Guten Morgen,
Wenn ich das Trinken meines Mannes ignoriere, mich selbst weiter in den Mittelpunkt stelle, nicht diskutiere, nicht aktiv versuche Einfluss zu nehmen, nichts entschuldige...bin ich dann nicht Co, obwohl ich mit ihm zusammen lebe? So war es bei mir ja viele Jahre.
Ich denke, dass es darauf ankommt, ob Du es gern anders gehabt hättest, also dass Dein Mann nicht trinkt. Wenn das der Fall ist und Du trotzdem mit ihm zusammen geblieben bist oder bleibst, finde ich das schon co-abhängig, weil quasi ein Zustand geduldet wird, den man (in dem Fall Du) nicht möchte. Du hast ja selbst geschrieben, dass Du später auch Angst hattest, als es um sein Leben ging.
Wenn Du z. B. selbst trinken würdest, Dir keine Sorgen um den Alkoholkonsum Deines Mannes machen würdest, es wirklich aus tiefsten Herzen ok für Dich ist, dass er trinkt und Dir nicht wünschen würdest, dass es anders wäre. Dann wäre die Welt für Dich in Ordnung und ich würde es nicht co-abhängig finden, sich nicht zu trennen. Sobald aber das innere Gefühl sich wünscht, dass es anders laufen würde und man sich trotzdem nicht trennen "kann", läuft es meiner Ansicht nach eben nicht gesund ab, weil man keine gesunde Grenzen für sich selbst setzen kann, indem man sich an erste Stelle stellt und sich aus dieser Beziehung trennt.
Passiert also etwas gegen meinen eigentlichen Willen und ich verbleibe in der Situation, dann empfinde ich es als co-abhängig (oder wenn Alkohol keine Rolle spielt emotional abhängig, was ähnliche Muster hat).
Schon sein Anblick hat mir gereicht um viele Emotionen in mir hochkochen zu lassen, Wut, Ekel, Resignation um nur einige zu nennen. Co-abhängig würde ich mich deshalb bezeichnen weil ich mir das viele Jahre gefallen ließ.
Das beschreibt es auch sehr gut. Selbst wenn sich nicht in das Trinken eingemischt wird, nicht kontrolliert wird oder ähnliches, passiert etwas in einem und dennoch bleibt man in der Situation wenn man co-abhängig ist.
Ich finde darauf einfach keine standfeste Antwort, außer, dass es sich für mich nicht richtig anfühlt, mir Unbehagen bereitet, weil ich dem Alkohol nicht vertraue und ich diesen Ausdünstungs-Geruch am Tag danach einfach widerlich und abstoßend finde.
Und das ist Grund genug für Menschen, die nicht co-abhängig sind, sich zu trennen. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob da Argumente wie mit dem Zucker kommen oder sonst was. Wenn Deinen Partner Dein Zuckerkonsum stört, könnte er sich ja auch trennen. Es kommt ja nicht auf das Verhalten der anderen Person an, sondern darauf, ob das Verhalten mir SELBST etwas ausmacht.
Ich selbst habe einige Jahre (als ich selbst noch getrunken habe) mit einem Alkoholiker zusammen gelebt. Ich habe kontrolliert, versucht ihn vom trinken abzuhalten, mir demütigende und beleidigende Dinge gefallen lassen, weil ich das Verhalten auf den Alkohol geschoben habe. Ich habe alles versucht, mein Verhalten so anzupassen, dass er nicht wütend ist oder weniger trinkt. Es war ein Eiertanz, ein Spießroutenlauf. Nach einigen Jahren, als ich selbst aufhörte zu saufen, konnte ich mich trennen. Ich hatte eine eigene Wohnung. Danach bildete ich mir ein, ich könne mit ihm eine Beziehung weiterführen, nur eben räumlich getrennt, weil ich ja nichts mehr von seinem Saufen mitbekommen würde und mich nur mit ihm treffen würde, wenn er nicht trinkt.
Und was hat es genützt? Ich konnte nicht mehr kontrollieren, auf ihn einreden, ihn vor anderen in Schutz nehmen oder so tun, als würde er schlafen, wenn Besuch kam, damit sie ihn so nicht sehen. Ich konnte sein Handy nicht mehr weglegen, damit er keine Beleidigungen in die Welt hinaus sendet. Ich habe mich nicht mehr eingemischt, ob er trinkt oder nicht, ich habe ihn einfach machen lassen.
Aber es drehte sich in Gedanken trotzdem alles um ihn und das Trinken. Ich fragte mich, ob wir uns wohl sehen können oder ob er sich nicht an die Abmachung hält und trinkt. Ich überlegte, was er wohl gerade macht, ob es ihm gut geht oder ob er schon irgendwo zusammengebrochen rumliegt. Ich habe mich ständig mit dem Thema beschäftigt, es hat mir Kraft geraubt und ich war ständig abhängig davon, wie er sich verhält, ob es mir und der Beziehung gut geht oder nicht. Ich hatte keinen Einfluss. Viel zu lange habe ich diesen Zustand für mich geduldet und das bezeichne ich definitiv als co-abhängig.
Inzwischen habe ich meinen Selbstwert zurück, der auch mit der Zeit, in der ich nicht mehr trank, wieder wuchs. Ich würde mal behaupten, dass ich nach den ganzen Jahren nicht mehr in so eine Situation geraten würde. Anteile hatte ich für mich aber schon immer in mir, obwohl ich kein EKA bin. Bereits in meiner Ehe habe ich mir viel zu viel gefallen lassen und bin in Situationen geblieben, wo andere längst Grenzen gesetzt hätten und gegangen wären (und das obwohl Alkohol kein Thema war).
Diese Muster stecken meiner Meinung nach in einem drin aus verschiedensten Gründen und dann ist es natürlich in einer Beziehung mit einem Alkoholiker ein gefundenes Fressen für Menschen mit Co-Anteilen, in der Situation zu verbleiben und somit seine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen oder sich einzureden, es wäre gar nicht so schlimm.
Am wichtigsten bei dem Thema ist es wohl seinen eigenen Wahrnehmungen zu vertrauen. Das ist meiner Meinung nach der Grundstein für eine mögliche Veränderung.
LG Cadda