• Ich bin nicht überrascht, so was ist mir in den ganzen Jahren öfter passiert, mal sanft umschmeichelnd, mal heftig und agressiv. Die Abstände wurden immer größer und meine Reaktion schneller und direkter, weil ich weiß, dass so Gedanken bei mir sehr rasch wieder verfliegen.


    Mittlerweile habe ich auch mit solchen dubiosen "Grüßen" meines Suchtgedächtnisses meinen Frieden gemacht. Diese "Grüße" haben für mich auch etwas Positives. Sie erinnern mich an früher und gleichzeitig daran, nicht den Respekt vor dem Alk zu verlieren und mich womöglich für"geheilt" zu halten. Das Wiederaufflackern des Suchtverlangens als Folge einer empfundenen Heilung mit dem dann womöglich einschießenden Gedanken, ich könne doch jetzt mal wieder ein Normaler etwas trinken, wäre fatal.

    Daher werte ich diese "Grüße" für mich nicht mehr als negativ und komme damit erstaunlich gut klar. Allerdings bin ich auch schon über 9 Jahre unfallfrei am Start, daher ist meine Einschätzung nicht unbedingt die Richtschnur für Abstinente in den Anfangsmonaten und -jahren.

  • Hi! Da ist klassische Konditionierung Lavendelfuchs. Man verbindet als Alkoholiker Orte, Gerüche, Personen,... automatisch mit dem Konsum von Alkohol. Oder eben 4,50 € auf der Arbeitsplatte. Bist du zur Zeit vielleicht nicht gut aufgestellt? Schreiben hilft.

    LG

  • Hallo,

    ich fühle mich recht gut aufgestellt im Alltäglichen und bin gut eingebunden in (Selbst-)Hilfestrukturen.

    Diese Situation hat auch nur ein paar Sekunden gedauert bis ich den Gedanken beenden konnte. Ich hätte mich aber nicht wohl damit gefühlt, wenn das Geld immer noch dort gelegen hätte, wenn ich zurück gekommen wäre. Deswegen musste es direkt weg. Ich habe mich tatsächlich etwas erschrocken über diesen Gedankenblitz, Gruß vom Suchtgedächtnis oder Pawlowschen Glöckchen.

    Ich habe die Tage darber nachgedacht, ob sich Überheblichkeit oder zu viel Sicherheit in mein Denken einschleicht. Ich denke schon, dass es so war. Eben weil ich so viel unternehme, damit ich auf meinem nüchternen Weg bleibe. Dieses Erlebnis hat mich aber wieder dran erinnert, dass es ziemlich schnell gehen kann, wenn man nicht aufpasst.

    Das Wiederaufflackern des Suchtverlangens als Folge einer empfundenen Heilung mit dem dann womöglich einschießenden Gedanken, ich könne doch jetzt mal wieder ein Normaler etwas trinken, wäre fatal.

    Ich denke schon irgendwo zu heilen, bzw. jetzt nachdem ich das "Wasser" abgegraben habe mich um alte Verletzungen kümmern zu können. Ich glaube aber nicht jemals wieder nicht alkoholkrank zu sein. Das bleibt.

    „Nur wenn das, was ist, sich ändern lässt, ist das was ist, nicht alles. “ - T.W. Adorno


    Trocken seit 01.01.2024

  • Hallo ihr Lieben,

    Zeit für ein update: 282 Tage, ca. 9 Monate nüchtern :)

    Ich bin sehr stolz auf mich. Klar, das ist nicht die Welt und kein Vergleich zu der Zeit, in der ich gesoffen habe. Aber es ist so unendlich viel passiert und ich stecke immernoch in Umbauarbeiten. Vieles von dem steht mit Alkohol in Verbindung. Es sind aber Themen, die ich zu heftig und intim finde, sie in einem öffentlichen Forum zu teilen. Dennoch bin ich zwischendurch immer mal wieder hier und lese mit. Ich komme bei der Fülle an Beiträgen oft nicht hinterher.

    Die ambulante Reha läuft und ich gehe mittlerweile auch gerne in die Therapie-Gruppe. Zwischenzeitlich habe ich mir noch einen Traumatherapie Platz gesucht für Anfang nächsten Jahres. Ich hoffe das verschafft mir noch mehr Stabilität um mich im Alltag zurecht zu finden. Ich komme soweit gut klar, habe aber öfter "emotionale Episoden", da fühlen sich die Dinge zeitweise dramatischer an, als sie in Wirklichkeit sind.

    In dem Laden, in dem ich früher exzessiv feiern war, hat sich eine Gruppe zusammen getan, die alkoholfreie Partys organisiert und awareness schaffen will. Das war meine erste Party seit 4 Jahren und ganz toll. Ich hatte eine schöne Zeit da und werde bestimmt wieder zur nächsten gehen. Ich habe mein Studium wieder aufgenommen und das zweite Semester in Folge erfolgreich hinter mich gebracht und denke über ein Thema für meine Abschlussarbeit nach, wobei ich noch nicht ganz so weit bin, diese auch zu schreiben.

    Ich stehe zum zweiten Mal innerhalb von 4 Jahren vor der Wohnungslosigkeit. Ich kann und will mir nicht ausmalen wie mein Handeln wäre, würde ich noch trinken. Nüchtern ist diese Existenzangst und Unsicherheit schon erdrückend. Nüchtern bin ich aber in der Verfassung, mich um das Problem zu kümmern. Ich kann mit klaren Kopf Gespräche mit Beratern und Anwältinnen führen und meine Entscheidungen abwägen, ohne direkt in Panik zu verfallen. Das ist viel wert und gibt mir Kraft.

    Körperlich geht es mir gut. Ich kann mich zwar immernoch nicht für regelmäßigen Sport aufraffen, arbeite aber an meinen Meditations- und Imaginations-Skills.

    Die Sucht und destruktive Muster sind natürlich noch da. Da brauche ich keinem etwas vor machen.Es ist teilweise anstrengend mich nicht fallen zu lassen und rechtzeitig einzugreifen, bevor ich mich schädige. Aber die Abstinenz verteidige ich mit allen Mitteln. Sie ist mein Schlüssel zum Leben. Handlungsfähig sein ist und bleibt die Maxime.


    Ich möchte mich nochmal ganz herzlich bei allen von euch bedanken. Dieses Forum beinhaltet so viel Wissen und Erfahrungen und ist eine krasse Unterstützung. Ich bin sehr froh im Januar den Schritt getan zu haben, hierher zurück zu kommen und umzusetzen, was in den Grundbausteinen vermittelt wird.

    Viel Liebe <3

    „Nur wenn das, was ist, sich ändern lässt, ist das was ist, nicht alles. “ - T.W. Adorno


    Trocken seit 01.01.2024

  • Gratulation! 9 Monate, das ist dann ja fast schon die Geburt eines nüchternen neuen Lebens ;)

    Mir hat Sport sehr geholfen. Ich bin nicht ins Fitnessstudio gegangen, aber ich jogge und walke viel. mittlerweile ist es eine feste routine geworden. und ganz ehrlich, wenn du luft riechst, bäume siehst, vögle hörst, das ist das beste überhaupt, um sich mit dem leben und dir selber zu verbinden.

    alles gute!

    Abstinent seit dem 22.9.2023

  • Zeit für ein update: 282 Tage, ca. 9 Monate nüchtern :)

    Tolle Leistung, und ich gratuliere dir dazu. Aber ich habe eine Frage zum Folgenden.

    In dem Laden, in dem ich früher exzessiv feiern war, hat sich eine Gruppe zusammen getan, die alkoholfreie Partys organisiert und awareness schaffen will.

    Der Laden war der komplett alkoholfrei, wo du früher exzessiv gesoffen hast?

    Wenn ich heute an solchen "Läden" vorbeifahre, muss ich nicht einmal hineingehen – alle Lampen in meinem Kopf schalten sich ein und beleuchten alles, was noch an nasses Denken in mir vorhanden Ist.

    Zu Beginn meines ersten ernsthaften Versuchs, trocken zu werden, verließ ich mich auf meine eigene Denkweise. Die durch diejenigen auch noch verstärkt wurde, die vorgaben, alles besser zu wissen – sei es durch Bücher oder Diskussionen in diesem Forum. Ein 'In-sich-Hineinhören' und das viele Geschwätz drumherum führten jedoch zu einem schwerwiegenden Rückfall in einem Biergarten.

    Der Rest ist bekannt. Dieser Biergarten befindet sich in einem anderen Bundesland, und ich habe dort kürzlich Verwandte besucht. Das Gefühl, sich hinzusetzen, ein Bier zu trinken und so weiter ist auch im Kopf vorhanden, wenn ich dort eine Cola bestelle.

    Gruß Hartmut

    ------------------

    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • Hallo ihr beiden, vielen Dank.

    und ganz ehrlich, wenn du luft riechst, bäume siehst, vögle hörst, das ist das beste überhaupt, um sich mit dem leben und dir selber zu verbinden.

    muss ich dafür joggen gehen? oder darf ich auch spazieren ?:lol: Du hast aber vollkommen recht, Naturerfahrungen sind klasse. Ich denke, dass die Bewegung die in mir drin stattfindet leichter zu verarbeiten wäre, würde ich sie auch körperlich "übersetzen". Das ist eine Baustelle, die aktuell noch warten muss.

    Der Laden war der komplett alkoholfrei, wo du früher exzessiv gesoffen hast?

    Für den Tag, ja. Ich denke aber das Lager wurde nicht komplett ausgeräumt. Der "Laden" ist ein selbstverwaltetes Politik- und Kulturzentrum. Früher war ich noch aktiver eingebunden und habe viel Zeit dort verbracht (u.a. auch Sport gemacht). Und bin zu Konzerten oder Parties komplett eskaliert. Konzerte und Partys sind keine aktuell keine Option für mich. Ich brauche weder ne Bierdusche noch eine gebrochene Rippe im moshpit. Umso mehr habe ich mich darüber gefreut, dass eine trockene Person aus diesem Umfeld eine alkoholfreie Party organisiert hat. Ich habe nicht mehr das Bedürfnis wild feiern zu gehen. Aber nur zu hause sitzen und meinen eigenbrödlerischen Tätigkeiten nachgehen möchte ich auch nicht.

    Ein 'In-sich-Hineinhören' und das viele Geschwätz drumherum führten jedoch zu einem schwerwiegenden Rückfall in einem Biergarten.

    Das hier verstehe ich nicht. Kannst du erklären, wie deine Denkweise damals war? Wieso haben "In-sich-Hineinhören" und hilfreiche Beiträge und Bücher zu einem Rückfall geführt?


    Liebe Grüße

    „Nur wenn das, was ist, sich ändern lässt, ist das was ist, nicht alles. “ - T.W. Adorno


    Trocken seit 01.01.2024

  • Das hier verstehe ich nicht. Kannst du erklären, wie deine Denkweise damals war

    Das erste Mal, als ich ins Forum kam, hatte ich nur gelesen und die Grundbausteine als absurd abgetan.

    Es hätte ja Änderungen bedeutet, die ich aus der damaligen nassen Sichtweise nicht für notwendig erachtet habe. Ich ging dann in ein Buchladen, habe mir ein Buch "Endlich ohne Alkohol" von Allen Carr gekauft, was meinem nassen Denken entsprach . Grob erklärt, nur ein Umdenken reicht. In sich hineinfühlen, in sich hineinhören, das wäre der Weg

    Dann In diesem und anderen Forum habe ich explizit gelesen, was ähnlich aufgebaut war, und mich an diejenigen gehalten, die das auch so sahen und nicht an die Erfahrungen der Langzeittrockene mit den Grundbausteinen .

    Natürlich wurden auch User , die dadurch rückfällig geworden sind, ignoriert, denn "ich hatte ja alles m Griff". Weiterhin habe ich Orte für Feste und Feiern besucht und, bescheuert wie ich war, mir dabei nichts gedacht. Ich hatte ja eine Meinung, ich hatte ja ein Gefühl, das nichts passieren konnte.

    Deswegen ist es auch für mich nur "nasses Geschwätz" wenn ich sowas lese . Für mich und wie es andere sehen, ist mir dabei relativ egal.

    Nach etwa 12 Wochen endete es in einem Rückfall, der einige Tage oder Wochen anhielt und beinahe tödlich war.

    Gruß Hartmut

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    Trocken seit 2007

  • In sich hineinhören

    Ist wichtig und richtig, bei mir immer mit der Frage verbunden was gut für mich persönlich ist,was mir guttut, was mir hilft.Aber besonders mit der Frage was mir schaden könnte. Was die Sucht, die ja auch ein Teil von mir ist evtl mir auftischt um mich klammheimlich und über Umwege, versteckt und getarnt Einflüsstern könnte. ZB: das ist aber jetzt nicht so schlimm oder gefährlich.

    Das packst du locker etc

    Das Wissen über die Sucht ist ja ganz gut und wichtig, aber vorallem über deren Mechanismen und manipulationsversuche.

    Wie oft habe ich mir im Leben schon selbst die Taschen vollgelogen.verharmlost,kleingeredet,abgetan,das dies und jenes auf mich nicht zutrifft.

    Das höre ich dann auch,wenn ich in mich reinhöre, denn es ist ein Teil von mir geworden im Laufe der Jahre.

    Der Weg ist das Ziel(Konfuzius)

    Seit 1.1.2014 trocken

  • st wichtig und richtig, bei mir immer mit der Frage verbunden was gut für mich persönlich ist,was mir guttut, was mir hilft.A

    Natürlich kann es auch hilfreich sein, in sich hineinzuhören. Aber wir reden hier von Sucht, nicht von einer "normalen", harmlosen Befindlichkeit. Der Zeitpunkt ist doch wichtig? Oder nicht?

    Wenn ich hier pitschnass aufschlage und in mich hineinhöre, kommt auch nur pitschnasses raus. Wenn ich heute nach 17 Jahren in mich herein höre, kommen doch ganz andere Töne raus. Aber zunächst muss eine trockne Basis geschaffen werden, um überhaupt etwas Trockenes hören zu können.

    Gruß Hartmut

    ------------------

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    Trocken seit 2007

  • Konzerte und Partys sind keine aktuell keine Option für mich.

    Aktuell nicht. Aber jetzt, wo du in deinem ehemaligen tropfnassen Umfeld mitfeiern konntest, kommt da der Mut für die nächste Veranstaltung?

    Der ganze Ablauf war zwar alkfrei, aber fürs Suchtgedächtnis ein Trigger durch das Erlebnis, die Optik, das Ambiente, das Anfassen und Halten der Gläser usw. usw.

    Ich bin auch über deinen Text gestolpert und habe mich gefragt, wie man im nassen Umfeld langfristig trockenbleiben will. Einmal geht vielleicht, aber dann? Und überhaupt, das Risiko.. Ich weiß nicht.

    Paß auf dich auf.

    Liebe Grüße, Linde

    You can't wait until life isn't hard anymore before you decide to be happy.

    - Nightbirde

  • und habe mich gefragt, wie man im nassen Umfeld langfristig trockenbleiben will.

    ja, das ist die große frage! wenn ich bei einem kindergeburtstag eingeladen bin, dann knallen IMMMER ab einem bestimmten zeitpunkt die sektkorken. wenn ich in ein theater gehe, dann trinkt 70% des publikums in der pause alkohol. wenn ich in ein fußballstadion gehe, dann ist die hälfte der zuschauer*innen angetrunken. in der kirche trinkt der pfarrer messwein. ist das alles nasses umfeld?

    ich habe festgestellt, ich kann machen, was ich will, um mich herum wird alkohol konsumiert. es gibt kaum ein gesellschaftliches feld, in dem alkohol nicht eine gewisse rolle spielt. ich bin also gefordert.

    wie damit umgehen? ich habe für mich festgestellt-

    - wenn eine veranstaltung vom eigentlichen anlass (kindergeburtstag) zum alkoholevent wird, gehe ich.

    - wenn eine veranstaltung ein alkoholfreier ersatz für alkoholveranstaltungen ist, gehe ich nicht hin (in diesem sinne, lavendelfuchs, wäre ich nicht zu deiner veranstaltung gegangen).

    - wenn bei einer veranstaltung (fußball) der event im vordergrund steht, bleibe ich.

    - wenn ich irgendwie unruhig, nervös werde, gehe ich sofort oder gar nicht hin.

    - manche situationen sind hirnmäßig mit alkohol verbunden (im cafe in der sonne sitzen = weißwein), die habe ich mittlerweile umgepolt: jetzt ist in der sonne sitzen = cafe americano.

    - kann ich die situationen nicht umpolen, meide ich sie (volksfeste, partys)

    was ich gelernt habe: zu meinen, man könne sein leben weiterführen, wie bisher, nur eben ohne alkohol, ist ein gewaltiger irrtum. ohne alkohol leben heißt, sich von verschiedenen menschen, gepflogenheiten und orten zu verabschieden. ohne alkohol leben heißt aber auch, neue menschen, neue gepflogenheiten und neue orte entdecken und einem speziellen menschen ganz neu wieder zu begegnen: sich selbst. and that's worth it!

    p.s. Lavendelfuchs : natürlich funktioniert auch bloßes spazierengehen. hauptsache natur. ist dir schon einmal aufgefallen, wieviele verschiedene grüntöne es gibt? und: gerade ist pilzsaison. ab in den wald!

    Abstinent seit dem 22.9.2023

  • Natürlich kann es auch hilfreich sein, in sich hineinzuhören. Aber wir reden hier von Sucht, nicht von einer "normalen", harmlosen Befindlichkeit. Der Zeitpunkt ist doch wichtig? Oder nicht?

    Wenn ich hier pitschnass aufschlage und in mich hineinhöre, kommt auch nur pitschnasses raus. Wenn ich heute nach 17 Jahren in mich herein höre, kommen doch ganz andere Töne raus. Aber zunächst muss eine trockne Basis geschaffen werden, um überhaupt etwas Trockenes hören zu können.

    Jetzt verstehe ich was du meintest mit "In-sich-Hineinhören" und das es zu diesem Zeitpunkt nicht förderlich für dich war. Gleichzeitig muss es doch aber auch eine innere Stimme gegeben haben, auf die du schlussendlich endgegen der Suchtstimme gehört hast?

    Ich habe neben der Sucht und "normalen Befindlichkeiten"noch andere ungünstige Strategien und Denkweisen entwickelt mit mir selbst und der Welt umzugehen. Die Sucht hat irgendwann alle anderen Strategien egal ob gut oder schlecht verschluckt und blieb als einziges übrig. Als ich 2020 hier aufgeschlagen bin, war ich auch noch nicht bereit alles umzustellen und vieles aufzugeben. Ich bin an meiner Uneinsichtigkeit gescheitert, daran dass ich im nassen Umfeld und Denken verblieben bin. Ich hätte mir sehr viel Leid ersparen können. Stattdessen habe ich es laufen lassen und bin auf die Überholspur gewechselt in der Suchtspirale. Im Dezember letzen Jahres habe ich auch nicht in mich hinein gehört, es hat mich von innen heraus angeschrien. Unüberhörbar. Seitdem routiert nicht nur mein Hirn, sondern auch mein Leben. Der Alkohol hatte nach 2020/2021 die paradoxe Wirkung diesen Sauhaufen an Psyche zusammen zu halten und hat sie gleichzeitig rasant zerstört. Ich lerne aktuell ein halbwegs "normaler" und "funktionaler" Mensch zu sein. Damit meine ich nicht alles perfekt im Griff zu haben und überall mit machen zu können. Das habe ich lange gedacht, dass zufrieden nüchtern so sein müsste. Offensichtlich ist weder ein zufriedenes Leben noch die Abstinenz damit aufrecht zu erhalten. Ich meine damit die Möglichkeit zu haben flexibel und im besten Fall selbstfürsorglich auf die Lebensanforderung zu reagieren. Und dazu muss man in sich hinein hören.

    immer mit der Frage verbunden was gut für mich persönlich ist,was mir guttut, was mir hilft.Aber besonders mit der Frage was mir schaden könnte.

    Und hier liegen die Fallstricke. Woher weiß ich das? Was tut mir gut, was schadet mir? Wie finde ich das heraus ohne mich versehentlich zu beschädigen? Schaden mir Dinge wirklich oder habe ich eine hemmende Angst? Was mache ich in den Momenten in denen ich mich schädigen möchte?

    Ich habe wirklich große Probleme diese Fragen für mich zu beantworten. Ich weiß es oft nicht und tappe im Dunkeln. Daher bin ich wahnsinnig froh so gut betreut zu sein und perspektivisch Unterstützung bei Themen zu bekommen, die den Rahmen der ambulanten Reha sprengen. Hier ist keine Kuh vom Eis und die Sucht-Kuh werde ich da auch nicht runter bewegen können. Ich kann nur an der Tragfähigkeit arbeiten und sie nicht mehr füttern.

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    Trocken seit 01.01.2024

  • Gleichzeitig muss es doch aber auch eine innere Stimme gegeben haben, auf die du schlussendlich endgegen der Suchtstimme gehört hast?

    Das war die Stimme des absoluten Tiefpunktes nach dem Rückfall. Ich hatte erst da verstanden dass ich so nicht weitermachen kann. Es notwendig war einen anderen Weg einzuschlagen.

    Ich musste auf andere Leute hören, weil ich mir selbst nicht mehr getraut habe. Also mehr oder weniger fremde Hilfe annehmen, um wieder zu mir zu finden.

    Hier im Forum hab ich das Rezept zum Trockenwerden gefunden. Dass was einem vorgesetzt wird nicht immer schmeckt, ist normal.

    Aber mit der Zeit konnte ich das Rezept hier und da an meinen Geschmack anpassen.😉

    Gruß Hartmut

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    Trocken seit 2007

  • Ohje. Ich habe mit der Party schlafende Hunde geweckt.

    Vorneweg, ich verstehe die Sorge, Mahnungen und Fragen. Tatsächlich wäre ich auch aufgeschreckt, hätte ich das bei einer anderen Person so gelesen.

    Ich mag diese Party noch einmal erklären und mich auch ein bisschen rechtfertigen. Tatsächlich habe ich bis zu den Beiträgen überhaupt nicht darüber nachgedacht, dass es problematisch ist, wenn ich dort zu einem Event gehe.

    Aktuell nicht. Aber jetzt, wo du in deinem ehemaligen tropfnassen Umfeld mitfeiern konntest, kommt da der Mut für die nächste Veranstaltung?

    Ja, tatsächlich habe ich aus dieser Erfahrung Mut geschöpft mich außerhalb meiner Wohnung halbwegs sicher fühlen zu können. Ich würde euch gerne den Veranstaltungstext weiterleiten, allerdings ist es dann mit der Anonymität auch dahin. Es wurden gezielt Menschen angesprochen, die neudeutsch sober sind und sich wünschen nüchtern feiern zu können, ohne Alkohol und alkoholisierte Menschen in Reichweite. Berauschte Menschen werden nicht rein gelassen oder dann rausgeworfen. Für mich klang das nach einem absoluten Traum um *soziale Interaktion* nüchtern üben zu können. Ich habe dort einige Leute wieder getroffen, die so wie ich früher durch dieses Gebäude getorkelt sind und wir haben uns ehrlich miteinander ausgetauscht. Es war wirklich sehr schön. Um 22 Uhr war ich zu hause. Das war im Juli, die nächste sober party ist im Dezember. Ich nehme keine Einladungen an zu Veranstaltungen, bei denen Alkohol im Vordergrund steht. Ich habe auch kein Interesse unter normalen Publikum auszugehen.

    wenn ich in ein theater gehe, dann trinkt 70% des publikums in der pause alkohol. wenn ich in ein fußballstadion gehe, dann ist die hälfte der zuschauer*innen angetrunken. in der kirche trinkt der pfarrer messwein. ist das alles nasses umfeld?

    Ich meide wirklich viel. Teilweise fühle ich mich wie unter einer Käseglocke. Natürlich mache ich dafür andere Sachen als früher und beschäftige mich viel mehr mit mir selbst, aber ich nehme sehr wenig am gesellschaftlichen Leben teil, eben weil so viel mit Alkohol verbunden ist und ich mich unsicher unter Leuten fühle. Den nassen Teil meiner Familie meide ich komplett, Kindergeburtstage, Weihnachten ect. gibt es für mich quasi nicht.

    - wenn ich irgendwie unruhig, nervös werde, gehe ich sofort oder gar nicht hin.

    So handhabe ich es auch. Ich habe ja hier mal über meine Unsicherheit berichtet ob ich auf eine Feier auf meiner Arbeit gehen soll. Ich bin nicht hin und es war die richtige Entscheidung. Zum Sommerfest habe ich überhaupt nicht überlegt, ob ich gehe. Ich wusste, dass dort Alkohol konsumiert und frei verfügbar parat stehen wird. Aber es ist absurd. Mir wurde im Beisein einer minderjährigen Person mittags um 14 Uhr im Kino ein Glas Sekt angeboten. Selbst zu Trinkzeiten hätte ich mir verwundert die Augen gerieben über diese Normalität.

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    Trocken seit 01.01.2024

  • Und hier liegen die Fallstricke. Woher weiß ich das? Was tut mir gut, was schadet mir? Wie finde ich das heraus ohne mich versehentlich zu beschädigen? Schaden mir Dinge wirklich oder habe ich eine hemmende Angst? Was mache ich in den Momenten in denen ich mich schädigen möchte?

    Als Vorlage hatte ich die Grundbausteine.

    Wenn ich mir unsicher bin, meide ich es, wenn ich auf unerwartetes treffe, handle ich und es wird zu meiner Erfahrung. Es ist ja auch ein langer Prozess, seinen eigenen Weg zu finden.

    Ich glaube, es gibt auch ein Missverständnis bezüglich des In-sich-Hinein Hörens. Damit meine ich die Risikominimierung im Kontext der Sucht, nicht das übliche Leben, was parallel weiterläuft. Erst im Laufe der Zeit wird es wieder zu einer Einheit.

    Gruß Hartmut

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    Trocken seit 2007

  • Und hier liegen die Fallstricke. Woher weiß ich das? Was tut mir gut, was schadet mir? Wie finde ich das heraus ohne mich versehentlich zu beschädigen? Schaden mir Dinge wirklich oder habe ich eine hemmende Angst? Was mache ich in den Momenten in denen ich mich schädigen möchte?

    Ich habe wirklich große Probleme diese Fragen für mich zu beantworten. Ich weiß es oft nicht und tappe im Dunkeln.

    ja, das kann ich gut nachvollziehen. ohne die krücke alkohol ist man ja erst einmal ganz pur, neu und unerfahren in vielen dingen und lebenssituationen. und das das angst macht und unsicher, das ist nicht schön.

    aber ich bin mir da 1000%ig sicher, dass jeder mensch, wirklich jeder, weiß oder zumindest spürt, was richtig ist und was nicht. (ich habe z.b. immer gewusst, dass saufen nicht richtig ist, auch wenn ich es trotzdem getan habe.) und ich glaube, manchmal hat man so viel angst vor der angst, dass man sich ihr ergibt und gar nichts mehr tut. alle meine guten lebensentscheidungen haben mir mut abverlangt. und ehrlich gesagt, die allerwenigsten entscheidungen sind irreversibel. seltsamerweise habe ich nie den wunsch gehabt, wenn ich eine wichtige entscheidung getroffen hatte, sie zu revidieren. nicht alle haben mich zu dem ziel gebracht. aber sie haben mir neue wege eröffnet, auch umwege.

    Abstinent seit dem 22.9.2023

  • Liebes Forum, ich melde mich nach längerer Abwesenheit, wirklich länger aktiv zu bleiben fällt mir schwer, dennoch möchte ich euch und alle Mitlesenden Teil haben lassen, an dem wie mein Weg weiter verlaufen ist, seit meinem letzten Update.

    Es ist gut ein Jahr her, dass ich hier das letzte Mal geschrieben habe. Im November 2024 ist meine Mama unerwartet verstorben. Ich habe sie tot in ihrem Bett gefunden. Quasi so wie sie es wollte – knall auf Fall ohne große Schmerzen. Für mich war es ein wahnsinniger Schock, den ersten Monat bin ich wie betäubt durch die Welt gewandelt und auch jetzt noch leide ich sehr, dass ich meine Mama verloren habe. Gern hätte ich noch mehr gemeinsame trockene Zeit mit ihr verbracht. Die Beziehung unter den Geschwistern wäre fast zerbrochen in diesem Jahr, wir nähern uns aber wieder an, worüber ich sehr dankbar bin. Dadurch, dass es so unerwartet kam, hat Mama ihr ganzes Chaos so hinterlassen, wie sie es gelebt hat; das Sortieren und Aufräumen hat viel Kraft gekostet, ich bin immernoch nicht fertig und viele Entscheidungen stehen erst an.

    Ich bin froh, dass ich in dieser Zeit meinen Thera hatte und gut aufgefangen und betreut wurde auf der Ebene. Auch mein Umfeld hat viel getragen in der Zeit. Manchmal denke ich daran, wie es gewesen wäre, wenn ich noch getrunken hätte und Mama wäre gestorben, ich glaube ich hätte das auch nicht überlebt. Meine Reha ist nun schon seit Sommer vorbei, ich halte aber regelmäßig Kontakt zur Beratungsstelle. Mit Gruppen Settings tue ich mich immer noch sehr schwer, hatte einen 6-wöchigen Tagesklinik Aufenthalt und bin fast verrückt geworden unter so vielen Menschen.

    Ich bin kurz davor endlich meinen Abschluss zu machen und konnte kontinuierlich daran arbeiten meine Scheine zu sammeln und mit meiner Prokrastinationslust umzugehen. Es ist mühselig und kleinschrittig, der regelmäßige Kontakt mit Mitmenschen in dem Seminaren tut mir sogar gut und motiviert mich am Ball zu bleiben.

    Anfangs hatte große Angst rückfällig zu werden. Dass eine Situation kommt auf die ich nicht vorbereitet bin und dann falsch reagiere. Nun. Das Leben ist voller unvorhersehbarer Situationen, in keiner ist trinken eine Option die Verbesserung schafft. Ausgeschlossen ist es immer noch nicht. Ich habe noch einige Jahrzehnte im besten Fall zu meistern.

    Aktuell beschäftige ich mich viel mit meiner Beziehung, die ich 2022 in den Sand gesetzt habe. Ich habe auch dort nun reinen Tisch gemacht und aufgeklärt. Dass ich heimlich trinken würde, hätte er nicht geahnt. Aber im Nachhinein erklärt das Einiges.

    Im Zuge dessen habe ich viel im Co Bereich gelesen. Es ist immer dasselbe, mal mehr mal weniger deutlich ausgeprägt; Lügen, Manipulationen, Rückzug, Wutausbrüche und Schuldumkehr, Gewalt...wie umgehen mit den Verletzungen, ob verbal oder körperlich, mit den Lügen und Vertrauensbrüchen, die man als aktive/r Alkoholiker/in zu verantworten hatte? Oder wie Mama gesagt hat: „Das Schwierigste ist, danach mit sich selbst zu leben.“
    Verantwortung übernehmen, Ehrlichkeit und Transparenz in Bezug auf Gefühle und Handlungen, Zuverlässigkeit/Verbindlichkeit und die Fähigkeit sich selbst zu regulieren sind Punkte, die ich für mich selbst als essenziell in der Arbeit an meiner Abstinenz feststelle.

    Liebe Grüße

    „Nur wenn das, was ist, sich ändern lässt, ist das was ist, nicht alles. “ - T.W. Adorno


    Trocken seit 01.01.2024

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