Guten Morgen Sunny,
was mir an Deinem Post aufgefallen ist, sind folgende Sätze, zu denen ich Dir etwas aus meiner eigenen Erfahrung schreiben möchte, auch wenn meine Situation natürlich eine andere ist (u.a. ist meine Mutter weiterhin alkoholkrank und ich schreibe leider keine Gedichte
). Ich kürze das Zitat ab:
«Mein nächstes Ziel ist es, mit meiner Mutter über die Thematik zu sprechen. ....Ich vermute, dass sie mich anschreien wird, mich gaslighten wird, wenn ich versuche, mit ihr über meine Erfahrungen zu sprechen. Sie wird sehr schnell aggressiv und abwehrend bzw. wertend.....Ich habe große Angst vor dem Gespräch, merke aber, dass ich bereit bin ihr zu sagen, was ich erlebt habe.»
Ich kann dieses Ziel sehr gut nachvollziehen, diesen tiefen Wunsch hatte ich auch immer.
Mir ist es nie gelungen. Ich habe daraufhin den Kontakt zu meiner Mutter über mehr als ein Jahrzehnt ganz abgebrochen, weil ich das gaslighting und die Abwehr, ihre penetrante und infame Infragestellung meiner Wahrnehmung/meines Erlebens nicht weiter ertragen habe. Jetzt habe ich den Kontakt wieder aufgenommen, weil meine Mutter mich um Hilfe gebeten hat. Und auch ohne Konfrontation mit der Alkoholproblematik hat meine Mutter mich zunächst wieder so "behandelt" wie damals als Kind: abgewertet, niedergeschrien, extrem aggressiv. Es gab keine Begegnung.
Ich kann mir vorstellen, dass es trotz der Abstinenz Deiner Mutter möglich ist, dass eintritt, wovor Du Dich fürchtest. Dass also Deine Mutter sich dem nicht stellen kann, aus welchen Gründen auch immer.
Eventuell läuft es anders und die Mitteilung als Gedicht (wie wunderbar, dass Du das machst!), hilft Deiner Mutter Deine Botschaft nicht abzuwehren. Eventuell wechselt sie aber auch einfach im Gespräch die Ebene und wertet Dein Gedicht ab (z.B. die Form, die Qualität, überhaupt die Idee, das alles in Gedichtform zu verarbeiten...oder oder oder).
Was ich damit sagen will: Du kannst es weder voraussehen, noch beeinflussen, wie sie reagiert. Ich würde deshalb alles daransetzen, mich von ihrer Reaktion unabhängig zu machen und so bestmöglich zu schützen.
Sind die Reaktionen, die Du befürchtest, die alten typischen Verhaltensweisen Deiner Mutter?
Gerade wenn das der Fall ist, würde ich mich vor Re-traumatisierung schützen und dort vielleicht nicht alleine hingehen. Mir hat es sehr geholfen, dass jetzt beim Wiedersehen mein Mann und einmal sogar jemand vom Amt solche Ausbrüche mitbekommen haben, als ich den Kontakt auf Bitten meiner Mutter wieder aufgenommen habe. Diese Ausbrüche waren keine Reaktion auf einen Versuch meinerseits, etwas zwischen mir und meiner Mutter zu klären. Diese Hoffnung habe ich nicht mehr und versuche das gar nicht. Sie hat mit ihrer Aggression meine Hilfsangebote abgewehrt. Aber für mich war damit erstmals klar und unabweisbar, dass ich bezüglich der massiven psychischen und physischen Gewalt, die ich als Kind erfahren habe, nie dramatisiert habe, wie meine Mutter immer behauptet hat. Es stand nun fest, dass meine eigene Wahrnehmung mich nicht getäuscht hat. Ausserdem wurde mir danach zunehmend klar, dass meine Mutter nicht anders reagieren kann, es nicht in ihrer Macht steht, es anders zu machen. Das half und hilft mir bei der Akzeptanz: so war es, so ist es, aber ich kann dafür nichts. Die Reaktionen/Ausbrüche meiner Mutter, das liegt und lag nie an mir!
Hierfür einmal Zeugen gehabt zu haben, hat mir sehr geholfen. Dennoch ist das Trauma wieder aufgebrochen und ich musste mir Hilfe für mich suchen, um mich wieder zu stabilisieren.
Das wollte ich Dir nur zu bedenken geben. Nicht um Dich abzuhalten, sondern nur, damit Du Dich innerlich vorbereitest und schützt. Damit Du Dein Leben nicht von der Reaktion Deiner Mutter abhängig machst. Ich selbst bedauere nicht, dass ich auf die Bitte meiner Mutter um Hilfe eingegangen bin, auch wenn ich jetzt krankgeschrieben bin und alles schwer ist.
Liebe Grüße Siri