Die Auseinandersetzung zum Thema Co-Abhängigkeit ist mir sehr wichtig. Denn es geht ja darum immer wieder entgegen meiner Emotionen zu handeln (Mitgefühl, Ängste, Hoffnung, Zweifel etc.) und dafür brauche ich meinen Kopf/mein rationales Denken. Für mich war das entscheidend, um damals auf "Autopilot" stellen zu können und auszuziehen.
EllaDrei , du hast zum Begriff Co-Abhängigkeit angemerkt: "stattdessen werden teils Alternativen wie zB suchtbegünstigendes Verhalten bevorzugt."
Das Wort "suchtbegünstigend" ärgert mich immer. Weil es suggeriert, dass die Co verantwortlich ist, wenn der Alkoholiker weiter trinkt. Und weil es nur diesen Teilaspekt heraus stellt. Also weil damit Co-Verhalten nur auf die Wirkung auf den Alkoholiker reduziert wird. Ihr eigenes Leid wirkt dann wie ein Kollateralschaden, als sei es bedeutungslos.
Der Satz "Nicht-Hilfe als Hilfe" ist für mich das Selbe, nur anders herum. Ich bleibe Objekt des Geschehens, dass sich nur um den Süchtigen dreht.
Morgenrot hat geschrieben: "Da wurde teilweise bis in die jüngste Vergangenheit noch die Mithilfe der Angehörigen quasi von Ärzten und auch Therapeuten vorausgesetzt."
Das habe ich noch ganz konkret erlebt. Die Ärztin meines Mannes wollte, dass ich mit komme zu den (regelmäßigen) Gesprächen. Einmal habe ich (vor Jahren) z.B. bei ihr thematisiert, dass er mich angetrunken mit dem Auto von der Arbeit abholen wollte. Ich dann unsicher war, wie ich mich verhalte. Ich dann mitgefahren bin (das war sowas von Co!), weil ich dachte sonst trinkt er auf dem Rückweg noch mehr, und gefährdet andere. Das fand sie richtig!
Heute weiß ich, dass die einzig richtige Antwort gewesen wäre: fahren Sie nicht mit und informieren Sie die Polizei.
Ich selbst habe in der Auseinandersetzung mit meinem Co-Sein hier im Forum sozusagen verschiedene Phasen durchlaufen.
1. Zuerst konnte ich mit dem Begriff Co-abhängig für mich selbst wenig anfangen. Er kam mir eher vor wie eine "Ausrede" weshalb ich mich nicht trenne. Ich habe das nicht als Stigma gesehen, sondern diese typischen Verhaltensweisen fand ich für mich insgesamt unpassend. So ähnlich wie PetraPetra das oben beschrieben hat.
2. Durch die intensive Auseinandersetzung hier fand ich dann aber alle möglichen Parallelen zwischen süchtigem Verhalten/Denken und meinem, vor allem z.B. das Gedankenkreisen (das es aber schon viel früher bei mir gab).
3. Mir ist dann jedoch klar geworden, dass dies eine typische Bias war. Und vor allem, dass dieses "ich bin ja auch süchtig" eine Gemeinsamkeit generiert. Die mich fest hält. (nur zur Sicherheit: diese Erkenntnis steht in keinem Buch - die kam mir selbst und bezieht sich auf mich).
Es hatte sowas von: wir beide müssen an uns arbeiten - da fange ich doch bei mir an. Da war ich dann wieder beschäftigt. Zwar nicht mit seiner, sondern mit "meiner" Sucht. Und habe eine (vermeintliche) Gemeinsamkeit nach der anderen gefunden und mich gefühlt, als sitzen wir ja doch in einem Boot. Abgrenzung ist was anderes finde ich.
4. Mittlerweile sehe ich mein Co-Verhalten schlicht als Reaktion auf das Zusammenleben mit einem Süchtigen. Ich sehe es bei mir nicht als Wesenszug. Auch nicht als Verhaltensstörung. Und schon gar nicht als Sucht.
Zu sehen wie ein Mensch, mit dem ich mein halbes Leben verbracht habe, sich in rohen Mengen Nervengift rein schüttet, und nicht zu versuchen das zu stoppen, wäre aus meiner Sicht ebenfalls schräg. Denn: Es gibt kein richtiges Leben im falschen.
Ich denke es ist ein Dilemma, in dem es keine gute Lösung gibt. Der Psychiater damals hat es auf den Punkt gebracht, als er zu mir meinte: "Wenn sie gehen stirbt einer, wenn Sie bleiben sterben zwei".
Ich wundere mich immer, wenn Trennung als einfache Lösung präsentiert wird. Ich bin ja nicht einer dieser Affen, die ab dann nix mehr sehen, hören, (fühlen). Das Problem, dass mein Herzensmensch sich vernichtet, bleibt ja trotzdem. Das kann ich nicht ausblenden, ob getrennt oder nicht. Das berührt mich.
Vielleicht ist das anders bei Menschen, die Beziehungen funktional sehen.
Meine bodenständige Schwester hat das letztens auf den Punkt gebracht: "Da kommst du nicht raus aus der Nummer, auch wenn du dich trennst, ihr seid schon viel zu lange zusammen, er bedeutet dir ja trotzdem was...sie denkt nach...sucht nach passenden Worten... dann bricht es raus: Es sei denn du sagst "Leck' mich doch am Ar*** , Scheidung und fertig".
Recht hat sie.
Diese Gleichgültigkeit werde ich aber nicht auf bringen. Denn das trifft es für mich auf den Punkt:
SummerSun : "weil ich einfach sehe wie ein Mensch, den ich mal sehr geliebt habe sich vollständig vernichtet."
Sternie : "Dieses Gefühl, dass ich den Menschen, den ich immer noch liebe (also den nicht betrunkenen), im Stich lassen".
Wäre mein Mann so ekelhaft wie es hier teilweise bei den Alkoholikern rüber kommt, dann wäre es "leicht" einen emotionalen Schlusstrich zu ziehen.
Bei der ganzen Dynamik geht es für mich weniger um mein äußeres Verhalten, ob ich jetzt Flaschen gesucht oder an die Vernunft appelliert habe oder so. Es geht um meine Emotionen und meine eigenen Motive.
Wie ich mit der Situation letztlich umgehe, hängt natürlich von mir selbst ab, von meiner Sozialisation, meiner eigenen Persönlichkeit, meiner inneren Klarheit, meinem Wissen, meinem Gefühl von Selbstwirksamkeit, meiner sozialen Unterstützung, Vorbildern etc.
Die Ähnlichkeit der 'Geschichten' hier im Forum, kommt meiner Ansicht nach jedoch in erster Linie durch die Ähnlichkeit der Süchtigen im Hinblick auf das Trixen, Täuschen, Lügen etc.
Diese Ähnlichkeit in der Reaktion der Cos zeigt mir, dass es kein individuelles 'Fehlverhalten' ist.
Den Begriff Co-Abhängigkeit, als Arbeitsbegriff zu sehen, so wie EllaDrei geschrieben hatte, gefällt mir. Je nachdem ob ich aus der Rückschau betrachte oder mittendrin stehe oder gerade durch eine Trinkpause beruhigt bin, hat sich übrigens auch mein Blickwinkel verändert.
Die wichtigste Erkenntnis war für mich, dass ich kein Sisyphos mehr bin, sondern aufgebe. Weil es nichts bringt. Ich lass' den Stein rollen.
Das äußere Handeln finde ich mit diesem Wissen vergleichsweise "leicht". Denn mein Verhalten kann ich durch mein Bewusstsein steuern, auch entgegen meinem Gefühl.
Der innere Ablösungsprozess fühlt sich für mich hingegen sehr viel schwerer an.