ein Bild von Gedankenblatt

  • Hallo allerseits,


    Ich bin neu hier, und habe schon einige interessante und traurige Beiträge hier gelesen. Vieles was ich hier lese, ist erschreckend vertraut, und manches noch viel, viel schlimmer als meine Geschichte.


    Also, ich stell mich mal kurz vor, damit ihr euch "ein Bild" machen könnt. Ich bin Anfang 30 und meine Mutter ist Alkoholikerin seit... ich weiß nicht genau, aber sicher schon seit 20 Jahren. Wir haben alles schon durch, und es ändert sich nichts. Sie geht immer wieder mal auf Therapie, war bei so vielen Ärzten, und hat dann doch wieder Rückfälle. Ich war selbst schon in Angehörigen-Therapien und hab mit Gleichgesinnten geheult.


    Ich weiß, dass ich sie nicht ändern kann. Ich kann nichts tun, und damit komme ich nicht zurecht. Ich bin wahrscheinlich einer der Hauptgründe warum sie trinkt. Lange habe ich mich für co-abhängig gehalten, aber jetzt bin ich fast sicher, dass ich das nicht bin.


    So, und warum bin ich jetzt hier.... aus Verzweiflung, weil ich eigentlich mit keinem darüber reden will, vielleicht ist es einfacher, zu schreiben.


    Liebe Grüße,
    gedankenblatt

  • Hallo Gedankenblatt,


    herzlich Willkommen in unsereem Forum.


    Zitat

    Ich bin wahrscheinlich einer der Hauptgründe warum sie trinkt.


    Wer hat dir denn das erzählt, vergesse das mal ganz schnell, das stimmt nicht.


    Deine Mutter trinkt weil sie irgendwann damit anfing und es jetzt nicht mehr sein lassen kann.


    Ich habe selbst gesoffen und die "Gründe" waren schlechtes Wetter, es war zu warm, der Benzinpreist ist gestiegen,


    in der Suppe war zu viel Salz, im Briefkasten war zu viel Reklame.........


    Egal wie der Tag war, ich habe immer einen "Grund" gefunden, nur nicht dass ich Alkoholkrank bin.


    Es scheint dich ja sehr zu belasten, kannst du den Kontakt reduzieren damit es dir besser geht ?


    LG Martin

  • Hallo ihr beiden, und danke für eure Antworten!


    Martin, obwohl es so unglaublich ernst und traurig ist, musste ich fast lachen bei den vielen Gründen, die es gibt um zu trinken! Ja, das verstehe ich, und kann ich gut nachvollziehen. Ich glaube, meine Mutter sucht auch immer solche Ausreden, die ihr das Trinken erlauben. Da würden mir sofort viele ähnliche Beispiele einfallen. Ein böses Wort oder ein schiefer Blick von irgendwem reicht da schon.


    Dass ich wahrscheinlich der Hauptgrund bin, meinte ich so, dass sie ohne mich vielleicht gar nie damit angefangen hätte. Wäre sie nicht mit mir schwanger geworden, hätte sie ihren Beruf nicht aufgegeben, wäre sie vielleicht glücklich und zufrieden mit dem Leben. Außerdem war ich eine schreckliche Tochter. Bin ich immer noch. Ich wollte das Drama, und ich habe es bekommen. Fühle mich wie eine Hexe, die das heraufbeschworen hat.


    FallenChocoCookie, das ist eine gute Frage. Ich kenne mich damit nicht so gut aus, wie wahrscheinlich die meisten hier in diesem Forum, aber ich denke, ein Co-Abhängiger unterstützt die Sucht... Ich habe irgendwann einmal ein Buch darüber gelesen, habe dabei ständig geweint und bin im Selbstmitleid zerflossen. Bis ich mir irgendwann gedacht habe - warum bemitleide ich mich denn SELBER? Ich bin nicht die, die krank ist. Ich bin nur die blöde Kuh, die jetzt rumheult anstatt etwas zu tun. Ich will mir selber keine Diagnose stellen, es ist ganz klar wer hier Hilfe braucht, und das bin nicht ich, sondern meine Mutter. Ich war ja auch schon bei Angehörigen-Therapien, und das gesammelte Selbstmitleid dort hat mich unglaublich aufgeregt.


    Aber deine Frage hat mich jetzt schon zum Nachdenken gebracht, die ist gar nicht so einfach zu beantworten. Ich muss mich damit näher beschäftigen.


    Liebe Grüße und danke fürs Lesen
    Gedankenblatt

  • Hallo Gedankenblatt,


    du hast ja eine ziemlich schlechte Meinung von dir...


    Zitat

    Dass ich wahrscheinlich der Hauptgrund bin, meinte ich so, dass sie ohne mich vielleicht gar nie damit angefangen hätte. Wäre sie nicht mit mir schwanger geworden, hätte sie ihren Beruf nicht aufgegeben, wäre sie vielleicht glücklich und zufrieden mit dem Leben. Außerdem war ich eine schreckliche Tochter. Bin ich immer noch. Ich wollte das Drama, und ich habe es bekommen. Fühle mich wie eine Hexe, die das heraufbeschworen hat.


    Hätte wenn und aber, niemand weiß, warum deine Mutter mit Trinken angefangen hat. Vielleicht nicht mal sie selbst. Warum bietest du dich als Schuldige und Opfer an? Nimm dir mal da Druck raus. Ich weiß, dass Kinder sich immer als Schuldige fühlen. Zum Beispiel auch bei Scheidungen oder so. Aber du bist kein Kind mehr. Du kannst da realistisch hinsehen und erkennen, dass es keinen Schuldigen gibt. Das ist einfach so.


    Zitat

    warum bemitleide ich mich denn SELBER?


    Das ist ein guter Gedanke. Selbstmitleid. Das heißt ja mit leiden und das ist sehr passiv. Was ganz anderes dagegen ist Mitgefühl. Das ist aktiv und bedeutet, dass etwas gefühlt wird.


    Und fühlen tust du ja was. Und das darfst und musst du ernst nehmen. Mitgefühl mit dir selbst zu haben bedeutet ja, dass du Wege suchst und findest, um aus der Situation raus zu kommen. Dich ernst zu nehmen mit deinen Bedürfnissen und Wünschen.


    Viele Grüße
    Aurora

    Der meiste Schatten in unserem Leben rührt daher, dass wir uns selbst in der Sonne stehen.
    (Ralph Waldo Emerson)

  • Hallo Gedankenblatt,


    ich bin Alkoholikerin. Und nichts und niemand ist Schuld, dass ich getrunken habe.


    Das schlage dir mal ganz schnell aus dem Kopf, dass DU der Grund sein könntest, dass deine Mutter trinkt, trinken muss. Das ist ihrs. Da gehört es hin und nur dort kann etwas geändert werden.


    Denk mal darüber nach, dass es viele schreckliche Kinder gibt, die ihre Eltern terrorisieren. Ich selbst war zeitweise ein solches Gör. Meine Eltern haben aber deshalb nicht mit dem Saufen angefangen.


    Welche Hilfen und Unterstützung suchst du hier im Forum?
    Frag einfach oder lasse deine Gedanken hier.


    Lg lalu

  • Hallo Gedankenblatt,


    Danke für deinen langen Beitrag in meinem offenen Fädchen.


    Ich antworte dir gerne hier, denn ich glaube, dass meine Gedanken zu dem Thema Co. bei dir hier besser aufgehoben sind.


    Ich kann die Verzweiflung der Co.s gut verstehen, vor fast zwanzig Jahren war ich selbst eine. Kind eines Alkoholikers bin ich auch, nur trennte sich meine Mutter vom Vater als ich vier Jahre war. Da sind keine Erinnerungen mehr.


    Wenn du etwas für deine Mutter tun möchtest, dann Grenze dich ab. Du musst für dich eine sehr klare Haltung haben und du musst dich schützen.
    Eine Alkoholikerin ist krank und muss als solche eine Krankheitseinsicht haben.
    Dann kann sie sich Hilfe holen, was sie, wie du schreibst, ja schon öfter gemacht hat. Viele Alkoholiker brauchen mehrere Anläufe. Viel schaffen es nie.
    Da braucht niemand Mitleid haben, Mitgefühl, so wie Aurora schreibt, kann man haben.
    Unsere Sucht kann nicht geheilt werden, aber und das ist die gute Nachricht, man kann die Krankheit stoppen. Wenn man einige Regeln beachtet.
    Dazu muss man nicht stark, besonders, intelligent oder außergewöhnlich sein.
    Überhaupt nicht, das kannst du hier lesen, da im Forum die unterschiedlichsten Leute unterwegs sind. Die, die es schaffen, abstinent zu leben, trocken zu sein beachten nur jeder einige wenige Grundregeln, hier Grundbausteine genannt.


    Was kannst du tun? Nichts für deine Mutter, damit sie trocken wird.


    Aber für dich kannst du viel tun. Die ersten Schritte hast du gemacht. Du informierst dich. Das ist gut und hilft dir beim abgrenzen.
    Du kannst deiner Mutter zeigen, dass du für Sie da bist, wenn sie abstinent leben möchte. Und klar Grenzen ziehen, wenn sie trinkt. Fallen lassen ist ein hartes Wort. Aber deine Mutter kann sich nur selbst helfen und helfen lassen.


    Tausche dich hier mit den Usern aus, die in ähnlicher Lage sind.
    Und wir Alkoholiker geben gerne unsere Sicht der Dinge wieder.
    Obwohl es manchmal schwer fällt, weil ich zum Beispiel weiß, wieviel Leid ich verursacht habe, mit meiner Sauferei. Ich schäme mich nicht, das nicht. Aber ein komisches Gefühl ist es, bleibt es.


    Ups :oops: nun ist es lang geworden... aber ist okay, denk ich.


    Frag einfach, wenn du was wissen möchtest.


    Lg lalu

  • Hey Gedankenblatt!


    Zitat

    Dass ich wahrscheinlich der Hauptgrund bin, meinte ich so, dass sie ohne mich vielleicht gar nie damit angefangen hätte. Wäre sie nicht mit mir schwanger geworden, hätte sie ihren Beruf nicht aufgegeben, wäre sie vielleicht glücklich und zufrieden mit dem Leben. Außerdem war ich eine schreckliche Tochter. Bin ich immer noch. Ich wollte das Drama, und ich habe es bekommen. Fühle mich wie eine Hexe, die das heraufbeschworen hat.


    Ich find's schlimm dass du so schlecht von dir denkst, aber ich kann es auch nachfühlen. Aber so wie Aurora auch schon gesagt hat, du kannst ja nicht wissen warum sie wirklich mit dem Trinken angefangen hat.
    Mich erinnert das was du sagst an die Schuldgefühle und Vorwürfe die ich mir selbst gemacht habe, weil meine Mutter uns mal gefragt hat ob wir wieder nach Hause wollen. Mitten in der Nacht, im Auto nach einem Krankenhausbesuch. Ich war vielleicht 12 (meine Geschwister sind beide jünger). Ja, wir wollten wieder nach Hause, das was wir als Zuhause eben kannten - zurück zu unserem alkoholkranken Vater, der der Grund für den nächtlichen Krankenhausbesuch war; er hatte sie geschlagen.
    Danach blieben wir noch gute 4 Jahre dort und ich habe lange gedacht "was wenn ich mich anders entschieden hätte", "nur wegen mir sind wir zurückgegangen" usw. Ich war überzeugt ich hätte ihr und meinen Geschwistern viel ersparen können wenn ich etwas anderes gesagt hätte. Aber jetzt weiß ich dass es nicht meine Schuld war. Sie war damals für uns als Mutter und sich selbst als Mensch verantwortlich und sie wusste als Erwachsene am ehesten was in der Situation zu tun war. Trotzdem hat sie sich für etwas entschieden, das sehr offensichtlich keinem von uns gut tat und ich glaube sie wusste das.


    Gründe gibt es immer, im Notfall denkt man sich halt welche aus, das ist bei allem so. Aber deine Mutter ist ja trotzdem die einzige die für ihr Verhalten und ihre Entscheidungen verantwortlich ist. Sie wird wohl gewusst haben, dass Alkohol gefährlich ist und süchtig macht. Trotzdem hat sie angefangen zu trinken.
    Das ist nicht deine Schuld.


    LG,
    Cookie

  • Hallo Leute,


    Danke für eure Antworten, ich hab das mal sacken lassen und darüber nachgedacht.


    Es ist, wie die Therapeutin schon vor 15 Jahren gesagt hat: "Du kannst eh nix tun, mach erstmal dein Abi und kümmer dich um dich selber"


    Klang damals für mich wie "Scher dir um deinen eigenen Kram".


    Na gut. Abi hab ich gemacht, Ausbildung auch, die Jahre sind vergangen, ich bin erwachsen und habe einen Job. Viel hat sich nicht geändert. Ich kann eh nichts machen.


    Macht mich ziemlich hilflos. Was will ich dann noch hier.


    Nach dem letzten Krach vor ein paar Tagen ist jetzt wieder, als ob nichts gewesen wäre. Alle spielen mit, ich auch... Aber ich weiß, der Schein trügt, und der nächste Exzess kommt, und dann bricht wieder die Verzweiflung aus.


    Ist eben so.


    liebe Grüße,
    gedankenblatt

  • Hallo Gedankenblatt,


    ja, das ist so. In gut funktionierenden Suchtfamilien ist es so. Da drehen sich alle um den Abhängigen. Mal schneller und mal langsamer. Da wird vertuscht und getäuscht und versucht, Normalität her zu stellen. Was nicht funktioniert...


    Es hat sich allerdings viel geändert! Du bist erwachsen inzwischen. Du hast Abi und Ausbildung und einen Job! Damit bist du unabhängig. Du darfst dir doch ein eigenes Leben aufbauen, das ist doch normal. Eine eigene Wohnung haben, eigene Freunde, eigene Familie, wenn du magst.


    Du kannst entscheiden! Du bist kein Kind mehr, was in der Situation steckt und keine Wahl hat. Du bist nicht hilflos!


    Auch wenn du dich gerade so fühlst. Du hast alle Möglichkeiten dein Leben nach deinen Vorstellungen zu gestalten. Es liegt bei dir.


    Liebe Grüße
    Aurora

    Der meiste Schatten in unserem Leben rührt daher, dass wir uns selbst in der Sonne stehen.
    (Ralph Waldo Emerson)

  • Hallo Gedankenblatt,


    du klinkst sehr niedergeschlagen. Du hast das innerliche Gefühl, dass alles was tu tun könntest, zu nichts führt. Aber dem ist nicht so.


    Du solltest zwei Dinge trennen. Da ist die Krankheit deiner Mutter, da kannst du nichts tun. Das weißt du. Und dier bist du mit deinen Wünschen, Zielen und Träumen. Für dich kannst du sehr viel tun. Wenn du möchtest.


    Ich habe mal an einem Tiefpunkt (zu der Zeit habe ich noch nicht getrunken) meine ganze besch....e Situation zu Papier gebracht. Damals kannte ich den Begriff Mindmap noch garnicht. Aber sowas ähnliches habe ich aufgemalt. Ich in der Mitte und um mich herum alle notiert, was so los ist. Kinder, Wohnung, keine Arbeit, wenig Freude, Geld, Träume, Wünsche, Ziele.
    Das tat gut, alles, das ganze Chaos zu sehen.
    Danach ging es irgendwie plötzlich langsam aufwärts....


    Du schreibst doch in deinem Eingangspost, das Aufschreiben vielleicht hilft.
    Versuche doch deine Gedanken hier aufzuschreiben. Möglicherweise hilft es ein wenig.
    Und wir sind ja auch noch da :wink:


    Lg lalu

  • Hallo allerseits,


    Aurora da hast du wohl Recht. Es muss so funktionieren, denn anders gehts nicht. Das klingt ja logisch. Aber zwischen Wissen und Glauben liegen Welten. Hat mir der Therapeut gesagt. Du weißt es, und glaubst es trotzdem nicht.


    @lalu okay, ich versuche das mit dem Aufschreiben und Chaos sortieren. Jetzt gerade brauche ich das...


    Ein paar Tage sind vergangen, es gab viele Gespräche, aber nichts Neues. Ein paar gute Tage, an denen sie nüchtern war, wir waren sogar zusammen shoppen. Mein Bruder hat unbemerkt den gesamten Alkohol aus dem Haus entsorgt und woanders untergebracht. Wieder mal. Ich habe versucht, klar zu machen, dass Alkohol absolut nicht griffbereit sein darf. Und dass vor einer Alkoholikerin nichts getrunken werden darf. Bis jetzt war das gang und gebe bei uns. Habe ja schon woanders geschrieben, dass meine Mutter immer sagt, es würde ihr nichts ausmachen. LÜGE.


    Heute hätten wir eine kleine Familienfeier geplant gehabt. Ich hab mich wirklich angestrengt, habe gestern meine Wohnung geputzt und alle Zutaten für Kuchen gekauft. Heute nach der Arbeit heim, Stress, keine Zeit für Mittagessen, Kuchen machen, Geschenk herrichten, Bude auf Hochglanz bringen. Und dann..... warten. Zeit vergeht. Keiner kommt. Was ist jetzt wieder...


    Irgendwann am Abend ein Anruf. Wir kommen nicht. Sie hat wieder gesoffen. Im Hintergrund hör ich sie, typische Floskeln, Abstreiten und Beleidigt-Sein. Alles bekannt.


    Es nützt eh nichts, ich setz mich ins Auto und fahr zu ihr. Sie stellt sich dumm. Tut als wüsste sie gar nicht warum wir so ein Drama machen. Sollen doch wir alleine feiern und Spaß haben, sie bleibt daheim. Trotzreaktion. Sie hat eh nix getrunken.


    Ist klar. Ich bin so aggressiv, ich weiß gar nicht welche Mauer ich einschlagen soll. Gleichzeitig habe ich irre Angst. Und ich zweifle alles an. Vielleicht stimmt das alles ja gar nicht. Vielleicht bilde ich mir das nur ein. Vielleicht tun wir ihr unrecht.


    Wahrscheinlich schreibe ich hier totales Chaos, danke trotzdem an alle die sich das antun und den Mist hier lesen.


    liebe Grüße,
    gedankenblatt

  • Hallo Gedankenblatt,


    du schreibst nicht wirr. Du schreibst genau so, wie es sich in dir gerade anfühlt. Und obwohl ich keine abhängigen Eltern habe sondern mein Exmann ja derjenige welcher ist, kann ich deine Gefühle gut nachvollziehen.


    Es ist furchtbar enttäuschend, du fühlst dich abgewertet, nicht wahr genommen, unwert. Das macht wütend und unheimlich traurig... Du hast Zeit und Geld und vor allem viele Gefühle, Hoffnung, Wünsche in diesen Termin, in diese kleine Feier investiert. Und da ist es doch völlig klar, dass du dich jetzt so fühlst. Oh ja, ich kenne diese Gefühle gut... :( .


    Diese "guten" Tage wird es immer wieder geben. Gespräche, in denen deine Mutter sowas wie Einsicht hat. Ich denke, in diesen Momenten meint sie das auch wirklich ehrlich. Aber die Sucht holt sie sich immer wieder und zwingt sie zum Trinken. Deine Mutter ist ausgeliefert und unfrei.


    Und zieht ihre Angehörigen da mit rein. Ihr seid genau so ausgeliefert und unfrei dadurch.


    Aber das muss nicht so sein, jeder einzelne kann aus diesem System jederzeit aussteigen... Bei deiner Mutter scheint es so zu sein, dass sie das nicht möchte oder sich so weit aufgegeben hat, dass sie es gerade nicht kann. Dass ist dann ja aber auch ihre Entscheidung.


    Und dieses Verstecken, Entsorgen von Alkohol, das kostet soooo viel Kraft. Ich habe das auch lange Zeit gemacht. Irgendwann meinte mein Sohn dann, "Muddi, lass das doch einfach mal sein. Wenn der Dad saufen will geht er los und kauft sich sowieso was...". Womit mein Sohn natürlich Recht hatte.


    Also diesen Energieaufwand könnt ihr euch sparen. Es bringt absolut nichts, hast du ja selbst gemerkt.


    Und ja, bis das alles vom Kopf bis in das Herz gerutscht ist, bis beide im Einklang sind, das dauert. Leider. Darum ist es oft dann besser, den Kopf den Chef sein zu lassen. Also von der Vernunft und vom Wissen her zu handeln und das Gefühl auszuhalten. Denn es macht immer schlechte Gefühle. Das ist ja der große Zwiespalt und das Dilemma bei diesen Suchtbeziehungen.


    Liebe Grüße
    Aurora

    Der meiste Schatten in unserem Leben rührt daher, dass wir uns selbst in der Sonne stehen.
    (Ralph Waldo Emerson)

  • Hey Gedankenblatt, hallo :)


    Vielleicht hilft Dir der Gedanke ein wenig, das Deine Mutter in ihrer Sucht höchstwahrscheinlich keine Wahrnehmung für die Mühe, Liebe, Zeit und Arbeit hat, die Du in die Vorbereitungen für Euer kleines Familienfest gesteckt hast.


    Vielleicht steckt sie sogar in einem Dilemma, das sie weiß das sie zu Eurer Verabredung kommen will und sollte, aber es aufgrund der Krankheit nicht hinbekommt und oben erwähnte familiäre Zuneigung in ihrem Zustand -wenn überhaupt- nur bedingt empfinden kann.


    Es ist bestimmt keine böse Absicht.
    Ich empfinde Dich auch nicht als durcheinander, Du reagierst normal und vermutlich auf die durch den Alkohol verursachte Verwirrtertheit Deiner Mutter.


    Liebe Grüße & Köpfchen hoch
    Martina

  • Danke Aurora und Martina02 für eure Antworten!


    Ich habe mich die letzten Tage etwas zurückgezogen, weil ich merke, dass es mich total "hinunterzieht", wenn ich mich zu viel mit dem Thema beschäftige. Trotzdem ist es immer im Hinterkopf. Ich habe Angst, depressiv zu werden oder zu vereinsamen. Andererseits brauche ich das, allein zu sein und einfach.... gar nichts zu tun.


    Wegen der Familienfeier, die ins Wasser fiel: Nein, ich bin nicht enttäuscht. Ich habe das ja schon oft erlebt. Es ist fast so, als rechne ich ohnehin damit, dass etwas schief gehen kann, weil sie wieder gesoffen hat. Da bin ich erschreckend gleichmütig geworden, und nehme das nicht mehr so wichtig.


    Zitat von Martina02

    Vielleicht steckt sie sogar in einem Dilemma, das sie weiß das sie zu Eurer Verabredung kommen will und sollte, aber es aufgrund der Krankheit nicht hinbekommt und oben erwähnte familiäre Zuneigung in ihrem Zustand -wenn überhaupt- nur bedingt empfinden kann.


    Ja, das trifft es ziemlich genau. Das ist es, was ich irgendwie eh weiß oder spüre, aber ich hätte es nicht so treffend formulieren können, danke :wink:


    Zitat von Aurora

    Und dieses Verstecken, Entsorgen von Alkohol, das kostet soooo viel Kraft. Ich habe das auch lange Zeit gemacht. Irgendwann meinte mein Sohn dann, "Muddi, lass das doch einfach mal sein. Wenn der Dad saufen will geht er los und kauft sich sowieso was...". Womit mein Sohn natürlich Recht hatte.


    Also diesen Energieaufwand könnt ihr euch sparen. Es bringt absolut nichts, hast du ja selbst gemerkt.


    Ja, das stimmt. aber es mildert zumindest meine Schuldgefühle. Und ich will ja nicht die Versuchung vor ihren Augen rumstehen haben. Ich will ihr einfach helfen, irgendwie. Ich weiß, es ist völlig egal was ich mache, es hängt nur von ihr selber ab. Aber ich kann mit dem Gedanken einfach nicht umgehen.


    Darüber wollte ich in der Familientherapie reden, aber das Gespräch ging dann in eine andere Richtung. Ich will ja auch nicht alles auf mich beziehen - es geht ja um meine Mutter. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob sie überhaupt noch trinkt. Sie tut es ja immer heimlich, und mit der Zeit wurde sie immer besser, was Lügen und Verstecken betrifft. Aber ich kenne den Geruch von Alkohol, und ich kenne die typischen Kennzeichen von meiner besoffenen Mutter. Mir wird schlecht wenn ich dran denke. Also entweder säuft sie regelmäßig, und streitet es nach 20 Jahren immer noch ab, oder der Alkohol hat schon alles zerstört und sie wirkt einfach auch in nüchternem Zustand besoffen auf mich.


    Ich will ihr wieder vertrauen können, aber ich kann nicht.

  • Grüß' dich, Gedankenblatt!


    Helfen wollen und nicht können ... :( :cry: zusehen müssen,
    Schuld suchen :(


    " Alk" ist eine Krankheit und zieht uns Angehörige leider oft ziemlich tief mit
    hinein. :(


    meine mama, spiegeltrinkerin, trinkt immer abends. wenn ich dann mit ihr telefoniere bekomme ich das mit und meine Gefühle fahren Achterbahn.
    ich versuche das Gespräch dann so kurz wie möglich zu halten um wieder in meinem leben zu sein und abstand zu der Problematik zu bekommen.
    meine mama sieht diese Problematik nicht.
    deshalb versteht sie ich auch nicht.


    das einzige, was mir bleibt, ist auf mich zu achten.
    solange meine mama "kein alk-problem" hat / erkennt / zugibt / ändern möchte (Trockenheit) -
    gibt es leider nichts, was ich tun könnte, was ihr hilft.


    was mir auch geholfen hat - mich über das Thema "alkoholkrankheit" zu informieren.


    Du steckst augenblicklich noch so sehr in der Situation, da kann ich deine Ängste vor "Depression" & "Vereinsamung" aber auch den Wunsch nach "Alleinsein und nichts tun zu müssen" sehr gut verstehen.


    Ich finde, es ist eine sehr, sehr schwierige Situation, weil es den Schritt erfordert, die "Mutter mit ihrem Problem" loszulasssen.
    Es ist für mich - "ich verlasse einen Menschen der mich braucht" -
    und das ist ein ganz, ganz furchtbares Gefühl und dass da Schuldgefühle auftauchen ist völlig normal. ABER
    das ist nicht so; stimmt so nicht, WEIL
    Ich kann meiner Mama nicht helfen und du kannst deiner Mutter nicht helfen.
    :cry: :cry:


    Intuitiv erfasst du, was dir gut tut - "dich zurückzuziehen".
    Das ist ganz wichtig.


    Ich habe eine Gesprächstherapie gehabt und da konnte ich dieses Thema bearbeiten. Mir hat das sehr geholfen.
    Vielleicht ist das auch für dich möglich (Gesprächstherapie)?


    Lass' wieder von dir hören!


    Viel Kraft, Mut & Sonnenschein!
    Sagara

  • Hallo allerseits,


    in der letzten Zeit war es sehr ruhig, angenehm ruhig.


    Wir haben uns oft getroffen, Mama und ich alleine, oder auch in der Familie. Haben über alles andere geredet, nur nicht über Alkohol. Ich denke, für den Moment ist das die beste Strategie - auch mal was anderes im Leben sehen, damit sich nicht alles um Alkohol dreht.


    Natürlich bleibt es immer im Hinterkopf. Ich verbringe auch viel Zeit alleine und schotte mich gelegentlich ab (das versteht von meinen Leuten niemand, ist aber so...) Ich habe viele Bücher über Alkohol gelesen, aber ich spüre, dass mir das nicht gut tut. Wenn sie wieder säuft, merke ich das sowieso sofort.


    Eine Gesprächstherapie, ich weiß nicht... Ich hatte sowas schon mal, und da kam nur Negatives raus (Wut, Hoffnungslosigkeit und das Gefühl, dass mir eh keiner helfen kann...) das will ich nicht mehr. Die Familiensitzungen beim Therapeuten sind schon schlimm genug. Ich will mich ablenken und hoffen, dass sie endlich trocken bleibt. Was natürlich nach so vielen Jahren etwas blauäugig ist, das ist mir schon klar.


    Aber für den Moment bin ich einfach dankbar für die guten Tage...


    liebe Grüße
    Gedankenblatt

  • Hi Gedankenblatt!


    Ich für mich hab die Erfahrung gemacht, dass es mir nur schlechter ging, wenn ich mit meiner Mutter praktisch so getan habe als würde das Problem gar nicht existieren. Eben weil man es doch immer im Hinterkopf hat und sich permanent Sorgen macht, wie lange der Frieden wohl anhält.
    Das ist ja genau das, was mich schon meine ganze Kindheit lang begleitet hat. Froh sein dass es gut läuft, aber immer in der Erwartung dass der nächste Tiefpunkt kommt. Und das wollte ich dann nicht mehr.


    Mir tat es sehr weh, dass die Aufmerksamkeit so auf das Problem gelenkt wurde als ich mich vor ein paar Monaten dann weigerte weiter heile Welt zu spielen.
    Ich wurde auch traurig und wütend, ich bin es zeitweise auch immer noch ganz extrem. Klar ist das schlimm.
    Vor allem glaube ich ist es schlimm so wütend zu sein, weil das genau die eine Emotion ist, die ich von meinem alkoholkranken Vater und jetzt auch von meiner Mama so stark mitbekomme wenn sie im Rausch sind. Und es ist eine Emotion die mir bis heute Angst macht. Ich habe bisher nie gelernt mit Wut gesund umzugehen und auf einmal bricht sie aber aus mir heraus. Das ist schlimm und schwierig.
    Aber ich merke für mich auch, dass ich mich nur besser fühle, wenn ich mir erlaube diese Gedanken und Emotionen zu haben und lerne, mit ihnen gut umzugehen.


    Im Endeffekt musst du für dich selbst entscheiden, was dir am besten tut denke ich. Ich kann nur sagen dass ich für mich sehr froh darum bin, dass ich den engen Kontakt zu meiner Mutter nicht mehr habe, so schwer es auch im Moment noch ist.


    Liebe Grüße,
    Cookie

  • FallenChocoCookie


    danke für deine Antwort, ja, ich habe auch die Schnauze voll davon, "heile Welt" zu spielen. Deswegen habe ich immer wieder mal damit aufgehört, dann aber doch wieder begonnen so zu tun, als wenn nichts wäre. Es ist einfach so anstrengend, ständig die Wahrheit zu sehen. Da flüchte ich lieber in eine Scheinwelt. Und bin froh um die "guten" Tage. Ich grenze mich ab, so gut es geht, aber habe dauernd ein schlechtes Gewissen, weil ich meine Familie hängen lasse, ich meine, das sind Leute, die wirklich viel für mich getan haben....

  • Es war wieder so weit, Rückfall.


    Ist schon ein paar Tage her. Keine Ahnung warum. War ja nur eine Frage der Zeit. Wir haben alle so getan, als wäre nichts. Mit Besoffenen kann man nicht diskutieren. Nur aufpassen, dass sie keinen Blödsinn anstellt. Sie hat torkelnd gelallt, dass es ihr gut geht. Der Gestank nach Schnaps aus allen Poren am nächsten Tag.....


    Normalerweise säuft sie sich besinnungslos, dann braucht sie ein paar Tage um sich zu erholen, und dann geht's wieder ein paar Wochen gut. Aber diesmal folgte der nächste Rausch schon nach ein paar "guten" Tagen.


    Sie lügt und jeder weiß es. Sie weiß sogar selber, dass wir es wissen. Trotzdem müssen wir es aufrecht halten. Ich glaube ihr nichts mehr.


    Auch wenn sie nüchtern ist, ein paar Tage später, kann ich mich nicht normal verhalten. Früher war ich immer auf ihrer Seite, sie säuft ja, weil es ist so schlecht geht..... Aber jetzt sehe ich nur noch, was sie meinem Vater antut. Ich bin sauer, ich will das ausdiskutieren, aber ich weiß, dass es keinen Sinn hat. Ich will sie nicht aufregen, sonst säuft sie noch mehr. Sie versteht nicht, warum ich so "komisch" bin. Also schotte ich mich wieder ab. Dadurch hat sie wieder einen Grund, beleidigt zu sein.


    Mal eine Frage an euch, macht Alkohol blöd? So auf Dauer? Wird ein Alkoholiker immer dümmer?

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