Guten Morgen, du Nachtphilosoph,
hast du nachts nichts besseres zu tun? Ich könnte mir da so ein paar kleine Sünden deutlich amüsanter vorstellen als das Philosophieren über die Erbsünde.
Also deinen Erbsündensatz – wo hast du ihn eigentlich gefunden? – den finde ich nicht so prickelnd. Gerade in unserer Situation.
Erbsünde? Ich kenne dieses Wort nur im Zusammenhang mit Religion. Und da behaupte ich einfach mal, diejenigen, die unsere Religion begründet haben, hätte es ganz gern gehabt, wenn sich ihre Anhänger schlecht und klein fühlen, damit die Religionsleute die Retter sein können. Deshalb haben sie die Theorie von der Erbsünde in die Welt gesetzt. Ich glaube nicht an die Erbsünde, denn wir kommen unschuldig und nackt zur Welt. Lernwillig und formbar, aber nicht sündig. Ansonsten müsste ja der Akt, der unser Leben zeugt, schon die erste Sünde sein.
Die Beschränkung auf uns selbst – Karl, wir alle schreiben hier, weil wir uns viel zu wenig auf uns selbst beschränkt haben. Zuwendung, Liebe, Aufmerksamkeit, Erleben und sich lebendig fühlen, suchen wir viel zu sehr im Kontext mit Anderen. Sicherlich ist der Mensch ein soziales Wesen, aber wir Co-Abhängigen betreiben dieses sozial sein bis zu unserer Krankheit. Wären wir in der Lage, uns mehr auf uns selbst zu beschränken und das, was in uns ist, wären wir nicht hier. Und ist dann das auf sich selbst beschränken sündig? Im Gegenteil!
Karl, ich danke dir für den Satz mit den gleichmäßigen Zügen. Wir kennen uns jetzt mehr als ein Jahr und in diesem Jahr habe ich dir mehrfach gesagt, dass ich nicht immer so gleichmäßig in mir ruhe, wie es dir oft erscheint. Aber vielleicht ist es einfach so, dass du stark bist, wenn ich schwach bin und am Rudern bin im unruhigen Gewässer und ich gleichmäßige Schwimmzüge mache, die dir helfen, wenn du orientierungslos paddelst. Geben und nehmen, so, wie wir es uns immer wünschen, nicht mehr und nicht weniger.
Hör bitte auf, in dir zu kramen, warum es in Berlin nicht funktioniert hat. Du allein konntest es nicht auf die Reihe bekommen und hast es doch immer wieder versucht, daran geglaubt, wenn du nur genug von dir selbst loslässt und geduldig bist, wird sich schon alles richten. Aber glaub mir, die Zeit war nicht verlorene Zeit, denn sonst hättest du wieder vier oder fünf Jahre gewartet, bis du etwas verändert hättest. Diesmal ging es schneller. Du hast dich und deine Bedürfnisse und Gefühle wichtiger genommen als eine Beziehung, die VIELLEICHT mal eine hätte werden können. Du hast dich auf dich selbst besonnen, ohne beschränkt zu sein. Nix mit Erbsünde, sondern mit Lebenswillen und Lebensmut.
LG
Ette