Liebe Kendra,
hab vielen herzlichen Dank für Deine ausführliche Antwort!
Mal sehen, inwieweit es mir gelingt, Dir aus meiner Erfahrung heraus zu antworten. Auch mir fällt das schwer.
Ersteinmal schreibe ich Dir etwas zu mir: Ich bin jetzt ein erwachsenes Kind. Bei mir hat die (eigene) Auseinandersetzung mit langjähriger therapeutischer Hilfe erst Ende 20 begonnen. Mit meiner Mutter war ein Gespräch auf Augenhöhe nie möglich, obwohl ich mir das vor vielen Jahren sehr gewünscht hätte.
Wie massiv die Folgen der Alkoholsucht und der Persönlichkeitsstörung meiner Mutter für mich waren, wurde mir tatsächlich erst sehr viel später wirklich bewusst (das volle Ausmass eigentlich erst jetzt mit Mitte 50 beim Wiedersehen). Vor dem Kontaktabruch vor mehr als einem Jahrzehnt ging es um immer wiederkehrende Konflikte, die aus ihrem fortgesetzten Missbrauch, der Gewalt, der Parentifizierung, der Vernachlässigung von mir als Kind und ihren massiven Pflichtverletzungen resultierten. Ich wollte, dass sie einmal anerkennt, dass das alles für mich sehr schädlich war und dass sie auch anerkennt, dass ich trotz allem meinen Weg gegangen bin (ich glaube kein Mensch will ein Opfer sein!). Aber meine Mutter konnte mich nicht als eigenständige Person sehen. Für sie war ich eine Art Erweiterung ihres eigenen Selbst.
Obwohl meine Mutter sich meiner Sicht der Dinge nicht stellen konnte, konnte ich meiner Mutter verzeihen und zwar in dem Moment, als ich sie nicht mehr in der Rolle der Mutter sah. Das hat aufgrund des früheren symbiotischen Mutter-Tochter-Verhältnisses lange gedauert. Es bedurfte der radikalen und langjährigen Distanzierung von ihr. Dann war es aber quasi auch ohne sie möglich. Ich habe an einem bestimmten Punkt auf meinem eigenen Weg verstanden: Meine Mutter konnte sich ihren eigenen Traumata nicht stellen. Jetzt wo sie alkoholbedingt immer dementer und von fremden Personen gepflegt wird, treten die Kindheitstraumata meiner bald 80ig-jährigen Mutter leider sehr deutlich zu Tage. Das erfüllt mich mit Trauer. Ich sehe ihre Not und weiss, dass ich ihr nicht helfen kann. Keiner kann ihr helfen. Sie hätte sich selbst helfen müssen.
Ich finde es ist eine gute Voraussetzung für Deine Beziehung zu Deiner Tochter, dass Du nichts rechtfertigen willst. Das könnte Deiner Tochter den notwendigen Raum geben, sich Dir gegenüber irgendwann einmal wirklich zu öffnen und Dir gegenüber nicht einfach nur weiter zu funktionieren.
Jegliche Formen der Rechtfertigung, Erklärungen etc. hätte ich in dem Gespräch mit meiner Mutter, das ja nie stattgefunden hat, aus heutiger Sicht nicht richtig gefunden: Sich Erklärungen anhören zu müssen, wo man vor allem erst einmal Gehör finden möchte, das hätte es für mich wahrscheinlich nur schlimmer gemacht. Alle Kinder lieben ihre Eltern, sie wollen nicht, dass die Eltern leiden müssen. Doch genau dieser tiefe kindliche Wunsch, dass die Mutter aufhört zu leiden, ist eine so große Gefahr. Er verhindert die eigene gesunde Entwicklung. Ich habe bereits als sehr kleines Kind gelernt auf die Bedürfnisse meiner Mutter zu reagieren wie ein Seismograph und meine eigenen Bedürfnisse nicht zu äußern, ja nicht einmal mehr zu spüren. Aus diesem Überlebensprogramm herauszufinden, ist sehr schwer. Ich glaube je früher man da therapeutische Unterstützung erhält, desto besser. Es geht darum, sich von der Mutter abgrenzen zu lernen und die tief verankerte Angst zu überwinden, sie dabei nicht endgültig zu verlieren bzw. später zu wissen, mit dem Verlust gut weiterleben zu können.
Verzeihen kann schwer sein, wenn man viel Gewalt und Missbrauch erlebt und das Ganze gerade so überlebt hat. Da kann sehr viel Wut und Verzweiflung in einem stecken.
Bis in meine Dreißiger Jahre habe ich aber selber gar nichts von der eigenen Wut und Verzweiflung bemerkt!
So wie ich den Missbrauch verdrängt hatte, hatte ich diese negativen Gefühle unterdrückt (eine Überlebensstrategie). Es war harte Arbeit meine Gefühle überhaupt zulassen zu können und sie kennenzulernen.
Das kann natürlich im Verhältnis zu Deiner Tochter alles ganz anders sein. Wie Petra schreibt, können Gespräche sicher gut und heilsam sein. Aus meiner Sicht kann eine neue Art der Beziehung aber erst entstehen, wenn die Tochter ihren eigenen Raum hat und die Mutter dem Kind (auch unbewusst) keine Kompromisse/Zustimmung/gemeinsamen Nenner abverlangt und das, was von der Tochter kommt, erst einmal aushält. Ich könnte mir vorstellen, dass es beim Aushalten hilft, wenn die Mutter weiss: ich konnte es damals leider nicht anders. Nicht um all das, was war, zu entschuldigen und es sich leicht zu machen, sondern um sich all das ganz genau anzuschauen. Das, was Du oben geschrieben hast, dass Du lernen musst, Dir zu verzeihen, ist, glaube ich, wirklich sehr wichtig. Eventuell ist das ja auch mit großer Trauer über die eigenen Kindheit und überwältigenden Gefühlen verbunden?
All diese Dinge, die verhindert haben, dass Du Deiner Tochter die Aufmerksamkeit geben konntest, die für sie so wichtig gewesen wäre, würde ich der Tochter gegenüber jedoch nicht in den Vordergrund rücken, denn das ist ja Deine Sache und nicht ihre. Ein Kind darf ja selbst erst einmal so traurig, wütend und weiß noch was alles sein, wie es das eben ist, sozusagen ohne Rücksicht auf die Mutter. Wenn Du das nicht unmittelbar aushälst (was ja verständlich wäre), wäre es vielleicht auch gut, wenn das in einer Therapie bzw. mit therapeutischer Begleitung stattfindet. Petras Anregung!
Noch ein Gedanke zur Schuldfrage:
Es geht m. M.n. um Anerkennung, nicht um Schuld. Dann ist Deine Tochter auch nicht mehr bloß ein Opfer, sondern eine Person, die mit Dir eine sehr schwere Zeit/Beziehung etc. hatte, was womöglich traumatische Folgen für Deine Tochter hatte.
Du schreibst, Du hättest anders gehandelt, wenn Du es gekonnt hättest, und ich finde, das zu erkennen, ist für Dich sehr wichtig. Du kannst aber m.M.n. von Deiner Tochter nicht verlangen, dass sie sozusagen gleichzeitig das gleiche für Dich leistet, was Du ihr nach Deiner Erkenntnis jetzt als Mutter mitgeben kannst: die Anerkennung ihrer Not. Das meinte ich mit meinem Einspruch: die Kinder nicht auch noch zu Therapeuten der Eltern werden zu lassen. Deine Tochter wird Deine damalige Situation irgendwann, wenn sie soweit ist, selbst erkennen können und Dir verzeihen. Ich finde es gut, dass Du sie selbst das Tempo bestimmen lässt.
Alles Gute für Euch!
Viele liebe Grüße Siri
P.S.: "Wie geht das denn eigentlich mit dem Verzeihen unter ‚gesunden‘ Menschen??"
Eine so schöne und wichtige Frage! Ich glaube es hat auch mit Vertrauen zu tun: Vertrauen in sich selbst und in andere. Auch vertrauen, wenn etwas viel Zeit benötigt!