Hallo Micha, Hallo Forum,
es ist wohl tatsächlich am sinnvollsten, wenn man sich nicht mit einer allgemeinen Definition einer Normalität aufhält. Letztendlich bin ich -sowie die allermeisten anderen hier- in allererster Linie darum bemüht, mein Denken und Handeln in eine für mich wert bringende Richtung zu entwickeln. Alles, was darüber hinausgeht, ist sicher interessant für Psychologen, Mediziner und Sozialwissenschaftler, aber ob es uns auf unserem Weg hilfreich ist, steht auf einem anderen Blatt.
Zum Suchtdruck: Ich sehe das irgendwie ähnlich. Eine wirklich objektive Definition ist bei all den unterschiedlichen Emotionen, die der Gedanke an oder die Konfrontation mit Alkohol auslösen kann, sicher unmöglich. In meinem eigenen Falle sieht die Sache eben so aus, dass ich aufgrund fehlender Tiefpunkterfahrung keine wirklich tief sitzende Angst vor dem Suchtstoff entwickelt habe. Wenn sich der Gedanke an ein Bier meldet, dann ist er im Grunde genommen daher auch häufig positiv besetzt. Da er aber einerseits meine Handlungen nicht beeinflusst und andererseits auch immer seltener und schwächer wird, mag ich dieses Wort Suchtdruck nicht so wirklich. Ich habe mich allerdings dazu entschieden, es weiter zu verwenden, wenn mich die Erinnerung mal wieder einholt, weil ich glaube, dass es mich zu weiterer Wachsamkeit ermahnt.
Suchtdruck, also den Gedanken an Alkohol, habe ich heute überhaupt nicht, obwohl es mir ehrlich gesagt nicht so gut geht. Ich mag ein wenig ausholen, und erzählen, was gestern so passiert ist.
Der Tag begann ganz unspektakulär mit einem recht späten Frühstück und einer entspannten Runde mit den Hunden durch den Wald. Im Anschluss daran habe ich mich an den Rechner gesetzt und an meinen Bewerbungsunterlagen gebastelt. Irgendwie verliere ich nach einigen Monaten meine Identifikation mit dem von mir erstellten Werk und gestalte die Unterlagen dann vollständig neu – was recht aufwändig ist, weil ich da schon viel Wert auf Design und Layout lege. Naja. Später bin ich dann noch zur Bank und habe ein paar Dollar-Noten, die hier noch als eine Art stille Reserve lagerten, umgetauscht. Das hat mich jetzt zwar nicht reich gemacht, aber für den Rest des Monats sollte es eigentlich genügen. Von der Bank ging es dann direkt zu der Orientierungsgruppe, die der ambulanten Therapie vorgeschaltet war. Es war mein letzter Termin in dieser Gruppe und die Runde war dieses mal sogar ganz interessant. Ich fand es fast schade, dass ich dort jetzt nicht mehr hingehen kann. Hmmm … Nach der Gruppe habe ich dann direkt einen Teil des getauschten Geldes in Nahrung verwandelt und bin wieder nach Hause, um weiter zu arbeiten. Irgendwie bin ich ziemlich tief am PC versunken und habe ganz vergessen, die Nahrung zuzubereiten und die abendliche Runde mit den Hunden zu machen. Letzteres habe ich dann mit dem Abholen meiner Partnerin verbunden, und so gegen 22:30 konnte ich dann langsam damit beginnen, ein Abendessen auf die Beine zu stellen. Den verständlichen Ärger meiner Partnerin konnte ich glücklicherweise durch die Tatsache besänftigen, dass ich meine Unterlagen jetzt auch fast druckreif fertig gestellt habe. Noch ein ¾-Stündchen, und es hätte lecker Essen gegeben…
Irgendwann später wollte unser ‚Senior’ aufstehen, um etwas zu trinken. Mit 15 Jahren hat er für seine Größe ein durchaus beachtliches Alter erreicht und natürlich sind seine flotten Tage auch schon ein wenig vergangen. Wenn er sich also erhebt, dann kann das schon mal ein durchaus schwieriges Unterfangen werden und so manches Mal belässt er es dann auch bei dem Versuch und bleibt noch ein Weilchen liegen. In jenem Moment erschien im die Stillung seines Durstes aber Lohn genug, um sich der mühsamen Prozedur vollständig zu unterziehen. Einmal aufrecht stehend kann er sich noch gut bewegen, doch diesmal versuchte er etwas flink um einen Stuhl herum zu laufen und stürzte auf den Boden. Das ist zwar selten, aber auch noch nicht sonderlich ungewöhnlich. In einem solchen Fall bleibt er dann einen Augenblick liegen, sortiert sich neu und rappelt sich wieder auf. Gestern blieb er aber länger liegen und der folgende Versuch, sich wieder zu erheben, schlug erneut fehl. Wenn man ein Tier hat, dann kennt man natürlich auch all seine Schwächen, und natürlich hilft man in einem solchen Fall. Grundsätzlich sind meine Partnerin und ich auch sehr erfahren, was Hunde betrifft, und in der Regel behandeln wir die meisten Wehwehchen selbst. Aber nachdem wir einen intensiveren Blick auf das Tier geworfen haben, sind wir doch zur Klinik aufgebrochen. Auf der Fahrt haben wir auch nicht viel miteinander gesprochen. Dort angekommen hat die Tierärztin die von uns bereits gestellte Diagnose bestätigt und die Behandlungsalternativen kurz beschrieben. Es gab im Prinzip nur eine Entscheidung und wir haben dann auch sofort die Behandlung eingeleitet. Nach einem schweren Schlaganfall mit vollständig halbseitiger Lähmung hat das Herz unseres Seniors um 23:15 aufgehört zu schlagen.
Bin traurig.
J.