Liebe Sonnenhut,
danke, dass du deine Gefühle hier teilst.
Viele Fragen, die in deinem Text enthalten sind, kann ich dir natürlich gar nicht beantworten. Ich kann ja nur von mir erzählen. Bei mir war es so, dass ich mein letztes bisschen Selbstwertgefühl daran gekettet hatte, die Fassade aufrecht zu erhalten. Ich war überzeugt davon, dass mich niemand mehr lieben oder achten konnte, der mitbekam, dass ich die ganze Zeit heimlich trank. Deshalb war ich froh, wenn ich das Gefühl hatte, die Fassade wird geglaubt. Wie einsam es dahinter ist, spürte ich natürlich, aber das trank ich dann weg.
In dieser permanenten Anspannung und Verteidigungshaltung war ich nur sehr schwer zu erreichen. Deswegen vielleicht auch meine Idee, ob du mit deiner Schwester mal rauskannst aus dem Alltag für zwei, drei Tage.
Sie hält ihr Leben irgendwie aufrecht, dabei ist alles so fragil…
So war es bei mir auch.
In der Rückschau versuche ich herauszufinden, was das beste gewesen wäre, das jemand mir Nahestehendes für mich hätte tun können, aber ich weiß es tatsächlich nicht. Mir das Gefühl geben, geliebt und nicht verachtet zu werden, aber gleichzeitig nicht die Fassade mitzutragen. Ich glaube, das hätte ich gar nicht annehmen können. Wie auch AufderSuche schon so ähnlich geschrieben hat, wenn man drinsteckt in der Sucht, ist das Denken und Fühlen verändert durch die Sucht, und es ist sehr schwer, da herauszufinden.
Daher wahrscheinlich auch so wichtig für dich als Angehörige, nicht zu denken, du könntest nur helfen, wenn du verstehst, denn zu verstehen ist das nicht.
Meine Schwester hat mir - in der Rückschau - auch dadurch geholfen, dass sie sich nicht hat hineinziehen lassen. Sich gut abgrenzen konnte. Und dennoch signalisierte, dass sie mich liebt und achtet und mich für einen liebenswerten Menschen hält, ohne Bedingungen zu stellen. Und trotzdem habe ich mich während meiner aktiven Suchtzeit über mehrere Jahre vor ihr emotional „versteckt“.
Es tut mir sehr leid, dass auch ich dir keine konkreten Antworten auf deine Fragen geben kann. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Antworten auf meine eigenen Fragen oft auch nur aus mir selber kommen können. Im Austausch mit anderen, das schon, aber nur als Hilfe beim Antworten suchen in mir selbst.
Herzliche Grüße,
Thalia