Hallo zusammen,
10 Wochen abstinent, und ich habe weiterhin das Gefühl von Bereicherung, nicht von Verzicht. Natürlich gibt es Momente, in denen ich hibbelig, unkonzentriert, reizbar, antriebslos oder schlaflos bin, aber die gab es auch unter Alkohol. Jetzt nehme ich sie deutlicher wahr und halte sie einfach aus, wende, manchmal, Beruhigungstechniken an oder lenke mich irgendwie ab. Neu ist dieses schon häufiger von mir beschriebene Gefühl der Gier auf irgend etwas. Allmählich möchte ich anfangen, die Süßigkeiten, die ich mir zu Beginn der Abstinenz gestattet habe, wieder zu reduzieren. Aber das ist nicht ganz leicht. Manchmal taucht irgendwo am Horizont, in sehr sehr weiter Ferne, ein Glas Wein auf, so weit weg, dass man kaum die Konturen erkennen, es nur erahnen kann, aber wenn das passiert, ballere ich das Bild - sinnbildlich - mit einem Faustschlag aus meinem Bewusstsein. Ich habe große Angst davor, dass solche Bilder mehr Raum in meinem Verstand einnehmen. Ich weiß, dass davon eine große Gefahr für mich ausgeht. Gut möglich, dass ich Meisterin im Verdrängen bin, aber in dem Fall hilft es hoffentlich. Die Firewall steht jedenfalls und wird laufend aktualisiert, auch wenn mir das als Überheblichkeit ausgelegt wird.
Meine Tage haben sich verändert. Es gibt kaum einen Tag, an dem ich aus meiner Höhle nicht herauskomme wie in früheren Zeit, als der Break nach dem Home Office die Flasche Wein war. Jetzt sind die Breaks: Aquagym, Schwimmen im Verein, zweimal die Woche SHG, Walking mit meinem Mann und weiterhin Kümmern um mein Ehrenamt (von dem ich hier nicht allzu konkret mehr erzählen möchte). Das ist alles kein bisschen stressig, sondern einfach nur wunderbar und tut mir richtig gut.
Und nun ein Punkt, der mir gestern Abend Schnappatmung verursacht hat: Wie erzählt, kochen mein Mann und ich inzwischen leidenschaftlich gerne komplizierte Gerichte nach Kochbuch. Für die Säure verwende ich gerne Zitrone/Zitronensaft, aber nun hieß es auf einmal: Essig! Mit sind die geläufigen Fallen bekannt wie Pralinen, Dessert, Kuchen, Mundspülung, medizinische Säfte, Saucen ... Aber Essig hatte ich nicht auf den Zettel. Allein die Namen! Rotweinessig, Weißweinessig, Branntweinweinessig ... Vor Schreck wären mir die Flaschen, die ich ganz hinten im Schrank mit den Würzsaucen gefunden habe, fast aus der Hand gefallen. Ich fühlte mich förmlich 'angesprungen' und hatte tatsächlich Fluchtinstinkte, wenn ihr versteht, wie ich das meine. Wir haben das alles entsorgt, dann erst habe ich die KI befragt: Ja, tatsächlich sind in den meisten Essigsorten Restalkoholmengen von 0,5 bis 1,5 %. Man ist sich uneinig bei Balsamico und Reiswein, aber das ist mir zu heikel. Da gehe ich nun auch auf Nummer sicher, ist alles entsorgt.
Was bedeutet das nun? Gut, im Salatdressing hat mir schon immer Zitrone besser geschmeckt, und auf Tomate, Mozzarella, Basilikum kann man Balsamico auch weglassen. Aber Kartoffelsalat, Linsensuppe oder auch (wie wir es bei Urlauben in England lieben) Fish & Chips! Wobei ... Backfisch! Bierteig! Noch eine üble Falle. Und das finde ich nun traurig. Klar, gibt es ein Leben ohne diese Gerichte, aber ich empfinde es gerade als Verlust. Kartoffelsalat geht ja praktisch gar nicht, denn auch wenn ich ihn nicht bayrisch anmache, sondern mit Mayo und Äpfeln, müssen ja Gewürzgurken dazu, und die sind demnach auch tabu, genau wie alle Mixed Pickles.
Hat schon mal jemand im Restaurant darum gebeten, bitte ohne Alkohol und ohne Essig? Wie geht ihr mit Essig um?
Euch allen ein schönes Wochenende!
Mattie