Hallo Nici,
wo ist ein Verhalten ein abhängiges, wo ist es ein normales? Wo ist da die Grenze?
Sich in einer Beziehung bestätigt zu fühlen, sich wichtig zu fühlen, ist ja auch ein Teil normal, finde ich. Und ich finde es auch normal, dass ich Bestätigung von außen brauche. Problematisch wird das nur, wenn da Grenzen überschritten werden.
In einer Beziehung ist es so, dass es umkippt, süchtig wird, wenn ich immer mehr mich selbst aufgebe. Wenn nur noch der Andere im Mittelpunkt steht. Wenn ich meine eigenen Bedürfnisse als unwichtig und unwert hinstelle. Wenn ich alles, aber auch alles mache, nur damit der Andere mich liebt, egal, wie sehr ich mich vergesse dabei oder erniedrige. Wenn ich geradezu mit sehnsüchtigem Blick an ihm hänge und mit der kleinsten Liebesbekundung glücklich bin. Wenn ich mich produziere, Dinge mache, die niemand verlangt hat und die mich sogar selbst teilweise überfordern, nur um zu zeigen, bin ich nicht großartig, ihr müsst mich doch lieben...Dann ist nämlich mein eigener Selbstwert so dermaßen gering, dass ich mir Bestätigung holen muss, immer und immer wieder, dass ich Anerkennung von außen brauche, um etwas zu spüren, um meine Existenz rechtfertigen zu können.
Und wenn ich andererseits dadurch das Gefühl habe, nur dann werde ich geliebt und geachtet. Wenn ich regelrecht mich erniedrige und dann noch um Zuneigung bettel. Und dann wieder denke, ohne mich wird das eben nichts. Diese Allmachtsgefühle habe. Wenn ich mich sehe als unersetzlich, als oberwichtig, als unabkömmlich. Ein Betrunkener ist doch dafür gut geeignet. Ich kann ihn bemuttern und umsorgen, denn die Trunkenheit macht ihn teils hilflos. Und wehleidig. Besoffenes Brabbeln und Sabbern, das hat was ausgelöst in mir, damals. Da war das mütterliche Gefühl, das Verhalten, ich müsste ihn mütterlich umsorgen, weil sein Verhalten dem eines Babys ähnelte, andererseits stieß es mich ab, weil er doch erwachsen ist. Ganz merkwürdig. War er wieder nüchtern, erschien er mir auch so hilflos, so zerknirscht, wehleidig, verkatert. Aber er war doch hilflos, ohne mich... Wie sollte er sein Leben geregelt bekommen, wer sollte ihn bekochen, bedienen usw., wenn nicht ich das täte
. Ich, die doch nach Anerkennung von allen Seiten hechelte... Und er gab mir oft die Schuld an seinem Trinken. Also musste ich mich doch anstrengen, oder? Um noch perfekter zu werden.
Aggressivität im Rausch ist erstmal anders. Da werden dann aber auch ähnliche Mechanismen wach, glaube ich. Angst, na klar, Wut auch, aber auch Schuld und das Gefühl, diese Aggressivität irgendwie verdient zu haben. Aber auch das hängt doch mit dem Selbstwert zusammen...
Das, was ich da schreibe, waren zum Teil meine Empfindungen, damals.
Was habe ich gemacht, was anders ist, jetzt, nach dieser Ehe. Ich verdrehe mich nicht mehr, weder für meinen Mann, noch für meine Kinder, für meine Angehörigen oder andere Menschen, die eine Rolle spielen in meinem Leben. Ich weiß, dass ich nicht zuständig bin für das Wohlbefinden meines Gegenüber. Oder schon, na klar fühle ich mich gut, wenn es Dante gut geht. Und umgekehrt. Aber ich würde dafür nicht mehr mich erniedrigen oder mich vergessen.
Bestätigung mag ich immer noch. Wenn mir z.B. hier im Forum geschrieben wird, dass meine Geschichte jemandem Anstöße gegeben hat oder geben kann, wenn ich gelobt werde, anerkannt, dann macht mich das schon froh! Sehr sogar! Aber ich bin nicht mehr ausschließlich von der Außenmeinung abhängig. Ich weiß es auch so, dass ich gut bin, so wie ich bin. Das habe ich aber erst gelernt, so zu denken, nach und nach. Indem ich mich und meine Gefühle wichtig nahm, nicht mehr hinten anstellte. Indem ich mich selbst immer mehr annehmen konnte, nicht mehr Mrs. Oberperfekt sein wollte. Denn das bin ich nicht...
Indem ich lernte, Kritik muss mich nicht unbedingt abwerten, sondern kann mich weiterbringen. Indem ich lernte, ich darf mich von Menschen distanzieren, die mir nicht liegen. Indem ich akzeptierte, dass ich nicht Jedermanns und Jederfraus Liebling sein muss, dass das unrealistisch ist.
Hm, da habe ich dir ja was hingeschrieben von meinen Gedanken gerade. Ich hoffe, du kannst was anfangen damit.
Liebe Grüße
Aurora