Heute vor zwei Jahren, am 26.1.2023 sass ich bei einem Arzt. Zu dem Zeitpunkt konnte ich nicht mehr.
Ich hatte mich dagegen gestemmt, tagsüber Alkohol zu trinken. Ich trank immer erst nach 18:00 Uhr. Ich konnte nicht tagsüber trinken. Ich musste arbeiten, da hätte ich keinesfalls trinken können. Und 90Km musste ich auch täglich mit dem Auto pendeln. Heute weiss ich, das ich jeden Tag Entzugserscheinungen hatte. Und jede Woche wurde dieser immer stärker und stärker.
Ich sah mich nicht als Alkoholiker. Das sind doch die, die den ganzen Tag saufen. Ich nicht, also bin ich kein Alkoholiker. Dachte ich. So habe ich mir das eingeredet. Ich habe höchstens ein Alkoholproblem, das muss ich mal angehen. Morgen ist ein guter Tag dafür. Jeden Tag habe ich mir das gesagt.
Der Arzt schenkte mir eine ganze Stunde, während ich ihm erzählte, was mit mir los ist. Diese starken Schmerzen, das Herzrasen, das Zittern, diese innere Unruhe und zuletzt diese starken Bauchschmerzen. Ich wollte das kontrollierte Trinken lernen, deshalb bin ich da, sagte ich, da hatte ich mal von gelesen. Er hörte mir diese Stunde zu, stand immer wieder auf, ging durch den Raum und kam ab und zu zu mir und nahm mich in den Arm, wenn ich so stark weinen musste, daß ich nur noch schlecht reden konnte.
Er sagte, daß er nur 15 Minuten für mich Zeit hätte und das Wartezimmer voll wäre, ich sollte in zwei Tagen wiederkommen.
Zwei Tage später sass ich wieder bei ihm. Nun redete er. Er erklärte mir, das ich Alkoholiker sei der nur noch funktioniert, weil ich ein starkes Gerüst um mich hätte in Form von Familie, Arbeit, Hobbys. Ohne das würde ich jetzt schon nur noch in einem kleinen dunklen Raum sitzen, den ich nur noch verlassen würde, um Nachschub zu holen. Und wenn ich nichts täte, würde das auch bald passieren. Ich würde alles Verlieren: Familie, Arbeit, meine Würde und zum Schluss auch mein Leben. Aber es gäbe eine kleine Chance, aus dem Strudel, der immer nur nach unten führt, herauszukommen. Aber nur, wenn ich alleine den Hintern hoch bekäme und alle, wirklich alle Hilfe demütig und bedinnungslos annehmen würde, die ich bekäme. Nur dann hätte ich eine kleine Chance. Nur 15% würden das erste Jahr trocken schaffen.
Das sass. Ich plante mit ihm meine Entgiftung, er hat mir geholfen, schnell bei der Suchtberatung unterzukommen, ich habe alles mitgenommen: Langzeitterapie, mehrere Selbsthilfegruppen, Suchtberatung, onlinegruppen.
Heute fühle ich mich sehr gut vorbereitet. Ich bin zufrieden und sehr, sehr glücklich. Ich werde aber mein Leben lang vorsichtig bleiben. Dankbar wird mir für immer dieser Arzt in Erinnerung bleiben, der mir mein Leben gerettet hat und mit seinen harten und direkten Worten schonungslos meine Situation aufgezeigt hat, die ich vollkommen falsch eingeschätzt hatte.
Heute ist Alkohol für mich eine legale, harte Droge, die nur erlaubt ist, weil die Menschheit sich damit schon seit Jahrtausenden zu gerne betäubt und dadurch kulturelle Bedeutung errungen hat und Gesellschaftsfähig wurde. Alkohol tötet schon in geringen Mengen Zellen. Alkohol macht dumm. Alkohol macht agressiv und peinlich. Ich ärgere mich sehr darüber, wie viel wertvolle Lebenszeit ich vollkommen wertlos verplempert habe, während ich besoffen war. Das ist nun vorbei. Und ich werde nicht müde, alles zu tun, damit es auch so bleibt. Auch in 20 Jahren wird das nächste Glas nur eine Armlänge entfernt sein.