Liebe Jump.
Ich war nicht 30 Jahre mit meinem Ex zusammen, der trank und doch hatte er nach einigen Jahren mein Herz komplett erobert. Ich war überzeugt, dass er mein Gegenstück ist. Daher kenne ich zumindest ein starkes Liebeskummergefühl, wenn auch nicht vergleichbar mit der langen Zugehörigkeit bei Deiner langen Partnerschaft.
Was ich aber genau kenne ist dieser „Schockmoment“ und das Bewusstwerden des Scheiterns.
Ich hab es schon mal erzählt, mache es aber hier noch einmal:
Wir waren räumlich getrennt. Ich hörte auf zu trinken. Ich wünschte mir von Herzen, dass er auch aufhört. Monate des Hoffens. Er einsichtig. Nur auf den richtigen Moment wartend. Wie ich damals. Dann der letzte Urlaub. Der schönste Urlaub. Kein Tropfen Alkohol. So nah wie nie und so glücklich. Er freute sich auf eine Zukunft, die genau SO weitergehen sollte. Ich war zuversichtlich, dass wir es nun gemeinsam schaffen.
Wir fuhren wieder nach Hause (zu ihm). Er begann seine Koffer auszupacken, ich fuhr in meine Wohnung, um kurz meine Sachen auszupacken. Ich packte eine neue Tasche, fuhr zurück zu ihm ins Haus (wo ich vorher gemeinsam mit ihm wohnte). Wir wollten noch das Wochenende bei ihm zu Hause verbringen.
Ich fuhr auf den Hof, stellte mein Auto ab, ging glücklich ins Haus, wollte wieder zu ihm.
Und da saß er. Vor ihm auf dem Tisch eine Flasche Bier und sah mich an. Ohne was zu sagen. Komplett ernst.
Ich wusste sofort: Das war’s.
Mir war übel, ich merkte, wie ich blaß wurde. Ich fühlte mich als ob ich nur eine Rolle in einem fremden Körper spiele. Es lief irgendwie alles nebenbei. Mechanisch trifft es.
Hätte damals jemand zu mir gesagt „sei froh, nun hast Du Gewissheit, das Hin- und Her ist vorbei“.
Das hätte ich nicht hören wollen. Ich hatte andere Sorgen. Mein Herz schmerzte.
Heute sehe ich das anders. Diesen Tag werde ich nie vergessen. Aber er hat eine neue Richtung vorgegeben. Er hat eine Zeit beendet, in der ich ständig Energie verlor, Kummer hatte.
Ja, nach diesem Tag hatte ich erst einmal so RICHTIG Kummer. Aber das war dann auch der Moment des Umdenkens. Es dauerte, aber es wurde immer besser und besser und besser.
Ich habe mich mit wenigen Worten verabschiedet in einer Karte auf der stand „in Liebe loslassen“. Diese Karte legte ich ihm auf den Tisch, daneben den Haustürschlüssel. Als ich ging und in mein Auto stieg war ich traurig, aber gleichzeitig entlastet. Es konnte nur noch aufwärts gehen mit MIR.
Mit ihm nicht. Er sitzt immer noch an diesem Tisch und säuft. Aber das war seine Entscheidung.
Für mich ist es wie, wenn ein Arzt mitteilt, dass die Behandlung leider nicht geholfen hat und die Lebenserwartung nun nur noch kurz ist. Da sind die Angehörigen doch auch im Schock. Weinen. Trösten sich. Da sagt niemand: sieh es doch positiv, jetzt kannst du nur auf dich selbst gucken.
Das sagen die Menschen nicht bei Erkrankungen, wo der Betroffene keine Möglichkeit hat, die Krankheit zu stoppen.
Das ist hier aber nun einmal anders.
Er hat die Wahl, was er aus seinem Leben macht. Wer bereits auf dem Rückweg der Klinik rückfällig wird, hat nicht ernsthaft aus tiefstem Herzen aufgehört. Das ist seine Entscheidung gewesen.
Jump, ich wünsche Dir, dass Du hier irgendwann schreiben kannst, dass Du Dich gut und frei fühlst.
Ich glaube daran.