Im Januar diesen Jahres zog ich mit meinen Kindern zu einen Mann, in den ich verleibt war, den ich aber noch gar nicht kannte. Ausschlaggebend war, dass ich mich in einer großen existenziell bedrohlichen Lebenskrise befand und zudem noch an Krebs erkrankte. Er stand zu mir, sprach mir Mut zu und schenkte mir Zuversicht. Offenen Auges begab ich mich in diese Abhängigkeit. Meine Kinder waren gegen diesen Zusammenzug und sie rebellieren bis heute. Sie sahen viel früher, als ich, dass er Alkoholiker ist und mich noch mehr schwächte, als mich zu stärken... doch ganz so erlebe ich es auch nicht.
Er nahm mir vorübergehend meine wirtschaftlichen Sorgen. Neben ihm konnte ich meinen Job aufgeben und mich auf meine Genesung und die Erziehung meiner Kinder konzentrieren und tatsächlich komme ich mehr und mehr wieder zu mir.
Andererseits schwächt mich unsere Beziehung auch. Ich bin nun arbeitslos. Lebe in einer mir fremden Stadt. Habe keine eigene Wohnung mehr und auch kaum noch eigene Möbel. Unter Alkohol ist er mir verbal gegenüber sehr aggressiv und auch sexueller Kontakt ist dann brisant für mich, weil er meine Grenzen nicht respektiert, ggf. gewaltsam übertritt.
Manchmal bin ich unsicher, ob er sich nicht auch gelegentlich aus der Verantwortung entzieht, indem er am nächsten Tag einfach nur vorschiebt, sich an nichts mehr erinnern zu können.
Vor vier Wochen entschied ich, dass ich nicht mehr neben ihm sein werde, wenn er etwas trinken möchte und teilte ihm das auch mit. Zudem entschied ich mich, selber keinen Alkohol mehr einzukaufen und auch selber nichts mehr zu trinken. Ausschlaggebend war, dass er eine Flasche Rum an einem Abend leer trank. Ich hatte diese Flasche gekauft, um gelegentlich einen Tee mit Rum zu trinken. Das mache ich nur gelegentlich an kalten Tagen und in der Vergangenheit hielt so eine Flasche Rum bei mir für mehrere Winter. Nun, ich will ihn nicht verführen und ich will ihm nicht weiter den Rechtfertigungsgrund geben, dass ich ja auch Alkohol trinken würde.
Ich hatte wahnsinnige Angst, dass er mich verlassen würde und ich war zunächst sehr glücklich, als ich feststellte, dass er tatsächlich nicht mehr trank. Drei Wochen ging das nun gut. Unser Zusammenleben war harmonisch und angenehm, wir gestalteten unsere Zukunft und ich war glücklich. Letzten Donnerstag wollte ich mit meinen Kindern ins Kino gehen und er bat mich, dass ich dann auch bei den Kindern schlafen solle – sie haben eine eigene Etage für sich – weil er an diesem Abend trinken wolle. Am Mittwoch entschieden wir allerdings, dass wir nicht Donnerstag, sondern Freitag ins Kino gehen würden.
Mein Lebensgefährte wollte sein Vorhaben nun aber nicht mehr ändern. Er setzte in meinen Augen sogar einen drauf und entschied sich von Donnerstag Morgen bis Sonntag Abend in seine Ferienwohnung zu fahren. Das tat er auch. Ich finde es toll, dass er meinen Wunsch respektiert und nicht mehr neben mir trinkt, Doch ich fühlte mich auch sehr alleine an diesem Wochenende.
Dienstag fuhr ich spontan mit den Hunden in unseren Laubengarten. Er griff dies sofort auf und sagte mir, ich solle die Hunde im Garten lassen, er würde dort schlafen.
Gestern hatten wir einen Konflikt. Ich hatte eine andere Meinung als er. Er hatte das Gefühl, dass ich nicht zu ihm stehen würde und ihm in den Rücken falle. So packte er seine Taschen, nahm die Hunde und sagte, er würde in den Garten fahren. Seither habe ich nichts mehr von ihm gehört. Ich weiß nicht, wann er nach Hause kommen wird... Ich schickte ihm eine sms, dass ich mich von ihm verlassen und alleine gelassen fühle und ja, das ist so für mich.
Ich werde anerkennen müssen, dass möglicherweise die Frau an seiner Seite für ihn auswechselbar ist, der Verzicht auf Alkohol aber nicht für ihn im Raum steht.
Ich merke, dass ich ihn brauche, Angst davor habe meinem „gescheiterten Leben“ in die Augen zu sehen und nochmals ganz von vorne anzufangen. Habe ich überhaupt selber noch die Kraft und vor allem den Willen dazu? Ich genieße es, neben ihm durchatmen und entspannen zu können, weil ich mir kaum noch Sorgen um das Geld machen muss. Ich kann im Moment meinen Verpflichtungen nachkommen und mich auf meine Wiedereingliederung in den Beruf konzentrieren, ich habe mehr Zeit für meine Kinder, kann ihnen ein Leben anbieten, das geordneter und etablierter ist, als vorher. Ich kann sie fördern. Das ist der Nutzen, den ich aus dieser Abhängigkeit ziehe, in die ich mich begeben habe. Und manchmal denke ich, wenn ich mich stabilisiert habe, werde ich mich von ihm trennen. Dann erschrecke ich, weil dies so negative Gedanken sind, die ihm natürlich das Gefühl geben müssen, dass ich ihn nicht achte und liebe. Es ist ein Teufelskreis.
Die trockenen Tage sind sehr schön. Ich bin glücklich neben ihm. Er ist souverän, klug, verspielt, humorvoll und verantwortungsvoll.
Ich muss entscheiden, was für mich gut und tragbar ist. Ich kann sehr gut alleine sein, habe viele Jahre als Alleinerziehende gelebt. So ist es vom Grundsatz her nicht fremd oder unangenehm, wenn ich von ihm räumlich getrennt bin. Doch diese Wohnung empfinde ich nicht als mein zu Hause, ohne ihn, ist sie mir wie eine Hotelsuite, freundlich eingerichtet aber unpersönlich. Zudem schmerzt mich die Vorstellung, dass er seine Zeit lieber mit dem Alkohol, als mit mir verbringt. Andererseits ist es für mich ein Liebesbeweis, dass er meinen Wunsch respektiert, nicht neben mir zu trinken.
Jetzt gleich, das weiß ich nun, nachdem ich ich das hier schrieb, werde ich zu ihm in den Garten fahren und die Aussprache suchen. Er wird gleich wohl noch ein wenig verkatert und deprimiert sein, nicht aber bereits trinken. Das tut er erst abends. Ich gehe nicht davon aus, dass wir dieses Wochenende miteinander verbringen werden, obwohl ich mir das wünsche. Aber den aktuellen Konflikt, den können wir vielleicht lösen. Ich merke, dass ich Angst vor einer Trennung habe, ich also noch nicht so weit bin, mich von ihm zu lösen und auf eigenen Beinen zu stehen. So wie er am Alkohol festhält, so scheine ich an ihm festzuhalten. Schlimm ist für mich auch, das Gefühl einfach alles falsch gemacht zu haben und in meinem Leben gescheitert zu sein. Nicht auszuhalten ist die Vorstellung, dass ich mit mir meine Kinder in den Abgrund ziehe. Ich bin auf der Suche nach einer Lösung, die für uns alle annehmbar ist. Und ich wünsche es mir sehr, dass wir einen Weg finden, für alle annehmbar miteinander zu leben.
Ich habe mich verzweifelt, leichtsinnig und hoffnungsvoll in diese Situation begeben, sehe durchaus Chancen für uns und bin doch nun unsicher, ob ich mir etwas vor mache oder zu ungeduldig bin.