Seepandarine - Tochter eines verstorbenen Alkoholikers

  • hallo Seepandarine

    nur einige gedanken dazu. wie ich schon mal schrieb bin ich nicht nur EKA auch alki und lebe im spectrum (ASS). ich lese deine beiträge gern, weil sie ungeschönt dein innerstes wiederspiegeln und du dich bemühst einen weg durch dieses labyrinth aus erinnerungen und emotionen zu finden. mich hat es früher auch sehr bewegt, weil ich keine erklärung fand, warum ich so bin wie bin und habe daher eine projektionsfläche gesucht die für diesen zustand herhalten konnte. für mich war immer die erklärung , dass ich in einer alk-familie gross geworden bin und habe jahre damit zugebracht schuldige zu suchen und hatte sie auch schnell gefunden. in dem fall meine mutter und mit abstrichen mein vater, dass hatte aber nichts mit meiner ass zu tun. soll heißen es war schon immer da und wird mich zeit meines lebens begleiten so wie meine sucht. diese erkenntnis, dass ich nichts dafür kann wie ich bin und das anerkenntnis was ich bin, war für mich befreiend und hat mich schneller mit meiner vergangenheit abschließen lassen.

    viele tragen diese last ein lebenlang mit sich herum, nach erklärung zu suchen warum etwas nicht so gelaufen ist wie es eigentlich hätte laufen sollen. was aber passiert wenn da etwas ist, was tief in einem schlummert und man garnicht weiß das es da ist? ich meine damit psychosomatische störungen/erkrankungen die einem die sicht versperren und uns nur ein verzerrte sicht der dinge erlauben. so glaubt man den grund für diesen zustand zu kennen, in dem fall die alk-familie und sicher hat es auch dazu beigetragen, aber es ist vielleicht nicht der einzigste grund. weil manchmal schleichen sich sachen in unser leben, so unterschwellig, die uns an uns selbst zweifel lassen.

    was ich sagen möchte ist, dass wir uns manchmal auch selber annehmen müssen wie wir sind, uns selbst vergeben sowie auch anderen. etwas hinterher zu jagen was uns vermeintlich glücklich macht nicht immer zielführend ist, weil wir uns verstellen müssen. im ass-berreich wird dass masking genannt und es ist sehr anstrengend und lässt viele verzweifeln. auf gesellschaftliche zwänge und regeln geh ich jetzt mal nicht ein, weil es den rahmen sprengen würde. wir alle sind individualisten und sind wie wir sind und es muss auch nicht auf alles zwingend eine antwort geben. eben weil wir nur menschen sind die nicht perfekt sind und wir manchmal den vermeintlich einfacheren falschen weg, dem schwereren richtigen weg vorziehen. das liegt aber in der natur der sache.

    ich wünsche dir weiterhin viel erfolg auf deinen wegen wo immer sie dich hinführen.

    gruss eternal

  • Hallo Mariexy

    Hallo _Eternal_

    danke für eure Wertschätzung und euer Interesse <3

    was ich sagen möchte ist, dass wir uns manchmal auch selber annehmen müssen wie wir sind, uns selbst vergeben sowie auch anderen.

    Danke, das ist nochmal ein ganz wichtiger Satz für mich. Ich glaube (gedanklich), dass Selbstannahme bzw. Annehmen, was grade ist, die Basis ist, damit überhaupt Veränderung geschehen kann. Und gleichzeitig merke ich immer wieder Ungeduld mit mir selbst, mich und andere Dinge und Menschen nicht so haben wollen, wie sie grade nun mal sind. Ja, das bleibt ein Weg, Annehmen was ist, immer und immer wieder. Auch wenn das, was grade ist, mir nicht gefällt.

  • Hallo ihr lieben Menschen im Forum,

    jetzt ist viel Zeit ins Land gegangen, seitdem ich zuletzt hier aktiv war. Ich hatte in den letzten Wochen einen aufkeimenden Gedanken von "Mach langsam. Das ist okay. Überforder dich nicht." Mich antreiben und dabei übersehen, dass ich mich überfordere oder haarscharf an der Grenze dazu bin, ist etwas, was ich gut kenne, daher habe ich mich sehr über dieses zarte Pflänzchen gefreut :) Dazu gehörte dann allerdings auch, nicht aus meinem Pflichtgefühl noch ins Forum zu schauen, sonder mir abends anderweitig Erholung vom Tag zu gönnen. Heute will ich mal wieder meinen Faden hier aufgreifen.

    Letztes Wochenende war Abschluss des 2. Jahres einer Weiterbildung, an der ich teilnehme. Es ist eine Weiterbildung mit viel Selbsterfahrungsanteil. Es war ein intensives Wochenende, mit Feedback und Abschieden. Mir ist an dem Wochenende rückgemeldet worden, dass ich langsam besser darin werde, meinen Mitmenschen auch mal unangenehme Dinge rückzumelden und zu merken, dass ich dennoch (oder vielleicht grade deswegen, weil ich nicht immer nur Sonnenschein bin?) gemocht und akzeptiert werde. Das habe ich an dem Wochenende selbst auch deutlich erfahren. Wir durften uns in einer Übung auch unsere Wahlfamilie aus den anderen Gruppenteilnehmer*innen zusammenstellen. Mir ist bei der Auswahl klar geworden, dass ich mich über weite Teile meines Lebens mit meinem Vater nicht sicher gefühlt habe. Sicher im Sinne von, dass ich alles bei ihm hätte ansprechen können. Konstruktiv Konflikte austragen war mit meinem Vater schlicht nicht möglich. Eigentlich in welcher Stimmung er war oder welchen Pegel er hatte.

    In meiner Therapie klopfte das Thema "Selbstverantwortung" an, in den letzten beiden Stunden. Ich fremdel etwas mit dem Begriff. Gedanklich steh ich da total dahinter, dass jede/jeder für seine eigenen Handlungen und sein eigenes Wohlergehen verantwortlich ist. Gleichzeitig kippt der Begriff bei mir leicht in ein "Ich muss halt doch alles selbst machen". Da suche ich grade noch einen alternativen Ausdruck, zu dem ich voll und ganz "ja" sagen kann - irgendwas Richtung Handlungsfähikgeit, Selbstermächtigung, ... . Ich schätze mich grundsätzlich als sehr selbstständig ein, was meine Alltagsbewältigung angeht. Schwieriger wird es für mich, den Grat entlang zu gehen von meine eigenen früheren Erfahrungen und ihre heutigen Spuren anzuerkennen und nicht rüberkippen/runterfallen in ein aus meiner Geschichte einen "Leidfaden" zu machen und sie als Entschuldigung herzunehmen, warum ich mich nicht anders verhalten kann (z.B.: "Ich bin halt einfach zurückhaltend", "Ich habe halt Furcht vor xy").

    In meiner Beziehung gibt es Licht und Schatten. Wir hatten diese Woche einen gemeinsamen Tag Urlaub und waren zusammen frühstücken in einem neuen Lokal. Das war sehr schön und ich konnte an dem Tag auch gut mit meinem Mann reden, darüber wie es ihm geht, wie es mir geht. Ich schaue etwas ängstlich auf Heiligabend, da ist er morgens immer zum Weißwurstfrühstück mit Freunden. Wenn ich mitfahre, trinkt er dann durchaus auch so viel Alkohol, dass er sich mittags nochmal hinlegt und fast das Essen bei seiner Mutter verpasst, wenn ich mich nicht bemühe, ihn zu wecken. Ich habe keine Lust da dieses Jahr mitzugehen, ich war beim letzten Pizza Essen in der Runde eigentlich schon eher ärgerlich, dass er in knapp 2 Stunden 3 Weißbier und 2 Schnäpse geleert hat - wirkte auf mich fast wie ein Ausnutzen der Tatsache, dass er nicht selbst fahren musste. Das Thema wird mich definitiv nach 2026 begleiten, ein Fortschritt für mich ist aber, dass mittlerweile gute und schlechte Tage in unserer Beziehung gelassener nebeneinader stehen lassen kann und mir klar ist, dass es ein längerer Prozess wird zu sehen, wohin unsere Beziehung geht.

  • Zeit für einen neuen Beitrag im Fädchen. Ich möchte bei meiner Beziehung einhaken.

    Zwei Tage vor Weihnachten hatte mein Mann einen Absturz mit Alkohol. Ich habe ihn vormittags zum Zahnarzt gefahren (sein Auto war kaputt), bin danach zu meiner Therapiestunde und dann direkt weiter zu meiner Arbeit und erst abends wieder heim gekommen. Und kam unerwartetet in ein leeres Haus und mein Mann circa eine Stunde später, schwankend, eigentlich schon im Halbschlaf, nicht mehr fähig sinnvoll zu reden. Ich habe mich schon lange nicht mehr so aufgeregt wie an diesem Abend und auch am nächsten Morgen. Mir ist ganz deutlich geworden, dass ich diesen Zustand nicht miterleben möchte. Ich fühle mich ohnmächtig, sitze dann auf meiner Wut und Enttäuschung und er geht betrunken schlafen. Das Thema partnerschaftliche Kommunikation spielt auch mit rein - ich habe schon oft gesagt, dass ich eine kurze Nachricht möchte, wenn er deutlich später kommt. Zur Info und Planung. An besagtem Tag habe ich den ganzen Tag nichts von ihm gehört, daher auch meine Verwunderung abends.

    Ich konnte meine Gefühle dann am nächsten Abend nach der Arbeit ansprechen. Er hat mir zugehört und sich entschuldigt, rückblickend habe ich aber nicht den Eindruck, dass er volle Verantwortung übernommen hat im Sinne von "Welche konkreten Verhaltensänderungen könnte ich machen?". Es war nur ein "Ja, es war definitiv zu viel Alkohol". Der Heiligabend, vor dem ich weiter oben noch Bammel hatte, war dann widerum ein schöner und gemütlicher, ein Tag, an dem ich mich verbunden mit ihm gefühlt habe.

    Seither denke ich wieder viel über meine Beziehung nach, spüre in mich rein. Mir werden viele Dinge bewusst, die so für mich nicht mehr passen. Verhaltensweisen, mit denen ich mich abgefunden hatte, die ich lange gar nicht wirklich wahrgenommen habe. Die haben nichts mit Alkohol zu tun. Es erinnert mich irgendwie an meine Eltern, so wie ich mit Abstand ihre Partnerschaft wahrnehme, rückblickend. Ein nebeneinander herleben, ohne wirklich etwas verbindendes miteinander zu teilen und/oder die Verbindung im Lauf der Beziehung verloren zu haben. Ich gestehe mir mittlerweile ein, dass ich die Beziehung zu meinem Mann vor allem aufgenommen habe, weil er mir Aufmerksamkeit geschenkt hat. Ich war verliebt in die Aufmerksamkeit, darin, dass mich da wirklich jemand will und als Mensch anziehend findet. Es ist auch ein Funke übergesprungen. Ich kam einige Monate vorher aus einer langjährigen Beziehung und hatte relativ klar, was ich nicht mehr haben wollte in einem Partner. In diesen Aspekten ist mein Mann auch anders als mein Ex, da hat also schon etwas gepasst. Und doch wird mir heute immer klarer, dass ich schon ganz lange etwas wichtiges in meiner Partnerschaft vermisse: echte Verbindung und echtes Interesse. Und ich merke auch, wie ich immer weniger Lust habe, das von meiner Seite zu initiieren, immer wieder neue die Initiative zu ergreifen.

    Meine Ausbilderin sagte vor ca. 1 Jahr, sehr wohlwollend, sinngemäß zu mir: "Wann fängst du an, die Augen aufzumachen?". Jetzt bekommt dieser Satz große Bedeutung und Tiefe für mich. Ich glaube ich fange an, ganz langsam, sie aufzumachen. Und erkenne gleichzeitig, warum ich sie so lange verschlossen hatte - mir gefällt einiges von dem, was ich sehe, nicht.

    Habe grade den Eindruck, dass ich in Bezug auf meine Beziehung verstärkt dabei bin, die Augen aufzumachen und aufzulassen.

  • Gestern Abend, nachdem ich hier geschrieben hatte, hat sich ein Gefühl in mir breit gemacht, dass ich nicht gut beschreiben kann. Ich stand in der Küche und hatte relativ plötzlich eine kindliche Sehnsucht nach Geborgenheit. Damit verbunden waren Gedanken wie: "Es ist vielleicht doch alles gar nicht so schlimm. Ich glaube ich übertreibe, ich habe es doch eigentlich schön gemütlich hier." Ich habe auch Verunsicherung bemerkt. Ich frage mich, ob das einfach normal ist in so einer Paarsituation, oder ob das auch eher EKA spezifisch ist.

    Heute überwiegt Resignation bei mir. Ich kann (ich will? ich will!) mich heute nicht aufraffen tieferen Kontakt mit meinem Mann zu initiieren. So bleibt es bisher bei oberflächlich freundlichem "Guten Morgen", nebeneinander sitzen beim Kaffee trinken, wobei jede*r selbst beschäftigt ist, kurzes Gerede und Absprache zu unseren Katzen, "Was willst du heute essen?", eine Ablehnung meiner Frage, ob er mit spazieren gehen möchte.

  • Liebe Seepandarine,

    da ist gerade einiges im Wandel bei Dir.

    Da Du fragtest, ob diese Sehnsucht nach Geborgenheit typisch EKA ist: Vielleicht, vielleicht auch nicht.

    Aber es ist ein Bedürfnis in Dir. Ich kenne dieses Bedürfnis in mir auch. Meist trat es dann deutlich zum Vorschein, wenn ich Anlauf für den nächsten Schritt genommen habe.

    Du schaust ja gerade mit anderen Augen als zuvor auf Deine Beziehung. Vielleicht kommt dieses Gefühl gerade jetzt, wo Du merkst, an welchen Stellen Deine Beziehung für Dich unstimmig ist?

    Ich kenne die Gedanken, die Du gerade hast, aus einer schon lang beendeten Beziehung, in der mein damaliger Partner auch viel getrunken hat. Am Ende war es für mich nicht mehr erträglich- die Wesensveränderung, die Übergriffigkeiten, die Abwertungen, die Unzuverlässigkeit usw. Wie in meinem Elternhaus. Ich bin zu lange in der Beziehung geblieben, weil das Verhalten und der Kontrollverlust für mich normal und vertraut waren. Dass es mir damit nicht gut ging, war mir zwar klar, aber auch normal.

    War ein langer Weg, da rauszukommen und eines weiß ich: Ich möchte das für mich nie wieder.

  • Danke liebe Anthurie !

    Ja, ich glaube, dass dieses Nähebedürfnis kommt, weil ich die Beziehung so hinterfrage. Die Beziehung zu beenden würde heißen, meinen sicheren äußeren Hafen aufzuheben, das macht mir Angst. Vor dem Hintergrund macht das Nähebedürfnis Sinn.

    Was mir noch aufgefallen ist: in meinem Elternhaus gab es abrupte Stimmungswechsel. Nicht nur schlechte Laune von jetzt auf gleich, sondern auch umgekehrt, dass die am nächsten Tag einfach wieder weg war und mein Vater dann so getan hat, als wäre nie was gewesen. Mein gedankliches "Ist doch vielleicht alles nicht so schlimm in meiner Beziehung" fühlt sich ein bisschen so an wie dieser abrupte Wechsel auf die "guten" Tage.

  • Hallo liebe Menschen hier im Forum,

    jetzt sind einige Wochen ins Land gegangen, in denen sich viel in mir bewegt hat. Bezüglich meiner Paarsituation hat es mir sehr geholfen, mich mit einer Freundin auszutauschen. Sie ist auch EKA, über dieses Thema tauschen wir uns auch immer mal wieder aus. Ich war sogar innerlich so aufgebracht und so weit, dass ich mir eine Wohnung angeschaut habe - da lief relativ viel, was ich wieder mit mir ausgemacht habe bzw. nicht gegenüber meinem Mann angesprochen habe, obwohl es ihn betroffen hat. Letztlich habe ich für mich in meiner Therapie an der Kommunikation in meiner Partnerschaft gearbeitet und konnte meine Perspektive auch etwas weiten/verändern. Ich war zwischen den Jahren sehr fokussiert auf "Ich habe Recht! Mein Partner macht etwas falsch!". Meine Therapeutin hat mir sehr wohlwollend gespiegelt, dass in mir, aufgrund der Geschichte mit meinem Vater, etwas abläuft, wenn mein Mann trinkt. Statt in meinem Recht-haben-wollen zu verharren, ist es hilfreicher für mich und die Beziehung, wenn ich neugierig auf meine Reaktionen schauen kann und diese dann vor allem auch meinem Mann mitteilen kann. Und tatsächlich habe ich den Eindruck, dass ich mich in den letzten Woche besser mitteilen kann ihm gegenüber und auch Gehör finde. Ich fühle mich ihm wieder verbundener. Und das hat jetzt viel mehr von Verbindung auf Augenhöhe als ein Geschmack von "Kind, das eigentlich einen Vater zum Anlehnen sucht".

    Wenn ich hier so während dem Schreiben nochmal nachdenke und revue passieren lasse, ist für mich wirklich der Game Changer aus diesem Recht-haben-wollen auszusteigen. Nicht meine Sichtweise als die richtige zu sehen, sondern als eine Sichtweise der beiden in der Beziehung beteiligten Personen. Spannend finde ich auch die Frage, wo diese eingefahrenen Sicht- und Verhaltensweisen denn heigentlich herkommen, wer dafür früher mal mein Modell war, von dem ich gelernt habe. Beim Recht haben musste ich ziemlich schnell an meinen Opa väterlicherseits denken. Ein lieber Mann, ein lieber Opa. Der aber manchmal sehr deutlich klar macht, dass sein Handlungsplan jetzt der richtige ist und umgesetzt wird ("Dunnerkeil nochemol!" wäre da der passende Ausdruck aus meinem Heimatdialekt um dem ganzen Nachdruck zu verleihen ;) ). Ich erinnere mich noch, dass mein Opa mich einmal, als es meinem Vater sehr schlecht ging und er mit akuter Bauchspeicheldrüsenentzündung im Krankenhaus lag, unbedingt mit zum Landratsamt nehmen wollte, um eine Betreuung für meinen Vater anzuregen. Ich habe zu dem Zeitpunkt ca. 60 Kilometer entfernt studiert, es war Vorlesungszeit. Mein Opa hat das nicht akzeptiert, er hatte sich in den Kopf gesetzt, dass ich mitkomme. "Wenn du heute stirbst müssen die an der Uni ja auch irgendwie klarkommen" - ich glaube das in etwa war der Satz, der mir signalisieren sollte, dass ich jetzt gefälligst machen soll, wie er sagt. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich groß etwas gesagt hätte im Landratsamt, ich bin halt einfach nebenher gedackelt.

    Gesundheitlich hat sich bei mir in den letzten Wochen auch eine Baustelle aufgetan, die eine Magen- und Darmspiegelung erforderlich macht. Ich hatte bisher großes Glück in meinem Leben gesundheitlich fit zu sein. Ich musste noch nie stationär im Krankenhaus behandelt werden, hatte auch noch nie eine Untersuchung mit Sedierung. Von daher habe ich etwas Bammel vor diesen Spiegelungen. Ich habe mich auf der Heimfahrt von der Hausärztin bei dem Gedanken ertappt, dass irgendwie alleine durchstehen zu müssen. Den Gedanken konnte ich aber gleich noch im Auto als alte Prägung erkennen und mir selbst freundlich zulächeln :saint: Mein Mann fährt mich zur Untersuchung, eine liebe Freundin hat mir das auch schon angeboten. Ich werde da nicht alleine durchgehen (mal abgesehen davon, dass ich danach ja gar nicht mit dem Auto fahren darf).

    Aktuell lese ich zum zweiten Mal ein Buch, das sich um EKAs dreht: "Gestalttherapie mit erwachsenen Kindern aus Alkoholiker-Familien" von Josta Bernstädt. Ich finde mich in vielem wieder, was die Autorin beschreibt, vor allem zu Regeln in Alkoholiker-Familien und zu Merkmalen von EKAs. Vielleicht auch etwas für die Literaturliste? :/ Das Buch richtet sich an Betroffene und Therapeut*innen.

    Soweit mein aktuelles Update :)

  • Hallo liebes Forum,

    ein abendliches Update. Es geht um meinen Mann und seinen Alkoholkonsum.

    Vor ein paar Wochen habe ich ihn dabei "erwischt", wie er draußen im/am Auto schnell ein Bier getrunken hat. Ich habe ihn später darauf angesprochen, dass es mehr die Heimlichkeit ist, die mir zu schaffen macht, diese permanente Unsicherheit ob beobachtete Veränderungen jetzt an Alkohol liegen oder nicht. In meiner Erinnerung haben wir vereinbart, dass er offen trinkt. Gestern finde ich wieder einen (halbherzig) verstecken Kasten, an einer Stelle, an der ich normalerweise staubsauge, er kann maximal erst 2 Wochen dort gestanden haben.

    Am Freitag wurde ich außerdem von Freunden angesprochen und informiert, dass sie sich schon länger Sorgen um meinen Mann und sein Trinkverhalten machen. Die geschilderten Situationen sind nicht ganz aktuell, beziehen sich auf einen Zeitraum von vor 1/2 Jahr bis vor 1,5 Jahren. Lässt aber auch meine Wahrnehmung und Zweifel von "Er hat doch getrunken, oder?" in einem anderen Licht erscheinen.

    Ich fühle mich sehr kraftlos, wenn ich daran denke. Auch wenn ich daran denke, ihn zu konfrontieren, dass es absolut respektlos ist, trotz Vereinbarung weiter heimlich zu trinken. Aber das zeigt mir eigentlich das Ausmaß seines Problems. Und in mir ist immer noch der Satz: "Aber vielleicht übertreibst du und tust ihm Unrecht." Gruselig.

    Um nicht in meiner Starre festzukleben, tausche ich mir Freunden aus, gehe bewusst aus der Wertlosigkeit und Schwere und das tut mir gut. In der nächsten Stadt ist auch ein sehr interessantes WG Zimmer ausgeschrieben, das will ich mir ansehen. Ich glaube zumindest eine vorübergehende räumliche Trennung würde mir gut tun. Und aus einer gewissen Perspektive will ich diese Beziehung nicht mehr und glaube auch nicht an eine Änderung bei meinem Mann. Und gleichzeitig bin ich wie abgeschnitten von meinem inneren Feuer, meiner Kraft, wenn es da an die Umsetzung geht, an die Konsequenz. Also versuchen ich es grade Stückchen für Stückchen.

  • Hallo zusammen,

    in meine Kraftlosigkeit mischt sich Traurigkeit, eine Abschiedstraurigkeit. Gedanken daran, unsere Katzen nicht mehr täglich um mich zu haben, die schönen gemeinsamen Momente, die mein Mann und ich mit den Katzen haben, nicht mehr teilen zu können.

    Ich sitze hier und prokrastiniere das klärende Gespräch mit meinem Mann. Stelle meine Entscheidung in Frage. Wenn ich es ausspreche mit (räumlicher) Trennung, wird es real, dann gibt es kein Zurück mehr im Moment. Ich merke auch, wie wenig Gefühl ich für meine eigenen Grenzen habe. Ich spüre keine Empörung über die Lügen und Heimlichkeiten meines Mannes, wahrscheinlich würde es mir das ansonsten leichter machen den nächsten Schritt zu gehen. Und es erinnert mich grade so sehr an die Dynamik mit meinem Vater, gegenüber dem ich auch nicht empört war, obwohl er mich als seinen seelischen Mülleimer benutzt hat (ich mich habe benutzen lassen...so wie ich mich die letzten Monate habe belügen lassen).

  • Liebe Seepandarine,

    ich kann sehr gut verstehen, dass das Herz blutet, gerade auch wenn die Katzen im Spiel sind. ❤️ Auch für mich sind geteilte Momente wertvoller, als allein erlebte. Einen Schritt ins Unbekannte ist immer sehr beängstigend und erfordert Mut. Das Nervensystem zieht das Bekannte dem Unbekannten immer vor, egal wie mies es einem mit dem Bekannten gehen mag.

    Ich habe diesen Schritt der räumlichen Trennung ebenfalls schon mal gewagt bei einem Ex-Partner (nicht wegen Alkohol aber anderer Nogo's). Der Gedanke daran, bis an mein Lebensende die Beziehung so weiterzuführen fühlte sich in meinen Gedanken nicht wie Leben an, sondern wie aushalten und ausgehalten hatte ich zuvor schon genug. Die räumliche Trennung hatte mir geholfen klarer zu sehen, auch anhand seines Verhaltens in der Zeit währenddessen/danach wo keinerlei zukommen seinerseits auf meine Bedürfnisse vorhanden war. Ich bin damit zur für mich absolut richtigen Entscheidung gekommen, trotz Gegenwind meiner Familie. Ich hoffe du fühlst dich jetzt nicht überredet oder so - ich gebe nur meine Erfahrung wieder und noch hast du alle Karten in der Hand und kannst anders entscheiden <3

    Ich nehme an, du hast die Situation auch schon ausgiebig besprochen und viele Gedanken und Arbeit in deinen Entschluss gesteckt <3 darüber hinaus schmeißt du ja auch nicht gleich hin und machst Nägel mit Köpfen, sondern räumst Zeit und Raum ein, der zum Nachdenken genutzt werden kann, auch für deinen Mann. Ich finde, das spricht sehr für dich. Jeder hat 50% Anteil an einer Beziehung - auch dein Mann darf etwas zum Gelingen beitragen.

    Und wer sagt überhaupt, dass es kein zurück gibt? :) (Ich verfalle manchmal in so schwarz weiß Schemata und sehe das grau dazwischen nicht)

    Musst du denn wegen dem neuen Zimmer / Wohnung nun schnell eine Entscheidung treffen? Oder kannst du im Sinne der Selbstfürsorge noch etwas warten bis du wieder weniger überwältigt von der Gefühlsflut bist?

    Viele liebe Grüße,

    Floralia

  • Danke für deine Erfahrungen, liebe Floralia <3

    Ja, das stimmt. Ein Zurück kann es letztlich ja immer geben. Das mit dem Zimmer muss ich eigentlich nur schnell entscheiden, wenn ich speziell in diese WG möchte. Oder aber ich warte, bis da mal wieder ein Zimmer frei ist. Ich merke aber schon, dass ich es mir zumindest gerne anschauen würde und mein Bauchgefühl bei dieser WG Besichtigung erleben will.

    Ich habe gestern dann doch noch mit meinem Mann gesprochen und wir haben auch verabredet heute weiter zu sprechen. Wie erwartet, hat er das mit dem Alkohol runter gespielt und ging auf die Schiene: "Ich saufen doch nicht, ich finde es Schade, dass ich nicht einfach 1-2 Bier trinken kann.". Das heimlich Trinken habe ich wieder angesprochen, dem ist er aber ausgewichen. Er hat allerdings das erste Mal angesprochen, dass er aktuell auch nicht mehr glücklich in der Beziehung ist, ihm gemeinsam verbrachte Zeit fehlt, gemeinsame Unternehmungen. Das geht mir ähnlich, den Punkt hatte ich in der Vergangenheit auch immer mal wieder angesprochen. Und gestern habe ich gemerkt, dass sich der Gedanke daran, wieder mehr Energie in die Beziehung zu investieren einfach nur anstrengend angefühlt hat und ich keine Lust drauf habe aktuell. Die Überlegung einer räumlichen Trennung habe ich auch angesprochen und er schien nicht komplett überrascht davon.

    Insgesamt habe ich mich in einem Beziehungsgespräch selten so auf Augenhöhe gefühlt mit meinem Mann, mal abgesehen vom Alkoholthema, aber da kommen wir glaube ich auch diskutierenderweise nicht weiter.

    Ich bin heute Morgen deutlich ruhiger. Vielleicht liegt das daran, dass ich gestern den Eindruck hatte, mit meinem Mann im Gespräch verbunden zu sein und sich gerade der Gedanke entwickelt: "Vielleicht passt es einfach wirklich nicht mehr in der Beziehung und wir können so auseinander gehen, dass wir uns noch gut um unsere Katzen kümmern können. Ohne Rosenkrieg oder ähnliches, darauf haben wir beide so gar keine Lust."

  • Ein neues Update:

    Das WG Zimmer habe ich mir angesehen und habe mich auch wohlgefühlt. Leider hat es nicht geklappt. Ich habe aber mittlerweile die Einstellung im Leben, dass alles schon so kommen wird, wie es kommen soll. Als ich einer Freundin von der WG erzählt habe, meinte sie, dass dort wohl regelmäßig Parties gefeiert würden, anders als die Darstellung der WG vermuten lässt. Aus der Perspektive bin ich froh, dass es doch nichts wird.

    Jetzt schaue ich mich nach Wohnungen um, der WG Markt ist hier quasi nicht existent. Die Freundinnen, denen ich mich gestern neu anvertraut habe, werden die Augen und Ohren offen halten und haben mich auch bestärkt, dass der Weg der zumindest räumlichen Trennung absolut passend ist aktuell.

    Heute hat mich ein weiterer guter Freund meines Mannes angesprochen, das er sich große Sorgen wegen seinem Trinken macht. Wir werden uns nächste Woche treffen und austauschen. Mir tun diese Offenbarungen gut, weil ich dadurch meine eigene Wahrnehmung stärken kann, mir vertrauen kann. Und es tut mir auch gut zu hören, dass er und auch andere Freunde meines Mannes, nach einer Trennung auch weiter im Kontakt mit mir bleiben wollen, weil sie mich schätzen 💚

    Mit meinem Mann ist es eher zäh. Gespräche über unsere aktuelle Situation und wie es weiter gehen kann, kommen aktuell nur von meiner Seite aus, er stellt auch keine Fragen zu meinen Beweggründen oder dem was wir ändern müssten, damit wir beide noch gut in der Beziehung leben könnten.

  • Hallo ihr Lieben,

    Zeit für ein neues Update. Ich sitze gerade an meinem Computer, hinter mir die ersten drei gepackten Umzugskartons. Es ging seit dem letzte Beitrag nun sehr schnell mit einer eigenen Wohnung. Ich kann eine wundervolle kleine Wohnung fußläufig zu meiner Arbeit anmieten.

    Ich bin außerdem sehr dankbar für die große emotionale Unterstützung, die ich von allen Seiten erhalten - Freundinnen, Freunde, Weiterbildungskolleginnen, Arbeitskolleginnen, meine Familie. Jede*r dem oder der ich der bisher davon erzählt habe, reagiert mit Verständnis.

    Mit meinem Mann ist es derweil so, dass wir im Alltag weiter nebeneinander her funktionieren, in den letzten Wochen aber auch sehr wenig Zeit miteinander verbracht haben, weil immer jemand am arbeiten war, oder wir uns im Haus dann doch aus dem Weg gegangen sind. Tiefere Gespräche finden nicht statt, das letzte hat mein Mann abgelehnt, weil es ihn zu sehr runterziehen würde.

    Ich habe mir heute Gedanken gemacht, was ich mir aktuell eigentlich von einer Partnerschaft wünsche (ganz losgelöst von meiner aktuellen Partnerschaft). Mir ist wichtig, dass ich mich mit meinem Partner über das Austauschen kann, was mich im Inneren bewegt, meine Gefühle und Gedanken. Dass mein Partner mir dabei zuhören kann, ohne eine Lösung zu suchen oder das Gespräch gleich an sich zu reißen. Umgekehrt wünsche ich mir auch von meinem Partner zu erfahren, was ihn bewegt. Und überhaupt: mehr Reden und Austausch mit Fokus darauf, was einen bewegt. Eine Überschneidung in den gemeinsamen Interessen, nicht komplett, aber doch zu einem Anteil, sodass es gemeinsame Unternehmen gibt, aber auch jede*r sein/ihr eigenes Ding machen kann. Bei beidem hapert es für mich in meiner aktuellen Beziehung stark. Wenn die Sache mit dem Alkohol nicht wäre, könnte ich mir sogar vorstellen, dass es eine realistische Chance geben kann, dass wir wieder zueinander finden. Allerdings habe ich, trotz ausgesprochenem Auszug, keine Veränderung bei meinem Mann wahrgenommen. Gestern hatte ich wieder den Eindruck, er hat getrunken. Heute war der erste Abend seit langem, an dem ich nicht den Eindruck hatte. Und damit auch ein Moment, in dem Trauer bei mir hochkommt. Trauer über die schönen Seiten der Beziehung, die verloren gegangen sind im Laufe der Jahre.

    Mir ist heute auch aufgefallen, dass ich immer noch viel Verantwortung für meinen Mann übernehme, zum Teil auch ganz unbewusst. Beispiel: ich suche nochmal das Gespräch abends, halte es aber bewusst kurz, weil ich mir denke: "Er ist ja ganz kaputt von der Arbeit, da will ich ihm jetzt kein langes Gespräch zu dem Thema zumuten". Dabei ist er ja alt genug und könnte Verantwortung für sich übernehmen und das Gespräch vertagen, wenn es ihm zu viel ist. Stattdessen bevormunde ich ihn quasi und halte das Gespräch meinerseits kurz, obwohl ich eigentlich schon Redebedarf hätte...

    Kürzlich habe ich auch mit meiner besten Freundin telefoniert. Wir sind nicht regelmäßig in Kontakt, aber unsere Verbindung ist so tief, dass wir auch nach Monaten der Funktstille sofort wieder anknüpfen. Sie sagte mir, dass sie sich schon ganz zu Beginn meiner Beziehung dachte: "Oh, na der trinkt aber gerne" und auch Ähnlichkeiten zwischen meinem Partner und meinem Mann wahrgenommen hat. Ähnlichkeiten, die ich mittlerweile selbst ja auch immer klarer sehe, die eine Vertrautheit für mich waren.

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