vergeben oder nicht?

  • hi @ all

    hatte gestern ein interessantes gespräch mit meinem arbeitskollegen über gott und vergeben. hab dabei ziemlich nachgebohrt, er war glaub letztendlich etwas verwirrt. (hab ihm nicht gesagt, worum's mir genau ging.) und irgendwie grübel ich da heut scho den ganzen tag drüber nach...

    im endeffekt meinte er, dass er durch seinen glauben gelernt hat zu vergeben und dass man alles vergeben kann. auch wenn der andere immer und immer wieder den selben fehler macht. sollte das mit dem vergeben wirklich nicht mehr gehn, soll man den kontakt abbrechen.

    mich würde etz mal interessieren, wie ihr das seht.

    kann man alles vergeben, was einem durch die alkoholkrankheit der eltern angetan wurde?
    meint ihr, ihr könntet das, falls eure eltern (oder ein elternteil) zu euch kommen(t), sich entschuldigt, das dann alles vergessen is und wieder alles im lot?
    wie wäre es, wenn jedesmal ne entschuldigung kommt, einsicht zur besserung da is, aber derjenige dann doch wieder rückfällig wird?
    oder mal ganz anders gefragt, wenn der alkoholiker trocken wird und bleibt, aber nicht über die vergangenheit reden möchte? so nach dem motto ich bin etz trocken, der rest is egal.

    irgendwie a rechts durcheinander (hier auf dem bildschirm sowie in meinem kopf), wär schön, wenn ich a paar antworten mit eurer hilfe finden würde

  • Hallo summerdream,

    ich weiß ja nun nicht genau was alles vorgefallen ist. Aber vergeben heißt ja nicht vergessen.
    Meine Eltern haben auch beide getrunken. Meine Mutter lebt nicht mehr, mein Vater wohnt mit seiner Lebensgefährtin weit weg.

    Ich hege keinen Groll gegen sie und was ich in meiner Kindheit erleben mußte. Jedoch vergessen werde ich es nie.

    Katy

  • hallo summerdream,

    mir geht es (mittlerweile!) genauso wie kleine biene. vergessen werde ich nie, das geht einfach nicht. vergeben? ich weiss nicht. mein vater hat mich mal explizit darum gebeten, kurz bevor er gestorben ist. gleichzeitig hat er aber die vergangenheit relativiert, so nach dem motto "es tut mir leid, ich war kein guter vater, aber soooo schlimm wie du es beschreibst war es ja auch nicht." ich hab dann gesagt, ja ok, ist gut, es hatte keinen sinn, er hätte mich nicht verstanden (oder wollte nicht?!).

    bei meiner mutter ist es ähnlich, da kam früher immer "ihr habt doch immer alles gehabt", und wie schwer sie es doch im leben gehabt habe. was soll ich dazu sagen? ich hab das nicht verursacht, und ich habweiss gott nicht das gehabt, was ein kind zum heilen aufwachsen braucht. ein bisschen kam mir das so vor wie "ich trink doch jetzt nicht mehr, also ist die vergangenheit vergessen", wie du schreibst. nein, ich werde die vergangenheit nie vergessen. kann ich garnicht. aber sie spielt auch keine große rolle mehr in meinem leben. ich lebe im jetzt.

    wenn ich es also so recht überlege: nein, ich hab meinen eltern nicht verziehen, aber ich hege auch keinen groll mehr gegen sie. das hab ich früher getan, ich hab mir selbst leid getan und meine eltern gehasst, aber irgendwann tat auch das nur noch weh, und mit ausreichend abstand sind auch diese gefühle verschwunden. übrig geblieben ist ein bisschen mitleid, liebe, weil es ja meine eltern sind, nicht mehr.

    und zu der kombination glauben und vergeben? ich glaube auch im tiefsten innern an gott, bin auch sehr in meiner kirche und gemeinde verwurzelt. was ich schon sagen kann: mein glaube hat mir zweierlei gegeben: gelassenheit, und dass ich anschauen und akzeptieren kann, was in meiner kindheit passiert ist und zweitens eine ziemlich stabile selbstliebe, die mich vieles einfach mit abstand betrachten lässt. in bin der überzeugung, dass ich gewollt und geliebt bin, so wie ich bin und auch (auch wenn sich das jetzt ganz doof anhört) dass mein weg so vorgezeichnet war, weil ein plan dahintersteckt, den ich nicht begreife, der aber alles in allem sein gutes hat und haben wird.

    jetzt haltet ihr mich bestimmt alle für bekloppt :oops:. aber irgendwie hab ich tief in mir diese überzeugung, und die hilft mir dinge zu ertragen, aus allem noch etwas positives zu ziehen und im großen und ganzen zufrieden und zuversichtlich zu sein. jetzt. im großen und ganzen, das heißt nicht, dass ich, wenn ich im dicksten schlamassel stecke sage "ja, lieber gott, wie schön". eher so als grundüberzeugung. aber ob das was mit vergeben zu tun hat :?:. vielleicht so: ich kann meine eltern lassen, ohne groll und ohne hass.

    so, jetzt hab ich auch durcheinander geschrieben :?.

    lavendel

  • Hallo Ihr alle,

    lavendel:

    Zitat

    in bin der überzeugung, dass ich gewollt und geliebt bin, so wie ich bin und auch (auch wenn sich das jetzt ganz doof anhört) dass mein weg so vorgezeichnet war, weil ein plan dahintersteckt, den ich nicht begreife, der aber alles in allem sein gutes hat und haben wird.

    jetzt haltet ihr mich bestimmt alle für bekloppt

    Ich nicht. Wenn DU annehmen kannst, das das irgendwie mit dem Wörtchen "Schicksal" zu tun hat. Lavendel, ich selbst gehöre zwar der Kirche auf dem Papier an, habe aber nie richtig erfahren können, warum ich in die Kirche gehen soll u.s.w. O.K. es war eine Zeit, als man blöd angeschaut wurde, wenn man gesagt hat: Warum soll ich in die Kirche gehen, wenn der Pfarrer irgendwie keine richtigen Interessen hatte, das "neues junges Leben" der Kirche beitritt.

    Wo ich jetzt wohne (auf´m Land) da kommt der Pfarrer auch manchesmal zu meiner Oma (91, krank) und das finde ich äußerst sympatisch, da es meiner Oma einen gewissen Halt gibt. Das ist schön.

    Ich selbst glaube an eine Macht die irgendwo hier unter uns ist. Ob die nun Gott, Allah oder Bhudda heißt kann ich nicht einordnen. Aber...........es gibt Sie. Meine Kinder führe ich aber trotzdem der Kirche so langsam zu. Sie sollen da selbst entscheiden, wie Sie mit dem Thema Glauben umgehen wollen.

    Jetzt bin ich aber vom Thema abgeschweift.....Sorry.

    Ich selbst glaube zum Thema Vergessen bzw. Vergeben. Ja, das kann man. Die Frage lautet aber immer wieder, in wie weit, ich mit mir selbst im Reinen bin.

    lavendel:

    Zitat

    vielleicht so: ich kann meine eltern lassen, ohne groll und ohne hass.

    Ja, so würde ich es wohl auch beschreiben. (Los)-lassen ohne Hass. Auch das ist mir nun widerfahren und tut mir gut.


    Seid ***gedrückt***

    stoffel

    "Schmetterlinge fliegen hoch, aber auch die müssen ersteinmal laufen lernen"

  • hallo sina,

    willkommen hier im forum!

    deine geschichte hört sich sehr interessant an, vielleicht magst du dich ja mal im "wer ist wer" vorstellen und hast auch lust (in einem eigenen threat) ein bisschen mehr von dir zu schreiben?

    gruß

    lavendel

  • danke für eure antworten.

    war etz den ganzen tag abgelenkt, bin aber irgendwie immer noch verwirrt. weiß auch gar net, warum ich mir überhaupt darum gedanken mache, es ist einfach da in meinem kopf. kennt ihr das auch? nicht zu wissen, warum man über etwas nachdenkt!?!

    hatte vor ca. 2 monaten mit meiner mutter ein gespräch und zwar gings darum, das ich sie gebeten habe, mal mit meinen kleinen brüdern (13 und 15) zu nem therapeuten zu gehn bzw. halt mal nen termin auszumachen. ihre antwort:
    1. wird nicht wieder vorkommen (was sich inzwischen als trugschluß erwiesen hat)
    2. wars ja net schlimm
    3. kanns uns kindern egal sein, wenn sie trinkt
    4. würden wir kinder sie durch den besuch einer therapie zu einem rückfall zwingen
    5. war sie nie süchtig
    6. haben wir ihr viel böses getan (z.b. hausarzt, krankenwagen, polizei etc.)
    sorry, aber für mich ist da null verständnis für uns da, irgendwie auch keinerlei sicht für besserung. auch keinerlei akzeptieren ihrer krankheit. haben da gespräche überhaupt noch sinn? irgendwie seh ich da zur zeit keinen, hab auch gar keine lust sie überhaupt zu sehn, obwohl sie etz wieder nüchtern is (sie zählt unter die gruppe der unter dem volksmund bekannten quartalstrinker).

    ich weiß wer und was ich bin, meine stärken und meine schwächen, ziele, nur im moment in bezug auf meine mutter weiß ich überhaupt nix mehr :(

    liebe grüße

  • @paulgess

    ok, das hab ich etz verstanden. problem is, ich hab meiner mutter vertraut (hätt i selber net für möglich gehalten), es war alles bestens, wir haben viel geredet und miteinander gemacht, sie hat auch selber paarmal gesagt, dass ihr das unheimlich gut tut und dann nach drei monaten ohne alkohol wieder so ein schlag ins gesicht. bin etz momentan an dem punkt, wo ich sag, es wird nie besser werden :cry: ich hoffe es zwar, aber irgendwie weiß ich einfach nicht mehr weiter...

    @ sina

    tja wenn das mit dem hilfe holen so einfach wäre. meine jungs wollen ja scho gar net und zwingen möchte ich sie net, glaub auch nicht, dass das dann viel sinn hätte.

    liebe grüße

  • hallo tochter,

    du schreibst:

    Zitat

    Nein, so viel werde ich wahrscheinlich nie vergeben können! Will ich auch nicht!

    wünschen tue ich dir das trotzdem :wink:, denn vergeben hat nicht nur etwas mit dem anderen zu tun, sondern viel auch mit einem selbst. ich glaube, dass das nicht-vergeben-WOLLEN dir viel mehr schadet als nützt. solange hast du nämlich immer noch wut, hass in dir, und das besetzt deine gedanken und gefühle, und das schadet in erster linie DIR. solange ich meine eltern noch richtiggehend gehasst habe (manchmal mit richtigen phantasien, was ich ihnen am liebsten tun würde), solange hatten sie noch "macht" über mich, bzw. ich habe ihnen eine macht eingeräumt, die ich ihnen jetzt nicht mehr einräumen will. deshalb geht es MIR jetzt besser, wo sich wut und hass gewandelt haben in irgendetwas richtung gleichgültigkeit und distanz. das hat auch etwas damit zu tun, dass ich nicht mehr drüber nachdenken MAG, was sie mir alles getan haben. ich lebe JETZT, und das jetzt will ich geniessen, und wenn mein bauch voll wut ist, kann ich nicht geniessen.

    deshalb wünsche dir dir, dass du inneren abstand findest - ob es nun vergebung heisst oder wie auch immer :wink:.

    lavendel

  • hallo tochter,

    Zitat


    Denkst Du es ist falsch, mich weiterhin zu erinnern?

    nein, das glaube ich nicht, im gegenteil. ich bin sicher, dass das erinnern dazu gehört, so etwas zu verarbeiten. ich stelle mir das ein bisschen vor wie eine welle: erstmal lebt man drin, dann ist man gefangen, dann versucht man zu verdrängen, wenn es hochkommt, empfindet man wut und hass, versucht wieder zu verdrängen, dann kommt es wieder hoch... welle eben.

    ich hab bewusst meine wut kultiviert und in gedanken "ausgelebt", und dadurch ist so viel druck erstmal entstanden und dann gewichen, dass ich jetzt relativ entspannt bin. ich glaube, dass man da durch muss, durch das erinnern, sonst kann man die vergangeheit nicht ablegen, sonst kommt sie immer wieder hoch. vielleicht meinen psychologen das mit "verarbeiten".

    gruß

    lavendel

  • Hallo Summerdream,

    mir geht es so wie kleine Biene und Lavendel, ich habe meiner Mutter vergeben, aber vergessen werde auch ich wohl nicht können. Sie hat mich nie um Vergebung gebeten, aber um Entschuldigung, ich habe diese akzeptiert, weil ich ihr glaube, dass Sie es ernst meint. Sie es in sofern ernst meint, als das sie nicht immer wieder trinkt um mich zu verletzen. Ansonsten gebe ich schon lange nichts mehr auf ihre Versprechen, das ist einfach besser für mich und ich kann inzwischen gut damit leben. Denn ich weiß einfach, solange der Alkohol regiert, sind es leere Versprechen. Mich kann sie nur noch durch Taten überzeugen.

    Sie würde bei vollem Bewusstsein nie etwas tun was mir schaden oder mich verletzen könnte. Das Problem bei der Sache ist aber nun mal, dass sie nicht bei vollem Bewusstsein ist. Der Alkohol regiert ihren Verstand solange sie keinen Riegel davor schiebt. Sie ist krank, dass ist keine Entschuldigung aber eine Erklärung. Ich nehme die Dinge nicht mehr persönlich, sondern sehe sie als Symptom ihrer Krankheit. Was nicht heißen soll, dass es mir nicht wehtut, wenn sie mich beschimpft, mit Selbstmord droht oder ich sie sturzbetrunken, unfähig sich artikulieren zu können, erlebe. Doch indem ich es als Krankheitssymptom sehe, hat es nicht mehr die Macht mich so tief zu verletzen wie in der Vergangenheit. Es macht mich meist nur noch sehr traurig zu sehen was der Alkohol aus meiner Mutter gemacht hat, ein Häufchen Elend. Ich hätte es gerne anders, aber es ist nun einmal nicht anders. Ich würde mich nur selbst quälen, wenn ich mir etwas wünsche, was ich nicht haben kann, gestern wie heute.

    Meiner Mutter Vorwürfe zu machen, dass ich unter Ihrer Sauferei und den Auswirkungen auf mein Leben gelitten habe und noch leide, heiße heute für mein Verständnis, dass sie das getan hat und noch tut um mir zu schaden. Das war mit Sicherheit einer der wenigen "Gründe" aus denen sie nicht die Flucht im Alkohol gesucht hat. Doch der einzige Mensch dem sie damit schadet ist sie selbst. Sie nimmt sich selbst ihr Leben, aber ich habe meines selbst in der Hand. Diese Erkenntnis hat mir vor allem im letzten Jahr sehr geholfen und Ruhe in mein Leben gebracht. Ebenso zu akzeptieren, dass sie Vergangenheit vergangen und nicht zu ändern ist. Die Wut, die mich gelähmt hat, ist weitestgehend aus meinem Leben verschwunden.

    Ich habe Angst sie zu verlieren, aber diese Angst lässt mich nicht mehr, wie in der Vergangenheit, in blinden Aktionismus ausbrechen, etwas an ihr ändern zu müssen oder es überhaupt zu versuchen. Ich sage ihr, das ich Angst um sie habe, denn genau das ist es was ich fühle und genau diese Gefühle haben sich früher in Wut und Vorwürfen geäußert. Mir geht es besser damit. Alles andere, etwas gegen ihre Krankheit zu tun, ist ihre Sache.

    Verständnis haben für Alkoholiker heißt für mich nicht, alles hinnehmen und ertragen zu müssen was die Krankheit mit sich bringt, sondern die Ursache für die „Begleiterscheinungen“ zu verstehen. Wie man dann damit umgeht, was für einen selbst das beste ist, um das eigene Leben nicht auch zu opfern, dass muß jeder für sich herausfinden. Ich denke ich habe meinen oder zumindest einen Weg gefunden, der für mich passend scheint. Die Zeit wird es zeigen.

    In dem Zusammenhang gab es jedoch etwas, das wesentlich schwerer war als meiner Mutter zu vergeben, mir selbst zu vergeben. Mir zu vergeben, dass ich hilflos bin und nichts tun kann. Mir die Dinge zu vergeben, die ich getan habe um sie vom Alkohol zu bringen. Sie waren zwar in bester Absicht, aber gereichten mir nicht unbedingt zur Ehre.

    Gruß
    Skye

  • liebe yvi, liebe skye

    vielen dank euch beiden, ihr habt mich etz ziemlich nachdenklich gemacht. weiß etz au net warum...

    ja, vergessen werden wir es wohl nie können und vergeben, nun das is eine sache. ich glaube wenn mich meine mutter bitten würde, würde ich es tun, irgendwie hab i das etz scho, obwohl sie mich net mal drum gebeten hab. so bin ich halt, leute dich ich mag, können viel machen, auch viel sch... bauen, leute die ich net mag, für die is es sehr schwierig auf meiner symathieskala pluspunkte zu sammeln. und meine mutter gehört halt zu den ersten leuten.

    alkohol als krankheit kann ich akzeptieren, is kein problem, aber irgendwie seh ich es auch so, dass man mit willen wieder gesund werden kann. versteht ihr was ich mein?

    @ yvi
    ich glaube viele angehörigen denken sich, ach bei mir is gar net so schlimm wie bei anderen (etz mal ganz einfach ausgedrückt). geht mir oft so, wenn ich hier lese. liegt vielleicht daran, dass man seine eigenen sachen irgendwie "gewöhnt" is, es is halt alltag. hab ne freundin, deren vater trinkt, die sagt zu mir, sie würde nie mit mir tauschen wollen. ich sage dasselbe zu ihr, halt nur umgedreht.

    Skye
    mich würde mal interessieren, wie dein passender weg für dich aussieht. ich wünsche dir viel glück dabei & das er dich weiterbringt.
    was hast du denn z.b. getan, was dir schwerfiel dir selber zu vergeben?
    ich bin dir net sauer, wenn du darauf net antworten willst, wie gesagt es würde mich interessieren, da ich mir bei manchen sachen, was ich gemacht habe, auch gedanken mache. aber ich wußte nicht mehr was ich machen soll & so hab ich halt probiert, hat sich danach als fehler rausgestellt, aber kanns nun mal nicht mehr ändern.

    liebe grüße

    -Dani-

  • Hallo Summerdream,

    mein Weg sieht so aus, dass ich ihren Alkoholismus als das sehe was es ist, als Krankheit. Wenn ich mir ansehe, wie sie ist, was der Alkohol aus ihr macht, wie sie diesem Zwang unterliegt immer wieder trinken zu müssen, dann kann ich nur noch einen schwer kranken Menschen sehen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Alkoholiker, mit auch nur einem Minimum an Krankheitseinsicht, noch „Spaß“ hat beim trinken. Doch das zu ändern liegt allein beim Alkoholiker, nicht bei seinen Mitmenschen.

    Es ist ja nicht so, dass sie nicht mitbekommt, was aus ihrem Leben geworden ist. Das merkt sie sehr wohl und trotzdem macht sie immer weiter. Dann werde ich zwar manchmal noch wütend, dass ein Leben so verschwendet wird, aber ich bin nicht mehr auf sie wütend. Sie tut es nicht mit Absicht, mit dem Vorsatz ihr Leben, meines oder das anderer zu ruinieren, sondern weil sie krank ist. Das Einsehen, dass es keine Absicht ist zu trinken, sondern Zwang, Suchtbefriedigung, hilft mir. Das gibt mir die Möglichkeit eine gefühlsmäßige Distanz zu halten, die es mir zwar möglich macht Mitleid zu haben, aber selbst nicht mit zu leiden. (zumindest meistens, niemand ist perfekt und außerdem ist und bleibt sie meine Mutter) Dies gibt mir die Möglichkeit, mich ohne schlechtes Gewissen (auch nicht immer aber immer öfter) um mein Leben zu kümmern.

    Ich versuche nicht mehr sie zu manipulieren, verbal in eine Ecke zu drängen aus der sie nur noch mit Zugeständnissen, die sie doch nicht einhält, herauskommt, in der Hoffnung das sich etwas ändert. Es bringt nichts für niemanden. Auch meine Wut und meine Vorwürfe waren nichts anderes, der Versuch sie zu ändern. Ich sage ihr heute was ich fühle, teile ihr meine Ängste in Bezug auf sie mit. Ich sage ihr aber auch offen, was ich denke, wenn sie irgendwelche wilden Pläne schmiedet und Versprechungen macht, von denen ich weiß, dass sie zwar Ihrer eigenen Hoffnung Ausdruck verleihen es irgendwann doch einmal zu schaffen trocken zu werden, die aber so nicht funktionieren und zum Scheitern verurteilt sind. Sie hofft immer noch auf die einfache Lösung, auf die Fee mit dem Zauberstab, es macht Puff und die Welt ist schön, sie kann ihre Gefühle regieren und es gibt nie wieder Saufdruck. Sie leidet unter ihrem Leben wie es jetzt ist, das ist nicht zu übersehen. Allerdings hat sie bisher nicht den Mut gefunden, grundlegend etwas zu ändern.

    Ich rede über das was ich fühle und denke oder schweige. Ich verstecke es nicht mehr aus Angst hinter Wut oder Vorwürfen, dass hat mir in der Vergangenheit nur geschadet. Es hat zu schlechtem Gewissen geführt und damit irgendwann wieder zu Wut und Vorwürfen, eine Katze die sich in den Schwanz beisst.

    Das ist nicht immer einfach doch das wird auch immer besser. Es ist jedenfalls besser, als ihr meine Ängste und Hoffnungen in Form von Wut und Vorwürfen vor die Füße zu knallen, teilweise in der Art wie Du mir so ich Dir. Nach solchen Aktionen fühlte ich mich nicht besser und hatte auch nicht mehr Hoffnung. Das einzige was ich hatte war ein schlechtes Gewissen, weil ich wusste wie sehr sie manches verletzt hat, von dem was ich gesagt habe. Was noch schlimmer war, manches habe ich genau in der Absicht gesagt und das hat mir jedes Mal im Nachhinein regelrechte Bauchschmerzen verursacht. Ich fühlte mich schlecht weil ich ihr meine verbale und geistige Überlegenheit demonstriert habe. Meine Macht ausgespielt habe. Auch um mir selbst zu beweisen, dass ich nicht machtlos bin, wie ich im Nachhinein erkannt habe. Das zeugt zwar von jeder Menge verletzten Gefühlen, Angst und Hilflosigkeit, aber nicht von „erwachsenem“ Verhalten. Es ist nicht weiter schwer einem Menschen, der vollkommen betrunken ist, überlegen zu sein, wenn man selbst stocknüchtern ist. So ein Verhalten ist respektlos und entwürdigend für beide Seiten.

    Das alles geschah zwar in der besten Absicht ihr helfen zu wollen, ihr zu zeigen wie schlimm es schon um sie steht, aber manchmal ist es der guten Absichten einfach zuviel. Das ist das, was ich mir vergeben musste. Es ist vergangen, ich kann es nicht mehr ändern. Ich kann nur in Zukunft dafür sorgen, dass ich den Respekt vor meiner Mutter und mir nicht wieder verliere. Es hat mich viel gekostet zu diesen Einsichten zu gelangen, mich selbst dieser unschönen Seite von mir zu stellen, aber es war es wert.

    Ansonsten habe ich „einfach“ die räumliche Distanz zwischen uns vergrößert. Ich besuche sie seltener, rufe seltener an als frührer. Soweit möglich, meide ich sie, wenn sie getrunken hat. Auch wenn ich weiß, dass es eine Krankheit ist, muß ich mich ihren Symptomen, um meiner Gesundheit willen, nicht häufiger aussetzen, als es nötig ist. Meine Mutter fehlt mir, aber ich bin ihr nicht näher und bekomme sie auch nicht wieder, wenn ich sie betrunken ertrage.

    Außerdem rede ich darüber, hier, bei meiner Therapie, in meiner realen Selbsthilfegruppe und ich verschweige es auch nicht mehr vor meiner Umwelt. Ich trage keine Schild, auf dem steht: „Meine Mutter ist Alkoholikerin“ oder erzähle es jedem der es hören will oder auch nicht. Wenn es die Situation erfordert, nenne ich das Kind jedoch beim Namen und versuche nicht mehr ein Mäntelchen drüber zu decken. Das nimmt mir auch Druck und ich habe bisher auch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Denn nur wenn andere wissen, was gerade mit mir ist, warum ich reagiere, wie ich reagiere, haben sie eine Möglichkeit zu verstehen.

    So bevor dieser Roman noch länger wird, wünsche ich Dir und allen die heute frei haben einen schönen Tag. Den anderen drücke ich die Daumen, dass er schnell vergeht und sie noch etwas von dem schönen Sonnenschein haben.

    Skye

  • hey skye

    dein weg hört sich gut an, ich probiers auch so, gelingt aber net immer.

    gibt doch immer wieder so tage, wo ich mich frage, warum? wo ich das gefühl habe, sie macht das um uns kinder zu ärgern
    zwei beispiele
    meine mutter hatte ca. einen monat nach ihrer langzeittherapie daheim, da hatte sie ihren ersten rückfall. wann? am geburtstag meines kleinen bruders, der sich logischerweise auf den tag gefreut hat.
    des andere mal hatte meine mutter auch ne zeit nix getrunken, dann trinkt sie natürlich wieder am tag der abschlußprüfung meiner schwester. na danke oder?

    da frag i mi einfach, hätt se jeweils den einen tag net no abwarten können? verstehst wie i mein? da fällt es schwer keine absicht dahinter zu vermuten :(

    danke für deine wünsche, war heut echt ein schöner tag. hoffe du hattest auch einen.

    muss etz aufhören, mein kleiner kater findet des klackern der tastatur so faszinierend und hupft die ganze zeit drauf rum *g*

    ganz liebe grüße

  • hallo summerdream,

    das kenne ich auch von früher, dass sich meine mutter immer genau die tage für ihre abstürze "ausgesucht" hat, auf die es ankam: geburtstage, feiertage, wenn etwas anlag. man konnte fast die uhr danach stellen, und ich hab mich auch immer gefragt, was das soll, ob das "absicht" war, so nach dem motto "kann sie sich nicht wenigstens HEUTE beherrschen?". sicher hat sie das nicht in der absicht getan, uns den tag zu vermiesen, aber komischerweise eben immer dann, wenn ein tag wichtig gewesen wäre.

    aber vielleicht hat sich auch das nur besonders eingebrannt? das frage ich mich heute, denn NATÜRLICH erinnere mich besonders an "besondere" tage, die ihrem trinken zum opfer gefallen sind, und nicht an all die anderen tage, wo sie auch betrunken war.

    liebe grüße

    lavendel

  • Hi summerdream,

    ich kann mich da Lavendel nur anschließen. Meine Eltern waren auch gerade an diesen besonderen Tagen mit ihrem Alk beschäftigt. Die letzten Jahre kann ich mich kaum an eine Geb-feier oder auch sonstige Feiertage erinnern, an denen sie nüchtern waren. Auch wenn man sie vorher nochmals draufhin gewiesen hat, es klappte einfach nicht. Egal waren auch welche Feiern - Ihre eigenen, man stand stets vor verschlossenen Türen, da sie angeblich irgendwo unterwegs waren und bei anderen erschienen sie gar nicht. Manchmal dachte ich schon, sie hätten was gegen mich, da prinzipiell meine ausfielen und bei meinem Bruder waren sie nüchtern (ich wohne ca. 20min entfernt, mein Bruder rund 200km). Da kommt man schon ins grübeln.

    Heute kann ich mich nur Skye anschließen. Dieser Beitrag ist echt super, auch wenn die Umsetzung sicher nicht einfach ist. Auch ich bin noch nicht so weit, aber sie hat recht.

    LG Katrin

  • hey ihr zwei lieben

    ich weiß ja, dass ihr (wie immer) recht habt, bloß so einfach isses halt net des dann auch wirklich umzusetzen. grrrrrrrrrrr!!!

    irgendwie glaub ich au, dass unsere eltern vielleicht gerade an diesen tagen aufgeregt warn und das dann schon von vorneherein mit alk gedämpft haben. versteht ihr wie ich meine? aber irgendwie bringt das mich ja doch net weiter :(

    manchmal erinnert mich unsere situation an step-aerobic.
    lacht mi etz net aus, aber da hat man sei schritte, die man sich merken muss und macht immer wieder fehler. sobald des tempo aber schneller wird, wern die fehler seltener, bis es irgendwann wie von selber geht. warum? weil man einfach keine zeit mehr hat, drüber nachzudenken, was man als nextes machen soll. man macht es einfach!
    wenn wir net soviel nachgrübeln würden, wäre wohl vieles viel einfacher.

    also wie schalte ich am besten mein gehirn ab? :wink:

  • Hallo Summerdream,

    ich kenne solche Tage auch. Trotz aller Bitten war meine Mutter häufig genau an den Tagen hinüber, an denen sie gebeten wurde nüchtern zu sein oder sich zumindest ein wenig zurück zu nehmen. Oder eben auch den Tagen, wie z. B. Geburtstagen, an denen man es sich stillschweigend gewünscht hat.

    Ich denke zum einen liegt es wirklich daran, dass es für einen selbst besondere Tage sind, dass man sich so gut daran erinnert. Zum anderen denke ich, dass gerade diese Erwartung, an den Alkoholiker, genau diesen Tag nüchtern bzw. nüchterner zu verbringen, Druck auslöst. Egal ob nun als Bitte ausgesprochen oder von ihm angenommen. Dieser Druck wird dann, wie gewohnt durch trinken gelöst. Es ist wahrscheinlich so eine Mischung von beidem. Aber ich kann es auch nur vermuten, ein Alkoholiker ist hier sicherlich der bessere Ansprechpartner.


    @ KB

    Hallo Katrin,

    nein, die Umsetzung ist nicht immer einfach. Es gibt Tage und Wochen da klappt es gut und wiederum Tage, da habe ich das Gefühl ich stehe ganz am Anfang. Doch auch wenn ich manchmal dieses Gefühl habe, es geht trotz allem voran, ich merke es an vielen Kleinigkeiten des Alltags. Nein, leicht ist es nicht immer, aber ich bin es mir wert.

    Einen guten Abend wünscht

    Skye

    P. S. : Summerdream, wenn Du den Schalter für’s Hirn gefunden hast, sag’ mir bitte wo er ist. Ich suche ihn auch schon ziemlich lange vergebens…… :wink:

  • hey skye

    i wünsch dir viel glück bei deiner umsetzung und das es weiterhin bergauf geht für dich. deine art zu schreiben strahlt das auch richtig aus.

    mandy & ich suchen den schalter, aber wir finden ihn einfach net. hm... verdammt hab net mal ne freundin die biologie studiert hat, so jemand sollte das doch wissen *g*
    ich werde aber berichten, wenn i ihn hab, falls ihn jemand anderes entdeckt hat, bitte melden!!!

    gibt soviele punkte, wo wir als angehörige wohl nie richtig verstehn werden, wo man wohl selber alkoholiker gewesen sein muss, um es zu kapieren. am besten gar nimmi drüber den kopf zerbrechen.
    aber dann gibts halt wieder solche tage, wo man doch drüber nachdenkt :( grrr, schalter, schalter, wo bist du?

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