Guten Morgen Kaltblut,
ich musste schmunzeln, als ich heute morgen las, dass du dir Sorgen wegen meines traurigen Stöhnens machst, das nicht weggehen will. Im Grunde bin ich nämlich alles andere als ein trauriger Mensch. Aber ich denke, dass ich jedes Recht dazu habe, traurig zu sein und diese Trauer auch ihre Zeit dauert. Freue dich wenn es dir nicht so geht. Ich versuche schon seit einiger Zeit, die Tage zu nehmen, wie sie kommen. Über die fröhlichen freue ich mich und die traurigen lasse ich zu. Wenn ich meine Trauer übertünche mit hektischen Aktivitäten, tue ich mir keinen Gefallen, habe ich gemerkt. Zu Anfang habe ich dagegen angekämpft, wollte fast mit Gewalt nicht zulassen, dass sie mich im Griff hat.
Auch bei dir hab ich manchmal den Eindruck, dass du kämpfst. Um deine Frau, um euere Beziehung, darum, gut über die Tage zu kommen. Das kenne ich gut. Ich habe mich die erste Zeit „danach“ dauernd verabredet, war ständig auf der Flucht vor den schlechten Gefühlen, hab mich in Aktivitäten gestürzt, fast bis an die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit. Es hat nichts genützt. In ruhigen Momenten war alles wieder da. Nun gehe ich es halt anders an.
Genau wie du, bin ich der Meinung, dass es vorwärts geht und "es" irgendwann vorbei ist. Ich kann eine ganze Menge auf die Reihe bekommen und überstehen. Ich habe aber das Empfinden, wenn ich meine negativen Gefühle, auch die der Trauer, nicht zulasse, dann bleiben sie umso länger, nur eben versteckt. Und wenn ich sie jetzt, wo sie präsent sind, geschehen lassen, denke ich, dass sie mich irgendwann in Ruhe lassen und nicht mehr unverhofft auftauchen. Du nennst es Ohnmacht, was dich überfällt, wenn du bestimmte Kleinigkeiten siehst. Ich nenne es Trauer. Vielleicht, weil ich auch über die Ohnmacht traurig bin und zusehen muss, wie etwas, das ich für wunderschön halte, einfach nicht passieren kann. Akzeptanz kann nicht nur über den Kopf geschehen. Es dauert nur im Fühlen, so habe ich gelernt, etwas länger, bis sie sich manifestiert.
Und auch die Co-Abhängigkeit ist nicht einfach weg, nur weil der oder die Andere nicht mehr trinkt oder nicht mehr da ist. Auch wenn ich mir radikal bestimmte Dinge verbiete, sind sie erst nur im Kopf, die Verbote. Das Empfinden, das anders leben, anders mit bestimmten Dingen umgehen, das dauert einfach seine Zeit. Schließlich hat es auch Jahre und Jahrzehnte gedauert, bis ich co-abhängige Strukturen entwickelt habe. Wie sollen sie dann so schnell wieder weg sein, nur weil ich mir mit dem Verstand sage, dass es keinen Sinn macht?
Ich wünsche dir einen zufriedenen Tag.
Ette