Hallo,
ich lese schon länger hier mit, und es hilft mir sehr zu sehen, dass es anderen ähnlich geht wie mir. Jetzt möchte ich auch meine Geschichte teilen.
Ich bin mittleren Alters und ein erwachsenes Kind aus einer alkoholkranken Familie (EKA). Mein Vater war ein gewalttätiger Alkoholiker, und ich bin überzeugt, dass er eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hatte. Meine Kindheit war geprägt von Gewalt, Chaos und Vernachlässigung. Ich musste früh selbstständig werden – ich erinnere mich, wie ich in der vierten Klasse schon allein zum Arzt ging, weil sich zu Hause alles nur um meinen Vater drehte. Meine Mutter war co-abhängig und hat den Haushalt allein geschmissen: gekocht, geputzt, gearbeitet. Wenn er trank, gab es immer Streit. Er schrie, beleidigte, schlug meine Mutter, spuckte ihr ins Gesicht – es war schrecklich. Ich musste mehrmals die Polizei rufen, als Hauptschülerin, weil er meine Mutter nicht in Ruhe ließ.
Der Höhepunkt war die Scheidung meiner Eltern, als ich gerade volljährig wurde. Zu dieser Zeit eskalierte sein Alkoholmissbrauch: Er verlor den Führerschein, das Erbe meiner Großeltern, seinen Job. Er machte mir Vorwürfe, dass ich die Scheidung nicht verhindert hätte, und terrorisierte mich mit Lügen, wie dass er Leukämie hätte. Ich habe damals sein Erbrochenes weggewischt, ihm Geld geliehen und ihm zugehört, obwohl er mich zutiefst traumatisiert hat. Irgendwann habe ich den Kontakt abgebrochen – und das war meine Rettung.
Nach diesem Bruch konnte ich mein Leben ordnen. Ich habe eine liebevolle Familie gegründet. Mein Mann ist einfühlsam und gewaltfrei, und wir haben wundervolle Kinder. Sie kennen ihren Großvater nicht. Ich habe nach einigen Hürden eine Ausbildung und ein Studium abgeschlossen, arbeite in einer guten Position und habe stabile Freundschaften. Ich führe heute ein Leben, das ich mir früher nicht hätte vorstellen können. Natürlich gab es Momente, in denen ich an meinen Vater dachte, aber ich konnte mich emotional distanzieren. Ich wusste: Seine Entscheidungen, zu trinken und gewalttätig zu sein, waren nicht meine Verantwortung.
Doch im Oktober kam ein Anruf, der alles durcheinanderbrachte. Mein Vater hat Leberzirrhose im Endstadium, ihm bleiben nur noch Wochen oder Tage. Das hat mich tief getroffen. Ich war plötzlich wieder das kleine Kind und habe ihn angerufen. Meine Mutter, die ihn all die Jahre auch nicht gesehen hatte, meinte, er sei ein neuer Mensch. Ich wollte es selbst herausfinden. Am Telefon klang er tatsächlich anders – alt, gebrechlich. Ich dachte, vielleicht könnte doch noch alles gut werden. Ich malte mir aus, wie wir die verlorene Zeit nachholen könnten.
Als wir uns im Krankenhaus trafen, wurde mir klar, wie falsch ich lag. Er war nicht wirklich verändert. Er sprach nur von sich, seiner Jugend, anderen Alkoholikern. Kein Interesse an meinem Leben, meinen Erfolgen oder meiner Familie. Es war, als würde er gar nicht wahrnehmen, wer ich bin. Nach diesem Besuch war ich völlig erschöpft und brauchte Wochen, um mich wieder zu stabilisieren. Ich habe den Kontakt erneut abgebrochen. Er lebt jetzt in einem Pflegeheim, und ich warte darauf, dass er stirbt.
Dieses Warten ist zermürbend. Ich fühle Traurigkeit und Schuldgefühle, weil ich ihn wieder allein gelassen habe. Gleichzeitig weiß ich, dass der Kontakt mir nicht guttut – mein Körper zeigt mir das deutlich. Wenn ich wütend bin, geht es mir besser. Die Wut gibt mir Kraft, mich auf mein Leben und meine Familie zu konzentrieren. Aber wenn die Traurigkeit kommt, fühle ich mich verloren.
Ich schreibe das hier, um meine Gedanken zu ordnen und vielleicht Zuspruch zu bekommen. Ist es okay, ihn allein sterben zu lassen? Meine Mutter besucht ihn ab und zu, aber ich habe ihr klar gesagt, dass ich keine Informationen über ihn möchte. Keine Nachrichten sind gute Nachrichten. Ich will erst nach seinem Tod erfahren, dass es vorbei ist.
Die Erinnerungen an meinen Vater sind überwiegend negativ. Ja, es gab einzelne Momente, in denen er nett war – er hat mich einmal ins Kino mitgenommen oder von einer Ferienfreizeit abgeholt. Aber die Gewalt, die Erniedrigungen, das Trauma – das kann ich nicht verzeihen.
Ich dachte immer, alle Alkoholiker seien aggressiv, aber durch dieses Forum habe ich gelesen, dass es auch anders sein kann?
Das verstärkt mich in meiner Entscheidung, keinen Kontakt mehr zu haben. Auch wenn es weh tut.
Mit meiner Mutter habe ich mittlerweile ein gutes Verhältnis. Sie ist eine gute Großmutter und eine liebevolle Mutter. Ich hab ihr verziehen und kann so einiges jetzt besser nachvollziehen...
Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, meinen Kindern so etwas anzutun, wie mein Vater und meine Co abhängige Mutter es mir angetan haben. Ich habe das Gefühl, doppelt so viel leisten zu müssen um stabil leben zu können.
Ich habe über zehn Jahre den Kontakt abgebrochen und nun, nach dem Treffen in der Klinik, ist der Kontakt wieder seit Oktober von mir eingestellt.
Ich erwische mich immer wieder dabei zu denken, dass die Tatsache der Gewalt unter Alkoholeinfluss für mich nicht akzeptabel ist. Ich habe ihm verziehen, aber ich kann es nicht vergessen.