Nine - Es ist vorbei und

  • Hallo Nine, schön, dass du bei uns bist.

    Erstmal mein Beileid. Die Grausamkeit der Sucht lässt sich erklären, aber wirklich verstehen ist verdammt schwer. Und danke, dass du darüber so offen schreibst.

    Ja, andere Erkrankungen können Begleitumstände sein und manches verstärken. Aber die Sucht bleibt die Sucht.

    Ich kenne dieses Verdrängen und Schönreden aus meiner eigenen nassen Zeit. Ich wusste, dass ich Alkoholiker bin, und konnte trotzdem verdrängen, was ich mir selbst antat. Klingt widersprüchlich. Sucht ist aber auch nicht gerade für ihre Logik bekannt.

    Auch die Angst vor dem Arzt kenne ich. Solange ich nicht hingehe, bekomme ich auch nicht schwarz auf weiß gesagt, was ich vielleicht längst ahne. Und solange das Weitersaufen nicht gestört wird, findet das nasse Denken erstaunlich viele passende Erklärungen.

    Es braucht auch kein Delir, kein Erbrechen, keine Gewalt und nicht das ständig sichtbare Volltrunkensein. Man kann nach außen noch lange funktionieren, während der Körper längst die Rechnung schreibt.

    Ob dein Mann es unterbewusst so wollte, kann niemand wissen. Aus meiner Erfahrung braucht Sucht keinen Todeswunsch, um einen Menschen bis zum Tod weitersaufen zu lassen. Ich wollte damals nicht sterben. Ich wollte saufen. Dass mich genau das irgendwann hätte umbringen können, konnte ich hervorragend verdrängen.

    Und manchmal kommt der große Warnschuss eben nicht mehr. Leider.

    Ich kann verstehen, dass du heute zurückschaust und versuchst, vieles zu verstehen. Manche Antworten wirst du vielleicht bekommen, andere nicht mehr.

    Ich komme aus der Alkoholiker-Ecke und kann dir deshalb hauptsächlich nur diese Seite zeigen. Für deine eigene Seite gibt es hier andere, die diesen Weg als Angehörige selbst gegangen sind und aus eigener Erfahrung wissen, wie man den Blick langsam wieder auf sich selbst richtet.

    Alles Gute dazu.

    Gruß Hartmut

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    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • Ich finde deine Gedanken zu ‚hätte man ihm doch mehr angesehen‘ völlig verständlich.

    Leider verbinden viele Menschen - darunter auch Ärzte- Alkoholiker sein eben mit diesen von dir genannten Symptomen. Wie falsch das ist, sieht man bei deinem Mann.

    Aber selbst wenn alle Welt es gesehen hätte und er von allen Seiten Warnungen und Hilfsangebote bekommen hätte, hätte das nicht automatisch seinen Weg geändert.

    Bei mir wurde auch versucht, den Karren von außen rum zu reißen- ohne jeden Effekt.

    Ein hätte hätte führt also auch immer zu der gleichen Stelle. Es ist einfach traurig, dass die Sucht ihn so hart im Griff hatte, dass er eben nicht mehr wenden konnte.

    Vielleicht dominiert in deinem Gedanken irgendwann wieder die gesündere Zeit mit schönen Erlebnissen. Das wünsche ich dir, aber das braucht Zeit. Nimm sie dir.

  • Hallo Nine,

    vielen Dank, dass du uns an deiner Geschichte teilhaben lässt.

    Ich habe mich vor 1,5 Jahren von meinem Mann getrennt. Ich konnte den körperlichen und gestiegenen Verfall nicht mehr ertragen. Das war mit Abstand der schwerste Schritt in meinem Leben. Bei ihm ist es leider so, dass trotz vieler gesundheitlicher Warnsignale, Verlust von Führerschein und Job und Geld, bis hin zu Straftaten, sich bei ihm noch immer nichts getan hat.

    Ich hab ihn vor 8 Monaten zuletzt gesehen und da war er optisch den Toten näher als den Lebenden. Ich erwarte täglich eine Todesnachricht. Und auch bei mir schwingt bei diesen Gedanken Trauer und Erleichterung mit, auch wenn ich sehr wütend auf ihn bin.

    Ich lese dich und danke dir für diesen Einblick.

    Liebe Grüße ☀️

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