Und die Reise geht weiter...

  • Liebe espoir,

    Zitat

    Ich bin manchmal einfach unsicher, ob ich meiner Wahrnehmung trauen kann...

    Auch ich möchte Dich ermuntern, Deiner Intuition und Deinem Bauchgefühl zu vertrauen....

    Es macht nichts, wenn Du in der nächsten Woche statt pflegeleicht mal etwas struppig bist und die Grenzen Deiner Belastbarkeit aufzeigst. Es wird Dir guttun und Dich stärken.

    Alles Liebe,
    RoteLampe

    Das Beste geschieht JETZT!

  • Hallo zusammen,
    ich hatte euch vor einiger Zeit mal versprochen, dass ich mich zumindest kurz melde und Bescheid gebe, wenn's mal wieder etwas länger dauert - das möchte ich hiermit gerne tun.
    Zunächst die gute Nachricht, es muss sich niemand Sorgen machen, ich habe keine schlimmen Katastrophen zu verarbeiten! :D Andererseits ist es so, dass ich mich momentan wieder einmal völlig uninspiriert fühle. Ich lese täglich kurz mit, meistens sehr spät abends, aber ich husche eben nur so durch die Beiträge, und dann bin ich einfach zu müde, noch "richtig" zu antworten. Bitte seid nicht böse! :?

    In den kommenden 14 Tagen habe ich noch einige deadlines zu bearbeiten, aber danach wird's besser, und dann bin ich auch wieder öfter und länger da. Ein lieben Gruß mal fix in die Runde geschickt! :wink:

    Eure espoir

  • guckguck!!!!!!!!!!!!!!


    Jemand zuhause?????

    Dauert die SHG wieder sooooooooo lange???.-)

    Mach'mal wieder "Piep"!!

    Liebe Grüsse !


    P.S. hab' Deinen Thread von Seite 90!!!:-) geholt

  • Das gibt's doch garnicht!

    Hätteste nicht 2 Minuten EHER schreiben können?
    dann hätte ich mir die Fingerübungen sparen können!!:-)

    Bin froh!
    Trotzdem!:-)

  • Hallo Espoir,

    Danke für Dein kurzes Lebenszeichen - ich hatte mir nämlich auch schon so meine Gedanken gemacht!

    Ich wünsche Dir erstmal gutes Vorwärtskommen bei der Bearbeitung Deiner Deadlines. Wenn Du dann den Kpof wieder frei für "uns" hast, kommt sicherlich auch die Inspiration wieder :wink:

    Dir noch einen entspannten Abend,

    RoteLampe

    Das Beste geschieht JETZT!

  • Hallo, meine Liebe!

    Ich habe dafür ein "e" zu tauschen! :P

    Man, bin grad ziemlich geschockt über diesen Beitrag. Zu was doch Menschen so fähig sind!

    Ich hab ja echt schon einiges gelesen, aber das ist so ziemlich der Oberhammer!

    Letzten Samstag war ich mit meiner Freundin zum Kino verabredet. Zehn Minuten vor dem Treffen rief ich bei ihr an. Sie war gerade dabei, den Verlust ihrer Muttersprache neu zu definieren! Es brauchte dann nur einen Satz: "Du bist ja total betrunken!" und sie weinte herzzerreissend. Es hat mir so unglaublich leid getan, ich fing am ganzen Körper an zu zittern. Obwohl ich ja weiß, dass sie voll drauf ist, gibt es mir jedes mal wieder so einen Schock und hinterlässt so eine tiefe Traurigkeit in mir. Ich kann es mir einfach nicht mehr antun.
    Und selbst in dieser weinenden Episode lallte sie wieder, sie wäre nicht süchtig und es zermürbte mich so sehr. Da half jetzt nur noch ein ganz großes Stopp, zumal mein Sohn mich daran erinnern musste, ich hätte ihm doch versprochen, mich zurückzuziehen, wenn ihr so gar nicht mehr zu helfen ist.

    Natürlich denke ich an sie, würde auch gerne anrufen, aber ich tue es nicht. Vielleicht liegt ihr an mir ja auch etwas, dass sie dadurch erstmal einfach nur den Alkohol weglässt, denn sie hat noch genügend andere Baustellen. Aber ich zweifele stark daran. Wenn es einen anderen Weg geben könnte, ich hätte ihn ihr gesagt, nur die eigene Erkenntnis, das Annehmen der Sucht, ist die Lösung zur Trockenheit. Als ich sie das letzte Mal sah, war sie heruntergekommen von innen und außen. Nein, das darf ich mir wirklich nicht antun.
    Das gibt mir keinen Kick, das hinterlässt nur unsagbare Traurigkeit. Und ich, das sagte ich ihr auch, wäre froh, wenn da jemand wäre, der mich mit der Nase in meinen eigenen Mist steckt. Und dazu gehört dann auch das Abwenden, damit es für den Kranken auch schmerzlich wird.

    Wieder mal sehr viel Nachdenkliches heute mittag. Hier ist es bedeckt, aber herrlich warm. Und gottseidank habe ich mit dem Vatertag nichts am Hut! Ein freier Urlaubstag und jetzt mal endlich unter die Dusche! :P

    Ja, ich weiß, ist schon spät, aber besser als gar nicht! :P :P

    Herzlich

    Lobanshee

  • Liebe lobanshee,
    ja, du hast Recht, ich habe heute Mittag auch viel nachgedacht.
    Aber ich komme zu keiner Antwort.
    Genauso unbegreiflich, wie es für einen gesunden Menschen sein muss, eine nasse Alkoholikerin zu verstehen, genauso unbegreiflich erscheint es mir, eine äh... aktive (?) Co zu verstehen.
    Ich habe vor kurzem eine Dokumentation vom NDR gesehen, die lief offensichtlich schon vor längerem im Fernsehen, ich glaube, die hieß "Trocken oder tot". Ich habe sie übers Internet gefunden, und da ging es auch um einen Hardcore-Trinker und dessen Verfall. Stets bejammert von Mutter und Lebensgefährtin, aber beide Frauen waren nicht in der Lage, die richtigen Schritte zu unternehmen (er selber ohnehin nicht). Ein Pfleger, der den Trinker schon seit Jahren kannte, sprach von "jahrelanger Sterbebegleitung". :shock: Einfach grauenhaft.
    Deshalb muss es für dich unsäglich schmerzhaft sein, deine Freundin so verfallen zu sehen. Ich kann da leider nicht mitreden, als ich dem Verfall meines Vaters zuschauen musste, war ich ein Teenager, ich hätte keine Möglichkeiten gehabt, mich oder gar meine Mutter zu schützen. Aber wenn man auf Augenhöhe ist und einander freundschaftlich verbunden, ja, das kann ich mir gut vorstellen, dass das weh tut. Ich finde es echt bewundernswert, dass du dich so tapfer durch das Spannungsfeld Zuneigung oder Selbstschutz kämpfst und abwägst, ob sie dir noch gut tut oder eben mittlerweile nimmer - und dich nun für dich entschieden hast! Chapeau!

    Ansonsten habe ich es dir heute gleichgetan und den ganzen lieben langen Tag nur gechillt.
    Ich habe in den letzten Tagen ständig von heute geträumt, entsprechend viel vorgearbeitet und sah mich schon im Bikini und Hirschhausens "Glücksbuch" aufm Balkon - und was ist? Nüscht. Grauer Himmel, den ganzen Tag, nur kurz unterbrochen von einigen sommerlich leichten Nieselregenschauern... :evil: Aber egal, es hat trotzdem was Gemütliches, mein GöGa und ich haben z.B. wie in unserer Anfangszeit aufm Sofa gekuschelt und miteinander einen herrlichen Familien-Eisbecher (fast) leergelöffelt. Sorte "Crème brulée", besteht nur aus Cholesterin und Kalorien und ein bisschen Karamell oben drauf, abba legga... :wink:

    Heute Abend werden die Nachrichten wieder voll sein mit Berichten von verunglückten Vatertagsausflügen, mei, ohne Kinder war uns des ja schon immer wurscht, aber mittlerweile sehe ich solche Berichte nicht einmal mehr amüsiert, sondern kopfschüttelnd. Im Fernsehen zeigen sie ja immer nur gut gelaunte, schlimmstensfalls leicht angesäuselte Gesellen, aber ich möchte nicht wissen, in wie vielen Familien heute wieder geprügelt, vergewaltigt und herzzerreißend geweint wird. Kalendarisch verordneter Wahnsinn! :evil:

    So, und nun mag ich aber keine trüben Gedanken mehr haben und wünsche dir und mir und allen anderen, die vielleicht hier vorbeischauen, noch einen schönen restlichen Abend!

    Vielleicht treffen wir uns ja noch in dem einen oder anderen Thread!
    Alles Liebe
    espoir

  • hallo espoir,

    in Augenhöhe, das is das Schlimmste überhaupt. Du sitzt ihr gegenüber, siehst Essensreste auf der schier unglaublich alten Jacke, die ich noch nie an ihr gesehen hatte, ihre Haare fallen wieder aus, da außer Alk noch anderes im Spiel ist, sie ist so dick geworden, dabei hatte ich sie 4 Wochen vorher noch ganz anders in Erinnerung. Sie frißt geradezu einen riesigen Eisbecher, Du kannst gar nicht zusehen und saugt geradezu den Apfelsaft aus, dabei seufzt und stöhnt sie.
    Nein, das war unerträglich. All das, mein Eindruck, damit halte ich nicht hinter den Berg. Sie stimmt mir zu, ihre Eltern sagen das auch, aber sie findet das nicht. Sie sagt, ab morgen wird sie anfangen, sich zu stabilisieren, Sport zu machen, eine Struktur aufbauen usw. Das sagt sie jetzt seit 19 Monaten, so lange, wie wir uns kennen, so lange wie ich trocken bin und seitdem sie Auswege für sich sucht, um weiter trinken zu können. Der Gedanke, auf Alk zu verzichten, ist für sie unerträglich, das müsse sie auch nicht, sie sei ja nicht süchtig und das Gespräch geht vorne wieder los!

    Ich weiß immer noch nicht so genau, wem ich danken darf, dafür, dass ich erkannt habe, meinen Weg ins "Nirgendwo" zu stoppen! Selbstverständlich ist es nicht, so viel habe ich schon herausgefunden.

    Dass ich loslassen musste, stand für mich fest. Dieses habe ich durch die reale SHG und auch hier im Forum gelernt. Jeder muss übrzeugt trocken werden wollen. Überreden bringt da nichts.

    Mein Respekt vor Menschen, die ihre Seele nicht mehr fühlen können, deren Körper verfällt und deren Geist von der Sucht beherrscht wird, ist zu groß, als dass ich da zusehen könnte.
    Aber in erster Linie geht es um mich und ich möchte nicht mitleiden müssen.

    Dein Tag hörte sich schön an, entspannend und liebevoll.

    Herzlich

    Lobanshee

  • Liebe Lobanshee (und natürlich alle anderen :wink: ),
    oh ja, ich habe lange nichts mehr geschrieben, das fällt mir jetzt auch auf. Aber wie ich schon einmal erzählt habe, ich bin trotzdem fast täglich da, einfach nur um zu gucken, wie es meinen Lieben denn so geht... :D

    Vergangenes Wochenende war ich ab Samstagmittag Strohwitwe, weil der GöGa auf Dienstreise war, da habe ich mich eher in anderen Threads herumgetrieben. Ich fand manche Diskussionen superspannend und vor allem sehr wichtig, so z.B. der Rückfall-Thread von Karsten, die Frage nach der "Stärke" oder auch Hartmuts Thread, in dem es um die oft zitierten "Schlagworte" geht, die ich bekanntlich auch nicht so mag - jedenfalls nicht, wenn sie stereotyp heruntergebetet werden. Ich finde es total klasse zu lesen, wie da die unterschiedlichen Ansätze diskutiert wurden, ein weiterer Beweis für mich, wie hilfreich dieses Forum für mich ist, selbst wenn ich nur lese (anschließendes Nachdenken natürlich vorausgesetzt! :wink: )

    Zur vergangenen Arbeitswoche brauche ich nicht viel sagen: Arbeit, Arbeit und... ach ja: Arbeit! :evil: Ich habe meine letzten Kräfte mobilisiert und stoisch eine Sache nach der anderen abgehakt, bis ich Mittwochabend am Schreibtisch fast eingenickt wäre. Ich hatte mir tatsächlich Arbeit mit nach Hause genommen und gehofft, manches noch in den späten Abendstunden fertigstellen zu können, geriet aber schlicht und ergreifend an meine körperlichen und geistigen Grenzen. Die Akkus sind halt einfach leer. Punkt.
    Mit dem Endergebnis, dass ich schon am Donnerstag einen Gang zurückgeschaltet habe und am Freitag verkündet habe, dass eine letzte bestimmte Sache vor meinem Pfingsturlaub nicht mehr zu schaffen sei. Das - für mich - merkwürdige Ergebnis war, dass das allgemein entspannt aufgenommen wurde, kein Nachfragen, kein Nörgeln, nein, die anderen waren wohl genauso erschöpft, und da es sich um keine Pflicht, sondern nur um eine Kür handelte, es also mit meiner persönlichen Eitelkeit zu tun hat, wenn ich das noch vor Pfingsten schaffe, ja also deswegen fügte ich mich in mein "Schicksal" und akzeptierte es so, wie es ist. Ich musste in diesen Tagen auch öfters an das denken, was mir Backmaus vor noch gar nicht so langer Zeit schrieb, nämlich dass es wohl viel mit schlechtem Gewissen zu tun habe, wenn ich nun bis zum Umfallen arbeite. Sozusagen als "Wiedergutmachung" und "Spurenverwischerei", bloß davon ablenken, wie miserabel ich noch vor zwei Jahren gearbeitet hatte. Liebe Backmaus, an dieser Stelle möchte ich ganz kurz danke sagen für diesen wertvollen Gedankenschubser! *drückdichmal* :wink:

    Ja, vor zwei Jahren...
    Am Dienstag nach Pfingsten 2007 bin ich in die Entgiftung gegangen.
    Ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde, und das war auch gut so. Ich wurde gebeten, am Freitag vorher nochmal kurz anzurufen, um letzte Feinheiten zur Aufnahme abzuklären, wann ich da sein soll, was ich mitbringen soll etc. Die junge Frau am anderen Ende meinte, dass ich nicht vor 9 Uhr kommen bräuchte, weil davor alle Ärzte beim Blutabnehmen wären. Im Geiste sah ich dieses Procedere mit der Nadel am Arm und erinnerte mich daran, dass man davor ja nichts essen und trinken dürfe, also fragte ich treuherzig: "Äh... muss ich dann also nüchtern sein, wenn ich komme?" Erst später begriff ich, warum die Frau am anderen Ende eine Sekunde stutzte, ehe sie freundlich antwortete: "Nein, das wird nicht nötig sein!" Da rufe ich allen Ernstes auf der Entgiftungstation an, wo täglich Menschen mit mehreren Promille im Blut aufschlagen und frage, ob ich nüchtern kommen soll! So blöd kann auch nur ich sein! :wink:

    An das Pfingstfest selber kann ich mich nicht mehr erinnern.
    Es war wohl, wie bis dahin alle Feiertage - dauerbreit.
    Sektfrühstück, dann Frühschoppen, bereits nachmittags schwer angeschlagen, irgendwie durch den Tag vegetiert, vielleicht ein kurzes Nickerchen, dann auf die "blaue Stunde" gewartet, die ich gerne auch mal früher begonnen habe, bis dann der Abend im Totalabsturz endete. Bei schönem Wetter wurde das Trinkgelage gerne auf dem Balkon abgehalten, denn man muss doch auch mal an die frische Luft... Richtig raus aus der Bude, geschweige denn, etwas Schönes unternehmen? Undenkbar! Zu Hause gibt es genau das, was ich mag, es ist billiger, und mein Bett nicht so weit.

    Dienstagmorgen stand ich pünktlich auf und wollte mir noch ein paar Blusen bügeln. Schließlich würde ich ja nicht bettlägerig sein und wollte "ganz normal" rumlaufen. Während des Bügelns bekam ich einen leichten Flattermann, den ich als "Lampenfieber" deutete (ich war so naiv und wusste nicht, dass ich wieder entzügig war), also gönnte ich mir noch die letzten anderthalb Gläser Sekt, die noch vom Vorabend übrig waren. Eine neue Flasche traute ich mich nicht mehr zu öffnen, ich wollte schließlich nicht hackestramm da ankommen. Mein Mann fuhr mit mir in die Klinik, auf dem Weg zum entsprechenden Gebäude ging ein wolkenbruchartiger Regen runter, trotz Regenschirms war ich nahezu vollständig durchnässt. Auf der Station angekommen, nahm uns ein großer, fast schon bulliger Pfleger mit langem Pferdeschwanz in Empfang und grinste freundlich: "Naaa, regnet's draußen?" Jeder, der schon einmal in einer extrem angespannten Situation war, weiß, wie erleichternd so ein Lachen dann wirken kann. Ich war sooo dankbar, dass ich mit Humor empfangen wurde!

    Die erste "heilige Handlung" war, dass ich pusten musste. 0,06. Mei, es gibt Schlimmeres. Dann die erste D. , ein Psychopharmakum, das verabreicht wird, um die Entzugserscheinungen zu lindern. Es dauerte eine Viertelstunde, bis ich ein unangenehmes Kribbeln in den Nasenflügeln verspürte, eine weitere, bis mein Kopf fast auf den Tisch knallte. Junge, Junge, das Zeug macht müde! Es dauerte noch bis mittags, bis endlich das Bett für mich frei war, dann folgte ein einstündiges Aufnahmegespräch mit dem Stationsarzt. Das war zeitweise fast schon Comedy. Ich wurde gefragt, ob ich Stimmen hörte oder ob ich manchmal Dinge sehe, die nicht da sind. "Au weia", dachte ich, "wo biste denn hier gelandet?" Eine kleine Fliege hatte sich ins Zimmer verirrt und schwirrte mir hartnäckig ums Gesicht, also versuchte ich sie ärgerlich zu verscheuchen. Der Arzt musterte mich schweigend und ich erklärte unsicher, dass da eine Fliege im Zimmer sei. Er schwieg weiter und schrieb. Endlich setzte sich die doofe Fliege auf seinen blütenweißen Ärmel, er bemerkte sie und meinte trocken: "Sie haben Recht. Da ist wirklich eine Fliege im Zimmer!" HUUUUUUUAAAAAAH! HILFE! :shock:

    Die darauffolgenden Tage verliefen unspektakulär.
    Es gab ein regelmäßiges Tagesprogramm, das akribisch eingehalten wurde, dazu die Medikamentenausgabe unter Aufsicht, da habe ich es manchmal bereut, dass ich so oft "Einer flog übers Kuckucksnest" geguckt habe, es fehlte also der nötige Ernst... Aber das ist mir wirklich in Erinnerung geblieben, dass wir viel gelacht haben. War die Situation wirklich so urkomisch? War es Galgenhumor? Ich glaube, es war einfach das Bewusstsein, nun endlich wirklich was gegen die Sauferei zu unternehmen und es nicht bei halbherzigen Lippenbekenntnissen zu belassen. Ich persönlich habe den Kontext "Klinik" gebraucht, um mir über die Ernsthaftigkeit meines Vorhabens bewusst zu werden. Hier zu Hause hätte ich vermutlich nur eine weitere Runde des Rumeierns eingeläutet. Und ich hatte einfach auch ein bisschen Glück. Als ich dort war, war zufälligerweise gerade eine Truppe von Mitpatienten da, zu denen ich gerade gut gepasst habe (z.B. altersmäßig) Die "Chemie" hat sozusagen gestimmt. Freilich nicht mit allen, aber mit den meisten. Das führt dazu, dass ich heute noch gerne an diese Zeit zurückdenke und mir sage "Jawoll, das haste richtig gemacht!"

    Als ich von der geschlossenen auf die offene Station kam, ging's mir nicht mehr so gut. Ich bekam ein bisschen mehr Abstand und konntes manches kritischer betrachten. Da sind mir zum ersten Mal die Dummschwätzer aufgefallen, die für alles eine Erklärung oder einen Schuldigen finden - aber nie bei sich hinschauen. Auf der offenen gab's auch kein D. mehr, ich konnte mich also nicht mehr trösten mit dem Gedanken, dass der entweder einfach noch blau war oder bereits D. genommen hatte - der war tatsächlich so! Das hat mich ziemlich runtergezogen und das war auch die Zeit, in der ich öfters geweint habe und raus wollte. Naja, nach einer knappen Woche war das dann auch geschafft.

    Wenn ich heute so zurückdenke, stellt sich bei mir ein eigenartiges Gefühl ein. Einerseits ist das alles schon zwei Jahre her, und doch sind die Bilder so plastisch vor meinem geistigen Auge. Kennt ihr das? Die Erinnerung an etwas, das ja nun doch schon ein Weilchen zurückliegt, aber dennoch so klar erscheint, als war's erst neulich gewesen? Ja sicher kennt ihr das. Warum sollte das nur bei mir so sein... :?

    Falls das hier jemand liest, der sich noch nicht so sicher ist, ob er's wirklich wagen soll, dem kann ich nur sagen: Mach' es! Du wirst es nicht bereuen! In einer Suchtklinik stehen dir Menschen zur Verfügung, die ihr Handwerk beherrschen, die auf unsere Krankheit spezialisiert sind und wissen, was zu tun ist. Löse dich von der Vorstellung, dass dort die Hölle auf dich wartet, das stimmt halt einfach nicht! Du wirst nicht ans Bett festgebunden, da ist niemand, der dir ungerührt zuguckt, wie du schwitzt und zappelst. Das ist bullshit, und sowas sieht man nur in irgendwelchen reißerischen Filmen. Die Realität ist viel unspektakulärer. Und das ist gut so.

    Ich bin dankbar und froh, dass ich diesen Weg gegangen bin. Ich habe es nicht auf Anhieb geschafft, ab dem Zeitpunkt keinen Alkohol mehr zu trinken. Es folgten noch 13 elende Monate, in denen ich mal mehr, mal weniger (meistens aber mehr) getrunken habe. Ende Juni letzten Jahres war es dann mal wieder soweit - entweder erneute Entgiftung oder aber endgültig das Ruder herumreißen. Ich ging zu den Ärzten und erneut wurde mir geholfen - ich bekam ein Antidepressivum. Ich weiß, dass die Vergabe eines ADs nicht ganz unumstritten ist. Es gibt so viele Depressionserkrankte, die ihre Depressionen mit Hilfe des Alkohols wegspülen, und gleichzeitig ist es bekannt, dass jahrelanger Alkoholmissbrauch Depressionen überhaupt erst entstehen lassen. Es ist wie die Frage nach der Henne und dem Ei, was war zuerst da? Für mich hat es irgendwann keine Rolle mehr gespielt, ob erst die Depressionen oder erst der Alkohol da war. Nächsten Sonntag lebe ich 11 Monate konsequent abstinent und habe auch nicht im Geringsten vor, daran noch etwas zu ändern.

    Euch allen vielen Dank fürs Lesen und einen wunderbaren sonnigen Pfingstsonntag!

    Alles Liebe
    espoir

  • Hallo espoir

    Danke für die "Drückung"!:-)
    Du warst das also!
    Mir war auf der Fahrradtour einen Moment lang so komisch-wie wenn mir eine(r) die Luft wegnimmt!:-)

    Danke auch für Deinen Bericht aus der Therapie.
    Manch "Unschlüssiger" wird vielleicht dadurch ermutigt,einen ähnlichen Weg zu gehen.
    Ich hatte einen anderen Weg genommen-das Ziel ist das gleiche.-nämlich lebenslange Abstinenz.

    Depressionen bekam ich immer nach tagelangen Alkoholmissbrauch.
    "Du -bist -nix-mehr -wert-Gedanken" waren dann an der Tagesordnung und mussten dann wieder ertränkt werden.Ein Rattenschwanz...

    Bei einigen Radfahrern hätte ich heute auch gerne deren Promillewert gewusst.
    Ich hatte gedacht,Aggressionen werden nur beim Autofahren ausgelebt!:-(

    Ich wünsch' Dir was Schönes!
    Noch irgendwelche Feiertagspläne oder "nur" Relax??
    Liebe Grüsse
    Backmaus

  • Hallo espoir,

    habe Deinen Bericht mit Interesse gelesen, mein Weg war ja auch ein anderer und ich muss ganz ehrlich sagen manchmal "vergesse " ich bei einigen Forenteilnehmern , und Du gehörst dazu , dass sie die Krankheit haben an der ich auch leide , ihren Weg gehen und kämpfen mussten .
    Hoffe dass kommt nu nicht falsch rüber , Du z.B. liest Dich immer so selbstsicher , klug und wortgewand , Deine Kommentare "sitzen" und von eigenen Sorgen oder Problemen liest man höchst selten etwas .
    Ich weiss eigentlich gar nicht warum ich Dir das schreibe , ging mir nur eben beim lesen durch den Kopf und ich dachte wohl raus damit .

    Möchte Dich fragen , wenn es nicht zu intim ist , wie
    lange Du das AD genommen hast ?
    Frage aus gegebenen Anlass , mir wurde eins verschrieben und die ersten Tabletten habe ich mit einem mulmigen Gefühl genommen .

    Komisch, hab gesoffen was dass Zeug hält , aber vor solchen Tabletten , hab ich noch nie in meinem Leben gehabt, hab ich irgendwie Muffe .
    Sehe wahrscheinlich schon die nächste Abhängigkeit auf mich zu kommen .

    Wünsche Dir einen schönen Abend.

    Liebe Grüße
    Rowi

  • Hallo zusammen, da bin ich wieder! :D
    Sorry, dass ich vergessen hatte, mich auszuloggen... :?

    @Backmaus:
    Ooops, da scheine ich aber schnell wieder zu Kräften gekommen zu sein, wenn ich dir beim Radeln förmlich die Luft abgedrückt habe, herrje, das wollte ich natürlich nicht! :wink: Pläne für dieses Wochenende habe ich in dem Sinne nicht, dazu war ich tatsächlich viel zu kaputt, aber ich glaube, dass mir einfaches "Rumlungern" auch mal ganz gut tut. Ansonsten habe ich ja jetzt Urlaub und da werde ich natürlich schon ein bisschen aktiv. Für diese Woche ist noch nichts Großartiges geplant, am Dienstag gehe ich zur SHG, Mittwoch mal wieder zum Friseur, Donnerstag habe ich wieder ein Einzelgespräch bei meinem Therapeuten, und Freitag muss ich die Hütte putzen, weil ich am Samstag nach Berlin fliege. Mein Mann und ich haben uns die Tickets für die EAGLES gegönnt, naja, und ein bisschen Touri-Rumgucken ist natürlich auch geplant. Für die zweite Woche weiß ich noch nicht so genau, aber da werden wir es vermutlich so handhaben wie letztes Jahr im August - viele nette kleine Tagesausflüge.

    Und du? Ich meine mich erinnern zu können, dass du an anderer Stelle ebenfalls Urlaub erwähnt hast, war das nicht die Nord- oder Ostsee, auf jeden Fall Meer? Und wann war das nochmal genau?

    rowi
    Keine Angst, ich habe das nicht falsch verstanden! :wink:
    Dass ich auf den einen oder anderen Leser vielleicht fast schon sowas wie "abgeklärt" wirke, hat schlicht zwei Gründe. Zum einen mag ich es, mich schriftlich auszudrücken, ich war schon als Kind ein rechter Bücherwurm, auch jetzt lese ich noch sehr gerne, und wer gerne liest, schreibt meistens auch recht gut. Und zweitens lasse ich mir bei solchen umfangreichen Beiträgen gerne auch etwas Zeit und überlege genau, was und wie ich schreibe. Wenn dann z.B. da steht 15.06 Uhr oder so, weiß ja keiner, dass ich bereits um 13.30 Uhr begonnen hatte... :wink:

    Nun aber zu deiner eigentlichen Frage.
    Ich kenne diese Berührungsängste mit einem AD nur zu gut, denn ich habe früher auch so gedacht. Diese Zurückhaltung ist aber m.E. falsch, weil unbegründet. Ich dachte stets, ein AD sei so etwas wie ein Aufputschmittel, es würde mich künstlich in gute Laune versetzen, und davor hatte ich Angst. Ich fürchtete sowas wie 'ne Suchtverlagerung, von der Pulle zur Pille sozusagen. Das stimmt aber nicht.
    Das AD wirkt nicht euphorisierend, sondern es gleicht lediglich unerwünschte dumpfe Stimmungen aus. Worauf die nun beruhen, kann ich dir auch nicht sagen, ich bin schließlich keine Neurologin, Tatsache ist jedoch, dass eine einwandfreie Hirnchemie vonnöten ist, um ausgeglichen zu sein. Wir reden hier auch nicht von "normalen" Stimmungsschwankungen, die jeder kennt und jeder mal hat, diese Niedergeschlagenheit, die auch wieder vergeht (meist nach ein paar Tagen). Wir reden hier von Lebensunlust bis -müdigkeit, der Unfähigkeit, dem Alltag zu begegnen, dem ewigen Trübsinn, der sich gerne auch in körperlichen Beschwerden äußert. Solche Phasen können länger anhalten oder sogar zum Dauerbegleiter werden, und da muss man einfach aufmerksam werden.
    In meinem Fall war es ja besonders krass, weil nicht nur meine Umgebung, sondern besonders ich selber darauf gewartet habe, "dass nun alles besser wird", jetzt, nach der Entgiftung. Ich habe Fachbücher gelesen, dankbar alle Tipps geprüft, wie ich mein Leben umgestalten kann, aber es wurde und wurde nicht besser. Natürlich versuchte ich mich in Geduld zu üben, aber Monat für Monat ging ins Land, und der Wunsch, endlich nicht mehr zu grübeln, wurde übermächtig. Spätestens da ist meine Hausärztin aufmerksam geworden. Sie glaubte mir - ebenso wie mein Mann und mein Therapeut - dass es mir eben nicht darum ging, krampfhaft gut drauf zu sein (das hätte ich mit Alkohol ja jederzeit wieder haben können), sondern dass es mir darum ging, endlich normal zu sein. Deswegen überwies sie mich zu einer Neurologin, die machte ein EEG und verschrieb mir dann das AD.

    Die ersten fünf Tage war ich noch doof genug, das AD mit Alkohol einzunehmen, aber als ich dann endlich soweit war, es noch ein letztes Mal ernsthaft zu versuchen, meiner Sucht zu entkommen, da schlug es an - und zwar schlagartig! Ich will wirklich nicht übertreiben, aber als das AD endlich in Ruhe wirken konnte, ohne Störfeuer durch den Alkohol, ging es sofort besser. In den ersten Tagen spürte ich zunächst eine beruhigende Wirkung, da stimmte die Dosierung auch noch nicht so richtig, ich vertrug keine ganze Tablette auf einen Schlag. Aber ich hielt ja stets (notfalls täglich) Kontakt mit den Ärzten, also nahm ich ab dann eine halbe morgens und die andere halbe am späten Nachmittag. Und so passt es denn auch für mich. Ich komme gut damit klar, habe keinerlei Nebenwirkungen, nehme das nun schon fast seit einem Jahr und möchte es erst auch einmal beibehalten, denn absetzen sollte man es auf gar keinen Fall so ohne Weiteres.

    Deine Angst vor einer möglichen Abhängigkeit ist übrigens unbegründet. Ein AD hat kein Abhängigkeitspotential, d.h. wenn es vielleicht noch nicht so richtig wirkt, kann es daran liegen, dass die Dosis noch nicht stimmt oder der Einnahmerythmus verändert werden muss. Aber man wird nicht abhängig davon - das hat zumindest mein Therapeut gemeint, und meine Neurologin auch. Und beide wissen ja nun, dass ich eine Alkoholikerin bin und keine neue Abhängigkeit will.
    rowi, lies dir den Beipackzettel in Ruhe durch, beobachte dich, wie du auf das Präparat ansprichst, und notfalls frage deinen Arzt noch einmal. In solchen Dingen darf man einfach nicht schüchtern sein, da musst du ganz ehrlich sagen, dass du dir Sorgen machst und vielleicht nicht genug darüber weißt und es jetzt wissen willst. Frei nach der Sesamstraße: "Wer nicht fragt, bleibt dumm!" :wink: Ich kenne keinen Arzt, der das Interesse seines Patienten gerade bei solchen Fragen als lästig empfunden hätte!

    Hm. Schon wieder ein bisschen länger geworden... :roll:
    Ich wünsche euch und mir einen schönen Abend!
    Wir lesen uns!
    espoir

  • Hallo espoir

    Neid!:-(

    Ich auch! Will mit !

    Ansonsten hab' ich tatsächlich auch bald Urlaub.
    Wenn Du wiederkommst ,ist meinereiner weg!
    juhu!
    Ostsee!
    2 Wochen ohne Kids!
    ...und ohne Laptop!

    Liebe Grüsse und Dir auch einen schönen Abend
    Backmaus

  • Wie jetzt?
    Ich treffe dich also bis maximal Freitagabend hier an?
    Nun denn - so soll es sein. 8)
    Ich erkläre hiermit unsere Backmaus-espoir-Tippsel-Schlacht für eröffnet! :D

  • Oh, dann habe ich dich falsch verstanden, denn ich bin ja nur bis Montag in Berlin (das Eagles-Konzert ist am Sonntag). Und wenn du erst am Samstag darauf fährst, dann treffe ich dich ja doch nochmal, bevor meine Backmauslose Trauerphase beginnt... :wink:

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