Hallo, Ihr Lieben
Fast 2 Jahre lese ich hier bereits mit ziemlicher Regelmäßigkeit, teilweise habe ich auch schon geschrieben, aber heute habe ich einen Anlaß, einmal selbst ein Thema zu eröffnen, bzw. ein paar Dinge aus meinem Leben zu erzählen.
Den Forenbetreibern möchte ich auch noch danken, daß es eben dieses gibt und diese es ermöglichen, daß man sich hier so gut austauschen kann und sich auch das eine oder andere herauslesen und -holen kann.
Warum dieser Titel?
Nun ja, 3,71 Promille Alk im Blut war heute auf den Tag genau vor 4 Jahren mein Alkoholisierungsgrad, als ich in die Intensivstation eines Spitals eingeliefert wurde. Dies war der "Höhepunkt" einer jahrelangen Trinkerei. Ich war zu diesem Zeitpunkt krank geschrieben und musste Tabletten nehmen. Dies hinderte mich nicht daran, mich "wegzuschießen" und diese Kombination endete damals mit diesem Krankenhausaufenthalt, eingeliefert in bewusstlosem Zustand.
Für den einen oder anderen Leser mag es jetzt auch etwas eigenartig klingen, aber ich bin diesem Ereignis heute dankbar.
Es hat mich sozusagen umgepolt d. h. für mich war das der absolute Tiefpunkt und diese Tage im Spital und die Tage danach waren, na ja, ich sage hier nur, ich will so etwas nie mehr erleben.
Der Entzug damals wurde zwar medikamentös unterstützt, aber wie ich heute der Meinung bin, waren das zu leichte Tabletten, für mich war es jedenfalls "höllisch". Muss dazu sagen, daß dies ein normales Spital war und eben nicht spezialisiert auf Alk-Entzüge. Gut, ist vorbei, jedenfalls sagte ich mir damals:
Wenn du noch einen Funken Stolz in dir hast, unternimmst du jetzt etwas.
Nie mehr möchte ich in meinem Leben selbstverursacht unter hängenden Infusionsflaschen in einer Intensivstation erwachen, wo einem der Arzt allen Ernstes fragt: "Herr ..., wollten Sie sich umbringen?" Man kann aber auch dem Arzt diese Frage nicht verübeln.
Ich möchte hier noch im Zeitraffer meinen Alk-Lebenslauf erzählen:
Teil 1:
Auf der stationären Therapie wurde ich des öfteren gefragt, wann ich denn zum ersten Mal in meinem Leben Alk getrunken habe ( ist eine Frage, die dort jedem Patienten gestellt wird ) , ich weiß es nicht mehr.
Es muss so um das 11. - 13. Lebensjahr gewesen sein, aufgewachsen auf einem Bauernhof, eigentlich eine glückliche Kindheit, und wie es damals in den 70ern üblich war, teilweise heute noch, gab es halt auf jedem Bauernhof "Most" (vergorener Apfelsaft). Wenn man bei der Arbeit ordentlich "zupackte", durfte man halt auch kosten, wenn auch mit Wasser. Gut, soweit zu meinem ersten Kontakt mit Alkohol.
Hab dann natürlich auch einen Beruf erlernt, und dann Heer usw. und bei jeder Gelegenheit wurde natürlich auch getrunken, sei es zu feierlichen Anlässen, nach einem besonders stressigen Tag, einige Biere mit Kumpels, etc. Es war ja "normal" oder schöner gesagt so üblich, auch mein Vater hat es mir so vorgelebt (Ich will hier niemandem die Schuld für meinen Alkoholismus geben), mein Vater ist inzwischen mit seinem angehenden 70er ein, ich trau mir diese Bezeichnung zu, schwerer Alkoholiker, mit allem Trum und Tran, wie morgentliches Zittern, Aggressivität, ich brauch da eh keinem was erzählen.
Gut, wie gesagt, niemals habe ich mir Gedanken gemacht, wenn damalige Freundinnen fragten, warum ich so viel trinke. Es war eh "nur" Bier. Und ich konnte ja jederzeit aufhören, damals konnte ich das wirklich noch. Und ich habs in jungen Jahren auch besser verarbeitet, einen richtigen Aufguss und den Kater danach. Geselliges Beisammensein, Feierlichkeiten, diverse Anlässe gehörten für mich untrennbar mit Alk-konsum zusammen (ich war großteils Biertrinker, war aber Wein oder mal einer Runde Hochprozentigem auch nicht abgeneigt).
Wie ich schon sagte, es liegt mir fern, irgendjemandem die Schuld zu geben für meinen Alk-Konsum, aber es wurde mir von klein auf vorgelebt, daß eben Alk immer dazugehört und noch schlimmer, oft auch als Belohnung für Geleistetes anzusehen ist.
Gut, machte eben die Ausbildung und Heer, danach in meinem Beruf weiter. Dieser hatte alles andere als eine Regemäßigkeit (Gastgewerbe).
Stressig, nachts, am Wochenende, so war die Arbeit im Gastgewerbe. Einige Jahre verbrachte ich in Saisonarbeitsstellen in Fremdenverkehrsgebieten. Alk war für mich damals bei der Arbeit und eine angemessene Zeit vorher absolut tabu. Dafür in der Freizeit, aber das auch nicht immer, es war noch eine Art Frühstadium.
Ende der 80er Jahre bekam ich eine Arbeit im Schichtdienst, viel Nachtdienst und unregelmäßige Arbeitszeit. In dieser Zeit habe ich langsam begonnen, den Alk als Mittel einzusetzen, um abschalten zu können (wegen des unregelmäßigen Dienstes) und mich leichter zu entspannen. "Es war ja alles o.k., ich konnte, wenn ich wollte auch ohne Alk leben", dachte ich mir damals immer, da ich ja auch immer zwischendurch mehrere Tage hintereinander nichts trank.
Diese Phase dauerte etwa 8 - 10 Jahre, in diese Zeit fiel auch der Bau meines Eigenheimes, da wurde natürlich auch ordentlich "gekübelt", ist ja so "üblich".
Das Eigenheim war fertig, die Kinder wuchsen heran, wir waren rundum glücklich, hatte meinem Job im Schichtdienst. Nur habe ich es mir immer mehr zu eigen gemacht, zum Abschalten/Entspannen Bier zu konsumieren, speziell freitags, samstags eben wenn ich den nächsten Tag frei hatte. Es gibt wie halt bei allen Süchten einen schleichenden Übergang ins Frühstadium der Abhängigkeit, meinen Übergang hatte ich sicherlich in diesen Jahren.
Gut, das Jahr 2000 begann ich mit einem kleinen Jobwechsel, gleiche Firma aber geregelte Arbeit (tagsüber) und Wochenende frei.
Alles super, nur kam dann die Zeit, wo
- meine Frau mich schon sehr oft auf mein Problem ansprach
- meine Kinder ein gutes Vorbild brauchten
- ich langsam eine Änderung an meinem Trinkverhalten registrierte
- ich diverse "Ausrutscher" körperlich nicht mehr so gut wegsteckte
- und ich immer mehr anfing, mich mit meinem Alkkonsum auseinanderzusetzen, in mir wuchs die Angst, den Führerschein zu verlieren, die Arbeit, die Ehe, das Aufgebaute zu verlieren.
Nichtsdestotrotz dauerte es noch 5 lange Jahre.
5 Jahre, in denen ich es auf 10, 12 manchmal mehr "Halbe" Bier täglich brachte, hatte aber zwischendurch (wochentags) wieder alkfreie Tage, somit war ich auch immer der Meinung, jederzeit aufhören zu können, wenn ich nur wollte. Diese alkfreien Tage wurden natürlich immer weniger, was ich an mir aber feststellte, und das war schon seit einigen Jahren so, wenn ich ein Bier getrunken hatte, konnte ich nicht mehr aufhören, das heißt, ich musste dann weitertrinken, bis ich einen gewissen Pegel hatte.
In dieser Phase der Alk-Abhängigkeit war mir vieles schon "wurscht", eben was meine Frau sagte, meine Söhne dachten, Angehörige mich aufmerksam machten etc.
Angst hatte ich vor allem um meinen Führerschein, den brauchte ich beruflich. Ich habe es mir damals so eingerichtet, tagsüber und so lange ich mit dem Auto unterwegs war, höchstens ein Bier zu trinken.
Dafür holte ich nach der Arbeit nach, musste aber immer irgendwie vorausrechnen, wegen des Restalkohols am Morgen, eine schlimme Zeit.
Was noch in diese Zeit fällt, ist der permanente Stress des Alkoholbeschaffens - nicht immer im gleichen Geschäft kaufen, habe ich wohl genug auf Reserve zuhause, speziell am Wochenende? Die Sucht hatte mich voll im Griff.
Gesundenuntersuchungen hatte ich in dieser Zeit auch zwei, meine Leber hat sich aber durch meine ( wenn auch immer seltener werdenden ) alkfreien Tage wochentags immer relativ gut erholt. Die Werte waren zwar erhöht, aber nicht extrem. Habe einer Blutuntersuchung immer ein paar alkfreie Tage vorausgeschoben, dies ist mir gelungen, auch wenn es schwerfiel.
In dieser Zeit gab es oft Situationen, die es wert sind, daß man sich auch später noch daran erinnert:
Wie oft erwachte ich morgens mit dem Gedanken, heute nichts zu trinken, und abends wars wieder dasselbe. Wie oft erwachte ich morgens und wusste von den letzten Stunden am Vortag nichts mehr, es war schlimm.
Wie oft bin ich in dieser Zeit auch von Freunden aufmerksam gemacht worden, "na, gestern warst du ja ganz schön drauf", und ich konnte mich beim besten Willen nur mehr dunkel erinnern. Da ich heute sehr sensibel gegenüber "Alkfahnen" geworden bin, denke ich mir oft, was muss meine Frau damals für Ausdünstungen gerochen haben.
In diese Zeit fällt auch, daß ich mir einmal felsenfest vornahm, mit dem Trinken aufzuhören, begann damit auch mit Beginn der Fastenzeit und hielt es tatsächlich bis Juni durch (also 4 Monate), so eine lange Trinkpause habe ich damals seit 20 Jahren nicht mehr gekannt.
Wie es auch kommen musste, war es eben nur eine Pause, "ich kann ja noch aufhören, wenn ich will", so habe ich mir das damals wieder für mich bestätigt.
Wie oft hat damals meine Frau zu mir gesagt, bitte hör mit dem Trinken auf, dann folgten halt wieder ein paar alkfreie Tage und das Spiel von vorn. Da ich nicht wollte, dass meine Kinder mich zu oft mit der Flasche sehen, habe ich dann noch einiges heimlich getrunken, egal, der Pegel musste passen.
Es war dann auch so, daß ich oft zuhause schon "vorglühte", wenn ich irgendwo eingeladen war, und falls ich dort zuwenig bekam, zuhause wieder mir den restlichen Pegel ansoff.
Bei Feierlichkeiten zuhause war ich, no na, für die Getränke zuständig, was hieß, sich das so einzurichten, daß man mit gewisser Regelmäßigkeit in den Keller kam und zwischendurch auch etwas "zu sich nahm", es sollte ja keiner was merken, ja, ja.
Merkwürdigerweise, ich habe einen Beruf, wo ich sehr oft zu Haushalten im ländlichen Raum hinkomme und im Zuge dessen sehr oft etwas zu trinken (auch alkoholisches) angeboten bekomme, habe ich gerade hier immer alkoholisches dankend abgelehnt, wohl wissend, daß hier Alkoholisches anzunehmen den sicheren Arbeitsplatzverlust und den noch weiteren sozialen Abstieg bedeutete.
Für den Sport hatte ich nach wie vor etwas übrig, ich legte Distanzen von 50 - 100, manchmal mehr mit dem Fahrrad zurück, aber habe auch immer Bier mitgehabt oder bin halt an den diversen "Tränken" nicht vorbeigefahren, man musste ja den Flüssigkeitsverlust ausgleichen.
Ich bin sehr selten krank geschrieben gewesen, hab meine Arbeit immer zur Zufriedenheit erledigt, 2 Krankschreibungen gingen allerdings eindeutig auf das Konto des Alk-missbrauchs. Hier bekam ich auch immer mehr Gewissensbisse, wie lang wird mein Hausarzt noch mitspielen, er wusste um mein Problem und hat mir schon des öfteren eine Therapie empfohlen.
Manchmal probierte ich die konsumierten Biere zu zählen, die ich am Vortag soff, es gab zu Spitzenzeiten 15 Halbe aufwärts.
Ich habe natürlich insgeheim gewusst, daß ich ein Problem hatte, wusste aber keinen Weg raus. Stationäre Therapie, was werden die Leute sagen, was wird der Arbeitgeber sagen?
Im Okt. 2005 hatte ich wieder wochenends zuviel, hatte ziemliche Magenschmerzen, ließ mich krank schreiben.
Bekam eben Tabletten hatte nach einiger Zeit kein Bier mehr zuhause und tat dann etwas mir heute Unverständliches:
Weil ich eben kein Bier mehr hatte und die Sucht zu groß war, trank ich hochprozentiges, verbunden mit den Tabletten für die Magenschmerzen war das eine Mischung, die mich bewusstlos werden ließ, meine Frau waren auf der Arbeit, meine Mutter, die ab und zu nach mir sah, fand mich so, ich wurde eingeliefert in die Intensivstation mit eben besagten Promillestand.
Teil 2:
Wie ich oben schon schrieb, habe ich mich dann in diesen Tagen im Spital dazu entschieden, so kann es nicht weitergehen und ab diesem Punkt muß ich jetzt mein Leben ändern.
Die Ärztin in der Intensivstation setzte sich zusammen mit meiner Frau an mein Bett und wir hatten eine Unterhaltung über dieses Ereignis und mir wurde eben empfohlen, eine Therapie zu machen.
Mir wurde in meinem dortigen Zustand immer klarer, daß sie recht hatte, und noch am Bett sagte ich, daß ich das einsehe und daß ich jetzt mein Leben ändern will, somit ließ ich mir kein Hintertürchen offen.
Ich wollte nicht noch einmal unter hängenden Infusionsflaschen aufwachen, selbstverschuldet, mir schossen damals viele Gedanden durch den Kopf:
Willst du alles verlieren, was du dir aufgebaut hast?
Wie jämmerlich du aussiehst, hier an den Schläuchen (selbstverschuldet) hängend.
Als ich damals das Krankenhaus verließ, war ich ein "Häufchen Elend".
Was werde ich jetzt zu hören bekommen, von den Angehörigen, vom Arzt?
Tags darauf musste ich dann zu meinem Hausarzt.
Diesem eröffnete ich, daß ich für mein Problem gerne professionelle Hilfe annehmen möchte. Ich werde seine Reaktion nie vergessen, er hat sich sehr gefreut, daß jemand sein Alk-Problem einsieht und um professionelle Unterstützung bittet. Kommt wahrscheinlich bei den Alkoholikern im Zuge eines Arztdaseins nicht so oft vor, daß jemand aus freien Stücken um Hilfe bittet. Auch wenn´s einem noch so dreckig geht.
Nun ja, ich meldete mich in der mir empfohlenen Klinik an, hatte aber eine Wartezeit von 4 Monaten, trank aber in dieser Zeit keinen Alkohol mehr, ich nahm im dieser Zeit schon therapeutische Einzelstunden, wurde mir so empfohlen, ich bin dankbar dafür. Diese Therapeutin hat mich einfach darin bestärkt, nein zu sagen und dazu zu stehen. Habe ich bis dahin nicht so gekannt, jedenfalls tat ich mir leichter, nein zum angebotenen Alk zu sagen.
Ich hatte, wenn ich das so im Nachhinein betrachte, den Vorteil, daß ich
1. den Willen hatte, mit diesem Zeug aufzuhören
2. bereits mit einer Abstinenzzeit von 4 Monaten die stationäre Therapie zu beginnen
So konnte ich dort mit vollkommen klarem Kopf an mir arbeiten. Diese Therapie dauerte 7 Wochen. Wie es einem dort empfohlen wurde, machte ich die folgenden 2, 3 Jahre noch in der realen SHG, mit denen ich immer noch in guter Verbindung stehe und ab und zu besuche.
Dinge, die mir im Zuge meiner Aufarbeitung meines Problems sehr geholfen haben, waren:
Ich habe mich gerne mit Mitpatienten in der stat. Therapie unterhalten, wie ihr Weg war, habe meinen Weg erzählt, wichtig für mich war auch noch diverse Lektüre (nicht immer über Alkoholismus), verschiedene Teilnahmen an Familienaufstellungsseminaren, die reale Selbsthilfegruppe und natürlich auch dieses Forum, nicht zuletzt auch meine Frau, die auch gewusst hat, daß das ein Problem ist, das ich mit mir selbst ausmachen muss, da kann sie wenig dazu beitragen.
Auch hatte ich einen Bekannten, der einige Jahre vorher bereits den gleichen Weg wie ich gegangen ist, mit dem konnte ich mich immer gut austauschen.
Leider habe ich für meine Entscheidung (fast zu) lange gewartet, ich möchte nicht wissen, wo ich ohne Hilfe jetzt wäre.
Ich würde das Ganze ab dem Zeitpunkt 25. Oktober 2005 wieder genauso machen, es hat mich in eine zufriedene Anstinenz geführt, was für mich heißt:
Ich will dieses Leben, das ich vorher hatte, einfach nicht mehr.
Nicht, ich darf keinen Alk mehr trinken, sondern ich will keinen mehr trinken (müssen).
Dass auch ich nicht vor einem Rückfall gefeiht bin, ist mir klar, deswegen mein Motto:
Ich weiß nicht, was mir das Leben noch bringt, aber ich werde es ohne Alkohol leben, davon gehe ich aus.
lg
klarerkopf