Hallo Michl,
nun möchte ich auch etwas dazu schreiben.
Ich bin nach wie vor -trotz vieler Gegenargumente hier - der Meinung, dass man sich ein "Outing" am Arbeitsplatz gut überlegen sollte, wenn man noch die Wahl hat.
Weil es sich eben auf der Arbeit nachteilig auswirken kann: z. B. durch Nichtberücksichtigung bei der Beförderung, bei geplantem Personalabbau, durch misstrauisches Beäugen bei jeder Krankmeldung (ist er wirklich krank oder trinkt er wieder?) Oder überhaupt bei der Arbeit (Können wir ihm dies oder jenes noch anvertrauen, wenn doch die allgemeine Rückfallquote so hoch ist?).
Manche Alkoholiker neigen dann zur Selbstüberforderung, um allen zu beweisen, dass sie trotz der Suchtkrankheit noch wertvolle Arbeitskräfte sind. (Hab ich in meiner Gruppe vor Ort erlebt.)
Morgenrot : Mir ist nicht ganz klar, was Suchtvereinbarung und betriebliche Suchtkrankenhelfer hier ergänzend tun können? Michl hat sich ja schon außerhalb des Betriebes Hilfe geholt und bald sogar schon einen Rehatermin. Und hattest Du nicht mal geschrieben, dass Dein Mann durch seine Offenheit auf der Arbeit eindeutige Nachteile hatte? Oder verwechsle ich da was?
Michl : Theoretisch besteht keine Verpflichtung, den Grund einer Krankschreibung oder Reha offenzulegen (außer vielleicht bei bestimmten Berufsbildern mit besonderer Verantwortung, da kenne ich mich nicht aus). Praktisch ist es aber gar nicht so einfach. Gar nichts zu sagen, befeuert eher boch den Flurfunk.
Ich habe aus den o. a. Erwägungen auf Nachfrage von Kollegen von einer psychosomatischen Reha gesprochen. Burnoutgefährdet war ich sowieso, auch das war offensichtlich. Ich hab also nicht direkt gelogen ( ist viel zu anstrengend), nur nicht die ganze Wahrheit gesagt, Alkoholsucht zählt ja auch zu den psychischen Erkrankungen.
Aber: Dann wurde ich von Kollegen gefragt, wo es denn hingeht. Da konnte ich mich noch rausreden: kleines Kaff in Bundesland xy, kennt man nicht.
Bei der Angabe von Klinikwünschen (hab meine 1. Wahl bekommen)hab ich darauf geachtet, dass die Klinik nicht nur Sucht behandelt und das Wort auch nicht im Namen trägt.
Kaum in der Klinik angekommen, musste ich mir meine Ankunft und den tatsächlichen Start für den Arbeitgeber bescheinigen lassen - und siehe da, auf dem klinikeigenen Briefpapier war auch von Sucht die Rede.
Da habe ich dann unter Verweis auf den Datenschutz um eine Bescheinigung auf neutralem Papier gebeten (die Rentenversicherung hatte auf ihrer Kostenzusage für den Arbeitgeber eine neutrale Formulierung benutzt).
Dann ist auch noch zu bedenken, dass gut informierte Leute, z. B. Personaler, schon aus der geplanten Länge der Reha ihre Schlüsse ziehen können. Du machst zwar keine Langzeitreha, aber eine psychosomatische Reha ist ohne Verlängerung erst mal kürzer als 8 Wochen geplant.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: ich habe von Anfang auf der Arbeit (wenn z. B. Mal Sekt ausgeschenkt wird oder ein dienstliches Treffen mit anschließendem Restaurantbesuch ansteht) klar und bestimmt gesagt, dass ich keinen Alkohol mehr trinke, und auf Nachfrage gesundheitliche Gründe genannt. Inzwischen fragt keiner mehr und ich erkläre mich auch nicht mehr.
Auch das mag den Flurfunk befeuern, aber sie haben es zumindest nicht "schriftlich*. Ich kann aber dadurch nicht mehr spontan "mal einen Schluck trinken", weil auch das dann auffallen und Nachfragen provozieren würde.
Damit gibt es da kein Hintertürchen für mich, zumal solche Anlässe selten sind und ich sowieso meist mit dem Auto unterwegs bin.
Entscheidend sollte DEIN Bauchgefühl sein: Womit fühlst DU Dich wohl und (gesundheitlich und finanziell) auf der sicheren Seite?
(Ich kann mir für mich mit zunehmender Trockenheit immer mehr vorstellen, eines Tages, wenn die Rente in Sicht ist, am Arbeitsplatz offen mit der Sucht umzugehen - weil ich meinen Beitrag zum gesellschaftlichen Umdenken betr. Alltagsdroge Alkohol leisten möchte. Aber noch bin ich nicht so weit. und das ist ok für mich.)