Zu dem Thema Wille-Einsicht-Abstinenz habe ich auch schon viele Gespräche mit meinem Mann gehabt. Also ernste, offene, nüchterne Gespräche von seiner Seite. Ich habe hier im Forum ja immer das Gefühl, dass mir keiner glaubt, dass er wirklich abstinent leben will, dass er wirklich "einsichtig" ist. Es aber trotzdem nicht schafft. Und deshalb ja auch schon so oft in die Reha ist, um sich erneut Hilfe zu suchen. Kurz: ich sehe den Willen. Aber eben trotzdem keine AbAbstinenz.
Hallo liebe Jump!
Ich habe das schon öfter gelesen, das Dein Mann den festen Willen hat aufzuhören aber es nicht schafft. Wenn das wirklich stimmt, dann verstehe ich diese Aussage nicht.
Ich wusste gar nicht, das ich ein Alkoholiker bin. Ich habe es nicht wahrhaben wollen. Mein Arzt hat mir dann vollkommen unverblümt und mit ganz ruhigen Ton ins Gesicht gesagt, daß ich ein Alkoholiker bin, der nur noch funktioniert, weil ich ein Gerüst aus Arbeit, Familie und Hobbys um mich habe. Wenn ich dies nicht hätte, dann würde ich jetzt schon nur noch in einem einsamen dunklen Raum sitzen den ich nur noch verlassen würde, um Nachschub zu holen. Etwas anderes gäbe es nicht mehr für mich. Und wenn ich nichts machen würde, würde das auch bald eintreten. Ich würde alles verlieren: Frau, Arbeit, Führerschein, Haus, alles. Ich hätte aber eine kleine Chance, mich zu retten aber nur, wenn ich alle Hilfe annehmen würde, die ich bekomme. Ich müsste selber alle, wirklich alle Hebel in Bewegung setzen, dann hätte ich eine Chance ein abstinentes Leben zu führen.
Bei mir hat das gesessen. Aber so richtig! Ich habe alle Hebel in Bewegung gesetzt. Ich hatte richtig Panik.
Die Zeit danach war extremst anstrengend. Ich musste mit ganz vielen mit vollkommen fremden Menschen über meine innersten Gefühle reden, ihnen mein tiefstes Inneres ausbreiten. Ich musste mit meinem Chef sprechen, ich habe wirklich alles gemacht, alles weil ich wirklich mich so gut es geht auf ein abstinentes Leben vorbereiten wollte. Das habe ich gemacht. Ich lebe zum Glück in Deutschland wo ich wirklich jede Menge Hilfe bekommen konnte. Ich habe sie angenommen. Ich musste sie annehmen. Denn mein Arzt hat mir auch auf den Weg gegeben, das die Rückfallquoten bei über 90% im ersten Jahr liegen. Ich habe meine Erkrankung von der ersten Minute, seit ich wusste das ich diese Krankheit habe, sehr ernst genommen.
Es muss jeder Alkoholiker selber wissen, wie ernst er seine Erkrankung nimmt. Ich habe sehr viele Menschen auf dem Weg in meine Trockenheit kennengelernt. Ganz vielen von ihnen konnte ich schon in der Therapie ansehen, das sie garantiert jetzt wieder trinken. Sie haben ihre Erkrankung nicht ernst genug genommen oder nicht den nötigen Respekt vor ihr gehabt.
Mir fällt es heute relativ leicht, durch die Therapien und Selbsthilfegruppen wie diese hier, ein ganz normales Leben zu führen. Denn ich habe sehr viel über meine Krankheit und über Alkohol gelernt. Ich bin heute einfach nur sehr, sehr glücklich, das ich nicht mehr trinken muss. Ich weiss aber auch, das ich immer sehr wachsam sein muss. Denn die Erkrankung sitzt bis zu meinem Tot in meinem Kopf und schlummert da nur. Ich weiss aber heute sehr genau, wie ich sie wecken würde und was ich dagegen machen kann, damit sie nicht wach wird.
Das habe ich alles gelernt. Ausser sehr viel Zeit hat mich das alles keinen Cent gekostet. Ich war gerade mal 6 Wochen krankgeschrieben.
Ich frage mal ganz provokant, das ist nicht böse gemeint: Wenn Dein Mann wirklich ernsthaft aus dem tiefsten Inneren heraus mit dem Trinken aufhören möchte, warum trinkt er dann noch? Ich bin der Meinung, das es dafür nur einen Grund gibt: er hat zu wenig getan. Warum, das weiss ich nicht. Möglichkeiten hat er genug in Deutschland. Hier wird jedem geholfen. Nur muss man dafür auch aus seiner Komfortzone rauskommen und selber aktiv werden. Und genau DAS gelingt am besten, wenn man vor der Wand steht und feststellt, das es nicht mehr weiter geht. Wenn die Welt sich für einen aufgehört hat zu drehen. Wenn der Tiefpunkt erreicht ist.
Verstehst Du, was ich damit sagen will? Ich bin nicht trocken gestreichelt worden. Kein trockener Alkoholiker wurde trocken gestreichelt. Die meisten mussten vor die Wand fahren, um sich zu retten. Du machst gerade genau das richtige.