Opfer oder Täter?

  • Hallo, in der Gruppe haben wir am Donnerstag diskutiert, waren wir Opfer oder Täter in unserer nassen Zeit.
    Wir besprechen zur Zeit Abschiedsbriefe, alle auch ich sehen uns als Opfer, der Alkohol ein schlechter Freund. In einer Fortbildung, haben wir einen Brief zu lesen bekommen, in der der Schreiber sich zum Täter gemacht hat, indem er den Alkohol ausgenützt und immer mehr von ihm verlangte. Ein kleiner Auszug aus den Brief.

    Ich hätte mir denken können, dass dies nicht gut gehen konnte. Irgendwie und irgendwann spürte ich das auch. Aber ich wollte nicht verzichten.

    Heute freue ich mich darüber dass ich sie freigab. Denn letztlich profitiere ich davon wahrscheinlich sogar mehr als sie selbst, was irgendwie unglaublich ist.

    Es wäre schön wenn wir darüber diskutieren könnten, für mich ist das sehr wichtig.

    kossi

  • Guten Morgen,

    ich war immer der Täter.

    Den Alkohol missbrauchte ich, um bei gesellschaftlichen Anlässen und Kontakten am Wochenende zur "Höchstform" aufzulaufen. Diese Höchstform war zu Beginn harmlos, unterhaltsam und kontrollierbar; zum Schluss waren es strafbare Handlungen, die mittelfristig mein oder das Leben anderer ruiniert hätte.

    Dass es sich um Alkoholmissbrauch handelt, war mir von Anfang an bewusst. Alles geschah vorsätzlich und ohne Verantwortung.

    Wenn ich heute auf einer Veranstaltung bin und besoffene Menschen sehe, die sich nicht über ihren Alkoholmissbrauch bewusst sind, spüre ich nur noch Verachtung.

    Grüße

  • Zitat von Thalia1913

    Hallo Hull,

    wenn du von Verachtung sprichst, dann verneinst du also für dich, dass es sich bei Alkoholismus um eine Krankheit handelt?

    Thalia

    Hallo Thalia,

    interessanter Gedankengang. :wink:

    In meiner Welt ist Alkoholismus keine eigenständige Krankheit, sondern die fehlgeleitete Entwicklung aus einer Ausgangsbasis (biochemische Prozesse im Organismus), die uns erbbedingt mitgegeben und in der Kindheit stark geprägt wurde.

    Die Verachtung bezieht sich dabei auf die Selbsttäuschung, bzw. den Fatalismus, den die meisten Menschen zur Rechtfertigung ihrer Niederlagen heranziehen. Wenn ein Mensch anfällig für den Alkohol ist, dann ist dies natürlich eine schlechte Ausgangsbasis, aber in keinem Falle eine Legitimation zur Resignation.

    Grüße

  • Hallo kossi,

    als 1. möchte ich dich bitten in Zukunft nichts mehr aus anderen Gruppen hier zu zitieren, schreibe es mit eigenen Worten :!:

    Sinn der Gruppen ist es doch dass das Gesprochene/Geschriebene nicht nach außen getragen wird.

    Ich sah/sehe mich weder als Täter noch als Opfer, ich war und bin Alkoholiker.

    LG Martin

  • Zitat

    als 1. möchte ich dich bitten in Zukunft nichts mehr aus anderen Gruppen hier zu zitieren, schreibe es mit eigenen Worten

    Ich möchte mich dem anschließen.
    Ich kenne es auch so aus meiner ehemaligen realen Gruppe,
    das man sich mit dem Beitritt gleichzeitig verpflichtete, dort besprochenes nicht nach außen zu tragen.
    Es ist also nicht okay, im www darüber zu schreiben.
    Was in der Gruppe besprochen oder diskutiert wird, hat auch dort zu bleiben.

    Zitat

    Es wäre schön wenn wir darüber diskutieren könnten, für mich ist das sehr wichtig.


    Ich denke, ihr habt es bereits in der Gruppe diskutiert? :wink:

    Hull schrieb:

    Zitat

    In meiner Welt ist Alkoholismus keine eigenständige Krankheit, sondern die fehlgeleitete Entwicklung aus einer Ausgangsbasis (biochemische Prozesse im Organismus),
    die uns erbbedingt mitgegeben und in der Kindheit stark geprägt wurde.


    Aha.
    Mir zeigen Deine Ausführungen, das Du Deine Krankheit noch nicht als solche anerkennen kannst.
    Das wäre ein Punkt für Deine Trockenheitsarbeit, an der Du meiner Meinung nach arbeiten könntest, wäre nämlich wichtig.

    Ansonsten noch zur Info: Alkoholismus ist seit den 50 Jahre eine anerkannte Krankheit. Und das hat auch seine Gründe.

    Zitat

    Wenn ich heute auf einer Veranstaltung bin und besoffene Menschen sehe, die sich nicht über ihren Alkoholmissbrauch bewusst sind, spüre ich nur noch Verachtung.

    Zu solchen Aussagen fällt mir nur noch genau 1 Satz ein:
    "Hochmut kommt vor dem Fall."

    LG Sunshine

  • Hallo Kossi,

    vielleicht kannst du deine Frage nochmal ein bisschen genauer stellen bzw. ergänzend dazu erklären, was du darunter verstehst, wenn du sagst, du siehst dich als Opfer.

    Und was ist wichtig für dich an dieser Unterscheidung?


    Danke dir und Gruß

    Thalia

  • Hallo nochmal Kossi,

    anschließend zu meinen Fragen an dich hier mal meine Gedanken zu dem Thema:

    Opfer zu sein hat für mich gerne mal was mit „keine Verantwortung übernehmen“ zu tun.

    Klar, ich empfinde mich auch mitunter als Opfer, aber mir ist auch bewusst, dass mich das nicht weiterbringt. Es hilft mir nichts, mich als Opfer einer Krankheit zu fühlen. Als Opfer mache ich mich abhängig (wieder!) von Dingen, die außerhalb meiner Verantwortung, auch außerhalb meiner Einflussnahme liegen.

    Wenn ich einmal alkoholkrank bin, kann ich das nicht mehr ändern, nicht mehr rückgängig machen. Aber ich kann die Verantwortung jetzt übernehmen, wie ich heute mit meiner Erkrankung umgehe. Das ermöglicht mir Handlungsspielraum. Das gibt mir Freiheit, auch innerhalb der Abhängigkeitserkrankung. Ich möchte Täter sein in Bezug auf mein eigenes Leben, und nicht Opfer.

    Grüße
    Thalia

  • Hallo, ich habe nicht die Schweigepflicht verletzt, wir haben darüber diskutiert, ich habe keine Interna preisgegeben. Der Brief um den es geht, ist in der Fortbildung, nach außen freigeben. Außerdem sind das nur zwei Zitate aus dem Brief. Ich gebe nie Gruppengespräche nach außen tragen, aber ich kann sagen was wir diskutiert haben.
    Aber Danke, für die Antworten.

    LG kossi

  • Also ich habe keine Gruppeninternas nach draußen gegeben.
    Hier steht nur über was wir diskutiert haben, was der Einzelne gesprochen, ist in der Gruppe geblieben.
    Das Zitat fand ich sehr Interessant und der Brief ist Öffentlich.

    Thalia, du hast recht, ich habe meine Verantwortung abgegeben.
    Nach meinen Entzug hat mir die Opfer rolle geholfen,so hatte ich keine Schuldgefühle. Ich habe eine Persöhnlichkeitsstörung mit Depressionen und deswegen wären Schuldgefühle nicht Hilfreich gewesen.
    Heute nach 10 Jahren habe ich meine Vergangenheit aufgearbeitet. Ich weiß ich war auch Täter und habe den Alkohol für meine Wünsche ausgenutzt.

    Grüße kossi

  • Sunshine,

    man könnte nun weit ausholen, allerdings dürfte es nicht zielführend sein und nur weiter polarisieren.

    Für mich folgt die Disziplin zur Nüchternheit der Logik, nicht umgekehrt. Früher erschien es logisch, zu Trinken, nun ist es nicht mehr der Fall.

    Grüße

  • ...

    also ich sehe mich ebenfalls sowohl als Opfer (warum grade ich?) aber eben eindeutig auch als Täter (schließlich habe ICH gesoffen)


    macht aber für mich jetzt keinen großen Unterschied im Leben finde ich ...

    Train to survive

    survive to train

  • Hallo miteinander,

    dem Alkohol gegenüber habe ich mich nie als Opfer gefühlt, er war da, ich habe ihn benutzt, vielleicht hat er mir auch zum Überleben geholfen, wer weiß das schon.

    Wäre da kein Alkohol gewesen, dann hätte es andere Möglichkeiten gegeben ( hat es ja zusätzlich auch ), um das Leben (wie ich es führte) ertragen zu können.

    Ich fühlte mich als Opfer meiner Familie und da war ich es tatsächlich auch.

    Als ich aber aus ihrem Dunstkreis hinaus trat, konnte ich selbst Verantwortung übernehmen und schaffte es dann schlussendlich auch mit dem Alkohol aufzuhören.

    Ich verachte niemanden der Alkohol trinkt, allerdings frage ich mich oft was wäre, wenn die Menschen keine Möglichkeit hätten sich zu betäuben.

    Ob die Gesellschaft dann moralischer, liebevoller, freundlicher, ehrlicher......wäre.

    Ich glaube ja :).

    Da es aber unendlich viele Möglichkeiten gibt sich von der eigenen Verantwortung ( zumindest temporär ) auszuklinken und das Bedürfnis unendlich scheint, werde ich das wohl nie erfahren.

    Somit muss es mir reichen mit mir selbst ins Reine zu kommen und da hat ein Opfergedanke nichts mehr verloren.

    Liebe Grüße

    Slowly

  • Zitat von Slowly

    Somit muss es mir reichen mit mir selbst ins Reine zu kommen und da hat ein Opfergedanke nichts mehr verloren.

    Das ist auch meine Intention. Allerdings in allen Belangen, nicht nur beim Alkohol. "Täter" ist natürlich etwas unpassend, da es negativ behaftet ist. Wer Alkohol trinkt, bleibt Opfer. Wer sich davon löst, wird zum Macher. Deshalb die Verachtung für alles Schwache.

  • Zitat von kossi

    ...für mich ist das sehr wichtig...

    Hallo kossi,

    ich finde Deine Frage interessant,
    wenngleich ich sie nicht für sonderlich wichtig halte.

    Als ich noch getrunken habe,
    habe ich mich wohl in beiden Rollen befunden.
    Jedoch deutlich mehr in der Täterrolle.
    Ich habe mich meist sehr bewusst dazu entschieden,
    mir heute mal so richtig die Kante zu geben.

    Als mittlerweile recht trockener Zeitgenosse,
    bin ich natürlich komplett zum Täter geworden.
    Trocken wird man nur durch Tat.

    Viele Grüße
    Correns

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