Beiträge von Hartmut

    Aber ist es nicht Neurowissenschaftlich bewiesen, dass sich im Gehirn etwas ändert wenn man ein Alkoholproblem hat oder die Sucht?!

    Ja, neurowissenschaftlich stimmt das. Alkohol verändert etwas im Gehirn, in der Wahrnehmung, im Verhalten und kann Beziehungen ordentlich durcheinanderwirbeln.

    Nur zeigt sich das eben nicht bei jedem Menschen gleich und auch nicht sofort. Wenn jemand schon vor der Sucht ein schwieriger Charakter war – aggressiv, egoistisch oder grundsätzlich beratungsresistent mit narzisstischen Zügen, dann hat die Sucht das vielleicht verstärkt. Sie hat diese Eigenschaften aber nicht neu erschaffen.

    Und das Ganze passiert auch nicht über Nacht. Sucht entwickelt sich schleichend. Die Veränderungen genauso. Der Partner bekommt das normalerweise mit, erst kleine Verschiebungen, dann mehr Rückzug, mehr Streit, mehr Unzuverlässigkeit, mehr Alkohol im Mittelpunkt.

    Deshalb ist auch die Vorstellung zu einfach, man müsse den Alkoholiker nur trockenlegen und dann sei alles wieder gut.

    Nein. "Man" kann auch vorher handeln, Grenzen setzen, Konsequenzen ziehen und sich schützen. "Man" muss nicht warten, bis alles vollständig entgleist ist.

    Neurowissenschaft erklärt einiges. Sie nimmt aber keinem Menschen Verantwortung ab und ersetzt auch nicht die Realität einer Beziehung.

    Noch ein Gedanke dazu, weil wir hier natürlich nur einen sehr speziellen Ausschnitt sehen.

    In einem Suchtforum landen selten die Geschichten. bei denen jemand seit Jahren trinkt, zuhause still auf dem Sofa sitzt und ansonsten niemanden groß beschäftigt. Hier schreiben Menschen, weil etwas aus dem Ruder gelaufen ist – Beziehung, Familie, Gesundheit, Arbeit, Gewalt, Angst oder irgendeine andere Katastrophe.

    Gerade im Co‑Bereich sehen wir deshalb zwangsläufig überdurchschnittlich viele schwere Verläufe. Das kann schnell den Eindruck erzeugen, Alkoholiker würden grundsätzlich aggressiv, verletzend, manipulativ oder sonstwie schwierig sein.

    Nur ist das eben nicht automatisch „der Alkoholiker“.

    Alkohol kann Hemmungen senken, Aggression verstärken und vorhandene Eigenschaften deutlicher hervortreten lassen. Aber er macht nicht aus jedem Menschen denselben Typen. Der eine wird laut, der andere zieht sich zurück. Einer wird aggressiv, einer wird weinerlich. Und manche trinken einfach still weiter.

    Deshalb wäre mir wichtig, nicht alles in einen Topf zu werfen.

    Sucht verstärkt vieles. Aber sie ersetzt nicht den Charakter, die Persönlichkeit und die Vorgeschichte eines Menschen. Was wir hier lesen, sind oft die Fälle, bei denen es bereits ordentlich gekracht hat.

    Die stillen Verläufe schreiben deutlich seltener einen Thread mit der Überschrift: „Heute wieder nichts Besonderes passiert.“;)

    Manchmal wundere ich mich wirklich, was in einen Alkoholiker alles hineingedeutet wird. Trennung? Der Alkohol. Jobproblem? Der Alkohol. Schlechte Laune? Natürlich auch der Alkohol.

    Irgendwann sitzt da offenbar kein Mensch mehr, sondern nur noch eine Flasche mit Personalausweis. ;)

    So einfach ist es aber nicht.

    Sucht entwickelt sich schleichend, und nicht jeder, der problematisch trinkt, ist sofort abhängig. Und selbst in einer Abhängigkeit sieht nicht jede Phase gleich aus. Je länger und stärker die Sucht wird, desto mehr verschieben sich Prioritäten – klar. Dann kann Alkohol irgendwann wichtiger werden als Beziehung, Familie, Arbeit oder Vernunft.

    Das kan man dann auch nicht schönreden.

    Aber ein Alkoholiker ist trotzdem nicht rund um die Uhr von seiner Sucht gesteuert. Er ist nicht automatisch unmündig, gefühllos oder handlungsunfähig. Er kann denken, planen, arbeiten, lieben, sich trennen, Entscheidungen treffen und auch ganz normalen Blödsinn machen.

    Das schaffen Menschen ohne Sucht schließlich ebenfalls erstaunlich zuverlässig.;)

    Deshalb ist dieses pauschale „Er ist Alkoholiker, also ist das die Sucht“ für mich zu einfach. Manches entsteht durch die Sucht. Manches wird durch sie verstärkt. Manches wird später mit ihr erklärt. Und manches hat mit ihr schlicht gar nichts zu tun.

    Oft wird in den Alkoholiker auch deshalb so viel hineingedeutet, weil es bequemer ist, alles an seiner Sucht festzumachen. Dann ist jede Distanz, jeder Streit, jede Trennung und jede Veränderung plötzlich nur noch Alkohol. Das kann angenehm sein, denn solange die Sucht des anderen die Erklärung für alles liefert, muss ich vielleicht weniger darauf schauen, was sonst in der Beziehung, im Umfeld oder bei mir selbst nicht gepasst hat.

    Manche Probleme waren schon vorher da. Manche wurden durch die Sucht größer. Manche haben mit ihr gar nichts zu tun.

    Den eigenen Anteil nicht anzuschauen und stattdessen alles dem Alkohol zuzuschieben, ist für mich genauso schief wie umgekehrt dem Partner die Schuld am Saufen zu geben.

    Beides sind schöne Abkürzungen. Nur führen Abkürzungen bekanntlich nicht immer dahin, wo man hinwill.

    Und trocken gilt das erst recht. Ein trockener Alkoholiker ist kein Sonderwesen, das lebenslang beobachtet, kontrolliert und bei jeder Stimmung auf Rückfallspuren untersucht werden muss. Natürlich bleibt die Sucht Teil seiner Geschichte. Aber sie ist nicht automatisch die Erklärung für alles, was er denkt, fühlt oder entscheidet.

    Sonst müssten wir bei Rauchern, Esssüchtigen, Spielsüchtigen und jedem anderen Menschen mit einer Abhängigkeit ebenfalls jede Lebensentscheidung durch die jeweilige Suchtbrille betrachten. Irgendwann wäre das keine Einordnung mehr. Dann wäre es Kaffeesatzlesen mit Diagnosebeilage.

    Für mich bleibt deshalb der einfache Satz.

    Ein Alkoholiker ist süchtig. Aber er bleibt trotzdem Mensch.

    Ich habe das Gefühl ich bin schuld an seiner trinkerei, weil ich so viel Druck mache.

    Ich bin hier im Forum ja nun nicht gerade dafür bekannt, lange um den heißen Brei herumzureden. Also ganz direkt: Hau dir diesen Gedanken aus dem Kopf. Du bist nicht schuld daran, dass er säuft. Nicht dein Druck, nicht deine Erwartungen, nicht deine Fragen, nicht deine Grenzen und auch nicht dein Gemecker. Ein Alkoholiker säuft, weil er Alkoholiker ist ;)

    In meiner nassen Zeit habe ich auch versucht, Gründe und Schuldige zu finden. Nicht, weil sie wirklich schuld waren, sondern weil es mir die Verantwortung vom Hals gehalten hat. Genau das passiert hier auch. Wenn er dir sagt, er säuft wegen dir – oder du das auch nur ansatzweise denkst – dann wird die Verantwortung nach außen geschoben. Die liegt aber bei ihm, nicht bei dir.

    Sonst müsste ja gelten. Wenn du dich nur „richtig“ verhältst, bleibt er trocken. Und wir beide wissen, dass das nicht funktioniert. Seine Sucht ist seine. Seine Trockenheit wäre auch seine.

    Alles andere ist natürlich übel, erst mal sein eigenes Leben neu zu sortieren zu müssen, aber da schreiben dir sicher noch ein paar aus der CO-Ecke etwas dazu.

    Mich würde mal interessieren: Wenn es wirklich der Alkohol wäre — wenn das der Grund für die Trennung wäre — was genau würdest du mit dieser Information machen?

    Würde es dir beim Trennungsschmerz helfen?

    Würde es dir helfen, weil du dann „nicht schuld“ wärst?

    Oder bringt es dir am Ende gar nichts?

    Ist es nicht sinnvoller, die Energie in etwas zu stecken, das dich wirklich weiterbringt?

    Ich bin ohne Therapie trocken geworden, letztlich mit Hilfe des Forums.

    Ich hatte selbst eine Trennung in der nassen Zeit. Damals standen für mich andere Gründe im Vordergrund, nicht der Alkohol. Ob die Sucht trotzdem mitgemischt hat, habe ich damals sicher nicht so klar gesehen wie heute.

    Umgekehrt trennen sich manche Alkoholiker erst, wenn sie trocken sind. Dann merken sie, dass in der Beziehung manches nicht mehr passt. Vieles hat man vorher zugeschüttet oder nicht sehen wollen. Die Sucht kann jahrelang einiges überdecken.

    An Trinkmengen allein würde ich Alkoholismus nicht festmachen. Sie können ein Hinweis sein, mehr aber auch nicht. Entscheidend ist das Muster dahinter.

    Und wenn bei euch alles so ist, wie du es beschreibst, dann gibt es eben auch die Möglichkeit, dass die Beziehung für ihn einfach nicht mehr passt. Nicht jede Trennung braucht einen Schuldigen.

    Der Verlassene sucht natürlich nach Gründen. Das ist menschlich. Ein Alkoholiker sucht im nassen Zustand genauso Gründe, warum er „trinken muss“. Beides führt schnell dazu, dass man sich an Erklärungen festhält, weil die Wahrheit schwerer auszuhalten ist.

    Manchmal passt es einfach nicht mehr.

    Ich wüsste gerne wie ein Alkoholiker diese Situation bewertet .

    Hier geht es um Suchtmechanik, nicht um Außenbewertungen oder einzelne Beziehungskrisen. Das meinte ich.;) Allgemeine Fragen gehören hierher, Persönliches gehört in den eigenen Thread. Dein Thread ist gerade nicht aktiv , wenn wir ihn wieder öffnen sollen, sag Bescheid.

    Zur Suchtmechanik selbst. Wenn ein Alkoholiker im nassen Zustand ständig mit seinem Saufen konfrontiert wird und dadurch unter Druck gerät, verschieben sich Prioritäten. Dann wird aus Beziehung, Familie und Alkohol schnell ein scheinbares „Entweder-oder“.

    Die Familie hat in aktiver Sucht oft die schlechteren Karten. Nicht weil sie unwichtig wäre, sondern weil der Alkohol einen Stellenwert hat, den Außenstehende kaum nachvollziehen können.

    Darum ist eine Trennung nicht automatisch eine Entscheidung gegen die Familie. Sie kann genauso ein Versuch sein, den Druck loszuwerden und ungestörter weitersaufen zu können. Und in den Kopf eines Alkoholikers kann man nichts „hineinprügeln“. Das muss aus ihm selbst kommen.

    Ob das bei deinem Mann so ist, weiß ich nicht, denn ab hier endet die allgemeine Suchtmechanik und seine persönliche Geschichte beginnt.

    Mein Mann trennt sich gerade von mir. Er wirkt sehr kühl und sicher in seiner Entscheidung. Das verletzt mich natürlich total. Ich weiß ihr könnt nicht seine Gedanken lesen, aber was ist in euch vorgegangen als ihr euch getrennt habt. Hat sich jemand von sich aus getrennt?

    Erstmal sollte man Trennung und Sucht voneinander trennen.;) Trennungen passieren auch ohne Sucht. Irgendwann gibt es einen letzten "Tropfen" der eine Entscheidung auslöst.

    Manchmal wird eine Trennung im Rückblick komplett auf die Sucht geschoben, weil man damit wenigstens eine Erklärung hat. Menschlich, aber nicht automatisch richtig.

    Ich habe mich selbst in der nassen Zeit getrennt. Das zeigt: Wenn sich ein Alkoholiker trennt, dann trifft er diese Entscheidung aus seinem damaligen Denken und Erleben heraus – aber sie ist nicht automatisch ein reines „Suchtprodukt“. Er ist schließlich nicht entweder Alkoholiker oder Mensch. Er ist beides gleichzeitig.

    Kurze Bitte in die Runde. ;)

    Wenn mal etwas verrutscht – passiert ja jedem – bitte darauf achten, keine Interna aus dem geschützten Bereich in den offenen Bereich zu tragen. Wenn alle Beteiligten sagen „passt für mich“, ist natürlich alles gut.

    Aber hier lesen eben alle mit.

    Zurück zum Thema .

    Danke euch allen für die vielen Sichtweisen. Man sieht hier sehr deutlich, wie unterschiedlich die Wege sind aber auch, wie sich bestimmte Grundlinien durchziehen, kein Schönreden, keine Hintertüren, kein „morgen“.

    Für mich bleibt es dabei. Sucht hat kein Zeitgefühl, keine Logik und keine Kompromisse. Und genau deshalb funktioniert Trockenheit nur dort, wo ich selbst konsequent bleibe egal ob am ersten Tag oder nach 20 Jahren. Trigger, Umfeld, Alltag, Stabilität… das entwickelt sich bei jedem anders.

    Aber die Verantwortung bleibt immer dieselbe. Ich entscheide, was ich zulasse und was nicht. Und ich entscheide, wie ernst ich meine eigene Trockenheit nehme.

    Mehr braucht’s dazu eigentlich nicht.

    Ich komme mal zu dir.

    Ich bin noch am Anfang meiner Trockenheit und das Forum hilft mir sogar sehr, mir immer bewusst zu machen, das da was ist, wo ich nicht wegschauen darf!

    Zu sehen/ zu lesen, dass hier einige(vielleicht sogar vorwiegend) sind, die Langzeittrockene sind und immer weiter hier schreiben, zeigt mir wie wichtig es ist, das Thema für sich selbst nicht abzutun.
    Und das ja anscheinend mit erfolgreichem Ergebnis!

    Du schreibst, du bist am Anfang deiner Trockenheit. Ich verstehe, was du meinst. Aber nüchtern betrachtet steht ein Alkoholiker jeden Tag wieder am Anfang. Auch nach 20 Jahren

    Die Risiken verändern sich nicht dadurch, dass ich länger trocken bin. Was sich verändert, ist mein Umgang damit meine "gefühlte" Stabilität, meine Konsequenz.

    Nur weil ich mich heute sicher fühle, ist ein Risiko nicht plötzlich kleiner geworden. Morgen kann eine emotionale Ausnahmesituation kommen: Stress, Wut, Trauer, Überforderung. Und dann sortiert dasselbe Suchthirn unter Umständen wieder völlig anders.

    Deshalb ist „am Anfang“ für mich keine Zeitangabe, sondern eine Richtung. Was mache ich für meine Trockenheit? Welche Risiken gehe ich ein – und welche nicht? Und was würde ein Rückfall für mich bedeuten?

    Ob der Partner trinkt, ob ich auf Bierbänken tanze oder ob jemand mit einem Glas herumwedelt, ändert an meiner Verantwortung nichts.

    Ich entscheide, welches Risiko ich eingehe. Und wenn es schiefgeht, bekommt nicht das Umfeld die Rechnung. Sondern ich.

    Dir weiterhin alles Gute.

    "Morgen höre ich auf zu saufen" dann "Montag höre ich auf zu saufen" und weil wieder mal erfolglos "nächsten Monat höre ich auf zu saufen" final dann "Silvester darf ich zum letzten mal saufen, aber 01.01. höre ich ganz bestimmt auf"

    Genau- Sucht hat kein Zeitgefühl. Sie denkt nicht bis morgen, nächste Woche oder Silvester. Sie denkt überhaupt nicht, sie funktioniert nur in eine Richtung: Alkohol. Ob ich sage „morgen höre ich auf“, „Montag“, „nächsten Monat“ oder „nach Silvester“, ist ihr vollkommen egal. Hauptsache, heute bleibt die Tür offen. ;)

    Und genauso wenig interessiert sie später im trockenen Zustand ein „ich habe das jetzt im Griff“ oder „mir macht das nichts mehr aus“. Sucht lässt sich weder mit Terminen noch mit Schönreden beeindrucken. Sie verhandelt nicht und macht keine Kompromisse.

    Das gilt für mich genauso bei den Risiken, die mir im trockenen Leben begegnen. Die Einschätzung „das macht mir nichts“, „das ist harmlos“ oder „das geht schon“ kommt aus meinem Kopf. Und genau in diesem Kopf sitzen eben auch meine alten Suchtverknüpfungen.

    Deshalb unterscheide ich für mich zwischen: Wie fühlt sich ein Risiko gerade an? und Ist es deshalb tatsächlich kleiner geworden? Ein Glaus , eine Armlänge entfernt bleibt ein Glas eine Armlänge entfernt, auch wenn mein Kopf heute beschließt, dass sie ihm vollkommen egal ist.

    Heute vielleicht.:whistling: Morgen kann derselbe Kopf bei Stress, Ärger oder sonstigem Mist schon wieder ganz anders sortieren.

    Je länger ich trocken bin, vorausgesetzt ich habe für mich wirklich geklärt, dass ich Alkoholiker bin und Alkohol keine Option mehr ist, desto stabiler werde ich natürlich. Aber daraus würde ich nie schließen, dass Trigger grundsätzlich bedeutungslos geworden sind oder dass mein Zustand von heute automatisch auch morgen gilt.

    Angst habe ich davor keine mehr, verkrampfen muss ich mich auch nicht. Das gehört inzwischen einfach zu meiner Realität. Wie so ein lästiger Pickel, der sich ab und zu mal wieder meldet. Schön ist anders, aber ich weiß inzwischen, was ich damit mache.

    Einordnen, ernst nehmen und nicht anfangen, mir meine eigene Sucht wieder passendzureden.

    Die hat mich im nassen Zustand schon oft genug verarscht. Ich muss ihr heute im trockenen Zustand nicht auch noch beim Argumentieren helfen.

    Nachdem ich die Flasche weggestellt hatte und die ersten Schritte Richtung Trockenheit gemacht waren, musste ich mich erst einmal sortieren.

    Groß „aufarbeiten“ war für mich dabei nicht das Thema. Das geht für mich auch gar nicht. Ich kann rückwärts nichts mehr geradebiegen, nur damit es sich heute schöner anfühlt. Diese Never-Ending-Story, immer wieder denselben Kram hervorzuholen und neu durchzukauen, war nie meins. Passiert war passiert. Anschauen, einordnen, Konsequenzen ziehen und schauen, wo ich weitermache.

    Beim alkoholfreien Umfeld war ich ziemlich rigoros. Zuhause Alkohol raus, Flaschen raus, Gläser und den ganzen Kram gleich mit. Ich habe nicht weiter nachgefragt, keine große Diskussion angefangen und auch keine Partnersitzung oder Familienrat einberufen.;)

    Gut, es war damals eine Fernbeziehung, ein paar Tage dort, ein paar Tage hier. Aber das Prinzip blieb für mich gleich: Wo ich Einfluss habe, ist es alkoholfrei.

    Aus irgendeiner Ecke kam damals auch der Satz: „Das hat doch Geld gekostet.“

    Nun ja. Wenn ich mir anschaue, was ich über Jahre versoffen habe und was mich meine Sucht insgesamt gekostet hat, soll ich mir ausgerechnet wegen ein paar Flaschen und Gläsern Gedanken um den materiellen Wert machen? Eher nicht.

    Auch bei alten Saufkumpanen brauchte ich Abstand. Nicht, weil das plötzlich alles schlechte Menschen waren. Sondern weil ich trocken werden wollte. Und mit der Zeit kristallisierte sich sowieso heraus, wer wirklich Freund war und wer mich hauptsächlich zum Saufen brauchte. Auch eine ganz interessante Inventur. 😉

    Und genau da frage ich mich bis heute, warum Alkoholker , die trocken werden wollen, bei der eigenen Risikominimierung plötzlich anfangen zu verhandeln.

    Die üblichen Sätze kennt man ja-. Der Partner trinkt nur gelegentlich. Es kann Besuch kommen. Geburtstag, Feier, Weihnachten, Silvester und vielleicht irgendwann kommt noch der Papst vorbei. Also bleibt Alkohol im Haus.

    Die Flaschen kann man nicht wegwerfen, die waren teuer. Man fasst sie sowieso nicht an. Wird schon gutgehen. Da frage ich mich schon. Wenn ich sowieso nicht mehr saufen will, kann oder darf, welchen Sinn haben diese Flaschen dann überhaupt noch?

    Gerade am Anfang wäre für mich der naheliegende nasse Gedanke: „Vielleicht irgendwann doch noch mal.“ Und genau den wollte ich bei mir nicht stehen lassen.

    Für mich sind das Kompromisse. Und „wird schon gutgehen“ steht später erstaunlich oft neben „ich dachte, es geht gut“. Manchmal leider auch auf einem Grabstein.

    Ich kann Alkohol nicht aus der Welt entfernen. Aber dort, wo ich Einfluss habe, kann ich mein Risiko reduzieren. Gerade am Anfang war mir jeder zusätzliche Stolperstein einer zu viel.

    Sucht macht keine Kompromisse. Warum sollte ich ausgerechnet mit ihr welche schließen?

    ps: Ich werde hier im Offenen immer mal wieder solche Gedanken reinschreiben. Beteiligen darf sich jeder. Aber wundert euch nicht, wenn meine Antworten nicht immer jeden Nerv treffen.

    Betreutes Kopfnicken gibt es schließlich hier und außerhalb schon genug.

    Kurzfristiges Denken hält mich langfristig nicht trocken.

    Möchte doch einfach nur etwas Ruhe und ist das jetzt der falsche Weg? Meine Hausärztin hat mich gestern so bestärkt in dem Klinikaufenthalt, ein unterstützendes und motivierendes Gefühl, das ist doch richtig oder?

    Ich glaube wirklich, wir reden gerade aneinander vorbei. Ich habe weder gesagt noch gefragt, ob die Klinik richtig oder falsch ist. Darum geht es mir überhaupt nicht.

    Ich hatte mehrere andere Fragen gestellt, auf die du bisher eigentlich nicht eingegangen bist:

    Wie kam es überhaupt zum Rückfall? Was ist vorher passiert, dass Alkohol wieder zur Option wurde? War das dein erster Rückfall im Laufe deiner Sucht?

    Und jetzt steht schon wieder ziemlich konkret im Raum: Wenn die Klinikperspektive wegfällt, trinke ich spätestens Samstag. Das ist der Punkt, den ich meine. Nicht die Klinik. Nicht richtig oder falsch. Was ist nach der Klinik, wenn du wieder in genau denselben Alltag zurückkommst? Genau darum ging es mir.

    Ob du darauf nicht eingehen willst oder ob ich meine Fragen so bescheuert stelle, dass sie nicht ankommen, weiß ich nicht. Ich lasse das deshalb jetzt einfach mal so stehen. Es rennt ja nicht fort. Vielleicht findet sich ja ein User, der meinen Punkt besser erklären kann.

    Denn so wie ich es gerade wahrnehme, fühlst du dich eher angegriffen. Das ist aber nicht meine Absicht.

    Dir für die Klinik und alles Weitere alles Gute.

    Hätte ich diese Perspektive nicht, würde ich spätestens Samstag wieder zur Flasche greifen

    Wer denkt da gerade eigentlich – du oder dein Suchthirn?;) Denn so, wie du es schreibst, steht das Saufen schon wieder als Option im Raum, sogar mit ziemlich genauem Termin.

    Deine Beispiele mit deinem Mann machen für mich schon deutlich, dass dich dein Alltag zermürbt. Darüber muss ich gar nicht groß philosophieren. Wenn etwas dauerhaft so läuft, muss ich für mich irgendwann Konsequenzen ziehen.

    Aber genau da trenne ich. Der Alltag kann für mich ein Grund sein, etwas zu verändern. Er darf aber nicht zum Grund werden, wieder zu saufen. Du hast ja schon einen Rückfall hinter dir. War das eigentlich der erste im Laufe deiner Sucht? Und was ist damals vorher passiert? Dazu hast du bisher wenig geschrieben.

    Die Klinik kann dich stabilisieren, dir helfen und dir Wege aufzeigen. Alles gut. Aber sie darf nicht der Grund sein, warum du heute, morgen oder irgendwann nicht säufst. Denn irgendwann kommst du aus der Klinik wieder raus. Und dann?

    Dein Mann, deine Wohnung und dein Alltag sind erst einmal noch dieselben, wenn sich dort nichts verändert. Verschiebst du die Option dann nicht nur von „Samstag“ auf irgendeinen späteren Tag, an dem gerade kein äußerer Rettungsanker da ist?

    Und wenn genau das das Modell bleibt, dann sage ich schon mal: schön provozierend, Prost. Nicht, weil ich dir einen Rückfall wünsche. Ganz sicher nicht. Sondern weil für mich genau da der Rückfall im Kopf schon wieder eine kleine Tür bekommt.

    Und Türen kann mein Suchthirn erfahrungsgemäß erstaunlich gut benutzen.

    Dir alles Gute

    vor allem, weil die mich weiterleiten können zum Thema Reha,

    Ich habe damals ambulant entgiftet, ohne danach eine Therapie oder Reha zu machen, und kenne die heutigen Abläufe nicht .

    Eine andere Frage habe ich aber trotzdem. Du hast den Wiedereinstieg geschafft und bist wieder auf dem trockenen Ufer angekommen, Maßnahmen getroffen, alles gut. Unterstützung kann dabei helfen, trocken machen kann sie dich aber nicht. Das kannst am Ende nur du selbst.

    Einfach gefragt: Wie kam es eigentlich zum Rückfall? Was ist vorher passiert, dass Alkohol wieder zur Option wurde? Das ist keine Anklage, kein Vorwurf und kein „Schäm dich“. Mich interessiert wirklich der Ablauf, weil du dazu bisher wenig geschrieben hast.

    Wie bist du überhaupt wieder an Alkohol gekommen? Soweit ich das quer gelesen habe, ist deine Bude nicht alkoholfrei, und dein Mann trinkt weiter und hat, zumindest nach dem, was ich hier lese, eher wenig Verständnis. Man kann sich darüber aufregen, aber es bringt einfach nichts.

    Wenn mein Umfeld nicht passt und ich einem Risiko nicht ausweichen kann, muss ich für mich Konsequenzen ziehen, um trocken zu bleiben. Denn davon hängt für mich alles Weitere ab. Welche Konsequenzen das genau sind, ist dann wieder eine andere Frage.

    In Reha oder Therapie kann ich Risiken kennenlernen und Strategien üben. Aber dort bin ich noch in einem geschützten Rahmen. Draußen läuft das Leben wieder ohne Geländer.

    meine Hausärztin unterstützt mich jetzt täglich,

    Das finde ich ja gut, aber ich frage mich einfach, ist das dann überhaupt noch eine klinische Entgiftung, notwendig , falls du erst Ende nächster Woche einen Termin bekommst.

    Vielleicht ist sie dann gar nicht mehr nötig – aber das kann am Ende nur deine Ärztin entscheiden. Denn das, was du machst, ist ja auch eine Entgiftung, nur ambulant.

    dank der Unterstützung meiner Hausärztin trinke ich seit gestern früh 8 Uhr nichts mehr.

    Deswegen fragte ich auch explizit nach. Das passt so, alles gut.

    Der Klinikaufenthalt ist ja noch nicht wirklich geplant, zumindest terminlich nicht. Der ist doch für die Entgiftung gedacht, oder? Wenn du seit gestern nichts mehr getrunken hast und es Anfang nächster Woche losgeht, wärst du am Montag ja ungefähr schon am 6. Tag.

    Deshalb ist das für mich widersprüchlich, weil eine Entgiftung je nach Verlauf meist um die 7 bis 14 Tage dauert. Vielleicht liegen da andere medizinische Überlegungen vor – das kann am Ende nur deine Ärztin einschätzen.

    Darum meine Nachfrage.

    Servus Fra80,

    ich finde es stark, dass du dich wieder gemeldet hast und die Klinik jetzt konkret angehst. Das ist ein klarer Schritt und zeigt, dass du Verantwortung übernimmst.

    Eine kleine Rückfrage habe ich trotzdem – einfach wegen der Regeln hier und damit wir wissen, wo du gerade stehst: Bist du im Moment trocken? Oder trinkst du noch?