Und so laufe ich quasi wie ein Roboter durch mein Leben und frage mich immer öfter, ob es anderen auch so geht?
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Liebe Funky !
Ja, es geht anderen auch so, mir z.B.
Durch das Ziehen der Abstinenz-Notbremse hat sich bei mir fast alles verändert, und zwar massiv. Nicht nur ich mich, sondern auch vieles um mich herum.
Ich selbst bin jemand, der, wenn er sich etwas wirklich in den Kopf gesetzt hat, das auch durchzieht. So beendete ich meine Trinkerei und habe auch vor, dauerhaft trocken zu bleiben. Auch es wenn in meinen Postings hier gelegentlich erscheinen mag, dass ich manche Gefahrenpotenziale mal ab und an aufgrund eigener Erfahrungen etwas "relativiere", bedeutet das nicht, dass ich meinen Kurs verlassen möchte. Ich sehe mich insoweit als Realisten. Und weil ich mich als Realisten sehe, kann ich auch Deine Gedanken nachvollziehen.
Durch die fast gänzliche Neuaufstellung und -ausrichtung meines Lebens (bis auf den Bereich Arbeit), bedingt durch den Abstinenzentschluss, habe ich mich ebenfalls so hin und wieder gefragt, ob es das alles wirklich wert war. "Wert"... ja, ein gefährliches Wort - furchtbar emotionsbehaftet ist es. Wie Du zog ich beginnend mit meiner Abstinenz regelrecht eine Schneise durch den Dschungel meines Lebens, nicht unbedingt die Sträuche und Äste vor und neben mir (also mein Umfeld) vorsichtig beiseite schiebend, sondern eher gleich mit einer Machete mir meinen neuen Weg in mein trockenes Leben bahnend. Anders ausgedrückt: Alles, was nicht mit meiner neuen Lebensweise zusammenpasste, wurde kurzerhand entfernt, ignoriert, abgestellt etc. Ein neues (kleines) soziales Umfeld, neue Verhaltensweisen, neue Beschäftigungen - "neu" musste alles sein, so lautete die Devise. Bis auf den Sport. Da übe ich wieder meine Sportart von früher aus. Aber auch hier: "Richtig" und konsequent.
Je stärker ich in meinem neuen Leben Fuß fasste und anders (trocken!) lebte, desto öfter zog ich dann aber auch gedankliche Parallelen zu früher. Nach wie vor bin ich der Ansicht, dass man sich nur dann wirklich nachhaltig ändern kann, wenn man versteht, was in der Vergangenheit schiefgelaufen ist und sich das auch immer wieder vor Augen führt. Also im Sinne "Willst Du wirklich wieder dahin zurück!?"
Damit verbunden stellte sich dann aber auch zwangsläufig die Frage, ob es nicht einfacher gewesen wäre, so weiterzumachen wie früher? Also mit dem Trinken. Klingt ja erstmal verlockend, oder? Mit der Abstinenz wird das neue Leben anders - und ich wage mal zu behaupten, subjektiv empfunden: komplizierter. Man trennt sich von Altem (besser: Gewohntem), baut sich Neues auf, was wohl in den seltensten Fällen sofort und problemlos klappt und steht daher immer wieder zwischen den Stühlen. Fühlt sich nicht zugehörig. Nicht akzeptiert. Anders. Dann beginnt das Gedankenkarussell.
Dass dann die von Dir beschriebenen Gedanken kommen, erscheint mir nicht ungewöhnlich. Unumwunden gebe auch ich es zu: Wenn ich wirklich mal Ruhe und richtig Zeit und Muse zum Nachdenken habe (was selten ist, da mein Leben ziemlich durchorganisiert ist), denke auch ich nach wie vor darüber nach, wie ich jetzt so lebe, was mir daran gefällt und was nicht, was sich alles geändert hat, wie es früher war, was es nicht mehr gibt, was es anstatt dessen gibt und und und.
Und auch wenn die "Verlockung" da ist, das Vergangene (also die nasse Zeit) ein wenig zu verklären und [überspitzt formuliert] nostalgisch zu werden, so komme ich doch immer wieder zu dem Schluss: Schön war an der nassen Zeit nicht wirklich etwas. Ganz im Gegenteil: Wieviel Porzellan ist durch die Trinkerei unwiederbringlich zu Bruch gegangen? Bei mir war es im Wesentlichen der private, familiäre und soziale Bereich, den ich mir größtenteils dauerhaft ruiniert habe. Freunde, Partnerschaft, Familie. Bei anderen ging es vielleicht ins Berufliche und Finanzielle oder noch viel viel schlimmer: ins Gesundheitliche! Meist aber irreversibel, könnte ich mir vorstellen.
Daher kann die Frage "Kann es wirklich sein, dass es die FALSCHE Entscheidung war, mit dem trinken aufzuhören?" eigentlich nur klar verneint werden, oder? Eine derartige Ansicht hätte weitergedacht letztlich doch die Selbstaufgabe und damit verbunden die eigene Selbstschädigung und Selbstzerstörung zu Folge.
Ich selbst versuche tagtäglich, mein neues Leben ein wenig besser für mich zu gestalten. Da gibt es Höhen und Tiefen, weil eben nicht alles so läuft, wie man es gerne hätte oder es sich erträumt. Aber auch wenn es vielleicht nicht so läuft, wie man es sich vorstellt, Du es Dir vorstellst, ich es mir vorstelle: Zu trinken ist keine realistische (problemlösende) Option. Natürlich würde sich durch den Griff zur Flasche oder zum Glas das eine oder andere ändern, aber im Endeffekt würden wir genau wieder ein Leben führen, dass wir damals, als wir aufgehört haben, nicht wollten, weil wir wussten, dass es über kurz oder lang unseren Untergang bedeutet.
Und so ein Leben mit all seinen negativen Konsequenzen und einem Ende, das sich ziemlich sicher vorhersagen lässt, wollen wir dennoch wieder haben, bloß weil wir mit der derzeitigen Situation unzufrieden sind?
Nein, oder?
Liebe Funky ! Dies hier habe ich geschrieben, weil Du eine Situation angesprochen hast, die vermutlich so manche(-n) beschäftigt, die aber selten so klar formuliert wird. Dafür danke und wie gesagt, ich kann verstehen, dass Dich diese Gedanken "plagen". In ähnlicher Form sind mir diese Gedankenspiele nicht fremd.
Vielleicht hilft das hier ein wenig...
LG, Stef.