Hallo,
hab zwei üble Tage hinter mir. Kopf und Herz, die gehen manchmal entgegengesetzte Wege.
Hab meinen Ex-Liebsten am Mittwochmorgen auf dem Weg zur Arbeit von weitem gesehen. Zuerst ließ es mich gleichgültig, es bestärkte mich sogar noch, dass es wohl das Beste sei, ohne ihn weiter zu leben. Naja, der Kopf sagte und sagt immer das Gleiche.
Hatte ihm am Montagmorgen eine Email geschrieben, mit der freundlichen Bitte, seine Sachen (Klamotten und 2 Fahrräder) doch möglichst bald abzuholen. Dass es traurig und elend sei, eine Beziehung im Schweigen enden zu lassen, er aber diesen Stil vorgebe und ich reinen Tisch machen möchte. Am Mittwoch öffnete er die Email und es kam bis heute keine Reaktion. Nichts.
In den Nächten schlafe ich sehr schlecht, seit er weg ist. Das kenne ich bei mir überhaupt nicht normalerweise. Aber so ist es nun mal. Am Donnerstag hätte ich am liebsten den ganzen Tag geheult. Es ist nicht mehr so wegen dem Mann, was mich kränkte, war einfach diese Mißachtung, dieses Totschweigen. Was hab ich getan, dachte ich mir, dass ich so behandelt werde? Naja, die ganze Palette des gekränkten Kindes lief bei mir ab.
Gestern wars genau so schlimm. Freitags freut man sich aufs Wochenende, macht eher in der Arbeit Schluss, geht gemeinsam heim. Ich war wieder den Tränen näher als dem Lachen. Fühlte mich einfach abgeschoben, abserviert, schlecht behandelt - obwohl der Kopf sagte, Nora, sei froh, dass Du ihn los bist und er Dir nicht auf den Pelz rückt, so ist es am allerbesten!
Am Abend trank ich hochdosierten Johanniskrauttee und habe tatsächlich die ganze Nacht bis 7 Uhr morgens geschlafen...
Und heute am Samstag, nach dem Laufen fiel mir folgendes ein:
Klar, es hat sich der Mann von mir abgewandt, der mich hochjubelte, mein Spiegel war, in dem ich mich als schöne, tolle Frau gesehen habe. Immer wieder sagte er mir das und behandelte mich auch so in seinen "guten" drogenreduzierten Zeiten. Ich badete in Balsam!
Nun ist das vorbei und bei mir beginnt die Krise: DAS IST MEINE ABHÄNGIGKEIT! Er bot mir das innere Nest, das ich brauchte, in dem ich mich wohlfühlte. Seine Drogen- und Alkoholabhängigkeit war der lästige Beikram, der immer wieder störte, den ich aber wohl gerne überspielte in diesen Monaten unserer Beziehung. (Wie oft mag so der Grund aussehen für Co-Abhängigkeiten..?)
Ich hatte die Sucht von ihm wahrgenommen zu werden und nun war damit endgültig Schluss. Entzugserscheinungen in Form von Tränen und tiefster Verzweiflung.
Hier sehe ich, wie wenig eigentlich der kranke Mensch im Vordergrund steht, sondern man selbst. Der Aufruf: Tu etwas für Dich selbst ist eigentlich sinnlos, weil man ohnehin nur etwas für sich selbst tut. Richtig wäre die Aufforderung: Tu das Richtige für Dich und schau auf Deine eigene Sucht! Erkenne Deine Abhängigkeit!
Ich muss zu der Erkenntnis kommen, dass ich auch ohne ihn BIN, LEBE, WERT BIN GELIEBT ZU WERDEN...!
Er, der Mann, ist krank und er muss seinen Weg gehen. Ich kann und darf mein Wohlergehen nicht von ihm abhängig machen.
Jetzt versteh ich den tieferen Sinn seiner Worte: "Du willst doch nur, dass Dein Seelenheil in Ordnung ist!" Klar, wer will das nicht.
Ich wünsche ihm, dass er sein Seelenheil findet, vielleicht (noch) nicht in einer Beziehung, sondern nur mit fachgerechter Hilfe.
Für mich gilt: Ich muss erst mit mir im Reinen sein, definieren, was ich unter "Liebe" verstehe. Hab noch nie so begriffen wie jetzt, dass es tatsächlich so ist, dass Liebe oftmals mehr mit Egoismus als tatsächlicher Liebe zu tun hat. Liebe heißt auch auszuhalten, zuzusehen, wie sich der andere plagt, ohne gleich in die Mutter Theresa-Rolle zu verfallen. Ohne gleich die Schwäche des Anderen für die eigene Unzulänglichkeit auszunutzen (und dies als Liebe zu definieren!) Zuzusehen als Freund, ohne Anspruch auf Gegenliebe, weil der Kranke dazu nicht in der Lage ist in seinem Elend.
Ich dachte ich verfalle sofort wieder in meine Singleglückseligkeit, wenn ich mich trenne von ihm. Aber so ist es wohl nicht. Nur der Weg der "Beziehung" ist zu Ende. Ich stehe vor einem Bild, das mir unsere kranke Beziehung zeigt, eine Beziehung zwischen zwei Abhängigen. Nun muss ich weg vom Selbstmitleid und mein Leben in die Hand nehmen. Weg von Schuldzuweisungen...
Nora