Mit mir selbst zufrieden leben

  • Hallo Hartmut,

    sicherlich ist ein Perfektionsanspruch an sich selbst nicht von vornherein Teil eines Krankheitsbildes. Es ist aber, wie in so vielem, eine Frage des Maßes. Einer in meiner Gruppe formuliert es ganz pragmatisch: genug ist genug und mehr als genug macht krank. Aber damit wird ja auch Sucht definiert: Immer mehr und nie genug.

    Hartmut, wir machen uns das Leben schwer, meinst du, wenn wir unser Verhalten im Kontext zu unserer Krankheit sehen. Ich habe für mich gelernt, dass ich ja genau deswegen krank geworden bin, weil ich mein Verhalten als "normal" betrachtet habe und immer mehr in den Strudel Leistung-Anerkennung-noch mehr Leistung-noch mehr Anerkennung geraten bin. Ich musste erst lernen, dass es keine Gefahr für mich bedeutet, nicht von allen Menschen anerkannt und gemocht zu werden. Hier gleichen sich die Geschichten von Alkohol- und Co-Abhängigen, habe ich in meiner gemischten, realen SHG festgestellt. Alkoholiker trinken sich die schlechten Gefühle in der Regel oft weg, und denken, so entstehen die guten. Sie "trinken sich kommunikativ, spontan oder zu everbodies darling" . Und Co´s "helfen" sie sich weg. Sie kümmern sich um alles, nur nicht um sich, weil sie denken, dies sei nicht gestattet. Sie seien nur etwas wert, wenn sie Leistung - sprich Hilfe - bringen.

    Ich habe für mich festgestellt, dass ich auch oft Probleme hatte, mit einem erreichten Ziel zufrieden zu sein. Immer musste es weitergehen, mehr, besser, höher, weiter.... Meine Partner hatten es darum sicherlich nicht einfach mit mir. Zudem bin ich immer stiften gegangen, wenn es mir lang genug nicht genug war. Ich hab nie darüber nachgedacht, dass ein Gefühl des Zuwenig-bekommens ganz, ganz viel mit mir selbst zu tun hat.

    Dies zeigt sich meist eben nicht im bewussten Handeln. Aber wenn dich das ewige Roboten krank macht, dann fängst du an, dahinter zu gucken - ins Unbewusste quasi. Und da sind MIR Kronleuchter aufgegangen. Wenn ich mir so "umlese" oder in meiner realen SHG zuhöre, stelle ich immer wieder fest, dass ich da ähnlich ticke, wie viele Abhängige auch.

    LG
    Ette

    Im Schmerz von gestern liegt die Kraft von heute.
    ("Handbuch des Kriegers des Lichts" v. P.Coelho)

  • Hallo Ette,

    nun kann ich es besser verstehen.

    Wenn ein Co helfen "muss" und es perfekt machen will , kommt er immer wieder an seine Grenzen , da dem Alkoholiker ja nicht zu helfen ist. Er dreht sich immer wieder im Kreis und seine Krankheit verschlimmert sich, solange er nicht kapituliert und sich von dem Suchtmittel löst.

    Dann wäre eine Trennung vom Partner ja unabdingbar, wenn dieser nicht bereit ist was für sich zu tun.

    Wenn "beide trocken" sind , dann besteht die Möglichkeit des Zusammenlebens weiter , macht es aber für den CO schwieriger , da nun der Alkoholiker keine Hilfe mehr benötigt die aber bei der CO-Krankheit ein Hauptbestandteil ist.

    Ich hatte aber auch des öfteren den Eindruck um Co-Bereich , das sich einige gerne in der "Opferolle" bewegen und nicht nur Co-Abhängiges Verhalten annehmen und es zu einen Bestandteil der Krankheit machen.

    Dann auch vermitteln das sie ne Lösung gefunden haben aber dannach wieder die "Opferrolle" zurückfallen , ein anderes Problem annehmen und das ganze "Spiel" von vorne los geht.

    Etwas kompliziert diese CO Geschichte. Werde noch viel bei dir lesen um es beser zu verstehen.

    Schönes Wochenende.

    Gruß Hartmut

    Gruß Hartmut

    ------------------

    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • Guten Morgen,

    Hartmut, ich hab dir mal ein wenig "dazwischengefunkt". Das macht mir das Antworten leichter.

    LG
    Ette

    Im Schmerz von gestern liegt die Kraft von heute.
    ("Handbuch des Kriegers des Lichts" v. P.Coelho)

  • Hallo,

    mir fällt immer wieder auf, dass wir Co´s schon sehr dazu neigen, unseren eigenen Anteil am "System" nicht wahrhaben zu wollen. Wir wollen die Retter sein, ohne die nix geht. Wir meinen, nur dann anerkannt und wertgeschätzt zu sein, wenn wir etwas schaffen und dazu gehört auch, unseren Alki vom Stoff zu bringen. Nur - das klappt halt nicht. Also ist unsere nächste Aufgabe, die wir mit Bravour meistern wollen, unsere Genesung. Auch da legen wir Wert auf Perfektionismus und vermeiden es dabei zu gern, unsere Schwächen, Schmerzen und Defizite anzuerkennen und zu akzeptieren. Solange wir davor aber die Augen verschließen, wird unsere "Genesung" nur ein Bild sein, das wir vermitteln möchten.

    Unsere Eltern, unser Umfeld haben uns vielleicht irgendwann durch Sozialisation und Vorleben zu dem gemacht, wie wir heute sind. Wir sind aber inzwischen erwachsen genug, die Verantwortung für uns, unser Leben und unseren Selbstwert selber zu übernehmen. Und wir sind auch etwas wert, wenn wir unsere Fehler und Schwächen anerkennen.

    LG
    Ette

    Im Schmerz von gestern liegt die Kraft von heute.
    ("Handbuch des Kriegers des Lichts" v. P.Coelho)

  • hallo ette,

    ich denke das es ganz ganz wichtig ist ehrlich zu sein,ehrlich zu sich selbst.sonst kommen wir nie da raus.
    es wäre ja sowas von einfach wenn man nur einen schalter umlegen könnte und alles kopfgesteuert regeln könnte :)
    ich denke wenn wir wirklich an uns arbeiten,kommt jeder (hoffentlich)selbst dahinter das es ohne ehrlichkeit nicht geht.dazu muss man sich immer selbst hinterfragen.
    sich dabei schwächen einzugestehen ist ganz normal.auch ich hab meine schwächen,die wiederum kann ich nutzen um zu lernen.es wird immer situationen geben die uns zurück werfen,das fängt beim denken an,das dann als lernprozess anzusehen ist nicht für jeden einfach.
    bei sich selbst anzukommen und das dann auch wirklich so empfinden,selbst das hat lange gedauert bei mir.für mich irgendwie die basis.
    weisst wie ich meine?

    glg kathrin

  • Hallo,

    so, nach 4 Tagen Bettruhe bin ich heute das erste Mal wieder auf den noch etwas wackeligen Beinen. Hatte mich doch eine richtige fiese Erkältung erwischt, sodass ich weder reden noch denken konnte. Da ist alleine leben dann schon eine Herausforderung. Und zwischendurch hab ich mir auch so richtig schön leid getan mit ins Kissen schluchzen und schniefendem Gejammer. Nur – es hat keiner gehört außer mir. Es merkt auch keiner, wenn ich nicht um Hilfe bitte. Also hab ich heute morgen um Krankenbesuch gebeten und darum, mir ein paar Dinge einzukaufen. Nicht so ein tolles Gefühl, wenn ich ansonsten alles alleine auf die Reihe kriege. Und auch nicht, wenn ich mir wünsche, dass sich einfach mal jemand um mich kümmert. Wie gesagt, da ist dann alleine leben nicht das Gelbe vom Ei.

    LG
    Ette

    Im Schmerz von gestern liegt die Kraft von heute.
    ("Handbuch des Kriegers des Lichts" v. P.Coelho)

  • Liebe Ette, es ist doch gut wenn Du jemand bitten kannst. Ich habe letzte Woche auch Krankenpflegerin gemacht und das beidesmal bei Menschen die nicht allein waren aber wo niemand anders Zeit hatte... Manche Menschen haben niemanden den Sie bitten können...

    Alles Gute und viel Besserung
    die Karotte

    Das Leben ist Widerspruch: Das eine ist und das andere auch.

  • Guten Morgen,

    zuerst möchte ich mich für die lieben Genesungswünsche danken. Sie haben Wirkung gezeigt, denn ich fühle mich inzwischen wieder ein ganzes Teil besser.

    Wie bereits an anderer Stelle geschrieben, hatte ich ein sehr gutes Wochenende. Es hat mir wieder einmal gezeigt, dass mein Traum nicht illusorisch ist. Dass ich das, von dem ich träume, kann. Jetzt muss ich nur noch den Mut finden, es ins Außen zu bringen, was ich tun möchte.

    Schön war es, nach hause in ruhige vier Wände zu kommen. Mit Menschen ist es auch schön, aber mit mir alleine ist es erholsam. Ich hätte es mir noch vor ein paar Jahren überhaupt nicht vorstellen können, mich auf eine leere Wohnung zu freuen. Ständig waren Menschen um mich gewesen. Erst meine Ursprungsfamilie und von da an gab es immer einen Mann in meinem Leben. Über etliche Jahre natürlich auch noch meinen Sohn. Wie gesagt, ich konnte es mir nicht vorstellen, alleine zu sein. Lange Zeit dachte ich, einen solchen Zustand überhaupt nicht aushalten zu können.

    Hier lese ich manchmal Ähnliches. Lieber eine schlechte Beziehung als gar keine. Für mich selbst habe ich festgestellt, dass dieses Bedürfnis aus „grauer Vorzeit“, sprich aus meiner Kindheit, resultiert. So, wie der Alki seinen Stoff, brauchte ich Menschen um mich. Alleine, ohne meinen „Stoff“, hielt ich mich für nicht lebensfähig. Natürlich hätte ich das so nie formuliert. Aber gelebt habe ich so. Kaum merkte ich, dass die eine Beziehung „ins Rutschen“ kam, suchte ich mir einen neuen Mann. Ich war selten länger als ein, zwei Monate „ohne“. Selbstverständlich hätte ich nie zugegeben, dass dieses „Beziehungshopping“ aus meiner eigenen Bedürftigkeit entsprang. Mit einem Mann an meiner Seite fühlte ich mich vollständig, lebendig, komplett..

    Es hat inzwischen einige Jahre gedauert, in denen ich mich mit dieser Tatsache befasst habe, um dieses Empfinden zu ändern. Nicht immer klappt es gut, mit mir allein zu leben. Und doch ist es ein gutes Gefühl, wenn ich mir die Tatsache vor Augen halte, dass ich es kann. Nicht beziehungslos, aber ohne aktuelle Beziehung.

    LG
    Ette

    Im Schmerz von gestern liegt die Kraft von heute.
    ("Handbuch des Kriegers des Lichts" v. P.Coelho)

  • Mitunter ist es alles andere als leicht, zufrieden zu leben. Vor allem wenn ich für meine Unzufriedenheit äußere Umstände verantwortlich mache nach dem Motto: ich bin o.k., aber die Welt ist schlecht. Solche Empfindungen können mir in einer Beziehung begegnen, im Beruf oder in jedem Kontext, in dem ich eingebunden bin. Für mich ist es teilweise sehr schwer, dann die Verantwortung dafür zu tragen, dass es mir gut geht. Schließlich kann ich weder einen Partner noch einen Chef oder doofe Nachbarn ändern und schon gar nicht die Welt.

    Gerade aus meiner Co-Abhängigkeit heraus habe ich oftmals den Anspruch, dass Dinge so funktionieren sollen wie ich es mir vorstelle. Pustekuchen! Das ist ein Ansinnen, gegen das ich immer wieder anarbeiten muss. Auch wenn ich schon lange nicht mehr mit einem abhängig trinkenden Menschen lebe, zeigen sich diese Strukturen immer wieder und machen mich richtiggehend krank. Obwohl ich „meinen Alki“ inzwischen losgelassen habe, setze ich immer wieder viel Energie in Dinge, von denen ich meine, sie müssten so funktionieren, wie ich es möchte. Mir hat heute ein schlauer Mensch gesagt, dass das davon kommt, weil ich die sachliche Tatsache nicht akzeptieren kann. Stattdessen versuche ich, auf der Beziehungsebene zu agieren. Das geht aber in vielen Bereich gar nicht. Trotzdem bilde ich mir ein, dass es so funktionieren muss. Im Zusammenhang mit „meinem Alki“ habe ich meine co-abhängigen – sprich beziehungsabhängigen Teile akzeptiert und kann deshalb halbwegs gesund agieren. In anderen Bereich halte ich noch daran fest und reibe mich auf im aussichtslosen Agieren.

    Das ist dann also mein nächster Schritt. So viel als möglich loszulassen, damit ich nicht weiter gegen Windmühlenflügel kämpfe.

    LG
    Ette

    Im Schmerz von gestern liegt die Kraft von heute.
    ("Handbuch des Kriegers des Lichts" v. P.Coelho)

  • Liebe Ette,

    bist du dir denn sicher das du agierst? Mir scheint eher das du auf die äusseren Umstände reagierst und dadurch ins Straucheln kommst und dich das unzufrieden macht.

    Liebe Grüsse
    Elocin

  • Hi Elo,

    klar bleibt es nicht aus, auf äußere Umstände zu reagieren. Besonders im Berufsleben, wo Anforderungen gestellt werden. Sind diese jedoch so gestaltet, dass sie nach dem Motto "immer mehr und nie genug" funktionieren, beinhalten sie schon die Gefahr, dass ich reagiere wie in meiner tiefsten Co-Abhängigkeit. Ich rackere und rackere, um den Anforderungen gerecht zu werden. Ein wenig habe ich aber doch gelernt. Nämlich, mich zu verändern, auch arbeitstechnisch, wenn ich die äußeren Umstände nicht verändern kann. Auf diesem Weg bin ich gerade und es hat mich teilweise ganz schön geschockt, dass meine Verhaltensweisen dort nicht so sehr unterschiedlich von denen sind, die ich im Zusammenleben mit "meinem Alki" an den Tag gelegt habe. Es hat mich sehr nachdenklich gemacht und mir gezeigt, dass bestimmte Strukturen einfach ziemlich tief verankert sind und sich in vielen Bereichen zeigen.

    LG
    Ette

    Im Schmerz von gestern liegt die Kraft von heute.
    ("Handbuch des Kriegers des Lichts" v. P.Coelho)

  • Hallo Ette,

    dann kannst Du ja jetzt den Anker heben und mal durch neue Gewässer schippern.

    Wenn jetzt das ganze System auf Cocolores aufgebaut wäre, so auf Abhängigkeit von Chefs und so, dann würden wir da nicht mehr reinpassen, mit unseren neuen Entwicklungen und wären für die anderen wieder krank, jetzt wo wir gesund werden. Lustiger Gedanke, vielleicht liegt das ja auch wieder nur in mir.

    Lieben Gruß kaltblut

    Sie standen dar und fragten sich warum und nur einer meinte: warum nicht.

  • Ein sehr anwesendes Thema auch bei mir - Ette hat ebenso Recht (meiner Meinung nach) wie Kaltblut. Während der Arbeitgeber sicherlich zumeist versucht aus uns rauszukitzeln was auch nur ansatzweise denkbar scheint, so sind wir bemüht bis zum Perfektionsimus eben diese Aufgaben zu tätigen.
    Ein "kluger" Vorgesetzter dürfte erkennen, wie gerne wir so "perfekt" sind und immer mehr auf die To-Do-Liste packen ;)

    Ich habe in der Zeit meiner Beziehung in einer ebenso ungesunden Arbeitsbeziehung gesteckt. Getraut mich zu wehren habe ich nicht, da der Job ja mein eh schon kargliches Überleben sichern sollte.

    Pustekuchen ! Als der Laden nicht mehr lief, versuchte man ebenso mich loszuwerden, als hätte ich dort nicht unentgeldlich gearbeitet, als hätte ich nicht hunderte von Stunden ohne Entlohnung abgeleistet.

    Nun aber:
    Die ungesunde Beziehung existiert nicht mehr - der Arbeitsplatz wurde gewechselt. Das Gehalt ist noch kärglicher, aber die Zufriedenheit da. Die Menschen um mich herum von anderer Struktur.

    Dennoch: auch hier muss ich so bei mir sein um eben nicht genau in selbiges Fahrwasser zurück zu fallen. Meine Arbeit ist gut, entweder das wird auch weiterhin so geachtet wie es bisher der Fall ist oder aber ich wäre am falschen Platz. Derzeit habe ich eine Zufriedenheit mit meiner Arbeit, Freizügigkeit was meine Arbeitszeit betrifft und übernehme dadurch auch die Verantwortung für die entsprechenden Terminarbeiten. Hier gehen derzeit beide Parteien vertrauensvoll aufeinander ein. Ich hoffe sehr, dass es so bleibt und ich eventuelle Veränderungen sofort spüre ohne in altbekannt Muster und Ängste zu verfallen.

    Und Leute, ich war einfach nur genial darin mich ausbeuten zu lassen. Gerade so, als hätte ich mich hingstellt im Sinne von "alles unzumutbare an mich ran" ich brauche es mich selber verrückt zu machen! Packt noch mehr auf mich drauf, ohne Überlastung fühle ich mich nicht normal.

    Normal - so und da sind wir wieder bei Kaltblut :)

    Ich habe derzeit das Glück einen Chef zu haben, mit dem mich an Einstellungen und Interessen sehr viel verbindet - beide sind wir kreativ, gestalterisch tätig ect. Es wäre sehr, sehr schön, wenn auch das Arbeitsumfeld wie das persönliche so bleibt - gegenseitige Wertschätzung, Unterstützung und bisher ein gegenseitiges Geben und nehmen (über das "muss" hinaus von beiden Seiten)

    So, und nun beginnt der nächste Punkt "Vorsicht". Nicht den Arbeitsplatz, an dem es mir nun gut geht, als einzigen Lebenszweck betrachten und so in die nächste Abhängigkeit zu rutschen ....

    Also Ihr Lieben, was Ette anspricht ist sehr, sehr existent auch bei mir. Ich habe fast 10 Jahre in meiner Gebermentalität funktioniert und mich in Beruf und Privatleben selber zur Verfügung gestellt und angeboten.

    Nunmehr ist meine Aufgabe hier Grenzen zu ziehen, und überhaupt im Vorfeld zu bemerken wenn ein Schneeball zur Lawine werden könnte.

    So, Ihr Lieben, nun geht es ab zum "Brötchen verdienen".

    Lieben Gruß von Dagmar

  • @ Karl: Die Anker sind schon lange gelichtet, allerdings ist es noch eher ein Schlingerkurs, der sich daraus ergeben hat. Und das ganze System ist auf Abhängigkeiten aufgebaut. Die gilt es zu erkennen und zu differenzieren - das ist die Krux.

    Hallo ihrs,

    meine Zufriedenheit und mein Wohlfühlen hingen ganz lange davon ab, ob mein damaliger Partner trank oder nicht. Täglich war es ein Eiertanz auf dem Nachhauseweg, weil ich nicht wusste, wird es ein guter oder ein schlechter Abend. Hatte er getrunken, war er schlecht drauf. War er nüchtern, schien er euphorisch bis zu dem Zeitpunkt wo ihn vielleicht wieder das Craving erwischte. Ich war ständig bemüht, nichts zu tun, was seine Laune verschlechtern hätte können. Ich bedachte zwei, drei, vier Schritte im voraus, versuchte jeglichen Fettnapf zu umgehen und war dadurch ständig dabei, mein eigenes Empfinden und meine Bedürfnisse zu ignorieren. Vor lauter vorgeblicher Empathie in seine Empfindungen hatte nichts anderes mehr Platz. Ich meinte, seine Gedanken zu kennen, ohne dass er sie aussprach und erwartete das Gleiche natürlich auch von ihm. Sagte er mir etwas, war ich nicht in der Lage, seine Worte als Tatsache anzunehmen, sondern wollte dahinter immer das sehen, was er mir „eigentlich“ damit sagen wollte. War er unterwegs und meldete sich nicht mindestens einmal am Tag, ging ich davon aus, dass etwas Schreckliches mit ihm passiert war und er womöglich irgendwo total breit herumlag. Ich hatte das Gefühl, dass es mich schier zerreißen würde, wenn ich alleine und ohne ihn leben müsste. Darüber hinaus hatte ich noch den Anspruch, dass unser Zusammenleben so aussehen sollte, wie ich es mir erträumte. Lediglich seine Trinkerei schien diesen Traum zu verhindern.

    Inzwischen weiß ich, dass ich mich vielen Illusionen hingegeben habe. Ich sah ihn, wie er meiner Meinung nach hätte sein können, ohne zu akzeptieren, dass er so nicht ist und nie sein wird, wollte nicht nur sein Trinken unterbinden sondern auch, dass er bestimmte Dinge sieht und handhabt so wie ich. Inzwischen leben wir beide, wie wir es für uns als gut empfinden, können aber trotzdem, oder gerade deshalb, gut miteinander umgehen.

    Ich musste es loslassen, mein Kopfkino in Gang zu setzen und habe gelernt, gesprochene und geschriebene Worte als Fakt anzunehmen. Veränderungen habe ich nur noch an mir initiiert und versuche nicht mehr, IHN oder andere Menschen zu verändern. Ich lebe mein Leben, auch wenn es nicht immer einfach ist, weil ich merke, dass meine Strukturen im Zusammenleben mit einem alkoholabhängigen Menschen nur die Spitze des Eisberges waren. Darunter ist ganz viel, was nur mit mir alleine zu tun hat. Meine Empathie habe ich nicht verloren, muss sie aber sehr scharf im Auge behalten, weil sie mir sonst allzu leicht Streiche spielt und ich mehr in Situationen hineininterpretiere als mir und den Menschen um mich herum gut tut. Grenzziehung ist das, worauf ich mein Hauptaugenmerk richte. Und ich glaube, das ist auch der Hauptgrund, warum wir noch miteinander umgehen können. Ich lasse ihn und er lässt mich leben wie wir jeweils wollen.

    Gestern beim Spazierengehen ist mir aufgegangen, dass es gerade meine vermeintliche Empathie war, die mich immer wieder Dinge hat tun lassen, die mich gar nix angingen und meine Grenzen überschritten. Inzwischen schalte ich öfter mal auf stur, wenn mir einer sagt: Du weißt genau, was ich meine. Nein, weiß ich nicht, weil ich nicht die Gedanken des Anderen denken kann. Er muss sie mir schon erklären und auseinandersetzen. All das, was im „normalen“ Leben als einfühlsam und mitfühlend deklariert wird, war genau das, was mich in meiner Co-Abhängigkeit gehalten hat. Und es gibt genug Menschen, die die Mechanismen kennen, mit denen sie manipulieren und ihre Wünsche und Erwartungen durchsetzen wollen, ohne sie explizit zu formulieren. Aber mein Apel-Ohr ist seit längerer Zeit geschlossen. Auch auf die Gefahr hin, dass der ein oder andere beleidigt den Ar.... rumschmeißt und abdampft.

    Ja, ich bin mitunter rigide in meiner Meinung. Ich nehme für mich in Anspruch, auf mich und meine Bedürfnisse zu achten und stelle meine Empathie des Öfteren in die Ecke, weil ich weiß, dass sie mich auf Dauer nicht zufrieden macht. Empathie ist eine wunderbare Gabe – jedoch nicht für Co-Abhängige. Da ist sie eine Aufgabe, die bewältigt werden will um zufrieden leben zu können.

    LG
    Ette

    Im Schmerz von gestern liegt die Kraft von heute.
    ("Handbuch des Kriegers des Lichts" v. P.Coelho)

  • Zitat von Ette

    Darüber hinaus hatte ich noch den Anspruch, dass unser Zusammenleben so aussehen sollte, wie ich es mir erträumte. Lediglich seine Trinkerei schien diesen Traum zu verhindern.

    Inzwischen weiß ich, dass ich mich vielen Illusionen hingegeben habe. Ich sah ihn, wie er meiner Meinung nach hätte sein können, ohne zu akzeptieren, dass er so nicht ist und nie sein wird, wollte nicht nur sein Trinken unterbinden sondern auch, dass er bestimmte Dinge sieht und handhabt so wie ich.
    Veränderungen habe ich nur noch an mir initiiert und versuche nicht mehr, IHN oder andere Menschen zu verändern. Ich lebe mein Leben, auch wenn es nicht immer einfach ist, weil ich merke, dass meine Strukturen im Zusammenleben mit einem alkoholabhängigen Menschen nur die Spitze des Eisberges waren. Darunter ist ganz viel, was nur mit mir alleine zu tun hat.


    Ette


    hallo ette,

    mit zitieren kann ich noch nicht so,hoffentlich hats geklappt.

    um so mehr ich mich mit mir beschäftige kann ich sagen das ich immer mehr sehe das vieles wirklich nur mit mir alleine zu tun hat.ich habe das "darunter" gefunden.so hatte ich das nie gesehen aber jetzt erkannt.
    genau das ist für mich ein guter ansatz bei mir zu schauen und auch zu bleiben,was mir noch nicht immer gelingt.
    aber du weisst ja,ist wie fahrrad fahren
    :wink:
    glg kathrin

  • Guten Morgen,

    na ja, ob er gut ist, wird sich noch zeigen – aber der erste Eindruck war schon mal schlecht. Vogelgezwitscher (!) auch wenn es draußen noch recht dunkel ist und halbwegs ausgeschlafen habe ich auch. Außerdem nähert sich das Wochenende unaufhaltsam....

    Dieser Tage habe ich viel Zeit, meine Gedanken wandern zu lassen und dabei gehen mir auch oft Dinge durch den Kopf, die ich hier lese.

    „Ich kann ihn nicht verlassen, ich liebe ihn doch. Ich kann nicht weggehen, weil ich den Kindern den Vater nicht nehmen will. Ich kann nicht, weil.....“

    Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass „ich kann nicht“ dazu dient, ein klares „ich will nicht“ zu vermeiden. Und zum Anderen eine Art Machtausübung durch Schwäche ist. Schwach sind wir Co´s ja in der Regel nicht. Jedoch nutzen wir schon das Bild des „schwachen Weibchens“, wenn es uns dient. (Wie oft werden hier Nicks gewählt, die die Opfer-Rolle verbalisieren!) „Ich kann nicht“ soll unsere Machtlosigkeit und unser Ausgeliefertsein den Umständen gegenüber darstellen. Dabei versteckt sich hinter diesem „ich kann nicht“ oft, ganz oft, einfach nur die Tatsache „ich will nicht“. Denn wenn ich sage „ich kann“, worin liegt dann noch die Begründung, dass ich nichts verändere? Dass ich mich schlagen, erniedrigen, kurz einfach abwertend behandeln lasse? Entschuldigen, Begründungen werden gesucht, warum „frau“ nicht kann. Und wenn einem gar nix mehr einfällt, dann bleibt ja immer noch die Liebe. Manchmal denke ich, dass „Liebe“ das am meisten missbrauchte Wort ist. Liebe – als Entschuldigung, als Alibi, als Begründung, dafür sich weiter erniedrigen zu lassen und die Verantwortung für das eigene Wohlfühlen an einen anderen Menschen abzugeben.

    Der kantige Spruch, den ich eine zeitlang als Motto hier stehen hatte, besagt, dass ich kann, wenn ich will, was ich muss. Und wenn ich zufrieden leben WILL, dann MUSS ich für mich und meine Gefühle selbst verantwortlich handeln. Wenn ich das WILL, dann KANN ich das auch, habe ich in der Vergangenheit festgestellt. Allerdings – „ich kann“ ist oft mit deutlich mehr alltäglichem Ungemach verbunden, weil ich für Vieles selbst und allein verantwortlich sein muss. Viel einfacher ist es da, „ich kann nicht“ zu sagen. Dann ist der Andere am Zug. So, wie er in einer abhängigen Beziehung ganz oft am Zug ist. ER ist dafür verantwortlich, dass es mir gut geht. Wenn ER nicht mehr trinkt, ist alles gut. Wenn ER nur endlich begreifen würde....NEIN! Wenn ICH, wenn WIR. endlich begriffen haben, was UNSERE Verantwortung ist, dann KÖNNEN wir – etwas verändern, zufrieden sein, uns etwas wert sein.

    Puuhhhh.... das musste mal raus.

    LG
    Ette

    Im Schmerz von gestern liegt die Kraft von heute.
    ("Handbuch des Kriegers des Lichts" v. P.Coelho)

  • Guten Morgen,

    hach, ist das schön! Wochenende und endlich einmal ausschlafen! Irgendwie habe ich das Empfinden, die ganze Woche über viel zu wenig Schlaf zu bekommen. Immer habe ich gehofft, dass im Laufe der Jahre mein Schlafbedürfnis weniger würde. Schließlich heißt es ältere Menschen brauchen weniger Schlaf. Aber wenn es danach geht, bin ich nach wie vor 20 oder so.

    Allerdings sind es nicht mehr die Gedanken um einen trinkenden Angehörigen, die mich nicht schlafen lassen, sondern eher das Bedürfnis den Tag so lange als möglich zu genießen, das mich bis in die Nacht wachhalten.

    LG
    Ette

    Im Schmerz von gestern liegt die Kraft von heute.
    ("Handbuch des Kriegers des Lichts" v. P.Coelho)

  • oh ette,
    Du sprichst mir so aus dem Herzen....

    Schlafbedürfnis.... allerdings bei mir eher dahingehend, dass ich zu viel schlafe (obwohl statistisch noch zu den Kurzschläfern zählend).

    Mir ist aber aufgefallen, dass ich alle die letzten Jahre eine Arbeitsmaschine war und mich keinesfalls um mich kümmerte. Der schöne Schlaf, auf den ich mich jetzt freue und der erholsam ist, der war früher eben ein "muss".

    Gerade in diesen Tagen war ich mit mir uneins. Ich war nicht einverstanden damit, dass ich so wenige Dinge machen kann, die ich doch machen möchte weil mir die Zeit fehlt.
    Konnte ich doch früher viel mehr "leisten".

    Aber ...
    Ich habe geleistet und mir nichts für mich geleistet, nicht einmal die Ruhe, die ich gebraucht hätte. Ich war mir selber sehr unleidlich die letzten Tage weil mir das zu schaffen macht: so viel möchte ich tun aber "schaffe" es nicht.

    Nein, das kann ich auch nicht mehr - denn mittlerweile bin ich selber vor mein Arbeitspensum gerückt und kümmere mich auch um mich. Aber wenn die Sonne mal wieder rauskommt und der Frühlinig wird das auch besser. Denn ich bin mehr als wintermüde. Bin echt schon muffig und musste mich die letzten Tage selber erziehen ;)

    Lieben Gruß von Dagmar

  • Guten Morgen ihr beiden

    endlich einmal ausschlafen um 7.44 Uhr???? Da bin ich zu bald aufgewacht weil ich zur Zeit nicht mehr gut schlafen kann.
    Ansonsten schließ ich mich euch an, schön das Wochenende ist.

    julchen

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