Beiträge von Hartmut

    Für mich ist das schon beinahe eine philosophische Fragestellung: was bringt mich im Leben weiter: die positiven oder die negativen Seiten - beide machen das Dasein nun mal aus. Viele Fäden hier fangen fast immer ungeschönt an und als Leser freue ich mich über manche Entwicklung - vermeldete Rückschläge tun mir fast körperlich weh. Ich hätte nie gedacht, dass ich hier so mitleiden und hoffen würde.

    Nun, zwischen der philosophischen Betrachtung und dem tatsächlichen Leben sitzt bei uns eben noch die Sucht. Und die interessiert sich herzlich wenig dafür, was ich denke, hoffe oder mir vorstelle. Ungestoppt wird sie tödlich enden.;)

    Was du über die vielen User schreibst, die hier auftauchen und irgendwann wieder verschwinden, gehört für mich genau zu dieser Schattenseite. Natürlich frage ich mich manchmal auch. Was ist aus dem geworden? Hat er einen anderen Weg gefunden, säuft er wieder oder lebt er überhaupt noch? Meistens erfahren wir es nicht.

    Aber genau genommen spiegelt das Forum damit auch ein Stück der Realität von Alkoholismus wider. Menschen kommen mit Leidensdruck und Erwartungen, manche bleiben, manche gehen, manche kommen nach einem Rückfall wieder und andere verschwinden einfach. Die einen sind noch nicht so weit, andere wollen noch nicht so weit sein und manche drehen eben noch ein paar Runden.

    Auch der Umgang miteinander hier gehört für mich dazu. Erfahrungen werden weitergegeben, angenommen, abgelehnt, kleingeredet oder erst Monate später verstanden. Lesen und verstehen ist das eine. Irgendwann kommt aber dieser unangenehme Punkt: Uiii, jetzt müsste ich ja tatsächlich etwas verändern. ;) Zu Hause umsetzen ist dann noch einmal eine ganz andere Veranstaltung.

    Nach zwanzig Jahren wundert mich diese Fluktuation deshalb nicht mehr. Natürlich geht nicht alles spurlos an mir vorbei. Aber ich kann niemandem hinterherlaufen und auch nicht jede verschwundene Geschichte mit nach Hause nehmen.

    Und genau deshalb finde ich solche extra Threads wichtig. Dort steht nicht nur die Geschichte eines Einzelnen. Es sammeln sich Erfahrungen von vielen hier: mit Sucht, Rückfällen, Widerständen, nassem Denken, Angehörigen und eben auch mit dem" gefühlten Scheitern"

    Der Nächste, der hier vielleicht erst einmal nur mitliest, findet so einen Thread, erkennt sich möglicherweise irgendwo wieder und merkt: Verdammt, das kenne ich. Ich bin damit nicht allein. Und vielleicht gibt genau das irgendwann den kleinen Ruck: Ich melde mich jetzt an. Mehr muss so ein Thread für mich gar nicht leisten.

    Upps, jetzt schweife ich schon wieder ab.:whistling:

    Machen wir weiter. Eine andere Chance haben wir schließlich nicht.

    Ich gehöre zu den Co. Abhängigen und ich empfinde dieses Thema hier als verdammt wichtig, weil obwohl ich denke ich nicht dumm bin, aber auf eine gewisse Art und Weise in dieser Thematik lange! gefühlsblind war, es für mich schon vor langer Zeit verdammt wichtig gewesen wäre, dies genauso klar sehen zu können/annehmen zu können.

    Nine, darf ich kurz nachfragen, einfach um es für mich einordnen zu können?

    Du schreibst, dass du heute weißt, dass du co-abhängige Muster hattest und damals „gefühlsblind“ warst. Das würde ich für mich erst einmal voneinander trennen.;)

    Hast du deine Co-Abhängigkeit damals schon bewusst erkannt und trotzdem verdrängt, oder wird dir diese Dynamik erst heute im Rückblick klar? Erst als du hier aufgeschlagen bist und alles gelesen hast.

    Das macht für mich einen Unterschied. Denn das eine wäre. Ich erkenne etwas und kann oder will trotzdem nicht entsprechend handeln. Das andere wäre: Ich konnte die Co-Dynamik damals überhaupt noch nicht als solche erkennen.

    Genau dieser Unterschied würde mich interessieren.

    Nun ja, Suchtdruck ist ein Bestandteil der Krankheit. Mal stärker, mal schwächer, aber er gehört dazu. Da gibt es erst einmal kein richtig oder falsch.;)

    Wichtig ist am Anfang vor allem Risikominimierung: Reize und Situationen meiden, in denen früher gesoffen wurde, Feiern und Veranstaltungen erst einmal auslassen und eben auch Urlaube vermeiden, die fest mit Alkohol verknüpft waren. Gleichzeitig Alternativen aufbauen, bis mehr Stabilität da ist.

    Das ist unsere übliche Empfehlung für das erste Jahr. Kennst du ja.

    Wenn ich an meine eigenen Urlaube denke. In meiner nassen Zeit habe ich dort immer gesoffen. Das sitzt im Kopf. Urlaub = Saufen. Nicht der Urlaub an sich ist das Problem, sondern die Verknüpfung.

    Und diese alten Verknüpfungen sind auch im Urlaub auf Empfang. Die fahren schließlich kostenlos mit. Alkohol gibt es dort auch nicht weniger als zu Hause.

    Deshalb muss ich mich der Sucht anpassen, denn die Sucht passt sich nicht mir an.

    Sie knüpft an alte Muster an, alle Sinnesreize egal, wo ich bin.

    Dir alles Gute

    Meinst Du so was in der Richtung?


    Ja, genau die Richtung meine ich. Und den „Labersack“ kenne ich irgendwoher. ;)

    Wir beide haben schließlich lange genug trocken auf dem Buckel, um alte Geschichten nicht nur aufzuwärmen, sondern inzwischen Popcorn dazu zu reichen. :whistling:

    Dein Bild mit dem eigenen Gruselfilm gefällt mir. Damals mittendrin und überzeugt, heute Zuschauer. Schwarzer Humor inklusive.

    Genau solche Erfahrungen meinte ich.

    Mir ist das Ziel des Themas nicht klar.


    Mir geht es weniger darum, dass Alkohol tödlich sein kann. Das ist hier leider keine neue Erkenntnis. Mir geht es darum, diese Seite der Sucht deutlicher sichtbar zu machen – und vor allem die Prozesse davor.

    Ich lese hier viel darüber, wie jemand trocken geworden ist und was heute gut läuft. Die andere Seite , das nasse Denken, Rückfälle, das Verschieben von Grenzen, das Kleingereden von Risiken und die möglichen Konsequenzen, kommt für mich dagegen oft zu kurz.

    Für mich beginnt ein möglicher tödlicher Verlauf nicht erst am Ende, sondern unter Umständen schon wieder mit dem ersten Glas. Im nassen Denken verschiebt sich die Wahrnehmung: Risiken werden passend gemacht, Verantwortung nach außen verlagert – und trotzdem weiß man irgendwo, wohin das führen kann.

    Diesen Widerspruch kenne ich selbst ziemlich gut.

    Mich interessieren deshalb weniger allgemeine Erklärungen oder Statistiken, sondern unsere eigenen Erfahrungen. Was habe ich nass gedacht, verdrängt oder kleingeredet? Wie habe ich mir Risiken passend gemacht? Und wie sehe ich dieselben Dinge heute trocken?

    Genauso interessieren mich die Erfahrungen der Angehörigen. Was haben sie getragen, versucht und vielleicht viel zu lange für ihre Verantwortung gehalten? Gerade dieses „Hätte ich doch …“ gehört für mich ebenfalls zu dieser Realität.

    Warum sprechen wir über diese Seiten der Sucht so ungern, obwohl sie genauso dazugehören? Dass Menschen an Alkohol sterben, ist Statistik. Wie sie dort hinkommen, warum die Sucht trotzdem weiterläuft und was dabei mit ihnen und ihrem Umfeld passiert – das ist für mich Selbsthilfe.

    Oder habe ich deine Frage falsch verstanden?

    Ich habe das letzte Mal vor 2 Wochen getrunken

    Hast du das auf eigene Faust gemacht? Das ist nicht ideal. Bei einem Entzug ohne Überwachung kann es zu unkontrollierten Entzugserscheinungen kommen. Bei den meisten ist das nach etwa 10 bis 14 Tagen vorbei.

    Trotzdem wäre es sinnvoll, den Arzt im Nachhinein darüber zu informieren – das ist nie die dümmste Idee.;)

    Aber ansonsten kannst du dich hier austauschen. Um an die richtige Stelle verschoben zu werden, braucht es eine Freischaltung.

    Kurz auf den Link drücken, um Freischaltung bitten, und der nächstmögliche Moderator erledigt das dann.

    https://alkoholiker-forum.de/bewerben/

    Willkommen bei uns in der Alkoholiker-Selbsthilfegruppe.

    Bevor wir weitermachen, ein paar grundlegende Punkte, wie wir das hier handhaben.

    Hier schreiben ausschließlich bekennende Alkoholiker, was du bereits beantwortet hast. Grundlage für den weiteren Austausch ist der Wunsch nach lebenslanger Abstinenz. Hier schreiben auch nur Menschen, die aktuell nüchtern sind oder sich auf den Weg in die Trockenheit gemacht haben. Also nicht trinkend.

    Deshalb noch die Frage: Wann hast du zuletzt getrunken? Das ist wichtig, um einzuschätzen, wo du gerade stehst. Warst du schon bei einem Arzt? Das ist auch wichtig, um deine körperliche Entgiftung zu besprechen.

    Auch wenn es schlimm ist, ist das, was du beschrieben hast, hier nicht unbekannt. Viele Alkoholiker haben ähnliche Verläufe erlebt.

    Weiß außer dir noch jemand von deiner Situation? Familie, Partner, Freunde ?

    Ich habe Steevie meinen Respekt für ihr Durchhaltevermögen bis jetzt aussprechen wollen.

    Natürlich ist es nie verkehrt, jemandem Mut zu machen oder Respekt auszusprechen. Entscheidend ist nur, wofür.

    Durchhaltevermögen in einem nassen Umfeld, in dem der Partner täglich säuft und Alkohol ständig präsent ist, ist kein guter Ansatz. Genau dort greift die Sucht an. Sie interessiert sich nicht dafür, wie motiviert, willensstark oder tapfer jemand gerade ist.

    Wenn Durchhalten funktionieren würde, wären viele von uns vermutlich nie Alkoholiker geworden. Durchhalten, kontrollieren, weniger trinken, Pausen machen, sich zusammenreißen. Das haben genug versucht.

    Trocken werden ist etwas anderes. Da wird nicht ausgehalten, sondern etwas verändert.

    Ein nasses Umfeld auszuhalten ist für mich wie ein Bungeesprung mit einem Seil, das für die Belastung nicht ausgelegt ist. Man kann noch so viel Mut haben und stolz darauf sein, dass es bisher gehalten hat. Das macht das Seil nicht sicherer.

    Und bei Sucht kann ein einziger Rückfall verdammt teuer werden. Es gibt keine Garantie, dass ich danach einfach wieder aufstehe, mich kurz schüttele und erneut trocken werde. Der nächste Rückfall kann der sein, aus dem ich nicht mehr herauskomme.

    Deshalb sehe ich das Durchhalten in einem nassen Umfeld nicht als besondere Stärke, die man bestätigen sollte. Nicht weil Mut, Zuspruch oder Anerkennung falsch wären, sondern weil die Sucht daraus keinen Sicherheitsfaktor macht.

    Ein nasses Umfeld bleibt ein nasses Umfeld. Und es wird nicht trockener, nur weil man besonders tapfer darin steht.

    Zu deiner Erinnerung.

    Seit ca. 4 Jahren kämpfe ich schon mit meinem eigenen Konsum. Mit wechselnden Phasen von Abstinenz zwischen 3 Tagen und 2 Monaten und Phasen von unkontrolliertem Konsum. ( einmal angefangen, schwer wieder aufzuhören. )

    Wenn ich deine ganze Geschichte lese, die Trinkpausen, das schnelle Abrutschen, die Albträume, das nasse Umfeld und die tägliche Konfrontation, frage ich mich ganz "trocken";)

    Was ist diesmal tatsächlich anders als vorher? Ein Hebel im Kopf umgelegt? Mehr Motivation? Der feste Vorsatz, besser auf dich aufzupassen? Absichtserklärungen? Auf Zeit spielen?

    Das kann sich alles richtig und wichtig anfühlen. Nur wird ein nasses Umfeld nicht trockener, weil ich meine Gefühle dazu erklären kann. Es bleibt ein nasses Umfeld. Und Motivation funktioniert bei Sucht für mich genau so lange, bis die Sucht die Motivation wieder eingeholt hat.

    Sucht interessiert sich nicht dafür, welche Kindheit ich hatte, wie meine Beziehung läuft oder wie fest ich mir etwas vorgenommen habe. Sie spielt auf Zeit. Sie wartet auf den Moment, an dem ich müde bin, überlastet oder wieder glaube, ich hätte es jetzt im Griff.

    Deshalb wäre für mich nicht entscheidend, was sich diesmal anders anfühlt. Sondern: Was ist diesmal konkret anders?

    Hallo Nine, schön, dass du bei uns bist.

    Erstmal mein Beileid. Die Grausamkeit der Sucht lässt sich erklären, aber wirklich verstehen ist verdammt schwer. Und danke, dass du darüber so offen schreibst.

    Ja, andere Erkrankungen können Begleitumstände sein und manches verstärken. Aber die Sucht bleibt die Sucht.

    Ich kenne dieses Verdrängen und Schönreden aus meiner eigenen nassen Zeit. Ich wusste, dass ich Alkoholiker bin, und konnte trotzdem verdrängen, was ich mir selbst antat. Klingt widersprüchlich. Sucht ist aber auch nicht gerade für ihre Logik bekannt.

    Auch die Angst vor dem Arzt kenne ich. Solange ich nicht hingehe, bekomme ich auch nicht schwarz auf weiß gesagt, was ich vielleicht längst ahne. Und solange das Weitersaufen nicht gestört wird, findet das nasse Denken erstaunlich viele passende Erklärungen.

    Es braucht auch kein Delir, kein Erbrechen, keine Gewalt und nicht das ständig sichtbare Volltrunkensein. Man kann nach außen noch lange funktionieren, während der Körper längst die Rechnung schreibt.

    Ob dein Mann es unterbewusst so wollte, kann niemand wissen. Aus meiner Erfahrung braucht Sucht keinen Todeswunsch, um einen Menschen bis zum Tod weitersaufen zu lassen. Ich wollte damals nicht sterben. Ich wollte saufen. Dass mich genau das irgendwann hätte umbringen können, konnte ich hervorragend verdrängen.

    Und manchmal kommt der große Warnschuss eben nicht mehr. Leider.

    Ich kann verstehen, dass du heute zurückschaust und versuchst, vieles zu verstehen. Manche Antworten wirst du vielleicht bekommen, andere nicht mehr.

    Ich komme aus der Alkoholiker-Ecke und kann dir deshalb hauptsächlich nur diese Seite zeigen. Für deine eigene Seite gibt es hier andere, die diesen Weg als Angehörige selbst gegangen sind und aus eigener Erfahrung wissen, wie man den Blick langsam wieder auf sich selbst richtet.

    Alles Gute dazu.

    Co-Pilot Unabhängig davon, ob Geldthemen bei manchen im Vordergrund stehen oder nicht – solche Hinweise sind in genau diesem Moment völlig fehlplatziert.

    Wenn jemand gerade ein traumatisches Ereignis erlebt hat und sichtbar neben sich steht, käme ich nicht im Entferntesten auf die Idee, mit Erbquoten, Zugewinn oder Prozentrechnung anzufangen. Und ich bin hier sicher nicht der Empathischste, wenn es um das Ansprechen von Süchten geht.

    Ich gehe außerdem davon aus, dass jeder erwachsene Mensch selbst weiß – oder später herausfinden wird –, dass nach dem Tod eines Ehepartners Erbangelegenheiten zu klären sind. Dafür muss man niemandem wenige Stunden später ungefragt die Zahlen aufdrücken.

    Gerade deine eigene Erklärung macht es für mich nicht stimmiger. Wenn ich selbst feststelle „Taktgefühl ist anders“, wäre das für mich genau der Moment, den vermeintlich hilfreichen Rat einfach stecken zu lassen. Nicht alles, was irgendwann wichtig werden könnte, muss genau jetzt ausgesprochen werden.

    Für mich steht in so einer Situation zuerst der Mensch im Vordergrund. Vielleicht sehe ich das zu eng.

    Co-Pilot, halte doch einfach mal die Füße still. Das ist nicht das erste Mal, dass du in einer Situation etwas von dir gibst, bei dem ich mich frage, ob wirklich alles, was einem gerade durch den Kopf geht, auch sofort geschrieben werden muss.

    Bleib bei dir, deine Probleme, deine Co-Abhängigkeit.

    Aus meiner Erfahrung.

    Über Rückfälle und Abstinenz reden wir oft. Über das, wohin Sucht im schlimmsten Fall führen kann, weniger. In zwanzig Jahren habe ich viele gesehen, die trocken wurden, wieder gesoffen haben, erneut aufgehört haben – und irgendwann wieder genau dort standen, wo sie nie mehr hinwollten. Das sind für mich „nasse Prozesse“.

    Sie beginnen nicht erst beim Saufen. Der Kopf fängt früher an: Grenzen verschieben sich, Risiken werden kleingeredet, alte Gedanken werden wieder salonfähig. Aus einem klaren Nein wird ein „Man könnte doch …“. Die Sucht schreibt ihre eigenen Rechnungen.

    Manche stoppen das. Andere drehen jahrelang ihre Runden. Und wenn Depression, Einsamkeit oder Hoffnungslosigkeit dazukommen, kann es sehr dunkel werden. Sucht kann tödlich verlaufen – durch körperliche Folgen, Unfälle oder auch durch Suizid. Das gehört zur Realität, auch wenn man darüber ungern spricht.

    Aber Suizid ist kein zwangsläufiges Ende einer Sucht. Das ist wichtig.

    Ich will daraus kein Drama machen. Aber Sucht wird nicht harmloser, wenn wir nur die Geschichten erzählen, die gut ausgehen. Selbsthilfe ist nicht der Ponyhof des trockenen Alltags. Dazu gehören auch die Seiten, die niemand gerne liest.

    Trockenheit garantiert mir nicht das Leben. Aber sie beendet den Prozess, der es mir nehmen kann.

    Ich kenne solche Prozesse. In meiner nassen Zeit wurden Trennung, Streit oder Alltagsprobleme plötzlich riesig. Und natürlich ließen sich daraus perfekte Gründe basteln. Beziehung, Familie, Arbeit, Kindheit – irgendjemand war immer verfügbar. Zur Not auch der Nachbar. Nur eines blieb konstant: Die haben nicht gesoffen. Ich habe gesoffen.

    Wenn ich andere für mein Saufen verantwortlich mache, brauche ich auch andere, damit ich trocken bleibe. So funktioniert nasses Denken: Verantwortung nach außen verlagern. Hilft nicht. Damit gebe ich genau die Verantwortung ab, die ich für meine Abstinenz brauche.

    Und jetzt zu Angehörigen. Ihr könnt helfen, zuhören, Grenzen setzen, Rettungsringe werfen. Aber ihr könnt keinen Alkoholiker trocken machen. Festhalten muss er selbst. Und wenn es trotz allem nicht gelingt, dürft ihr euch nicht hinterher seine Verantwortung auf die eigenen Schultern laden. Dieses „Hätte ich doch …“ frisst einen selbst.

    Sein Denken, sein Handeln, seine Entscheidungen bleiben seine Verantwortung. Nicht die des Partners, nicht der Familie, nicht der Kinder. Das klingt hart. Die Alternative wäre härter: Angehörigen einzureden, sie hätten nur genug lieben, helfen oder aushalten müssen, dann wäre alles anders gekommen. So funktioniert Sucht nicht.

    Meine Bewunderung gilt denen, die auch diese Seiten ihres Lebens hier aussprechen. Nicht dem Leid, sondern dem Mut, das zu erzählen, was nicht in die Hochglanzversion vom trockenen Leben passt.

    Nicht jede Geschichte geht gut aus. Auch das gehört hierher.

    Sucht erklärt vieles. Sie entschuldigt nicht alles. Und Verantwortung bleibt Verantwortung.

    Hallo Elara,

    es ist gut, dass du dich hier gemeldet hast. Allein Worte für das zu finden, was du gestern erleben musstest, ist schon schwer genug.

    Was du erlebt hast, ist eine der grausamsten Konsequenzen, zu denen Sucht und Depression führen können. Niemand sollte so etwas mit ansehen müssen, und doch hat es dich mitten im eigenen Leben getroffen.

    Du hast nicht versagt und du trägst keine Schuld. Du hast auf ihn eingeredet, versucht ihn aufzuhalten und anschließend sofort Hilfe geholt. Mehr konntest du in diesem Moment nicht tun.

    Dass sich trotzdem Schuldgefühle melden, kann ich nach so einem Erlebnis verstehen. Aber ein Gefühl von Schuld bedeutet nicht, dass man Schuld trägt.

    Du musst jetzt auch noch nicht wissen, wie du damit umgehen sollst. Dafür ist das alles viel zu frisch. Gut ist, dass deine Kinder bei dir sind und du gerade nicht alleine damit bleibst.

    Nur zur Info: Der Thread „Fragen an einen Alkoholiker“ dient ausschließlich dazu, konkrete Fragen zu stellen und zu beantworten. Für längeren persönlichen Austausch oder Diskussionen bitte eigene Threads nutzen – sonst verwässert das hier.

    Danke

    Hallo Hartmut, habe mal eine Frage an dich.


    Yve,

    solche Situationen gehören zu den schwierigsten, weil Gefühle und Vernunft gegeneinander arbeiten. Ich schaue deshalb möglichst emotionslos und suchttechnisch staubtrocken darauf, weil ich diese Mechanismen aus eigener Erfahrung kenne. Überspitzt gesagt: Das könnte stellenweise direkt aus dem Handbuch eines nassen Alkoholikers stammen.;)

    Am Ende bleibt für mich nur ein entscheidender Punkt: Dein Mann ist für seinen Weg verantwortlich, nicht du.

    Wenn er jetzt klar wirkt, weint, bettelt und plötzlich alles verstanden haben will, ist das für mich Verhalten, ein typisches Muster der Suchtmechanik. Wenn der gewohnte Halt wegbricht, folgen oft Versprechen und Beteuerungen, um den bisherigen Zustand zu sichern und den drohenden Verlust aufzuhalten.

    Ob daraus echte Veränderung entsteht, zeigt sich nicht an Worten, sondern daran, was über längere Zeit gelebt wird. Auch eine angekündigte Therapie bedeutet noch nichts. Entscheidend sind konsequente Taten.

    Ein Partner ist dafür nicht nötig viele werden ohne Partner trocken.

    Kritisch sehe ich den WhatsApp‑Kontakt. Das ist keine Trennung, sondern weiterhin Kontakt. Damit bleibt man in der alten Dynamik hängen. Auch das passt zur Suchtmechanik. Solange Kontakt besteht, besteht die Hoffnung, den alten Zustand doch noch retten zu können.

    Ich würde die Trennung so leben, wie du sie angekündigt hast, und nur die sachlichen Dinge regeln. Alles andere ist sein Weg. Ob ihr irgendwann wieder als Paar zusammenfindet, entscheidet man nicht jetzt, sondern erst nach längerer Stabilität – und wenn du emotional wieder frei bist.

    Im Moment drehen sich deine Gedanken wieder hauptsächlich um ihn. Der wichtigere Schritt wäre, den Blick wieder auf dich selbst zu richten.

    Mal aus meiner Sicht

    Bin kein Experte, aber ich versuche mir vorzustellen, wie ich wäre, wenn ich wieder trinken würde

    Bei Sucht sind Erfahrungen entscheidend, nicht irgendwelche Denkmodelle. Jeder Alkoholiker kennt die Nachteile von Alkohol. Und trotzdem wurde wieder gesoffen.

    Nicht, weil man plötzlich dachte, Alkohol sei doch eine gute Idee, sondern weil Sucht nicht nach Vernunft funktioniert. Wäre es so einfach, gäbe es kaum Rückfälle. Deshalb sollte man gerade am Anfang weniger darüber nachdenken, wie viele Nachteile das Trinken hat, sondern das Rückfallrisiko so klein wie möglich halten.

    Und genau deshalb sollte man mit solchen Tipps vorsichtig sein. Gute Absichten ersetzen keine Erfahrung. Und Sucht lässt sich weder von Vorstellungen noch von Wunschdenken beeindrucken.


    Steevie

    Du lebst in einem nassen Haushalt. Alkohol ist sichtbar, riechbar und jederzeit greifbar. In so einer Umgebung entscheidet nicht der Kopf. Die Sucht wartet auf Gelegenheiten: Stress, Überforderung, Streit, Müdigkeit oder einfach die tägliche Konfrontation.

    Du schreibst selbst, dass Alkohol in deinen Träumen und Gedanken auftaucht. Auch ohne akuten Saufdruck zeigt das, dass das Thema noch arbeitet. Genau so haben viele Rückfälle begonnen. In einem nassen Umfeld ist das Rückfallrisiko am Anfang der Abstinenz sher hoch. Und wenn es zum Rückfall kommt, trägt der Alkoholiker die Folgen.

    Der Partner trinkt ja so oder so weiter.

    Ich kann trotzdem verstehen, warum eine Trennung schwerfällt. Da sind Gefühle, Hoffnung und der Wunsch, dass es vielleicht doch funktionieren könnte. Genau solche Geschichten liest man im Co-Bereich häufig. Der Unterschied ist nur: Der Co-Abhängige ist nicht alkoholkrank.

    Der Alkoholiker schon. Am Ende bleibt deshalb nur eine Frage:

    Was schützt die Abstinenz am besten?

    Alkoholabhängigkeit ist ebenso eine Erkrankung und hat auch oft zusätzlich noch tiefer liegende Probleme ebenfalls Erkrankung, im Prinzip ist es das selbe.

    Woher nimmst du eigentlich diese Gewissheit?;)

    Alkoholabhängigkeit ist eine Suchterkrankung. Warum muss ich daraus jetzt noch ein Modell mit irgendwelchen tiefer liegenden Problemen oder weiteren Erkrankungen basteln?

    Und nein, für mich ist das nicht „im Prinzip dasselbe“.

    Nicht jeder Alkoholiker hat irgendwelche tiefer liegenden psychischen Probleme, die erst gefunden und aufgearbeitet werden müssen. Man kann auch unter völlig normalen Lebensumständen abhängig werden. Alkoholabhängigkeit braucht keine tragische Hintergrundgeschichte als Eintrittskarte.

    Ich habe lange genug gesoffen, mein Verhalten und Denken haben sich immer mehr nach der Sucht ausgerichtet und irgendwann war ich abhängig. Dafür brauche ich heute keine zusätzliche Erklärung, die irgendwo drei Etagen tiefer im Keller meiner Psyche liegt.

    Genau deshalb sage ich immer wieder: Man kann Sucht mit Kommunikationsmodellen, psychologischen Erklärungen und Vergleichen wunderbar auseinandernehmen. Nur erklärt mir das noch lange nicht, wie sich Sucht für einen Alkoholiker tatsächlich anfühlt und wie dieses Denken funktioniert.

    Ein Nichtsüchtiger kann versuchen, das zu verstehen. Natürlich. Aber erlebt hat er es nicht.

    Deswegen sage ich ja, hier ist der Alkoholikerbereich.