Hannah - Vorstellung

  • Hallo zusammen,

    ich wollte euch mal wieder ein kleines Update da lassen und ehrlich berichten, wie es mir aktuell geht.

    Von meinem Arbeitgeber kam bisher glücklicherweise nichts Weiteres, die Lohnfortzahlung läuft ganz normal weiter. Zumindest an dieser Front gibt es also absolut keine Probleme, was mir einiges an Druck nimmt.

    Die letzten Tage war ich extrem strukturiert unterwegs. Ich bin morgens früh aufgestanden, habe direkt Sport gemacht und mir dann Raum für Raum vorgenommen. Ausgemistet, geschrubbt, wirklich von den Fußleisten bis zur Decke alles durchgewienert. Ich habe sogar die Türblätter, Türklinken, Fensterrahmen und Rollläden gereinigt, den Dachboden entrümpelt und neu gestrichen. Das hat mir unglaublich viel Halt gegeben, weil ich jeden Tag einen festen Plan hatte.

    Aber jetzt stehe ich an dem Punkt: Es gibt schlichtweg nichts mehr zu tun. Sogar die Wäschekörbe sind komplett leer. Ich kann schließlich auch nicht den ganzen Tag nur Ordnung schaffen.

    Und genau jetzt, wo dieser radikale Leerlauf da ist, die gewohnte Struktur von Schule und Arbeit fehlt und die Kinder in den Ferien anfangen sich zu streiten, merke ich den Unterschied. Mein stabil gebautes Steinhaus fühlte sich in diesen Augenblicken plötzlich gar nicht mehr so massiv an, sondern wackelte wie eine kleine Strohbude.

    Wir wohnen ja sehr ländlich und der See liegt direkt um die Ecke. Da mein Mann zurzeit sowieso nicht da ist und die Kids in den Ferien beschäftigt werden wollen, ist das einfach unsere Hauptbeschäftigung. Wir packen nachmittags die Sachen und fahren für drei, vier Stunden bis zum Abendessen raus.

    Mein enges Umfeld weiß Bescheid. Da habe ich meine Scham überwinden können und offen gesagt, dass ich ein Problem mit Alkohol habe und keinen Schluck mehr trinke. Die Menschen um mich herum reagieren wirklich toll. Eine ganz liebe Freundin macht sich da jedes Mal so unglaublich viel Mühe. Sie bereitet eine riesige Kühltasche vor, zaubert leckeren Eiskaffee für uns, packt frisches Obst, gekühlte Snacks und alkoholfreie Erfrischungen ein, damit wir es uns richtig gemütlich machen können. Es tut einfach unendlich gut zu spüren, wie viel Rücksicht genommen wird und mit wie viel Liebe sie uns da begleitet.

    Aber es gab eben diese Momente. Wenn drei Plätze weiter die Sektkorken knallten, Bierflaschen geöffnet wurden oder der Geruch von Zigarettenrauch rüberzog. Das löste bei mir sofort dieses alte Feeling aus und triggerte mich extrem. Mittlerweile gab es genau zwei Situationen, in denen das so stark war, dass ich einfach nur noch ganz schnell aus der Situation raus musste.

    In diesen zwei Momenten fühlte sich das einfach wahnsinnig blöd an. Meine Kinder hatten gerade riesigen Spaß und verstanden gar nicht, was bei mir los war. Ich konnte es ihnen da auch absolut nicht erklären. Als sie dann anfingen zu diskutieren, weil sie verständlicherweise noch bleiben wollten, merkte ich, wie ich extrem gereizt und innerlich fast schon ungemütlich wurde, weil mein Kopf einfach nur Flucht signalisierte. Ich hatte in dieser Anspannung überhaupt nicht die Nerven für Diskussionen. Es fühlte sich auch gegenüber meinen Freundinnen schrecklich an, in die Runde zu sagen: Leute, ich muss jetzt gehen.

    Ich bin wirklich unendlich dankbar für meine Mädels. Sie haben das in dem Moment gemerkt und gesagt: Stopp, du fährst jetzt nach Hause und lässt die Kids einfach hier, wir bringen sie dir später nach.

    Als ich dann allein zu Hause saß, kam neben dieser merkwürdigen Einsamkeit sofort ein riesiges schlechtes Gewissen hoch. Ich saß da in der stillen Bude und hatte das Gefühl, meinen Kindern den schönen Tag kaputtgemacht zu haben.

    Ich merke einfach, wie wichtig es ist, genau jetzt wachsam zu bleiben und zu akzeptieren, dass dieser plötzliche Leerlauf und solche Sommertrigger Zeit brauchen.

    Wie geht ihr mit dieser plötzlichen Leere um, wenn die Ablenkung nachlässt und solche gewohnten Gefühle wieder hochploppen?

  • Mir ist gerade noch ein wichtiger Impuls gekommen, den ich kurz teilen möchte:

    Ich habe das Thema Notfallkoffer bisher gedanklich viel zu sehr an greifbare Gegenstände geknüpft. Aber so ein Koffer ist ja am Ende vor allem ein inneres Repertoire. Er muss Dinge enthalten, die man immer bei sich trägt, völlig egal wo man sich gerade aufhält.

    Mitten im Getümmel am See bringt es mir rein gar nichts, ein Tagebuch zu suchen. In so einer Sekunde brauche ich eher Handlungen, die das Gehirn kurz unterbrechen. Vielleicht ein starker körperlicher Reiz, ein paar tiefe Atemzüge, einmal aufstampfen oder kurz die Muskeln extrem anspannen, um den aufsteigenden Fluchtmodus ein Stück weit abzufangen.

    Direkt komplett entspannt zu sein ist in dem Moment wahrscheinlich illusorisch, aber zumindest so viel Abstand zu gewinnen, dass man wieder klar denken kann.

    Welche unsichtbaren Werkzeuge habt ihr in eurem inneren Koffer verpackt, die euch in solch überrumpelnden Momenten unter Menschen helfen?

  • Also erstmal finde ich richtig, dass Du die Situation verlassen hast.
    Wegen der Kinder würde ich mir kein schlechtes Gewissen machen. Sie waren unter Aufsicht und hatten bestimmt trotzdem noch ihren Spaß. Schön, dass Du so tolle Freundinnen hast.

    Beim Lesen Deines Aktionismus im Haushalt wurde mir schon ganz schwindlig. Man kann sich auch an anderen Dingen „ besaufen“. Kein Wunder, dass danach eine gewisse Leere entsteht.

    Ich konnte mich anfangs auch nur schwer selbst aushalten. Mittlerweile bin ich da ruhiger und gelassener geworden.
    Vielleicht findest Du irgendwas nur für Dich, worauf Du Lust hast, alte Hobbies oder was Du schon immer mal machen wolltest….

    Zum Notfallkoffer gibt es hier auch irgendwo einen Faden, wo ganz viele Sachen aufgezählt sind.

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    LG Tabsi, abstinent seit 27.04.2024

  • Zu Beginn meiner Abstinenz habe ich viele verschiedene Atemtechniken ausprobiert. Die 4-7-8-Methode half mir immer recht zügig. 4 Sekunden durch die Nase einatmen, 7 Sekunden die Luft halten und dann 8 Sekunden durch den Mund ausatmen. Das verschaffte mir innerliche Ruhe. Im www findest Du verschiedenste Atemtechniken. Evtl. ist auch eine dabei die Dir hilft.

    Nach meinen großen Aufräum- und Putzaktionen, die ich zu Beginn auch täglich vornahm, halfen mir danach Pflege meiner selbst. Ausgiebiges Baden, Eincremen, Gesichtsmasken usw. Auch eine Bürste mit Naturborsten (nicht zu hart) gehört zu meinem Notfallkoffer. Mit dieser habe ich bei Unruhe meine Arme + Beine abgebürstet. Die Konzentration darauf, ließ meine Unruhe verschwinden.

    Du hast aber alles richtig gemacht und ein schlechtes Gewissen wegen Deiner Kinder brauchst Du echt nicht zu haben. Sie hatten trotzdem noch ihrem Spaß dank Deiner lieben Freundinnen.

    LG

    Bibi

    Das Leben wird dir solange denselben Test geben, bis du ihn bestanden hast.

    -Xo Filou-

    Trocken seit 11.07.2025

  • Hallo Tabsi, hallo Bibi,

    danke euch für die Rückmeldungen und die echt guten Tipps.

    Eure Beiträge haben bei mir gedanklich noch mal einiges ins Rollen gebracht. Wenn ich mir das heute Morgen mit ein bisschen Abstand angucke, habe ich bezüglich des schlechten Gewissens eine Vermutung: Könnte das nicht genau die Nummer sein, wo sich das Suchtgedächtnis klammheimlich durch die Hintertür wieder reinschleicht?

    Der Suchtwolf ist schließlich ein ziemlich hinterlistiger Geselle. Wenn er merkt, dass er von vorne nicht durchkommt, nutzt er eben genau diese Hintertür und versucht es über die Schiene Schuldgefühle und schlechtes Gewissen.

    Ich werfe das jetzt erst mal nur als Vermutung in die Runde, aber rein von der Logik her weiß ich ja eigentlich: Den Kids ging es super, die waren bestens versorgt und hatten ihren Spaß. Denen war es am Ende herzlich egal, ob ich da noch am Ufer hocke oder nicht. Klar war das kurz komisch, als ich los bin, aber danach war die Sache für die gegessen. Dass mich das zu Hause trotzdem so extrem zerfressen hat, war vermutlich genau diese fiese Falle, um über Umwege wieder Druck aufzubauen.

    Eure Anregungen zum Thema Selbstfürsorge und Notfallkoffer nehme ich auf jeden Fall mit. Ich muss jetzt mal in Ruhe schauen, was davon wirklich zu mir passt. Gerade solche Sachen über den Körper wie die Bürstenmassage oder Atemübungen klingen spannend, um diese innere Unruhe abzufangen. Ich werde da einfach ein bisschen rumprobieren.

    Danke euch für den starken Austausch!

  • Hallo Hannah,

    ich gehe mal davon aus, dass der See so gut besucht ist, dass ihr keinen Platz abseits von Trinkenden und Rauchenden findet.

    Könntest du da mit deinen Freundinnen oder einer Freundin vor dem nächsten Seebesuch absprechen, ob sie auf deine Kinder mit aufpasst, wenn du die gemeinsame Situation verlassen musst? Dann bräuchtest du nur zu sagen, dass du gehen müsstest, und sie würde dir sagen, dass sie deine Kinder um xy Uhr zu dir nach Hause bringe.
    Dann müsstest du allenfalls erklären, dass dir übel sei - was ja auch nicht richtig gelogen ist.

    Du könntest dann noch nach Verlassen der Situation zu dir passende Achtsamkeitsübungen machen und dann entscheiden, ob du zurück oder nach Hause gehen möchtest.

    Oder eine Freundin nimmt mal deine Kinder mit und du machst dir einen Nachmittsg alleine mit Dingen, die dir Spaß machen und die du am besten ohne Kinder unternehmen kannst. (Hobby oder intensive Körperpflege oder spazieren…).

    Ich wünsche dir auch, dass du viele schöne Dinge findest, die die Leere mit einem Zufriedenheitsgefühl ausfüllen.

    LG Kyra

    Mein Weg in die Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit begann am 26.11.2025 und endet mit mir.

  • Hi Hannah ,

    meine Sucht oder mein Suchtgedächtnis versucht jedes Gefühl, ob gut oder schlecht zu nutzen, um mich zum Saufen zu bringen. :( Je stärker das/die Gefühle sind desto mehr sieht es eine Chance. Wenn ich ihm diese Chance gebe. Deshalb gibt es hier auch den Rat möglichst dafür zu sorgen, dass es einem so gut wie möglich geht.

    Ich benutze nicht den Begriff Suchthirn oder andere Begriffe. Denn dann würde ich Alkohol zu viel Raum und Macht geben. Das reduziere ich auf ein absolutes Minimum. Und ich betrachte Alkohol auch ganz neutral und lade ihn weder positiv noch negativ auf. Also bei mir ist er kein Wolf.;)

    Letztendlich ist es die fest verankerte Erinnerung, dass Alkohol unmittelbar auf das Belohnungszentrum wirkt und schnell ein angenehmes und gutes Gefühl auslöst. Und diese Erinnerung lässt sich nicht mehr überschreiben. Das ist eben Sucht.

    Zu den Momenten wo Suchtdruck aufkommt. Kennst Du die HALT Regel? Das sind Gefühlszustände, die Du vermeiden solltest. Hungry = hungrig, Angry= wütend, Lonely = einsam, Tired = müde.

    Deshalb hat mir immer bei Suchtdruck gut geholfen ordentlich zu trinken und/oder ordentlich zu Essen. Und ordentlich meint dann richtig vollstopfen.;)

    Ansonsten habe ich am Anfang und teilweise auch heute noch wahlweise richtig scharfe Pfefferzinsbonbons, eine kleine Flasche reinen Zitronensaft oder einen kleinen Plastikigelball dabei gehabt. Irgendetwas was einen scharfen Reiz auslöst, um mich aus der Suchtdruckschleife zu holen und mich in Bewegung zu bringen. Und ich meine in Bewegung also tatsächlich irgendetwas tun.

    Ich habe allerdings auch selten Suchtdruck gehabt, weil ich die Grundbausteine umgesetzt habe und konsequente Risikominimierung betreibe.

    Vielleicht ist ja bei dem, was ich schreibe irgendetwas für Dich dabei.

    Auf jeden Fall ist es gut und richtig, wenn eine schwierige Situation entsteht sofort die Biege zu machen. Nicht aushalten. Das ist mein und auch mein einziger Plan B.;)

    Liebe Grüße Kazik

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    abstinent seit 10.12.2024 / Heute trinke ich nicht.

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