Ein neues trockenes Leben aufbauen - ein harter Weg

  • Ich grüße alle Mitforisten/Innen!


    Ich möchte mich zunächst kurz vorstellen:


    Ich nenne mich hier FatFreddy, Freddy reicht (FatFreddy war ein Comic-Kater), ich bin 54, getrennt lebend, habe eine erwachsene Tochter.


    Ich habe bereits 2009/2010 hier im Forum geschrieben, ich weiß allerdings nicht mehr, unter welchem Account. Ist eigentlich auch egal, denn ich war damals nass. In den knapp 7 Jahren seit damals ist viel geschehen.


    Ich fange mit der guten Nachricht an: ich bin nun 3 Jahre 3 Monate und ein paar Tage komplett abstinent, ich trinke nicht mehr und ich rauche nicht mehr. Ich habe in den letzten 3 Jahren mein leben und meinen Freundeskreis, meine Ernährung und viele andere Dinge grundlegend geändert. Ich sehe hierin wesentliche Säulen, die mir das trockene Leben garantieren, es mir leicht machen.Ich kann sagen, dass ich trotz allem Leid, welches ich euch schildern werde, heute glücklich bin. Glücklich, frei ja befreit vom Alkohol zu sein (wohl wissend, dass einen jederzeit ein Rückfall erwischen könnte).


    Ich habe wirklich großes Glück, dass ich noch lebe, denn im November 2013 war ich bereits tot.


    MEINE VORGESCHICHTE


    Ich habe praktisch seit meinem 17. Lebensjahr jeden Abend getrunken. Es gab nur wenige Ausnahmen, wenn ich mal 3 Wochen Grippe hatte oder mal eine 8-wöchige Diät für die Leber nach einer Vitamin-A Vergiftung. Wenn ich heute mit klarem Kopf zurück blicke, dann habe ich von Anfang an niemals aus Genuss getrunken, sondern ausschließlich wegen der Wirkung, als Medizin gegen Depression, Ängste, mangelndes Selbstwertgefühl und Unsicherheit.


    Die knapp 30-jährige Trinkerei hat mir in den Jahren 2009 und 2010 zahlreiche Entgiftungen beschert. 2009 schaffte ich es sogar, nach einer Entgiftung eine ambulante Langzeittherapie zu beginnen, welche mich so stabilisierte, dass ich körperlich fast 8 Monate trocken war. Leider war ich noch so von der Sucht gefangen, dass ich vieles nicht erkannte und die Sucht völlig unterschätzte. Ich war bzw. ich bin, denn es ist eine chronische Krankheit, der Typus des Spiegeltrinkers. Es ist dabei völlig unerheblich, wie groß die Menge ist, die man zu sich nimmt. Ich habe zwanghaft abends getrunken, im Urlaub auch tagsüber. Die letzten Jahre vor dem Zusammenbruch war es dann in erster Linie ein Antrinken gegen die Entzugsymptome. Die Tatsache, dass ich meistens "nur" eine bestimmte Menge getrunken habe, zu festen Zeiten und am nächsten Tag mehr oder weniger fit auf Arbeit stand gaukelte mir jahrelang vor, dass ich kein Problem hatte. Ich dachte damals, Alkoholiker ist der, der ab dem ersten Tropfen völlig unkontrolliert trinkt bis er umfällt oder bis es nichts mehr zu trinken gibt. Ich dachte: ich bin doch nicht abhängig, ich höre nach ein paar Bier und ein paar Wodka auf


    Ich dachte oft, verdammt, schon wieder einen Schnupfen. Heute weiß ich, dass ich tagsüber schon viele Jahre Entzugserscheinungen hatte, ich konnte oder wollte das nicht erkennen. Ebenso habe ich es nicht begriffen, dass ich zwar "nur" einen bestimmten Spiegel getrunken habe, dafür aber völlig unfähig war, auch nur einen Tag abstinent zu leben. Ich schob die Erkenntnis jeweils auf den nächsten Tag.


    So kam es, dass ich abends oft für meine Tochter nur physisch anwesend war, dass ich mich von meiner Frau entfremdete, dass meine Gesundheit zunehmend ernsthaft beschädigt wurde. Irgendwann zog meine Frau mit der Tochter aus, ich verlor meinen Job, zum Schluss drohte der Verlust der Wohnung.


    Als ich 2009 das erste Mal zwar freiwillig, aber wenig einsichtig in die Entgiftungsstation einer Psychiatrie ging, da merkte ich gleich am ersten Abend, wie sehr ich bereits abhängig war. Nach nur ein paar Stunden ohne Alkohol ging gar nichts mehr. Die Entzugserscheinungen waren extrem heftig und endeten nach 3 Tagen im Delirium.


    Ich habe daraus nicht gelernt, war nach zwei Wochen kaum daheim, da verfiel ich wieder in Depressionen und anstatt irgendetwas zu unternehmen, was mir helfen könnte, wurde ich am gleichen Tag rückfällig. Auf weitere Details, wie es dann von 2009-2013 weiterging, möchte ich derzeit verzichten. Fakt ist, ich manövrierte Tag für Tag zwischen Trunkenheit und tagsüber Entzug. Die Liste der Psychopharmaka wurde immer länger, die mir mein Hausarzt verordnete, damit ich keine schwerwiegenden Probleme bekam. Wenn ich nämlich zum Jobcenter , zur Krankenkasse oder zur Institutsambulanz musste, wollte ich dort immer nüchtern hin.


    Ich kürze das alles erstmal hier ab, denn eigentlich wollte ich mich ja erstmal nur vorstellen.


    Ich habe dann bis November 2013 immer wieder Krankenhausaufenthalte gehabt, weil die Bauchspeicheldrüse und die Galle immer wieder entzündet waren. Es waren unvorstellbare Schmerzen, ich wusste nicht, dass man derartig bestialische Schmerzen haben kann. Ich lief immer wieder komplett gelb an, es wurde zudem ein Umbau der Leber zur Zirrhose festgestellt zahlreiche andere Erkrankungen wie COPD (ich hatte bis 2013 zum Teil bis 80 Zigaretten am Tag geraucht). Man versuchte immer wieder, mich mit Nulldiat bzw. völlig fettfreier Nahrung und zig Infusionen wieder klar zu bekommen. Ich hatte leider das Pech (muss ich sagen), dass ich mich immer sehr schnell erholte. Während ich dann jedesmal im. Krankenhaus aufblühte, aus meiner Einsamkeit herauskam, unter Leute kam, voller guter Absichten war, fiel ich daheim, wo durch den Auszug meiner Frau und meiner Tochter die Hälfte an allem fehlte, in schwerste Depressionen. Zwei Zimmer habe ich so belassen, wie meine Frau sie zurück gelassen hat, habe sie nicht mehr betreten. Oft kam ich aus dem Krankenhaus, saß dann dort und hielt die Einsamkeit nicht stand. Bei jedem neuen Rückfall war ich innerhalb von zwei Tagen wieder im alten Rhythmus mit der alten Menge Alkohol.


    Zu dieser Zeit habe ich wie ein Sklave des Alkohols vegetiert. Es ging nur noch darum, dass mir die ausreichende Menge Alkohol täglich zur Verfügung steht und eine Reserve für den nächsten morgen da ist. Richtig gegessen habe ich nur abends, mit der Trinkerei kam der Hunger. Das Essen war auf den Alkohol ausgerichtet, alles fettig und extrem scharf. und natürlich extra Knoblauch, damit man die Fahne am nächsten Tag überdecken kann.


    Im November 2013 ging es mir zunehmend schlechter. 14. und 15. November war ich irgendwie völlig apathisch und habe auch tagsüber immer wieder geschlafen, dann folgten 2 Tage, in denen ich vor Schmerzen nur noch zusammengekrümmt liegen konnte, habe wie in Trance vor mich hin vegetiert. Ich konnte weder essen noch ausreichend Flüssigkeit zu mir nehmen. Am 3. Tag habe ich dann früh morgens vor Schmerzen nicht mehr gekonnt und habe einen RTW gerufen. Zunächst wurde ich wie ein Bittsteller belehrt und schlecht behandelt, dann aber zeigten Blutdruck und EKG wohl Auffälligkeiten. Jedenfalls brachte man mich plötzlich mit Blaulicht in die Klinik. Das war der 18. November 2013, der Tag, an dem sich mein Leben grundlegend änderte.


    Wie, das verrate ich euch quasi in der Fortsetzung. Wenn es manchmal dauert, bis ich antworte oder weiter schreibe wundert euch bitte nicht. Ich bin durch das, was folgte so geschädigt, dass ich immer wieder tageweise nichts machen kann, entweder wegen Depressionen, die chronisch sind, oder wegen der ganzen körperlichen Einschränkungen.


    So, dann hoffentlich bis bald,
    Euer Freddy.

  • Hallo Freddy,


    herzlich willkommen! Der Anfang deiner Geschichte ist schon mal der Hammer, gut, dass du da raus bist aus diesem Strudel. Ich hoffe immer, dass solche Lebensgeschichten wie deine den Menschen die Augen öffnen kann, endlich was zu verändern. Danke, dass du das mit uns teilst.


    Liebe Grüße
    Aurora

    Der meiste Schatten in unserem Leben rührt daher, dass wir uns selbst in der Sonne stehen.
    (Ralph Waldo Emerson)

  • Hallo Aurora,


    danke für deine Worte. Ich wollte heute eigentlich weiter schreiben, aber es ist wieder mal so ein Tag, an dem nicht viel geht. Ich habe so viele Diagnosen, dazu Diabetes, weil von der Bauchspeicheldrüse nicht mehr viel übrig ist. Ich muss leider, um einigermaßen normal leben zu können, 18 schwere Medikamente einnehmen. Dadurch bin ich ständig müde.


    Beispiel: heute bin ich um 8 aufgestanden, dann kommt die übliche Prozedur, Zucker messen, Duschen, Kaffee anwerfen, Insulin spritzen, frühstücken. Heute hat mich dann eine Sozialarbeitern abgeholt, weil wir zusammen einkaufen gefahren sind. Da ich ein Bein gelähmt habe kann ich selbst nicht mehr fahren (auch wegen der Medikamente). Außerdem könnte ich mir kein Auto mehr leisten.


    Wir sind um 10 los und um 13 Uhr waren wir zurück. Das war es auch schon, ich war danach so kaputt, dass ich den ganzen Nachmittag geschlafen oder an die Decke gestarrt habe.


    Manchmal bekomme ich Angst, dass meine restliche Lebenszeit einfach so für nichts verrint. Einige Menschen aus meinem Umfeld lassen mich auch spüren, dass ich, weil ich meine Arbeitskraft den Chefs und Bonzen nicht mehr zur Verfügung stellen kann, überflüssig bin.


    Ich denke mir, sie können auch plötzlich krank werden. Es ist ja nicht so, dass alle meine Krankheiten direkt Folgen des Trinkens und/oder Des Rauchens sind. Aber indirekt schon, weil ich durch die Trinkerei nicht zum Arzt gegangen bin.


    Und viele Schmerzen, zum Beispiel erhebliche Rückenschmerzen, habe ich das erste Mal nach ein paar Tagen Entgiftung wahrgenommen. Vorher war alles betäubt.


    Na, ich will mal zusehen, dass ich am Wochenende jetzt weiter schreiben kann, um euch meinen Wendepunkt darzustellen.


    Bis dann, einen schönen Abend an alle,
    Euer Freddy.

  • Hallo Freddy,


    mach immer schöööön in Ruhe, wir rennen nicht weg :lol: .


    Ich habe selbst eine chronische Depression und bin seit letztem Jahr berentet. Ich kann das gut verstehen. Durch die Depression bin ich teilweise wie gelähmt. Oder kann nicht richtig denken, mich nicht konzentrieren.


    Ja, nicht alle Mitmenschen können verstehen, wenn Mensch nicht mehr funktioniert. Das spüre ich leider auch. In unserer Gesellschaft musst du allzeit bereit, aktiv und braungebrannt sein. Mal überspitzt gesagt. Na, sollen die mal machen, jeder wie er's braucht...


    Ein schönes Wochenende
    Aurora

    Der meiste Schatten in unserem Leben rührt daher, dass wir uns selbst in der Sonne stehen.
    (Ralph Waldo Emerson)

  • Hallo Freddy,


    herzlich willkommen hier. Schön, dass du hier bist und deine Geschichte mit uns teilen willst.


    Ich wünsche dir auch gute Erholung. Und wenn du Kraft hast zu schreiben, werde ich auf jeden Fall lesen! :)


    Viele Grüße
    Thalia

  • Teil 2 - Zusammenbruch und Wendepunkt


    Während ich in den Jahren 2009/2010 zwischen Entgiftung und Trinkphasen schwankte, habe ich in den Jahren 2011 - November 2013 in meinem ursprünglichen Trinkschema getrunken. Konkret: ab etwa 16 Uhr habe ich begonnen, immer schlückchenweise Wodka direkt aus der Flasche zu trinken. Das zog sich hin bis etwa 18 Uhr, danach ging ich einkaufen, Nachschub an Wodka und Bier sowie Lebensmittel und Tabak besorgen. Wieder heim, kochen und um 20 Uhr Essen und ab da bis etwa 24 Uhr 2 - 3 Bier trinken und den Wodkakonsum herunterfahren. danach ging ich schlafen, zwischen 10 und 11 Uhr aufstehen, 2 Toast und Kaffee und mit diversen Medikamenten vegegtierte ich bis 16 Uhr.


    Das ging so Tag für Tag. Durch diese relative Regelmäßigkeit glaubte ich allen Ernstes, dass ich nicht mehr "so schlimm" abhängig sei und wohl mit ein paar Tabletten jederzeit mit dem Trinken aufhören konnte. Diese grundsätzliche falsche Einschätzung der eigenen Situation, wenn man nass ist, hat mich mehrfach (!) fast das Leben gekostet. Mein Hausarzt hatte Angst, dass mir etwas passierte und verschrieb mir Medikamente gegen Ängste, gegen epileptische Anfälle, zum Blutdruck senken, zum Entwässern, Betablocker, zur Beruhigung und für den Magen, der Therapeut, der KEIN Arzt war, gab mir noch ein Antidepressivum und ein Neuroleptikum, dass ich nicht würgen musste, wenn ich tagsüber nichts trank, vor allem bei Terminen beim Jobcenter usw. Niemanden hat interessiert, ob diese ganzen Mittel erhebliche Nebenwirkungen haben oder Wechselwirkungen untereinander und mit dem Alkohol. heute weiss ich, dass ich ganz einfach hätte aufhören können zu Atmen. Ich nahm erheblich zu, mein Gesicht war rot und aufgeschwemmt. Zusätzlich hatte ich nun das Problem, dass ich zusätzlich zur Organisation von Alkohol, Tabak und Beziehungsproblemen (mit einer Alkoholikerin, eine On-Off-Beziehung) und auch immer für Nachschub an Rezepten und Medikamenten sorgen musste. Ein medikament fehölte mir 1 Wochenende lang, ich hatte Entzugssymptome, die noch heftiger waren als vom Alkohol, ich hatte Halluzinationen.


    Es ist ein Trugschluß zu glauben, man kann in dem Wechsel von trinken und Medikamenten leben. Man macht sich nur schneller kaputt. Ich habe während dieser Jahre viele Menschen sterben sehen.


    Jedenfalls lief die Zeit wie in Zeitraffer vorbei und ich Depp glaubte, ich komme klar. ich merkte gar nicht mehr, wie ich emotional und geistig immer mehr abstumpfte, gegenüber allem gleichgültig wurde. Dazu kam, dass das Jobcenter mich in eine kleinere Wohnung zwingen wollte. Ich war auf Grund meines körperlichen Zustandes und auf Grund meiner Ängste, Phobien und Depressionen außerstande, eine andere Wohnung zu suchen. Ich schaffte es nicht mal mehr, zur Straßenbahn zu gehen und den Mut zu fassen, mir eine andere Wohnung anzuschauen. Obwohl mir Ärzte und Psychiater bescheinigten, dass ich derzeit zu nichts imstande sei (ich war auch dauerhaft krank geschrieben), kannte das Jobcenter keine Gnade und zahlte nicht mehr die volle Miete. Der Vermieter nutzte die verringerte Miete, die ich nur noch bezahlen konnte, und kündigte mir. Man muss dazu sagen, er hat sich eine ganze Weile hinhalten lassen, wir sind im gleichen Alter und kannten uns. Aber auch er muss sein Leben finanzieren und ein altes Ehepaar suchte dringend diese Wohnung.


    Gut, das, was ich nun darstellte, war die Regel. Es gab Ausnahmen: anfangs machte ich eine sehr komplexe Weiterbildung im IT-Bereich. Die erste zeit war ich trocken, dann aber nach 2 Wochen habe ich den Druck nicht mehr ausgehalten und habe wieder abends angefangen zu trinken. Weitere Ausnahmen waren einige Aufenthalte im allgemeinen Krankenhaus, da die Bauchspeicheldrüse jeweils akut entzündet war. Ich war teilweise komplett gelb angelaufen, hatte Schmerzen, die unvorstellbar waren. Die Ärzte prognostizierten mir einen elendigen Tod, wenn ich nicht den Absprung von Alkohol UND Zigaretten (ebenso schädlich!) schaffe. Ich habe auch nach diversen Aufenthalten direkt mit Therapien begonnen, unter anderem habe ich 4 Wochen eine Tagesklinik besucht. In den Zeiten, in denen ich dann trocken war, zheigte sich vor allem eine ausgeprägte Sozialphobie, die es mir fast unmöglich machte, mich in eine Gruppe einzugliedern. Leider sind in diesen 08/15-Therapien nur Gruppengespräche Standard, das ist sehr ungünstig, wenn man über seine Probleme reden will und Leute in der Grußppe sitzen, die nicht freiwillig entgiften, sondern nur, um Knast oder Führerscheinentzug entgehen wollen. Diese Leute stören die Gutwilligen, und das Personal tut gar nichts.


    So ging das leben an mir vorbei, bis ich Mitte 2013 wieder erhebliche Probleme mit der Bauchspeicheldrüse bekam. Ich dachte, ich trinke mal 2-3 Tage nur das nötigste und esse nur noch ein paar Bissen trockenen ungetoasteten Toast, dann geht es vielleicht wieder. Aber es wurde schlimmer, ich hatte erhebliche Bewusstseinstrübungen und bekam Fieber. Ich rief am 16.11.2013 abends einen Notarzt, der kannte mich schon, hatte seine Diagnose bereits im Taxi ausgefüllt, rammte mir eine Spritze mit einem Schmerzmittel (ein Opioid) in die Bauchdecke und ging wieder. Ein Arzt, der nur von den Notdiensten lebt.


    Ich kann denen von Euch, die das nun lesen und vielleicht noch nicht trocken sind nur sagen: für die meisten Leute seid ihr in einer solchen Phase nur noch Abfall. Mein Bruder wohnte damals im gleichen Haus, glaubt mal nicht, dass er einmal nach mir geschaut hat. Meine Eltern waren täglich in der Gedgend, die waren froh, dass ich sie nie um etwas bat. Dass man nichts zu wollen hat, das hat mein Vater mit Fäusten, Gürteln, Schuhen, Stöcken und anderen Gegenständen in uns Kinder hineingeprügelt. Das prägt. Meine Exfrau wohnte auch in der Nähe, sie hat zwar immer für mich "gebetet", aber wenn ich konkret Hilfe brauchte, war sie nicht da. meine Tochter ebenso, aber das kann ich verstehen. Dazu an anderer Stelle mehr, nicht alles auf einmal.


    Am 17.11.2013 habe ich zusammengekrümmt auf dem Bett gelegen, zuerst benebelt von der Spritze des Vorabends, dann zunehmend benommen vor Schmerz und dem Alkoholentzugssyndrom, welches sich langsam, aber sehr kräftig breit machte. Ich habe an diesem Tag gegen 19 Uhr das letzte Mal etwas Alkohol gegen den Entzug getrunken.


    Nach einer nacht, in der ich nicht mehr wußte, ob ich tot, im Traum oder in der Realität war, habe ich am nächsten Morgen Todesangst bekommen. Ich hatte das gefühl, dass ich nicht mehr in meinem Körper stecke, sondern irgendwie daneben stehe. Ich weiß es nicht mehr, aber ich glaube, es war 6 oder 7 Uhr morgens, als ich einen RTW anrief. Als die Sanitäter kamen, wurde ich ersteinmal angebrüllt, dass man einen RTW nur im lebensbedrohlichen Zustand rufen darf. Ich erkannte die Besatzung wieder, ich hnatte mit denen bereits öfter für mich und auch meine zeitweilige Freundin zu tun. Ich rauchte eine halbe Zigarette, es war die letzte. Nach dem ganzen Angeschnautze resignierte ich. Glücklicherweise hatten die Kollegen dann doch Erbarmen und machten ein EKG und haben Blutdruck gemessen. Da passte so einiges nicht, sie nahmen meine immer für Notfälle gepackte Reisetasche und fuhren mich mit Blaulicht zur Klinik. Ich erinnere mich nur sehr dürftig an die ersten zwei Stunden in der Notaufnahme. Ich habe wohl verstanden, dass meine Lage sehr ernst war und dass ich mich weigerte, einen Katheter legen zu lassen. Wegen der sehr starken Schmerzen hat man mir wohl ein Morphin gespritzt. Es folgte eine Art grauenhafter Traumwelt, die mir wie eine Ewigkeit vorkam.


    Erst viel später las ich in der Akte, dass ich am 20.11.2013 6 Minuten lang reanimiert wurde. Als ich das erste Mal irgendetwas für ein paar Minuten realisierte, bevor ich wieder in die Traumwelt glitt, fragten mich meine Frau und meine Tochter, ob ich weiß, dass Heiligabend ist?


    Ich werde das nächste Mal weiter schreiben. Jetzt kommen die ganzen Erinnerungen an Träume und Begebenheiten auf der Intensivstation durch, die mich so belasten, dass das auch in der Therapie lange schon Thema ist. Die Erinnerungen sind für mich fast nicht auszuhalten. Deswegen höre ich erstmal für heute auf


    und verbleibe mit lieben Grüßen
    der Freddy.

  • Teil 3 - der Beginn des trockenen Lebens


    Der Beginn meiner Abstinenz, sowohl was Alkohol als auch Nikotin betrifft, war wie bereits beschrieben nicht ganz freiwillig bzw. ich hatte keinen Einfluss mehr auf das Geschehen. Ich selbst erinnere mich bruchstückhaft an die ersten Stunden in der Notaufnahme. Ich muss wohl noch meinen Vater angerufen haben, der will mit mir über meine Verlagerung auf die Intensivstation und ins künstliche Koma gesprochen haben. Ich erinnere mich nicht, beim besten Willen.


    Man sagte mir später: am gleichen Tag, an dem ich aufgenommen wurde, musste man mich ins künstliche Koma versetzen, die Bauchspeicheldrüse war so entzündet, dass Teile nekrotisierten, also abstarben, die Galle war entzündet, die Milz, ich hatte eine Bauchfellentzündung sowie eine Sepsis, eine Lungenentzündung und was weiß ich noch alles. Und ich muss wohl im Bett randaliert haben, da ich offensichtlich schwer enzügig war, nicht nur wegen des fehlenden Alkohols, sondern auch, weil man mir meine Medikamente nicht geben konnte. Allesamt machen eben auch abhängig, darum ist es absolut gefährlich im Entzug nur auf Medis zu setzen. Den Entzug von Medikamenten schafft man, wenn man Pech hat, niemals.


    Beim künstlichen Koma ist man im Prinzip in einer intensiven langen Narkose. Das Problem bei langjährig Alkoholkranken ist, dass der Stoffwechsel völlig verändert ist und die Medikamente, die einen sedieren und narkotisieren sollen nicht wirken. Es ist sehr schwer für die Ärzte, eine Dosierung zu finden, die auf der einen Seite ihren Zweck erfüllt und den Patienten auf der anderen Seite nicht umbringt. Das letztere war bei mir der Fall, deswegen wurde ich reanimiert. Insgesamt kämpften die Ärzte drei Wochen um mein Leben, bis ich einigermaßen aus der Gefahr heraus war.


    Für mich waren die insgesamt 6 Wochen im künstlichen Koma eine endlose Reise in eine grauenhafte Traumwelt, in der meine übelsten Urängste ausgelebt wurden. Da man es nicht immer schaffte, mich richtig zu sedieren, hatte ich mitten in Operationen am offenen Bauch lichte Momente, ich sah Ärzte in ihren grünen Schutzkleidern, sah Blut, hörte Kreischen und bestialische Schreien. Ich sah in anderen Momenten Ärzte und Schwestern von oben, sah mich im Bett liegen, ich sah grauenhaft aus. Man quälte mich, sperrte mich ein, schoss auf mich. Ich arbeite diese ganzen Träume und Halluzinationen derzeit auf, ich will hier nicht mehr schreiben. Dennoch wollte ich euch zumindest ganz grob skizzieren, dass man nicht einfach schläft, sondern das Gehirn und die Sinne arbeiten natürlich weiter.


    Auf jeden Fall habe ich in dieser Zeit kein Gefühl mehr für Zeiträume gehabt. Alles kam mir endlos vor. Ich erlebte Ärzte und Schwestern, obwohl ich weggeschossen war. Als ich später langsam zu mir kam erschrak ich oft, wenn ich Personal aus meinen Träumen wieder erkannte und mit ihnen Schlimmes verband.


    Sehr schlimm war für mich, dass ich plötzlich sah, dass im Bett neben mir mein Vater lag und ich sah, wie sich sein Brustkorb unter künstlicher Beatmung hob und senkte. Irgend jemand erklärte ihn für tot, ich weinte und war unendlich traurig. Dann sagte ich, solange sich sein Brustkorb bewegt atmet er, dann lebt er. Dennoch war ein (orthodoxer) Priester des und es waren Ikonen aufgebaut. Plötzlich erschrak ich bis ins Mark, denn mein Vater stand plötzlich an meinem Bett, es war halbdunkel, ich erkannte seine typische Jacke und er erzählte mir etwas. Ich gewöhnte mich daran, dass er jeden Tag für tot erklärt wurde und abends wieder lebendig war. Ich habe letztes Jahr erfahren, dass neben mir ein alter Mann lag, der künstlich beatmet wurde. Den habe ich gesehen, weil man davon ausging, dass ich von den Medis weggeballert sei, daher verzichtete man auf die sonst übliche Trennwand aus Stoff. Er war aus Russland und seine Angehörigen hatten Ikonen aufgestellt. Zudem war tatsächlich einmal ein Priester anwesend, weil jemand verstorben ist. Die Schwester, die mir das alles verraten hat, war wirklich erschrocken, was ich alles mitbekommen habe. Ich werde ihr und einer Ärztin die damals dabei war ausführlich berichten, vielleicht hilft es, dass man mit den Patienten anders umgeht.


    Meine Exfrau und mein Vater waren jeden Abend da, sie haben an meinem Bett mit mir gesprochen, gesungen, Spass gemacht, als ob ich wach wäre. Ich habe vieles zwar verzerrt in meiner Traumwelt mitbekommen, aber es hat mir geholfen, mich wieder zurück ins Leben zu kämpfen. Denn ich war schon irgendwo im Dunkeln, allein mit all meinen Ängsten und Gedanken, wie in einer endlosen Schleife. Dann merkte ich, dass ich mich immer weiter entfernte. Durch Vater und Frau kam ich zurück. Mir wurde berichtet, dass sich meine Werte schlagartig besserten, nachdem man mich eigentlich aufgegeben hatte.


    Sechs lange Wochen war mein Bauch komplett offen, es erfolgten zwölf Operationen, in meinem Rumpf steckten Schläuche, an deren Ende Beutel waren, die das Wundwasser und Eiter aufnahmen. Jedenfalls wusste ich plötzlich, dass meine Frau gleich kommt, als ich sie sah, freute ich mich. Ich bin immer wieder in die Traumwelt gefallen. Aber ich verstand: es ist der 23.12.13 und ich bin im Krankenhaus. Am nächsten Tag, Heiligabend, waren Frau und Tochter da, ich dachte ich hätte gesessen und meine Tochter umarmt, aber ich lag die ganze Zeit. Erst am zweiten Weihnachtstag realisierte ich, dass ich liege, nicht weiß wie ich heiße, unter dem Kehlkopf einen dicken Schlauch stecken habe, ständig Erstickungsanfälle bekomme, dass ich nicht sprechen und nicht richtig hören kann. Dann habe ich irgendwann bemerkt, dass ich gar nichts mehr kann und ich habe meine Arme gesehen. Ich war vollkommen abgemagert, alle Muskeln waren durch das Koma weg. Sechs Wochen vorher wog ich 100 Kilo, nach den sechs Wochen unter 50 Kilo. Ich merkte, dass ich überall, auch im Gesicht, Narben und Verletzungen hatte. In meiner Nase steckte ein Schlauch, durch den ich künstlich ernährt wurde. Ich habe laut den Schwestern mehrfach die Schläuche herausgerissen und mich dabei zum teil schwer verletzt.


    Eines war aber gut: ich wußte auch nicht mehr, dass ich mal geraucht und gesoffen habe. Die Erinnerung war zunächst weg. Ich habe auch meine Tochter mit einem falschen Namen angesprochen.


    Das Ausmaß der Katastrophe wurde mir nur langsam klar. Durch das langsame Absetzen des Medikamente und das Weaning, also das Entwöhnen von der künstlichen Beatmung, kam es auch zu Halluzinationen, also ich fiel immer wieder in Zustände, die einem Delir ähneln. Das Schlimmste war, dass ich langsam begriff, dass ich nur liegen konnte, nur auf dem Rücken und sonst nichts. Irgendwann kamen dann Krankengymnasten, die rissen an mir herum und versuchten, mich mit zig Kissen hinzusetzen. Dabei sah ich, dass meine Beine und Füße auf das Zigfache angeschwollen waren. Ich wußte teilweise nicht, wie mir geschah, es kamen Ärzte und eine Horde Studenten, die erzählten etwas über mich, was ich so außer Trinken noch so gemacht und auch mal geleistet habe und erzählten etwas von Wunder. Ich konnte zeitweilig immer noch nicht richtig hören, mir war das damals zu viel.


    Ich erholte mich kopfmäßig schnell, körperlich nicht. Nun waren die Schmerzen der Narben, den Innern des Bauches, der Beine usw. nicht auszuhalten, ich hatte zudem einen Dekubitus, war also durchgelegen.


    Da man auf der Intensivstation nicht richtig schlafen kann, weil grelles Licht und Lärm herrschten, wurde ich langsam ungehalten, je mehr ich klar wurde. nun erinnerte ich mich auch an die Trinkerei, die Probleme und das Rauchen. Die Probleme waren zunächst durch meine Angehöriger unter Kontrolle, Wohnung war geräumt, eine neue Wohnung, die zufällig unter meinen Eltern frei wurde, war für mich vorbereitet. Die katastrophalen Finanzen (man sollte besser nur von Schulden reden) waren ebenfalls vorläufig unter Kontrolle. Zu den Erinnerungen an die Trinkzeit hatte ich kein Verhältnis, es war weit weg und die Erinnerungen widerten mich an. Aber ich hatte zeitweilig das sehr starke Bedürfnis nach Zigaretten. Vor allem roch es auf der Station irgendwie nach Rauch. Aber dieses Verlangen war immer nur sehr wenige Minuten vorhanden.


    In der ersten Januarwoche 2014 kam ich dann endlich auf eine Normalstation, wo man sich auf Seite des Personals schon das Maul zerriss über den "Säufer" und seine Keime. Als man mich wegbrachte, sah ich, auf was für einer erbärmlichen Sterbestation ich gelegen hatte.


    Es folgte eine Zeit von knapp 7 Wochen Einzelhaft. Ich hatte multiresistente Keime und deswegen legte man mich in ein Einzelzimmer. Mein Vater kam jeden zweiten Tag, den freien Tag kam meine Frau sowie zwei alte Freunde. Die Ärzte sah ich jeden Tag 2 Minuten, Schwestern kamen beim klingeln nach einer Stunde und meistens wurde ich angeschrieen. Es ist so: als Alkoholiker hat man menschlich gesehen im Allgemeinkrankenhaus oft schlechtere Karten. Dennoch: wenn an bereits erhebliche körperliche Schäden hat, ist es immer besser, in ein normales Krankenhaus zu gehen. Ist man noch einigermaßen gesund, fährt man auf jeden Fall in der Psychiatrie besser.


    Da ich auf Grund meines schlechten Zustandes und Morphinen völlig genervt war, konnte ich den Fernseher nicht ertragen. Statt dessen dachte ich viel nach, über mich, meine Kindheit, das gestörte Verhältnis zu meinen Eltern, meine gescheiterte Ehe, den Alkoholismus und was nun werden soll. Die Klinik stellte fur mich einen Reha Antrag bei der Rentenversicherung, denn das linke Bein blieb gelähmt, die Polyneuropathie war erheblich sowie viele andere Diagnosen.


    Nach Durchsicht der Unterlagen entschied die Rentenversicherung, dass ich eine Reha nicht durchstehen würde und schickte mich unbefristet in Rente. Die Reha gab es nicht. Meine Angehörigen bekamen Angst, Angst, dass sie mich pflegen sollen. Pflegen müssen. Nun stellten sie es so dar, dass alkoholismus keine Krankheit ist und ich alleine schuld bin an meiner Situation. Meine Mutter, die in drei Monaten ein Mal zu Besuch kam, nur, weil mein Vater sie gezwungen hat, faselte etwas von "wenn du bei Bier geblieben wärst statt zu Schnaps zu wechseln wäre alles besser". Was soll es, sie hat mir sowieso oft genug gesagt, dass sie meinen Vater heiraten musste, weil ich unterwegs war und ich ihr das Leben zerstört habe.


    Ich fühlte mich wir früher, ungeliebt, nichts wert, unerwünscht. Aber eine Sache war anders: früher bekam ich sofort bei diesen Gefühlen den Drang zu trinken, nun war das komplett weg. Im Gegenteil: bis heute halte ich alle Probleme aus und reflektiere sie.


    Ich habe im Krankenhaus mit dem Sozialarbeiter, mit dem Seelsorger und einigen wenigen Ärzten, die sich Zeit nahmen, gesprochen. Auch der Sozialarbeiter, der mich vorher während der nassen Zeit betreute, besuchte mich. Ich traf noch im Krankenhaus einige Entscheidungen, die ich als Basis für mein abstinentes Leben betrachte. Das werde ich nächstes Mal darlegen.


    Ich denke, um mich zu verstehen, ist diese Vorgeschichte, die ich dargestellt habe bedeutsam. Bedenkt immer eines: Jeder Trinker ist anders, jede Geschichte ist anders. Aber eine Sache haben wir alle gemeinsam, nämlich ein geringes Selbstwertgefühl.


    Ich freue mich, wenn Ihr weiter Interesse zeigt. Ich habe morgen zum wiederholten Male einen Gutachter hier, der sich anmaßt, innerhalb von ein paar Minuten urteilen zu können, ob die Pflegeversicherung Geld raushaut, das ich gebrauchen könnte, damit das Badezimmer so umgebaut wird, dass ich duschen kann und viele andere Dinge. Es ist frustrierend, dass man als eine so kleine Wurst sich vor den Behörden und Stellen quasi ständig nackt machen muss, dass diese Leute in den Schränken und im Klo herumschnüffeln. Komisch, wenn die Zocker in den Banken das Geld ihrer Kunden verzocken, dann macht der Staat Milliarden locker. Aber gut, das gehört Bier nicht her.


    Manchmal ist es schwer, nüchtern vieles zu ertragen. Umso stolzer kann man sein, wenn man es denn bewältigt hat.


    Bis nächstes mal euer Freddy

  • Hallo Freddy,


    ich habe deinen erschütternden und erschreckenden Bericht gelesen. Du hast schwere Zeiten durchgemacht.


    Ich wünsche dir für deinen Termin morgen alles Gute!


    Ich glaube dir, dass es schwer ist, manches zu ertragen. Eins fällt mir hierzu jedoch ein: Wenn du nüchtern bist, musst du manches auch nicht ertragen. Weil du nur nüchtern die Möglichkeit hast, Dinge (dein Leben) mitzugestalten.


    Viele Grüße
    Thalia

  • Hallo Thalia!


    Vielen Dank :) Du hast auf jeden Fall recht, nur nüchtern mit klarem Kopf kann man mitgestalten.


    Wenn man nass ist, denkt man, man ist der Größte. Jedenfalls Im Rausch. In Wahrheit nimmt man die Realität völlig verzerrt wahr.


    Mal sehen, wie das morgen wird. Ich bin ja nicht allein, meine derzeitige Sozialarbeiterin ist dabei und mit der habe ich einen Glücksgriff gemacht.


    Also allen erstmal eine gute Nacht.

  • Huhu Ihr lieben Leute,


    der Termin mit dem sogenannten Gutachter war ein Reinfall. Er kam ja wegen meines Widerspruchs gegen eine Ablehnung wegen Pflegestufe. Der Vogel wusste vorher schon, was er schreiben wird. Und solche Bemerkungen wie "zu viel Duschen ist ungesund, ein mal im Monat reicht doch" usw. Ein Glück war meine Sozialarbeiterin dabei, als Zeugin.


    Ich finde es ziemlich entwürdigend, dass einem, wenn man sich denn für sein restliches Leben für Abstinenz entschieden hat, Steine in den Weg gelegt werden. Es ist die Art, dass man wie ein Bittsteller behandelt wird. Oder Bemerkungen wie "was Kur? Sie können doch nicht mehr arbeiten, da brauchen sie keine Kur" ..... Ich habe doch mal was geleistet, meine IT-Programme sind heute noch bei meinem alten Arbeitgeber in Verwendung.


    Na ja, ich werde mich bei der Pflegekasse und dem MDK beschweren über das Verhalten. Schließlich vegetiere ich jetzt ohne Hilfe seit 2014. Ich will mich ja nicht bereichern, ich möchte aber wenigstens duschen können und dass mir jemand bei der Hausarbeit hilft. Da ich bewegungsmäßig eingeschränkt bin, kann ich nicht alles selbst machen. Aber für die Pflege reicht das nicht, da muss man schon debil und dement sein.


    Ansonsten bin ich jetzt nur noch erschöpft, vorhin war der Blutzucker verdammt hoch, jetzt ist er rapide im Keller. Diese extremen Schwankungen sind für Körper und Geist überhaupt nicht gut.


    Euch einen angenehmen restlichen Tag

  • Hallo Freddy,


    das ist ja nicht schön, dass du dich so wenig ernstgenommen fühlstest von dem Gutachter. Dass du das nicht - so als "Opfer" - auf sich beruhen lassen willst, find ich eine gute, gesunde Reaktion, und dass du deine Sozialarbeiterin bei dem Termin dabei hattest, umso besser.


    Mit deiner Entscheidung für ein trockenes Leben hat das aber doch nichts zu tun, wie ich es sehe, oder? Dir werden ja nicht "Steine in den Weg gelegt", weil/obwohl/("wenn man"), du dich für ein trockenes Leben entschieden hast. Das sind zwei paar Schuh, oder verstehe ich da was falsch?


    Viele Grüße und gute Erholung! Was machst du, um dich jetzt zu entspannen?


    Thalia

  • Hallo Freddy,


    meene Jüte, da hast du ja was hinter dir :? . Solche Dinge sind unheimliche Energieräuber. Und man fühlt sich erst mal so ausgeliefert und hilflos. Gut aber, dass du eine Vertrauensperson dabei hattest. Und dich auch beschweren wirst.


    Ich glaube auch nicht, dass das alles was mit dir als trockener Alkoholiker zu tun hat. Meine inzwischen vor 11 Jahren verstorbene Schwägerin war auch sehr krank, sie hatte ein Lungenemphysem. Mein Bruder und auch ihre "Jungs", also ihre Söhne (damals noch Teenager) haben sie zuhause gepflegt. Was mein Bruder alles hinter sich hat, mit Mitarbeitern vom MDK, mit Ärzten und Krankenhauspersonal spottet jeder Beschreibung :( .


    Ich weiß nicht, ob dich das wirklich tröstet. Aber vielleicht macht es ein wenig klar, dass mit allem nicht du als Person gemeint bist, also nicht persönlich. Es ist das System, was nicht funktioniert, leider. Ich drücke dir die Daumen, dass du mit deiner Beschwerde Erfolg hast!


    Liebe Grüße
    Aurora

    Der meiste Schatten in unserem Leben rührt daher, dass wir uns selbst in der Sonne stehen.
    (Ralph Waldo Emerson)

  • Hallo Thalia, hallo Aurora,


    Energieräuber, das passt. Nein, mir ist klar, dass es nicht direkt gegen mich geht, sondern das hat System. Meine Oma hatte eine künstliche Hüfte, ihr wurde gesagt, sie solle mal aufstehen. Das tat sie, der sogenannte Gutachter sagte: Prima! Das war's.


    Ich lasse mich nicht unterkriegen, aber über das Verhalten habe ich mich bereits per Mail beschwert.


    Als ich nass war, habe ich alles, was unangenehm war sprichwörtlich herunter geschluckt. Ein Baustein meiner Abstinenz ist es, das nicht mehr zu tun.


    Aber man muss sich mal vor Augen führen, wie die oberflächlichen Bewertungen von Menschen für Folgen haben. So ein lächerlicher Gutachter kann einem das ganze Leben versauen. Ich denke da nicht so sehr an mich, sondern an die, die gar nichts mehr selbst können.


    Solche Erfahrungen macht man ja auch teilweise in der Psychiatrie, zum Beispiel auf einer Entgiftungsstation. Der Psychiater bewertet und beurteilt das komplexe Leben eines Menschen innerhalb von 5 Minuten, steckt alles jn Schubladen und verordnet Medikamente.


    Ich stehe deshalb so manchen Therapien mittlerweile kritisch gegenüber. In den Großstädten hat man ja genug Auswahl, eine geeignete Therapie zu finden, aber ich weiß nicht, wie das auf dem Land ist. Falls das wer liest, der was dazu berichten kann: würde mich mal aufrichtig interessieren.


    So, bis in Kürze sagt euch der müde Freddy.

  • Hallo liebes Forum!


    Wie lebe ich trocken?


    Ich schrieb ja bereits, dass ich bereits im Krankenhaus auf der Normalstation begonnen habe, darüber nachzudenken, wie ich trocken leben kann. Wenn mein gesundheitlicher Zusammenbruch und das Überleben, welches ich als einmalige neue Chance, die mir wieder kommen würde betrachte, einen Vorteil hatte, dann den, dass ich eine lange Pause sowohl körperlich als auch psychisch von Alkohol und Zigaretten hatte. Ich betone die Nikotinabhängigkeit deswegen immer explizit, weil ich bereits damals an COPD litt und ich mir zwar irgendwie grundsätzlich ein trockenes Leben, aber niemals ein nikotinfreies vorstellen konnte. Ich habe quasi Kette geraucht, wenn mein Hartz nicht reichte, habe ich lieber auf Essen verzichtet. Aber niemals auf Zigaretten. Die Quittung ist heute, dass jch erhebliche Einschränkungen habe, weil die Lungenfunktion schwer beeinträchtigt ist.


    Ich dachte mir damals: dü bist nun so und so viele Wochen ohne Alkohol und Zigaretten ausgekommen, es geht also, dann wärst du dumm, das bisher Erreichte wieder zu zerstören. Mit dem Alkohol war das im Krankenhaus ja kein Problem: ich lag wegen der Keime alleine in einem Zimmer, niemand der mich besuchte kam mit Alkohol oder Fahne, ich war dauerhaft bettlägerig und nur in dem Zimmer. Mit dem Rauchen war es etwas schwieriger, denn so manche Schwester, die hereinkam, war offensichtlich kurz vorher draußen rauchen. Bei dem Tabakgeruch gingen immer wieder Trigger an. War aber glücklicherweise auch sofort wieder besser. Beim Alkohol dachte ich, dass ich ja auch in den Entgiftungen oder anderen Klinikaufenthalten nie Suchtdruck hatte. Der kam immer, wenn ich alleine wieder in der alten Umgebung war, alleine mit Ängsten, Depressionen, Trauer, Liebeskummer und Erinnerungen an eine Kindheit, für die man meine Erzeuger heute noch nachträglich in den Knast stecken sollte.


    Nach Gesprächen mit einem Sozialarbeiter und dem Seelsorger beschloss ich, da ich ja gar nicht mehr in meine alte Wohnung gehen würde (außerdem lag die im dritten Stock), meine Angehörigen zu beauftragen, möglichst viel Ballast aus der alten Umgebung zu entsorgen und meine Exfrau, sich so viel sie für sich und unser Kind an Möbeln, Geräten usw gebrauchen konnte zu nehmen. Im nächsten Schritt überlegte ich, welche Kontakte ich ab sofort vermeide. Da war vor allem die On/Off-Beziehung mit einer Frau (ehemalige Mitpatientin), mit der ich eigentlich immer nur getrunken hatte. Sie war Quartalstrinkerin, wobei ich denke, dass bei diesen Trinkern eher eine massive bipolare Störung vorliegt, und in der Krise exzessiv getrunken wird. Wie dem auch sei, weil sie eben nach so einer Phase plötzlich von einer Sekunde auf die andere aufhörte zu trinken (oder in einer Klinik landete) und dann monatelang komplett trocken war, sah sie sich nicht als krank und hielt alle anderen für blöd, so drückte sie sich aus. Mir wurde, so sehr ich sie trotz aller Umstände ins Herz geschlossen hatte, klar, dass ich mit ihren Trinkphasenihrem Verhalten währenddessen niemals klarkommen würde. Da wir sowieso bereits mal wieder eine Off/Phase hatten, habe ich mich nie wieder bei ihr gemeldet. Ans Telefon gehe ich sowieso grundsätzlich nur, meine wenigen verbliebenen Menschen, mit denen ich loyal zu tun habe, wissen, wo und wie sie mich jederzeit erreichen. Ich will einfach nur meine Ruhe.


    Ich ging auch meine Freunde und Bekannten durch. Ein Teil war sowieso weg, als ich mich als Alkoholiker outete, wandten Sir sich angewidert ab. Vor allem die, die selbst offensichtlich gefährdet waren oder sich andere Dinge durch die Nase ziehen und glauben, das merkt keiner. Ich habe drei wirklich enge gute Freunde und Vertraute, wir kennen und von klein auf, haben zusammen bis zum Abi die Schulbank gedrückt, kommen aus jeweils völlig unterschiedlichen sozialen Umgebungen und haben doch viel gemeinsam oder ergänzen uns. Wir haben auch und ausgiebig getrunken und gefeiert, unsere alten Kneipenexzesse während des Studiums waren fast legendär. Aber der Unterschied ist, dass wir eben vor allem zusammen gelernt haben, die ersten Mädels kennen lernten, zusammen im Urlaub waren, Angeln und und und. Eben nicht nur trinken. Diese drei akzeptieren mich so, wie ich bin. Sie nehmen Rücksicht auf meinen Gesundheitszustand, niemand von ihnen würde je auf die Idee kommen, in meiner Gegenwart alkoholisiert herzukommen. Klar gehen sie gerns auch noch mal einen trinken, aber der Unterschied gu. mir ist, dass sie nicht trinken MÜSSEN. Ich dagegen weiß heute definitiv, dass ich, wenn ich auch nur ein Bier trinken würde, sofort das Verlangen nach dem alten Level, das Verlangen nach Wodka hätte. Ich kann mir nicht vorstellen, einfach wegen des Genusses ejn Bier zu trinken und gut ist es. Das war immer so: beim ersten Schluck Bier wollte ich sofort Schnaps. Nur früher habe ich das vor mir selbst geleugnet.


    Den Kontakt zu anderen alten Schulfreunden, die damals nur beim Saufen dabei waren, habe ich seitdem gemieden. Einige riefen mich zwar an, aber wenn ich gemerkt habe, dass sie angetrunken anriefen wusste ich, dass sie sich nicht verändert haben und ließ es sein. Ich habe zwei Geschwister, mit einem Bruder war ich oft zum Trinken unterwegs. Eigentlich haben wir uns nur dann verstanden. Jetzt haben wir keinen Kontakt mehr, er weiß wohl nicht, was er mit mir anfangen soll. Meine Schwester dagegen trinkt nicht, jetzt haben wir endlich Kontakt, den sie früher eher nicht wollte, weil ihr die Trinkerei zuwider war


    Jeder, der heute zu mir kommt, respektiert meine Abstinenz. Hier wird auch nicht geraucht. Alles, was mich an alte Verhaltensmuster erinnern könnte, meide ich bis heute. Ich ernähre mich anders, was nicht schwer fällt, denn ich vertrage nur noch wenige Nahrungsmittel. Ich habe einen festen strukturierten Tagesablauf, der im wesentlichen durch die zeitlich versetzte Einnahme von Medikamenten, Zuckermessen und Insulin spritzen bestimmt ist. Ich lasse keinen Stress mehr an mich heran, ich werde von einer Sozialarbeiterin unterstützt.


    Was sich geändert hat: früher waren alle meine Ängste, Depressionen, soziale Phobie verdeckt durch den allabendlichen Alkoholmißbrauch. Auch wenn man am Tag null Promille gehabt hätte, der jahrzehntelange Alkoholkonsum verändert einen Menschen. Ich war immer gleich (gut) drauf, ich weiß heute, dass ich trinken musste, weil ich nur so leben konnte.


    Heute kommen alle Ängste und Phobien komplett immer stärker heraus. Ich habe auch hier durch diverse Therapien Unterstützung. Am meisten hemmt mich die soziale Phobie. Wer mag kann das ja mal googlen. Dadurch kann ich nicht in eine SHG, obwohl bei mir fast um die Ecke eine ist. Aber ich habe nun Kontakt mit einer SHG speziell für Leute mit sozialer Phobie aufgenommen. Das größte Problem ist immer, wie ich dorthin komme, den ich habe erhebliche Einschränkungen der Mobilität.


    Als jch 2014 aus der Klinik kam, habe ich bis Mitte 2015 irgendwie nur vegetiert. Die Zeit lief am mir vorbei, ich war wie ein Zombie. Nach dem Wechsel der Psychiaters wurde ein Antidepressivum, welches ich offensichtlich nicht vertragen habe, gegen ein anderes gewechselt. Seitdem ist das Leben nicht einfacher geworden, aber jch bin klar wie nie und arbeite meine Vergangenheit auf. Aus diesen Gründen kommen die Therapeuten immer gerne zu mir, das ist wohl für sie eine Erholung. Andere Patienten sind wohl weniger kooperativ.


    Mein Leben war und ist nicht einfach. Es ist schwer wahrhaben zu müssen, dass man körperlich weniger fit ist als seine fast 90-jährigen Eltern. Es ist nicht angenehm, seinen Traumata ins Auge zu sehen. Es ist nicht schön erkennen zu müssen, dass man von Anfang an bereits psychisch vom Alk abhängig war. Aber ich freue mich jeden Morgen, egal wie die Schmerzen sind, dass jch lebe, freue mich auf das wunderbare Brot, auf ein Ei, auf meinen Kaffee. Ich lese viel, da habe ich Nachholbedarf, denn die letzten Jahre des Trinkens waren eine Zeit der Verblödung. Wenn ich mir heute vorstelle, wie ich jahrelang mit im Kopf hatte, wo ich Alkohol herbekomme, wo ich ihn verstecke, wo jch ihn versteckt habe, ob ich noch fahren kann, wie ich letzte Nacht eingeschlafen bin, was passiert ist.... dann wird mir ganz schlecht. Dann freue ich mich umso mehr, dass ich FREI bin von allem, was das Trinken s mit sich brachte.


    Ich habe in den über drei Jahren Trockenheit keinen Suchtdruck gehabt, ich vermeide es aber auch, auf Veranstaltungen zu gehen, auf denen getrunken wird. Das möchte ich mir nicht antun. Ich glaube auch nicht, dass ich etwas verpasse. Was wir früher gefeiert haben, das reicht für 100 Jahre. Es ist allerdings auch nicht ganz ausgeschlossen, dass die Kombination von starken Schmerzmitteln und Psychopharmaka irgendwie dazu beiträgt. Das kann man vermuten, aber nicht beweisen. Zumal jeder Psychopharmaka anders verträgt bzw. verwertet. Es gibt keine Pille gegen Alkoholismus. Auch gegen Heroinsucht gibt es nichts. Die Substituierung von Abhängigen mit Meta usw. ist genau die Droge, nur eben nicht gestreckt mit irgendwelchem Dreck und ohne euphorisierende Wirkung.


    Es gibt Leute, die verweisen auf den französischen Arzt und seine Erfahrungen mit Medikamenten. Dazu sage ich: lest genau. Er wollte nicht TROCKEN werden, geschweige abstinent. Er wollte nur WENIGER trinken. Auch an Märchen vom kontrollierten Trinken glaube ich nicht. Ich habe abends nie mehr als eine bestimmte Menge getrunken. Und?


    Für mich gibt es nur Abstinenz oder sich zu Tode trinken. Ich hatte mich 2009-2011 mit Mitpatienten angefreundet. Wir waren mit mir mal 15 Leute. Nur noch ich und ejn anderer leben noch. Alle (!) Anderen sind bereits verstorben, sie waren zwischen 32 und 61. Alle an den Folgen des Alkohols.


    Ich hoffe, dass ich meine Abstinenz bis an mein Ende aufrecht erhalten kann.

  • Hallo Freddy,


    Herzlich willkommen hier im Forum.
    Ich wünsche dir einen guten Austausch.


    Ich schreibe dir, obwohl ich deine Texte nicht alle lesen kann, weil es mir nicht möglich ist. Es macht mich zu traurig und ich lerne, dass ich dann vorsichtig sein muss.


    Eine Sache aber, die mir aufgefallen ist, das ist die Isolation.
    Aus der sollen wir uns befreien, die behindert unseren trockenen weg.


    Deshalb kann ich dich nur ermuntern hier weiter Austausch zu finden.


    Liebe Grüße
    Hans

  • Hallo Hans,


    danke für das Willkommen. Du hast recht mit der Isolation. Das ist, zusammen mit meinen Ängsten und Phobien, bei mir ein ganz wichtiges Thema, im Prinzip wurde un der Therapie bereits erarbeitet, dass diese Dinge der Grund für meine Sucht waren und sind. Es kann einen immer wieder erwischen, wenn man nicht wachsam ist.


    Und mir hat man leider gesagt, dass ein Rückfall nach der Klinikzeit der erste und der letzte sein würde.


    Ich habe seit längerem die Diagnosen Bauchspeicheldrüsenkrebs und einige andere Dinge. Ich habe also wie es aussieht eine begrenzte Zeit, sehr eng begrenzt, deshalb ist es wichtig, nüchtern und abstinent zu bleiben. Trotz all diesem Krankheitselend bin ich glücklich.


    Ich hatte eben einen meiner ältesten Freunde zu Besuch, den das alles damals sehr mitgenommen hat. Er war immer ein Mensch, der nie geraucht und nur ganz wenig getrunken hat. Ihm waren die Saufereien zuwider. Wie kennen uns über 40 Jahre. Und haben immer noch viel zu erzählen Das war ein entspannter Nachmittag, ich habe seit Tagen mein Telefon aus, weil ich nicht mehr funktionieren will, so wie andere das gerne hätten.


    Ich werde die nächsten Tage wieder was schreiben, ich bin noch vom Wochenende kaputt, ich hatte einen Rappel bekommen und aus meinem Wohnzimmer Diverses entsorgt, weil ich nicht,, so wie früher mit meiner Frau, allen Tüddelkram haben will. Nur wenig, mit Priorität auf das, was mir wichtig ist: meine Bücher, richtige, aus Papier, nicht als Ebook, und meinen Synthesizer. Gut und ne Couch zum Chillen. Mehr brauche ich im Wohnzimmer nicht. Früher hatte meine Frau den Hals nicht vollkriegen können, es musste immer mehr Schnickschnack in die Wohnung, das hat mich krank gemacht.


    Ich hatte keine Luft zum Atmen. All diese Situationen, die mir regelrecht körperliches Unbehagen zufügen, meide ich konsequent. Alles, was nur im entferntesten an alte Muster erinnert, mähe jch radikal nieder. Vielleicht ist das der Erfolg, dass jch bislang ohne Suchtdruck so vor mich hin lebe. Und nicht unzufrieden, sondern wirklich zufrieden bin.


    Bis die Tage, eine schöne trockene Zeit für euch und für die, die ihre Krankheit noch nicht erkennen: gebt nicht auf. Brecht mit dem, was euch krank macht. Wenn ihr weiter trinkt, ist die Wahrscheinlichkeit, spätestens mitAnfan mit Anfang 50 tot zu sein, groß. Gebt euch nicht auf, es ist schade um jeden Einzelnen!

  • Hallo Ihr lieben Leute,


    zur Zeit hänge ich etwas in den Seilen. Erst mal graut mir vor der Zeitumstellung, denn für mich mit meinen Zwängen und Phobien ist alles, was den gewohnten Lauf unterbricht eine Qual. Bis eine Psychotherapie greift, das kann dauern, wenn sie denn überhaupt erfolgreich ist. Zudem ist es in meiner Heimatstadt sehr schwer, einen Therapieplatz zu finden. Ich hatte eine Therapie, die ich beenden musste, denn ich kam mit der Dame nicht klar. Wenn das Vertrauen und du Sympathie nicht passen, öffnet man sich nicht, dann ist die ganze Sache für den Allerwertesten.


    Zudem spinnt der Rest meiner Bauchspeicheldrüse derzeit extrem, die Liste der Lebensmittel, die ich vertrage, wird immer dünner. Und zum Teil teurer, weil ich nur noch das kaufen kann, was auch problemlos vertragen wird.


    Nervös bin ich, unruhig, ich weiß nicht wieso. Allerdings habe ich in den letzten drei Nächten auch extrem mies geschlafen, war zwei Mal unterzuckert.


    Ich stelle fest, dass das Schmerzmittel, welches speziell gegen die Schmerzen im Oberbauch und den Narben eingesetzt wird, so eine Art Morphin, heute nicht mehr dämpft. Der Schmerz direkt unter dem Brustbein, der von der Bauchspeicheldrüse verursacht wird und bis in die Flanken zieht, fängt an unerträglich zu werden. Dazu passen erhebliche Verdauungsprobleme. So langsam kann ich in diesem Bereich meine Diagnosen selbst stellen. Ich überlege die ganze Zeit, ob und wann es notwendig werden könnte, zur Klinik zu fahren, vorsichtshalber? Ich kann nur abwarten und hoffen. Gestern hatte ich abends Tomate gegessen, das habe ich absolut nicht vertragen, sehr wahrscheinlich wegen der Schale.


    Schauen wir mal. Vielleicht bin ich deshalb nervös, weil da was im Gange ist. Drückt mir die Daumen.


    Ein schönes Wochenende trotzdem!

  • Hallo Freddy,


    ich drück dir die Daumen, dass sich alles auf ein erträgliches Maß wieder einpendelt.


    Liebe Grüße
    Aurora

    Der meiste Schatten in unserem Leben rührt daher, dass wir uns selbst in der Sonne stehen.
    (Ralph Waldo Emerson)

  • Hallo Aurora, hallo Thalia,


    es geht. Ich bin wie jeden Tag immer mal wieder tierisch müde. Kann natürlich von den ganzen Medis kommen. Das ist übrigens eine Sache, die mir auch gewaltig stinkt. Auf der einen Seite bin ich so unendlich froh, frei von Alk und seinen Folgen zu sein nicht mehr ständig überlegen zu müssen, in der Mist noch reicht, wo ich ihn kaufe, damit es nicht so auffällt, ob das Geld reicht, wo ich die Flasche verstecke und so fort. Auf der anderen Seite muss ich nun auch ständig prüfen, ob die Medis reichen, ob das Insulin reicht, die Nadeln, die Teststreifen. Bedenken, wann mein Hausarzt wieder mal seine Praxis komplett geschlossen hat. Aber es ist nicht zu ändern, ohne die Medikamente geht es leider nicht mehr. Ich kann sogar noch dankbar sein, dass die Leber noch einigermaßen alles verstoffwechselt, das kann irgendwann vorbei sein. Als ich vor einiger Zeit Chemo hatte, da bekam die Leber noch mal richtig was ab, war von den Werten her entzündet.


    Dafür hat sich die Bauchspeicheldrüse wieder beruhigt, habe allerdings heute auch komplett auf Fett verzichtet.


    Es ist wie so oft, alles hat zwei Seiten, eine gute, eine schlechte. Das war immer so, nur ich habe mich den schlechten Seiten niemals gestellt. Konnte ich nicht. Deswegen habe ich getrunken, zwar auch in Gesellschaft, aber am liebsten alleine, weil ich mich dann ohne Interaktion in die Wunschstimmung versetzen konnte.


    Ich muss sagen, dass ich sehr dankbar bin, dass meine Sozialarbeiterin mir teilweise mehr als es mit ihrem Arbeitgeber vereinbart wurde zur Seite steht. Auch mal so, zum Reden. Ich kommuniziere zwar auch mit meinen drei besten Freunden, aber zwei leben nicht hier, und wir können nicht dauernd skypen. Die müssen nebenbei auch noch arbeiten und haben Kinder. :)


    Deswegen ist es gut, mit der Sozialarbeitern zusammen zu reden oder auch hier zu schreiben. Für eine reale SHG behindert mich das Problem mit der Sozialphobie.


    Meine Eltern wohnen im gleichen Haus, aber das Verhältnis ist schlecht wie sonstwas. Normalerweise haben wir nichts zu bereden. Die waren in drei Jahren einmal kurz bei mir drinnen, ich war einmal 10 Minuten bei ihnen. Was sollten wir auch bereden? Ich kann und will nicht all die Schläge, Misshandlungen Demütigungen, Lügen und Zustände, die sie mir jnd meinen Geschwistern angetan haben, jemals vergessen. Denn sie sehen sich als absolut unschuldig an, lassen uns alle spüren, dass sie keine Kinder wollten. Wie haben Enkelkinder, die wollten niemals bei Oma und Opa übernachten. Das sagt alles.


    Wie dem auch sei, ich freue mich, dass jetzt mittlerweile die Schmerzen im Oberbauch weg sind und ich langsam gut drauf bin. Ich werde jetzt mal schön die Musik aufdrehen, ich denke, entweder Ozzy oder Led Zeppelin.


    Bis demnächst sagt der Freddy

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