Weiter im Text.
Meine Anfänge hier sind ja bekannt. Aufgeschlagen, alles besser gewusst, das komplette nasse Denken gleich mitgebracht – und nach zwölf Wochen der Rückfall. Den Pfad der Grundbausteine bin ich damals jedenfalls nicht mit wehenden Fahnen hochmarschiert.![]()
Es meldet sich niemand aus Langeweile in einem Alkoholikerforum an. Auch nicht, weil er zu Weihnachten zwei Gläser Wein trinkt oder mal irgendwo ein Bier. Irgendwas im Kopf hat vorher schon gesagt: Mit meinem Trinkverhalten stimmt etwas gewaltig nicht mehr. Da ist etwas aus dem Ruder gelaufen – und das braucht zusätzliche Hilfe.
Nur bringt man beim ersten Auftauchen natürlich kein trocken denkendes Hirn mit. Man bringt das typische nasse, suchtorientierte Denken mit. Genau das Denken, das einen vorher jahrelang beim Trinken gehalten hat und zuverlässig darauf ausgerichtet war, wo der nächste Suff herkommt: relativieren, vergleichen, Sonderfälle bauen.
Dann der Klassiker: Erst mal vor dem Begriff Alkoholiker wegducken. Einen schöneren Namen suchen, damit es sich nicht ganz so beschissen anfühlt. Und natürlich erklären, warum man selbst nicht so ist wie „die anderen“. Dann wird aus Alkoholabhängigkeit schnell „problematisches Trinken“, „schwierige Phase“, „ich muss halt aufpassen“ oder irgendetwas, das besser in die eigene Schublade passt.
Nur gibt es für mich kein „Alkoholiker‑Light“ und auch keinen „Lifestyle‑Alkoholiker“. Irgendwann zeigt die Sucht ziemlich deutlich, wer hier das Kommando hat.
Und genau da lag auch bei mir der Denkfehler: Mit demselben Denken, das mich jahrelang hat weitersaufen lassen, will ich plötzlich beweisen, dass ich jetzt trocken bleiben kann. Hat bei mir übrigens hervorragend funktioniert. Zwölf Wochen lang. Bescheuert , oder?
Mein Tiefpunkt war dann auch kein philosophisches Kunstwerk, das ich mir passend erklären musste. Er war schlicht der Punkt, an dem nichts mehr ging. Wie jemand seinen Tiefpunkt beschreibt, kann unterschiedlich sein. Meiner war jedenfalls eindeutig – fast tot.
Was ich hier auch immer wieder sehe: Kaum wird etwas unbequem, wird auf andere Gruppen verwiesen. „Die machen das anders.“ „Dort ist das erlaubt.“ „Da sieht man das lockerer. Mag alles sein. Nur sind wir hier keine Diskussionsplattform für sämtliche Wege, die irgendwo zum Thema Alkohol angeboten werden. Wir sind eine Selbsthilfegruppe mit einer klaren Ausrichtung und Grundbausteinen, die aus den Erfahrungen vieler Langzeitrockener entstanden sind.
Natürlich kann sich hier jeder austauschen. Aber unsere Grundbausteine werden nicht jedes Mal passend zurechtgebogen, nur weil es irgendwo anders anders gemacht wird.
Wir sind schließlich alle Gäste hier.
Wer einen anderen Weg gehen will, darf das selbstverständlich. Aber ich muss hier nicht den dicken Max machen und erklären, dass alle anderen sich gefälligst meinem Weg anpassen sollen.
Ich bin schließlich auch nicht hier angekommen, weil ich schon wusste, wie Trockenbleiben funktioniert. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich vermutlich gar kein Alkoholikerforum gebraucht.