nicht weiter nachgefragt, keine große Diskussion angefangen und auch keine Partnersitzung oder Familienrat einberufen.
Gut, es war damals eine Fernbeziehung, ein paar Tage dort, ein paar Tage hier. Aber das Prinzip blieb für mich gleich: Wo ich Einfluss habe, ist es alkoholfrei.
Aus irgendeiner Ecke kam damals auch der Satz: „Das hat doch Geld gekostet.“
Nun ja. Wenn ich mir anschaue, was ich über Jahre versoffen habe und was mich meine Sucht insgesamt gekostet hat, soll ich mir ausgerechnet wegen ein paar Flaschen und Gläsern Gedanken um den materiellen Wert machen? Eher nicht.
Auch bei alten Saufkumpanen brauchte ich Abstand. Nicht, weil das plötzlich alles schlechte Menschen waren. Sondern weil ich trocken werden wollte. Und mit der Zeit kristallisierte sich sowieso heraus, wer wirklich Freund war und wer mich hauptsächlich zum Saufen brauchte. Auch eine ganz interessante Inventur. 😉
Und genau da frage ich mich bis heute, warum Alkoholker , die trocken werden wollen, bei der eigenen Risikominimierung plötzlich anfangen zu verhandeln.
Die üblichen Sätze kennt man ja-. Der Partner trinkt nur gelegentlich. Es kann Besuch kommen. Geburtstag, Feier, Weihnachten, Silvester und vielleicht irgendwann kommt noch der Papst vorbei. Also bleibt Alkohol im Haus.
Die Flaschen kann man nicht wegwerfen, die waren teuer. Man fasst sie sowieso nicht an. Wird schon gutgehen. Da frage ich mich schon. Wenn ich sowieso nicht mehr saufen will, kann oder darf, welchen Sinn haben diese Flaschen dann überhaupt noch?
Gerade am Anfang wäre für mich der naheliegende nasse Gedanke: „Vielleicht irgendwann doch noch mal.“ Und genau den wollte ich bei mir nicht stehen lassen.
Für mich sind das Kompromisse. Und „wird schon gutgehen“ steht später erstaunlich oft neben „ich dachte, es geht gut“. Manchmal leider auch auf einem Grabstein.
Ich kann Alkohol nicht aus der Welt entfernen. Aber dort, wo ich Einfluss habe, kann ich mein Risiko reduzieren. Gerade am Anfang war mir jeder zusätzliche Stolperstein einer zu viel.
Sucht macht keine Kompromisse. Warum sollte ich ausgerechnet mit ihr welche schließen?
ps: Ich werde hier im Offenen immer mal wieder solche Gedanken reinschreiben. Beteiligen darf sich jeder. Aber wundert euch nicht, wenn meine Antworten nicht immer jeden Nerv treffen.
Betreutes Kopfnicken gibt es schließlich hier und außerhalb schon genug.