Vorstellung - 15 Tagen Nüchternheit

  • schnuffig

    Hallo,

    ich muss mich korrigieren: die Abstinenz ist, und da hast du vollkommen Recht, eine interessante ("spannende") Herausforderung, sozusagen ein Problem, das ich lösen muss.
    Entschuldige mein zu flüchtiges Lesen deines Beitrages. Du schriebst ja nicht von "Leben", sondern von der "spannenden" Alkohol-Abstinenz.

  • c2h5oh, ja das meinte ich mit spannend. Allerdings finde ich Sein und Zeit auch sehr spannend. Das gehört zu den Büchern, über die ich mich gerne immer wieder unterhalte.
    Auf eine gewisse Art macht das dann mein Leben spannend.
    Unerträglich langweilig fand ich mein Leben kurz bevor ich aufhörte zu trinken.
    Das hat sich doch geändert.
    Ich erlaube mir, dass auch dir zu wünschen!

    LG

  • schnuffig

    Danke für die guten Wünsche. Tatsächlich interessiert mich nun das "spannende" Problem, das ich lösen will. Per email diskutiere ich meine Aversions- und Substitutions-Strategie mit einem mir bekannten Psychiater. Im Wesentlichen adaptiere ich Kurt Lewins 3-Phasenmodell, das ursprünglich für Gruppen und Gesellschaften konzipiert wurde, an meine individuelle Situation. Der Bekannte ist sehr gespannt, ob dieser Mentizid (umgangsprachlich sehr unscharf und reißerisch "Gehirnwäsche" genannt), funktioniert.

    Viele Grüße

  • Das 3-Phasen Modell auf Wiki erklärt die Theorie sehr einfach:

    -sich auf die Veränderung vorbereiten,

    -sie durchführen

    -und am gewünschtem Punkt einfrieren.

    Wenn das mal alles so einfach und das Suchtgedächtnis da nicht im Wege wäre. Und wer überwacht die Veränderung. Du selber?

  • Zitat von Contemplation

    Das 3-Phasen Modell auf Wiki erklärt die Theorie sehr einfach:

    -sich auf die Veränderung vorbereiten,

    -sie durchführen

    -und am gewünschtem Punkt einfrieren.

    Wenn das mal alles so einfach und das Suchtgedächtnis da nicht im Wege wäre. Und wer überwacht die Veränderung. Du selber?

    Hallo Contemplation,

    gerade gesehen. Auf Wiki ist dieses Modell tatsächlich sehr vereinfacht dargestellt. Trotzdem ist die Durchführung durchaus nicht einfach und dazu langwierig. Selbst wenn man Methoden wie etwa in den chinesischen Umerziehungslagern unter Mao anwendete, ginge es nicht innerhalb einer Woche. Disziplin, Training und Zeit sind ganz entscheidend. Zur Adaption (und leichten Modifikation) an meinen Fall gehört auch die Aversion, die vor die Substitution geschaltet wird. Ich begründe diesen zusätzlich Schritt so: ich gehe davon aus, dass Sucht-Erkrankungen primär schwere orale Störungen sind. Wenn in der changing-Phase keine Aversion gegen die Substanz (hier Alkohol) konditioniert wird, kann es passieren, dass, zumindest eine zeitlang, nur die Sucht ausgetauscht wird. Es wird unmäßig gegessen (Potential: Esssucht, bei übermäßigem Zuckerkonsum Diabetes mellitus Typ 2), man erfreut sich plötzlich am Shopping (Potential: Kaufsucht), möglich wäre auch die Entwicklung einer Spielsucht (in Kürze wird sie als echte Sucht anerkannt werden). Um derartige Substitutionen zu verhindern, erscheint mir die Konditionierung einer Aversion sinnvoll. Ich skizzierte die Methode in einem früheren Beitrag.
    Kontrollieren und protokollieren werde ich das selbst und meinen Bekannten und euch auf dem Laufenden halten.

    Viele Grüße

  • Zitat von MaryLou

    Hallo c..oh,

    ich finde es einen sehr schönen Grund mit dem Trinken aufzuhören, den du dir da "ausgesucht" hast.

    Spielst du denn auch selbst täglich oder oft Klavier, du musst ja auch in Übung bleiben. :)
    Hast du in nassen Zeiten auch Klavier spielen können ?
    Ich stelle mir das schwer vor mit soviel Alkohol im Blut ?

    Hallo MaryLou!

    Entschuldige die späte Antwort. Ich habe deinen Beitrag gerade entdeckt. Ja, ich spiele täglich Klavier. Der Alkohol wirkte bei mir sozusagen paradox: ich wurde sehr ruhig, war sehr konzentriert und fokussiert, konnte auch gut arbeiten. Nichtsdestotrotz ist er ein gefährliches, letztendlich tötliches Gift. Und ich muss mein Versprechen halten.

    Viele Grüße

  • Das verstehe ich nicht ganz. Würde es aber gerne. Du willst eine Abneigung oder hass gegen die Sucht an sich aufbauen, damit Du in keine andere verfällst? Oder nur gegen den Alkohol? Achso doch jetzt hatt es doch noch klick gemacht. Du versuchst also eine Abneigung gegen den Alkohol aufzubauen in dem Du bei Alkoholreizen andere, Dir sehr unangenehme Gerüche oder Geschmäcker oder Dergleichen ins Bewusstsein rufst um den Alkohol mit etwas schlechtem zu verknüpfen.

    Das hört sich echt schräg an. Bin gespannt ob das funktioniert. Dazu gehört aber ein sehr ausgeprägtes Vorstellungsvermögen, oder?

    Gute Nacht, lg Maik

  • Zitat von Contemplation

    Du versuchst also eine Abneigung gegen den Alkohol aufzubauen in dem Du bei Alkoholreizen andere, Dir sehr unangenehme Gerüche oder Geschmäcker oder Dergleichen ins Bewusstsein rufst um den Alkohol mit etwas schlechtem zu verknüpfen.
    Das hört sich echt schräg an. Bin gespannt ob das funktioniert. Dazu gehört aber ein sehr ausgeprägtes Vorstellungsvermögen, oder?

    Gute Nacht, lg Maik

    Hallo Contemplation,

    ja, so ist es gemeint. Ich möchte das an einem für mich relevanten Beispiel erläutern: ich ekle mich u.a. vor Schmalz und fettigem Fleisch. Das sind sehr alltägliche Speisen aus unserem Kulturkreis, die ich an einer Fleischtheke sehen kann. Die Vorstellung, so etwas essen zu müssen, verursacht bei mir ein Ekelgefühl. Wenn ich plötzlich an Bier denken müsste, würde ich sofort das Bild dieser für mich ekelhaften Speise abrufen. Wenn ich das konsequent so handhabe, wird nach einiger Zeit das Denken an Bier automatisch mit dem Bild des Ekels verknüpft. Im Grunde ist das eine klassische Konditionierung (Hund, Futter, Glöckchen). Aber das braucht Zeit.
    Viele Grüße und gute Nacht.

  • Zitat von Linde66

    Hallo c2h5oh,

    Willkommen in unserer SHG. Schön daß du hier bist.

    Grüße, Linde

    Vielen Dank, Linde66.
    Ich möchte heute mit einer Frage beginnen: der Begriff "Saufdruck" ist mir klar, auch habe ich diverse Threads hier gelesen, in denen er thematisiert wird. Erfahrung damit habe ich noch nicht. Was mich interessiert, ist seine Dynamik. Davon ausgehend, dass der Druck nicht sofort maximal hoch ist, sondern sich aufbaut, interessiert mich, ob es Vorzeichen gibt, die möglicher Weise generalisierbar, also bei allen Betroffenen gleich oder sehr ähnlich sind. Die Kenntnis dieser Vorzeichen erleichtert präventive Maßnahmen.
    Vielen Dank und viele Grüße

  • Guten morgen,

    das wäre schön gewesen: Wenn ich mir vor dem ersten Bier eine dicke Spinne vorgestellt hätte und mein Bier dann zertreten hätte...

    Nein ernsthaft, Du mußt ja schon sehr sensibel sein, um Dein Bewußtsein dermaßen beeinflussen zu können. Und auch einen starken Willen haben, um Dir jedesmal wenn Du "saufdruck" bekommst etwas ekliges vorzustellen und nicht den "guten" Gefühlen die Dein Gehirn bis jetzt mit dem Alkohol verknüpft hat, nachzugeben. Ich stelle mir das sehr schwer vor, aber wünsche Dir viel Erfolg damit.

    Laß uns doch an Deinen Erfahrungen teilhaben.

    Einen schönen Tag, lg Maik

  • Guten Morgen, Contemplation,

    Zitat von Contemplation

    Guten morgen,

    das wäre schön gewesen: Wenn ich mir vor dem ersten Bier eine dicke Spinne vorgestellt hätte und mein Bier dann zertreten hätte...

    Ich glaube, das ginge nicht. Da Alkohol oral zugeführt wird, muss sich die Ekel-Vorstellung daran orientieren. Auch unbekannte Speisen aus fremden Kulturkreisen (etwa Ameisen, die durchaus gegessen werden) wären unbrauchbar.

    Zitat von Contemplation

    Nein ernsthaft, Du mußt ja schon sehr sensibel sein, um Dein Bewußtsein dermaßen beeinflussen zu können. Und auch einen starken Willen haben, um Dir jedesmal wenn Du "saufdruck" bekommst etwas ekliges vorzustellen und nicht den "guten" Gefühlen die Dein Gehirn bis jetzt mit dem Alkohol verknüpft hat, nachzugeben.

    Ich bin sehr hartnäckig, wenn mich ein Problem interessiert, das ich lösen will. Klassisch oder operant konditioniert, nur mit umgekehrtem Vorzeichen, werden wir täglich, vor allem durch (Food-)Werbung, die vermehrt zur Abendessenszeit gesendet wird. Wer den großen Fehler begeht, beim Essen Fernsehen zu schauen, isst mehr als nötig. Interessant auch die "Jingles", die Musik, die mit bestimmten Produkten verknüpft wird. Nach mehrmaligem Sehen eines derartigen Werbespots reicht schon das Hören des Jingles, um plötzlich Appetit auf xy zu bekommen, obwohl man nicht hungrig ist.

    Viele Grüße

  • glück auf c2h5oh

    Zitat von c2h5oh

    ich gehe davon aus, dass Sucht-Erkrankungen primär schwere orale Störungen sind.

    ich gehe davon aus, dass süchtiges verhalten zuerst "erlerntes verhalten" (abgeguckt von den eltern, den freunden und und und ... oder aus dem TV und anderen medien) ist und sich später daraus die krankheit entwickelt. wobei diese entwicklung, der übergang vom missbrauch zur sucht "schleichend" (fast unbemerkt) passiert.
    deine ausführungen über die konditionierung gefallen mir - und ich stimme zu. auch mich erinnert dabei vieles an den "notfallkoffer"(danke tocco) aber du beschreibst das alles viel klarer.
    in meinem "notfallkoffer" sind auch ganz viele schöne dinge die ich erst wieder erleben kann seitdem ich trocken bin. und ziele sind drinn, ähnlich wie dein klavierunterricht.
    ich bin gespannt auf deine weiteren ausführungen und berichte.

    schöne zeit

    :D
    matthias

    trocken seit 25.4.1987 - glücklich liiert - 7 Kinder - 17 Enkel

  • Zitat von Tocco54

    Hallo c2h5
    Deine Vorgehensweise unterscheidet sich meines Erachtens nur in der schnelleren unmittelbaren Verknüpfung von dem klassischen Gebrauch des sog.Notfallkoffers.Auch da wird ja der im Belohnungsssystem generierte Zwang durch negative Abrufbare Assoziationen über die Grosshirnrinde zu überdecken versucht.
    Schönen Tag.T.

    Guten Morgen, Tocco54!

    Sicher ist das so. Die meisten Entwöhnungs-Methoden basieren mehr oder weniger auf Konzepten des Behaviorismus. Klassisch Pawlow, später (operant) Thorndike und Skinner. Das Rad muss in der Tat nicht neu erfunden, kann aber weiter entwickelt und für neue Aufgabenstellungen modifiziert werden.
    Viele Grüße

  • @Tocco54

    Vielen Dank für deine erhellende Ausführung. Die Alkoholwerbung im Fernsehen arbeitet ja auch mit der Verknüpfung von positiv besetzten Szenarien (fröhliche Gruppe sitzt zusammen an einem anheimelden Ort, dann kommt das Getränk, die gute Laune wird noch besser). Ich subsumiere mal "Alkoholblitze" unter Vorzeichen.

    Viele Grüße

  • Zitat von silberkralle

    glück auf c2h5oh

    ich gehe davon aus, dass süchtiges verhalten zuerst "erlerntes verhalten" (abgeguckt von den eltern, den freunden und und und ... oder aus dem TV und anderen medien) ist und sich später daraus die krankheit entwickelt. wobei diese entwicklung, der übergang vom missbrauch zur sucht "schleichend" (fast unbemerkt) passiert.

    Hallo Silberkralle,

    bestimmt wird das Verhalten auch gelernt und dadurch die Störung verstärkt. Ich möchte auch wirklich keiner simplen monokausalen Ursache des Trinkens das Wort reden, im Gegenteil. Trotzdem ist die Störung gewiss eine orale. Auffällig ist doch die ziemlich häufig zu beobachtende orale Regression nach dem Entzug: es wird oft nicht nur mehr gegessen (orale Ersatz-Belohnung), auch das Verhalten trägt oral-regressive Züge. Ausgeprägte Egozentrik (ich bin jetzt der Wichtigste), Forderungs-Haltung gegenüber den anderen, die uns aber nicht mit Waffengewalt gezwungen haben, Alkohol zu trinken (wer noch Alkohol trinkt, kann nicht mein Freund sein, alle müssen jetzt gefälligst Rücksicht nehmen usw.). Das alles sind vollkommen plausible Schutzmaßnahmen, gleichwohl sind sie oral-regressiv.

    Viele Grüße

  • Hallo c2... ,

    die Erkenntnis, daß ich nicht mehr trinken will, und die schlichte Akzeptanz, Alkoholiker zu sein, haben mich am weitesten gebracht.
    Einfach abstinent leben und Priorität 1 drauf legen, daß es so bleibt.
    Ich lese auch viel, aber die Wissenschaft und die Statistik sind was für die Tribüne.
    Ich stehe an der Seitenline des Spielfeldes.

    LG Jürgen

  • glück auf nochmal c2h5oh

    sicher ist sucht und was damit zusammenhängt, alles andere als einfach und/oder einseitig.

    Zitat von c2h5oh

    Trotzdem ist die Störung gewiss eine orale.

    mir fehlt diese gewissheit. was is mit stoffen die gespritzt werden? was is mit stoffunabhängigen süchten z.b. arbeit, spielen, sex usw.

    Zitat von c2h5oh

    Auffällig ist doch die ziemlich häufig zu beobachtende orale Regression nach dem Entzug: es wird oft nicht nur mehr gegessen (orale Ersatz-Belohnung)

    das schiebe ich eher auf das "bemühen des körpers" mangelerscheinungen auszugleichen. möglich ist auch ne suchtverlagerung?

    Zitat von c2h5oh

    auch das Verhalten trägt oral-regressive Züge. Ausgeprägte Egozentrik (ich bin jetzt der Wichtigste), Forderungs-Haltung gegenüber den anderen, die uns aber nicht mit Waffengewalt gezwungen haben, Alkohol zu trinken (wer noch Alkohol trinkt, kann nicht mein Freund sein, alle müssen jetzt gefälligst Rücksicht nehmen usw.). Das alles sind vollkommen plausible Schutzmaßnahmen, gleichwohl sind sie oral-regressiv.

    hmm - verhaltensweisen die in der oralen phase der frühkindlichen entwicklung sehr ausgeprägt sind - ansonsten fehlt mir der bezug zum oralen. allerdings " gestehe" ich, mich bisher nur wenig mit dieser seite der sucht befasst zu haben.

    schöne zeit

    :D
    matthias

    trocken seit 25.4.1987 - glücklich liiert - 7 Kinder - 17 Enkel

Unserer Selbsthilfegruppe beitreten!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!