Guten Abend,
bei chronisch missbräuchlichem Alkoholkonsum reduziert das Gehirn die Anzahl der Dopaminrezeptoren, um das durch Alkohol verursachte Überangebot an Dopamin und die sich daraus ergebende Reizüberflutung einzudämmen.
Wird ein Alkoholiker abstinent, ist die Dopaminausschüttung reduziert, was zuerst zu den bekannten Entzugserscheinungen und zu starkem Suchtdruck führt.
Sind die körperlichen Symptome nach ein paar Tagen in einem qualifizierten Entzug überstanden, besteht die reduzierte Anzahl an Dopaminrezeptoren aber nach wie vor und reicht nicht aus, damit das Belohnungssystem ausreichend funktionieren kann.
Dies führt zu einer allgemeinen Niedergeschlagenheit, Müdigkeit, Traurigkeit und Antriebslosigkeit.
Zu diesem Zeitpunkt ist es äußerst wichtig den neuen Weg zu schützen und zu stabilisieren.
Wie das geht habe ich in meiner Therapie und hier in der SHG gelernt.
Das Gehirn passt sich nun durch Bildung von neuen Rezeptoren an die veränderte Situation an, es reagiert wie vorher, nur umgekehrt.
Allerdings dauert dieser Prozess mehrere Monate bis hin zu Jahren, ist immer wieder Schwankungen unterworfen und abhängig von der Gesamtkonstitution des abstinenten Alkoholikers.
Das Beschriebene ist ein vereinfachtes Modell, aber es reicht mir aus um zu verstehen.
Es erklärt meine durchlaufenen Zustände in den letzten Monaten, die Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit.
Dinge die einmal Spaß gemacht haben, machen keinen Spaß mehr, da das System „Belohnung auf Aktion“ nicht mehr funktioniert.
In der Sucht hat dadurch vieles keine Bedeutung mehr, es wird mehr und mehr gleichgültig. Die Sucht lässt primär nur noch das Bestreben nach Alkohol zu.
Natürlich war ich am Anfang unglaublich froh und dankbar, dem Teufelskreis des Alkohols entkommen zu sein.
Alles, was es nicht mehr aushaltbar machte, war plötzlich weg.
Ich musste nicht mehr trinken.
Trotzdem war da immer wieder Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit. Es gab keine ausreichende „Belohnung“, obwohl ich mich doch so sehr anstrengte, mit Sport und mit anderen Aktivitäten.
Heute weiß ich, das Durchhalten und weiter anstrengen hat sich gelohnt, denn schon sehr bald spührte ich erste kleine Erfolge.
Es kommt immer mehr zurück, was mir Spaß macht, was mich mit Zufriedenheit erfüllt, was mich interessiert und was mich weiter bringt.
Ich nehme mir die Zeit und beschäftige mich mit meiner Krankheit und ich finde es hilfreich und spannend,
die Zusammenhänge zu erkennen.
Daher ist es heute umso erschreckender, wie fahrlässig und verantwortungslos ich mit diesem empfindlichen und komplexen System umgegangen bin.
Ich habe es wider besseren Wissens regelrecht an den Anschlag gefahren, bis es kollabiert ist.
Eines darf ich nie vergessen. Ein Schluck Alkohol wird diesen mühsam in Gang gesetzten Wiederherstellungsprozess sofort beenden und ich bin schneller am Ausgangspunkt als je zuvor, den diesen Weg, "Abbau von Rezeptoren", den kennt das Gehirn schon.
Viele Grüße
Nayouk