Hallo Morgenrot,
ja, ich denke schon, daß ich zur Co erzogen worden bin. Man kommt ja als Kind nicht co zur Welt. Von klein auf wurden wir Kinder darauf getrimmt, das große Familiengeheimnis (die Mutter trinkt) zu vertuschen. "Es" durfte nicht ausgesprochen werden, nicht in der Familie und schon gar nicht außerhalb. "Es" mußte in der Familie bleiben. Wir Kinder wußten nicht wohin mit dem beklemmenden Gefühl, mit der Überforderung, den Ängsten.
Irgendwann so zwischen 10 und 12 nahm mich der Vater zur Seite und sagte todernst zu mir: Wenn du nicht immer so schlau daher reden würdest, dann müßte die Mutter nicht trinken.
Es fühlte sich zwar völlig verkehrt an, aber ich glaubte ihm. Und hörte auf zu reden. (Ich hatte mal gewagt, über irgendeinen Zeitungsartikel mich austauschen zu wollen, klar daß ich dann Schuld bin an ihrem Alkoholismus... 
)
Später mußte ich den Alkohol im Supermarkt einkaufen, damals ging das noch ohne Altersnachweis an den Kassen.
Usw. usw. usw.
Da sind viele schlimme Dinge passiert. Die Mutter trank (und trinkt immer noch), der Vater verhält sich völlig co-abhängig, ich habe nichts anderes vorgelebt bekommen als Sucht und das Umkreisen der Sucht.
Ich habe immer suchtfreie Elternhäuser, also die meiner wenigen Schulfreundinnen bewundert. Da wurde bei Tisch einfach so miteinander geredet über den Alltag. Bei uns wurde sich angeschwiegen oder ritualisierte Floskeln losgelassen, völlig verkrampft. Es war quälend und fühlte sich falsch und vor allem unheimlich anstrengend an.
Von klein auf überlegten wir Kinder unbewußt, wie wir uns verhalten müssen, damit sie weniger trinkt oder damit wir unsichtbar werden, falls sie doch getrunken hat. Wir konnten keine Klassenkameraden einladen, nie. Ein unbeschwerter Alltag war unmöglich. Es interessierte nie, was wir für Noten hatten, was wir erlebt haben in der Schule, nicht die schlimmen Sachen aber was viel mehr weh getan hat, es interessierten auch nicht die tollen Erlebnisse. Wir waren mit allem allein und hatten keine Ansprechpartner. Alles kreiste ausschließlich um die trinkende Mutter. Darum, wie wir Streß für die anderen vermeiden, wie wir nicht am Schweigen kaputtgehen, wie wir uns Trost, Zuwendung und Präsenz woanders herholen können. Das ging über Süßigkeiten und Fernsehen. Ich war glaube ich mit ca. 12 schon eß- und fernsehsüchtig.
Wie rette ich sie? Irgendwann kam ich darauf, daß meine kindlich naiven Rettungsversuche, z. B. einen Zettel mit einer Beratungsstellen-Tel-Nr. hinzulegen, nur bewirkte, daß sie mehr trank, also ließ ich das irgendwann. Aber ich konnte damals nicht verhindern, daß ich mir immer wieder zu rettende Partner suchte. Das waren nicht unbedingt Alkoholiker, sondern anders Süchtige, das ist egal. Denn die Co-Abhängigkeit kann man überall ausagieren, wo eine Person oder ein System (z. B. Arbeitsplatz, Verein) das zuläßt.
Wir Kinder sind von klein auf zu "guten Co's" getrimmt worden. Wir haben jeweils süchtige Partner gewählt und sind selber süchtig geworden. Was war ich früher stolz darauf, nicht auch Alkoholikerin geworden zu sein. Bis ich mal genau hinschaute und locker auf 10 Süchte, Zwänge oder Abhängigkeiten kam, sei es Co, Fernseh, Fressen, Vereinstätigkeiten, PC usw. Inzwischen habe ich viele der Muster erkannt und kann mich heute anders verhalten. Aber die Suchtstruktur habe ich bis in die letzte Zelle verinnerlicht, da heißt es immer wachsam bleiben, um nicht wieder voll in irgendwas reinzurutschen.
LG, Linde