Ich beginne – schlimmer noch: ich bin bereits aus meinem Prinzip gefallen, aus dem Prinzip „nur keine Gewohnheiten“.
Klingt seltsam. Doch wer sich einmal überlegt, wie viele Handlungen Menschen jeden Tag nur deshalb vollziehen, weil sie sich daran gewöhnt haben, der versteht: vieles ist nichts anderes als Wiederholung.
Menschen bleiben zusammen, weil sie sich aneinander gewöhnt haben.
Sie üben jahrelang denselben Beruf aus, weil sie sich an Tätigkeiten und Vorgesetzte gewöhnt haben.
Sie rauchen Zigaretten, weil sie sich daran gewöhnt haben.
Genau das wollte ich für mich nie.
Und nun muss ich mir eingestehen: auch ich habe mir etwas angewöhnt.
Ich habe mir angewöhnt, meine Tochter zu kontrollieren.
In dieser Frage steht die Uhr still. Immer wieder spukt der Gedanke eines Rückfalls in meinem Kopf. Ich komme da nicht weiter.
Es ist erstaunlich, wie schwer es mir fällt Vertrauen aufzubauen – möglichst im Gleichschritt - wie sie seit Langem Tag für Tag besteht.
Das betrübt mich zutiefst
Ich möchte loslassen.
Ihr wieder vertrauen, solange es mir noch möglich ist.
Wie viel Zeit bleibt mir noch?
Schon früh hatte ich mir sieben Runden à zehn Jahren vorgenommen. Sieben Runden – die habe ich hinter mich gebracht.
Und jetzt? Die achte Runde fühlt sich an wie eine Zugabe.
Zeit, die frei zur Verfügung steht.
Bisher lebte ich immer für einen Zweck.
Der letzte war, Jugendlichen ohne Familie und ohne Institution – den sogenannten hoffnungslosen Fällen – mit KI-gestützter Begleitung wieder eine Perspektive zu geben.
Das Ergebnis? Zwiespältig. Unser Erfolg bescheiden, zu viele „Kinder“ haben wir verloren.
Was ich lernen musste:
Beschädigte Seelen lassen sich kaum reparieren.
Zerstörte Seelen wachsen nicht nach.
Was bleibt sind es die leeren alten Kindergesichter, die mich ab und an im Traum besuchen.
Doch ich weiss: ich werde wieder etwas finden.
Denn ich bin ein Finder.
Noch kann ich fast alles tun.
Aber: die Medikamente, die ich täglich nehmen soll, häufen sich – so wie die Beerdigungen, an denen ich teilnehme.