Liebe Erna,
Ich kann zu Saufdruck und übermäßig aktiven Suchtgedächtnis nicht sooo viel sagen, weil ich davon weitestgehend verschont blieb.
Meine Situation war auch eine ganz andere als Deine.
Ich hatte gerade so eine schwere Entgiftung überlebt, es war sehr eng. Ich war danach wochenlang im KH, verlor sehr viel Gewicht und musste das Laufen neu lernen durch die lange Bettlägerigkeit.
Ich musste mich danach über Wochen ganz hart ins Leben zurück kämpfen.
Ich sah, was der Alkohol mir körperlich und psychisch angetan hatte, hatte einen Tiefpunkt, den ich beinahe nicht überlebt hätte. Und ich wollte dahin nie wieder zurück.
Vielleicht hatte darum mein Suchtgedächtnis auch relativ wenig Chancen, mich zu bequatschen. Und mir war immer klar, selbst ein einziger Schluck Alk würde mich genau wieder da hinkatapultieren, wo ich war. Ich war da immer sehr realistisch.
Aber ich kenne Situationen, wo sich mein Suchtgedächtnis doch meldete...
Das war im Grunde immer dann, wenn ich etwas Schönes noch irgendwie toppen wollte. Ein feierlicher Anlass...nette Gespräche und Menschen um mich herum...und schon sprang es an. Da musste keiner in meiner Gegenwart Alk konsumieren, es sprang trotzdem an.
Bei Dir lese ich von Proben, ich nehme an, Du spielst in einer Musikband oder einem Orchester? Proben tut man ja für einen Auftritt, oder? Fühlst Du Dich dem denn dann gewachsen? Der Druck könnte auch zu erneutem Saufdruck führen.
Das Wegbleiben von verschiedene trinkenden „Veranstaltungen“ ist Verzicht. Wenn ich irgendwann zu einer anderen „Veranstaltung“ gehe, klopft das Alkohol-Belohnungssystem an. Unabhängig, ob da gesoffen wurde oder wird. Muss ja irgendwie etwas nachgeholt werden.
Darüber habe ich nachgedacht...und da ist was dran...und Ja, ich muss das bestätigen. Das Suchthirn kann auch anspringen, ohne das jemand neben einem konsumiert.
Wichtig für mich war, wenn ich nicht an einer Veranstaltung teilnehmen konnte, diese Zeit nutzte und es mit irgendetwas anderes ersetzte. Mit etwas, was auch Spaß machen. (könnte) Damit aktiv dazu beigetragen, mein Suchtgedächtnis zu überschreiben.
Das halte ich für ne gute Idee!
Für mich war es allerdings schon immer Belohnung genug, mir nicht besoffenes Gequatsche anhören zu müssen.
Ich machte es mir dann Zuhause recht gemütlich, mit einem schönen Buch, einem kuscheligen Drum-Herum...oder ging meinen reaktivieren Hobby nach, woran ich viel Freude hatte.
Erna, ich möchte Dich mal was fragen.
Wie viel bist Du Dir selbst wert?
Sorgst Du gut für Dich?
Ißt Du genug, das Du richtig satt wirst?
Nimmst Du ausreichend Flüssigkeit zu Dir und hast Du ausreichend Schlaf?
Das mag sich so banal anhören, aber Saufdruck kann auch entstehen, wenn man auch nur eine Sache davon vernachlässigt.
Sei also möglichst gut zu Dir selbst, belohne Dich auch mal mit was Schönem!
Sei Dir was wert!
Mein Hirn wurde jahrelang daruf trainiert, dass Saufen immer eine Lösung ist. Das verschwand ja nicht mit dem Wegstellen des Glases. Das dauert eben auch schon mal eine Zeit.
Das ist einfach so, Hartmut hat recht. Wir haben Jahre bis Jahrzehnte lang gesoffen, das überschreibt man nicht in ein paar Wochen. Es dauert seine Zeit.
Erna, ich sehe auch, wie wackelig Deine Abstinenz gerade ist, und wie überaus aktiv Dein Suchtgedächtnis arbeitet, um Dich wieder in die Sauferei zu drücken.
Ich kann nur hoffen, das Du das heil überstehst!
LG Sunshine