Hallo zusammen,
ich bin neu hier und möchte mich und meine Geschichte vorstellen. Ich habe lange überlegt, wie ich das alles in Worte fassen soll. Denn es geht nicht nur um den Alkoholkonsum meines Mannes, sondern auch um mich und die Frage, wie es passieren konnte, dass ich über 20 Jahre in einer Beziehung geblieben bin, in der ich mich schon lange nicht mehr wirklich gesehen und emotional aufgehoben gefühlt habe.
Als wir uns kennenlernten, war ich alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, berufstätig und finanziell ziemlich belastet. Trotzdem war ich mit meinem Leben eigentlich zufrieden. Ich hatte eine schwierige Kindheit hinter mir und war es gewohnt, mich irgendwie durchzukämpfen.
Dann kam mein Mann in mein Leben.
Er war liebevoll, zuverlässig, hilfsbereit und gab mir ein Gefühl von Sicherheit, das ich bis dahin kaum kannte. Er half mir, meine Finanzen zu ordnen, war da, wenn ich Unterstützung brauchte, und vermittelte mir immer wieder, dass ich etwas Besonderes für ihn sei.
Aber es war keineswegs so, dass nur er mir Halt gegeben hätte.
Auch ich war für ihn ein wichtiger emotionaler Halt. Er konnte sich mir gegenüber öffnen, mir seine verletzliche Seite zeigen und hat bei schwierigen beruflichen Erlebnissen auch in meinen Armen geweint.
Er sagte einmal zu mir, dass er das Gefühl habe, sein Herz sei in meinen Händen gut aufgehoben. Und dass ich Seiten in ihm berührt hätte, von denen er selbst gar nicht gewusst habe, dass es sie gibt.
Das hat mich tief bewegt.
Ich erinnere mich an kleine, liebevolle Gesten aus dieser Zeit. Wenn wir uns gestritten hatten und ich mich zurückgezogen hatte, ließ er mich manchmal auf ganz zärtliche Weise wissen, dass mein Platz bei ihm noch frei war. Dass es gemütlich sei, unsere Lieblingsmusik lief und er sich freuen würde, wenn ich käme. Ohne Druck, ohne Vorwürfe.
Für mich war das unglaublich berührend.
Ich hatte in meiner Kindheit viele schlimme Dinge erlebt und kaum erfahren, dass ich einfach um meiner selbst willen wertvoll und liebenswert bin.
Damals dachte ich tatsächlich: Nach allem, was ich durchgestanden habe, ist dieser Mann meine Belohnung.
Heute weiß ich, dass ich erhebliche Bindungsverletzungen mitgebracht habe. Nähe machte mir Angst. Ich konnte Zuwendung manchmal kaum annehmen, reagierte unverhältnismäßig, zog mich zurück oder wollte mich trennen. Damals verstand ich selbst noch nicht, was da in mir passierte.
Mein Mann blieb trotzdem immer wieder an meiner Seite.
Kurz nach unserem Kennenlernen begann ich eine mehrjährige berufliche Ausbildung. Er hatte mich darin bestärkt und mir versprochen, mich bei der Betreuung meiner Kinder zu unterstützen. Doch schon nach kurzer Zeit erklärte er, dass ihm das zu viel werde.
Für mich brach damals eine Welt zusammen. Wieder dieses Gefühl, mich nicht wirklich verlassen zu können.
Ich zog die Ausbildung trotzdem durch. Ich war oft zwölf Stunden am Tag unterwegs, hatte meine Kinder, finanzielle Sorgen und eine Beziehung, die schon damals von Konflikten geprägt war. Wie ich diese Jahre geschafft habe, weiß ich heute manchmal selbst nicht mehr.
Nach meiner Ausbildung erlebten wir eine schwere Trennung. Er sagte mir damals, dass er mich nicht mehr liebe. Ich brach völlig zusammen, konnte zeitweise nicht arbeiten und versuchte irgendwie, die Tage zu überstehen.
Als ich schließlich akzeptiert hatte, dass ich seine Liebe nicht erzwingen konnte, ging es mir langsam wieder besser.
Und dann kam er zurück. Er liebe mich doch und könne nicht ohne mich sein.
Ich war einfach nur glücklich, dass er wieder da war.
So ging es über viele Jahre immer wieder auf und ab.
Ich glaubte lange, das eigentliche Problem unserer Beziehung sei ich.
Ich litt unter Depressionen und einer damals noch nicht diagnostizierten komplexen posttraumatischen Belastungsstörung. Ich machte Therapien, ging in Reha, las unzählige Selbsthilfebücher und setzte mich intensiv mit meiner Kindheit auseinander.
Dabei machte ich unglaublich wichtige Erfahrungen. Ich lernte erstmals, über meine Kindheit zu weinen. Ich lernte, meine Gefühle zu verstehen, meine Bedürfnisse wahrzunehmen und Verantwortung für mein Verhalten zu übernehmen.
Aber ich zog aus vielen Selbsthilfebüchern auch einen für mich verhängnisvollen Schluss: Wenn etwas in unserer Beziehung nicht funktionierte, musste ich eben noch mehr an mir arbeiten.
Wenn ich nur gesund genug würde, wenn ich mich selbst genug liebte, wenn ich meine Bindungsängste überwand, dann würde auch unsere Ehe funktionieren.
Diesen Gedanken habe ich über viele Jahre mit mir herumgetragen.
Dabei übersah ich lange, dass eine Beziehung aus zwei Menschen besteht.
Und dann war da der Alkohol. Von Anfang an.
Mein Mann hat bereits zu Beginn unserer Beziehung täglich etwa fünf bis sieben Flaschen Bier getrunken. Inzwischen kommen abends häufig noch ein bis drei Gläser Wein dazu.
Es gab vereinzelt Abende, an denen er nichts oder alkoholfreies Bier trank, und einmal sogar eine mehrwöchige alkoholfreie Phase. Damals bemerkte er selbst, dass er schlecht schlief und es ihm körperlich nicht gut ging. Trotzdem begann er irgendwann wieder zu trinken.
Auch ich habe zeitweise regelmäßig mitgetrunken. Das möchte ich ausdrücklich nicht verschweigen. Ich habe aber immer wieder bewusst aufgehört, weil ich merkte, dass ich nicht in eine Abhängigkeit geraten wollte.
Seinen Konsum habe ich lange verharmlost. Ich dachte: Er ist erwachsen, er wird schon wissen, was er tut.
Vor allem passte er überhaupt nicht zu meinem damaligen Bild eines alkoholabhängigen Menschen.
Mein Mann war beruflich erfolgreich, zuverlässig, sportlich und leistungsfähig. Er organisierte unsere Finanzen, kümmerte sich um Haus und Grundstück und regelte vieles im Alltag. Seine Blutwerte waren unauffällig, auch die Leberwerte.
Wie sollte dieser Mann alkoholabhängig sein?
Erst durch meine beruflichen Erfahrungen im Suchtbereich und meine spätere intensive Beschäftigung mit hochfunktionalem Alkoholismus begann ich, vieles anders zu sehen.
Heute ist mir bewusst, dass der Alkohol unsere Beziehung nicht irgendwann eingeholt hat. Er war von Anfang an ein Teil davon.
Nicht sein Alkoholkonsum ist für mich neu. Neu ist, dass ich seine Bedeutung für unsere Beziehung endlich erkenne.
Und besonders schmerzhaft ist für mich die Erkenntnis, wie lange ich die emotionale Unsicherheit zwischen uns ausschließlich meinen eigenen psychischen Verletzungen zugeschrieben habe.
Wir funktionierten als Haushalt, aber immer weniger als Paar.
Über viele Jahre fehlte mir körperliche Nähe. Aufgrund meiner eigenen Geschichte hatte ich zeitweise Schwierigkeiten mit Sexualität. Ich habe das offen angesprochen, therapeutisch daran gearbeitet und meinem Mann erklärt, dass ich trotzdem gerne küssen, schmusen und ihm körperlich nahe sein wollte.
Für ihn gehörte das jedoch unmittelbar zum Sex. So verschwand irgendwann auch die übrige körperliche Zärtlichkeit.
Als ich durch meine therapeutische Entwicklung wieder mehr Nähe zulassen konnte und wollte, war er nicht mehr bereit dazu. Er habe sich daran gewöhnt, sagte er.
Ich habe immer wieder versucht, uns als Paar näherzubringen. Ich wollte gemeinsame Zeit, Zärtlichkeit, Gespräche, Verbindung. Es gab durchaus Phasen, in denen uns das wieder besser gelang.
Aber die grundlegenden Probleme blieben.
Ich fühlte mich zunehmend nicht mehr als Frau wahrgenommen. Keine Komplimente, kein Begehren, kaum Zärtlichkeit, immer weniger echtes Interesse an mir als Mensch.
Und ich sagte ihm immer wieder, wie einsam ich mich in unserer Ehe fühlte.
Darauf bekam ich keine wirkliche Antwort.
Ich habe seine Fürsorge immer gesehen. Aber ich wollte nicht nur versorgt, sondern auch geliebt und gesehen werden.
Mein Mann hat über viele Jahre viele organisatorische und finanzielle Dinge übernommen. Nicht, weil ich dazu grundsätzlich nicht in der Lage gewesen wäre, sondern weil er das ausdrücklich wollte.
Er sagte oft zu mir: „Hör mal, ich mache das. Ich kann das sowieso besser. Für mich ist das nicht so anstrengend. Du brauchst das nicht zu machen.“
Lange habe ich das angenommen und zugelassen. Auch, weil ich verstanden hatte, dass dieses Kümmern und Versorgen seine Art war, Liebe zu zeigen. Ich habe das immer gesehen und wertgeschätzt.
Allerdings hatte ich dadurch in vielen Bereichen kaum noch die Möglichkeit, gleichberechtigt Verantwortung zu übernehmen. Und natürlich habe ich mich mit der Zeit auch in dieser Rollenverteilung eingerichtet. Das ist mein Anteil daran.
Es gab auch Zeiten, in denen ich aufgrund meiner psychischen Erkrankungen tatsächlich Unterstützung brauchte. Mein Mann hat mich ausdrücklich ermutigt, mich um meine Gesundheit zu kümmern. Dafür bin ich ihm dankbar.
Umso schmerzhafter empfinde ich es heute, wenn er mir vorwirft, dass er wegen meiner Erkrankungen alles alleine habe tragen müssen und deshalb keine Zeit für sich gehabt hätte.
Denn ich habe ihn nie darum gebeten, sämtliche Verantwortung an sich zu ziehen. Ich habe viele Jahre gearbeitet, meine Kinder großgezogen und mich trotz meiner Erkrankungen immer wieder ins Leben zurückgekämpft.
Ich wollte irgendwann nicht mehr nur überleben. Ich wollte leben.
Und während mein Mann sich um das Funktionieren unseres gemeinsamen Lebens kümmerte, blieben meine emotionalen Bedürfnisse immer mehr auf der Strecke.
Ich war versorgt. Aber ich fühlte mich nicht mehr gesehen.
Und wenn ich das ansprach, hatte ich zunehmend das Gefühl, undankbar zu sein, weil er doch so viel für uns tat.
Dabei wollte ich nie einen Versorger, dem ich mein Leben lang dankbar sein muss. Ich wollte einen Partner auf Augenhöhe.
Mein entscheidender Wendepunkt kam, als ich merkte, dass selbst meine ruhigsten Gespräche nichts mehr verändern.
Ich habe in meinen Therapien sehr viel gelernt. Besonders wichtig war für mich die Arbeit mit meinem inneren Kind.
Ich beschreibe es gerne so: Früher saß oft das kleine, verletzte Kind in mir am Steuer. Heute kann ich diesem Kind Sicherheit geben und als erwachsene Frau selbst die Verantwortung übernehmen.
Ich kann meine Bedürfnisse inzwischen klar benennen. Ich kann über meine Gefühle sprechen, ohne Vorwürfe machen zu müssen. Ich kann meinen eigenen Anteil an Konflikten erkennen.
Aber wenn ich heute mit meinem Mann über unsere Beziehung sprechen möchte, erlebt er das fast ausschließlich als Angriff.
Wenn ich sage, dass ich einsam bin, kommt keine Auseinandersetzung mit meiner Einsamkeit.
Wenn ich mir mehr Nähe wünsche, heißt es: „Ich kann dir ja gar nichts mehr recht machen.“
Und wenn ich seinen Alkoholkonsum anspreche, reagiert er aggressiv, greift mich verbal an und dreht das Gespräch so, dass plötzlich wieder meine psychischen Erkrankungen, meine Fehler und meine angeblichen Versäumnisse im Mittelpunkt stehen.
Ich habe mich intensiv darüber informiert, wie Abwehr, Schuldumkehr und Aggressivität im Zusammenhang mit Alkoholabhängigkeit auftreten können. Darin erkenne ich sehr vieles aus unserer Ehe wieder.
Früher habe ich mich gefragt, warum er sich so verhält. Warum er meine Gefühle nicht wahrnimmt. Warum er mir nicht mehr zeigt, dass ich ihm wichtig bin.
Heute habe ich den Eindruck, dass er so sehr in seinem Funktionsmodus und seiner Alkoholabhängigkeit gefangen ist, dass er emotional gar nicht mehr wirklich erreichbar ist.
Er organisiert, erledigt, kümmert sich, funktioniert.
Aber mich als Menschen, als Frau, als Partnerin erlebe ich in seinem Leben kaum noch.
Ich habe lange versucht, das zu ändern. Habe Gespräche gesucht, gemeinsame Unternehmungen vorgeschlagen und schließlich auch eine Paartherapie angeregt.
Aber ich kann unsere Ehe nicht alleine führen.
Und ich möchte auch nicht mehr bei jedem Versuch, über meine Gefühle zu sprechen, wieder zur Schuldigen werden.
Heute weiß ich: Ich bin nicht für seinen Alkoholkonsum verantwortlich. Und meine psychischen Erkrankungen sind nicht die Erklärung für alles, was zwischen uns schiefgelaufen ist.
Ich habe Fehler gemacht. Ich habe aus alten Verletzungen heraus reagiert, mich zurückgezogen, manchmal unangemessen gehandelt und zeitweise selbst mitgetrunken.
Dafür übernehme ich Verantwortung.
Aber ich übernehme nicht länger die Verantwortung für seine Reaktionen, seinen Alkoholkonsum und seine fehlende Bereitschaft, sich mit meinen Bedürfnissen auseinanderzusetzen.
Ich trinke inzwischen bewusst keinen Alkohol mehr. Auch, weil ich unsere Konflikte nicht mehr unter Alkoholeinfluss führen möchte.
Und ich habe entschieden, diese Ehe zu verlassen.
Noch leben wir unter einem Dach. Ich arbeite daran, finanziell wieder unabhängig zu werden und meinen Auszug vorzubereiten.
Das ist nicht leicht. Nach über 20 Jahren gibt es Ängste, Gewohnheiten und eine gemeinsame Lebensgeschichte.
Aber ich merke, dass ich immer klarer werde.
Was mich besonders traurig macht, ist die Erinnerung an den Mann, der früher so liebevoll dafür sorgte, dass ich wusste, wie sehr er sich auf mich freute. Der sich mir anvertrauen konnte und bei dem ich das Gefühl hatte, etwas ganz Besonderes zu sein.
Heute kann ich ihm sagen, wie einsam ich an seiner Seite bin, ohne dass daraus ein echtes Gespräch entsteht.
Er hat immer gesagt, ich sei seine große Liebe und er würde mich niemals gehen lassen.
Inzwischen fühlt es sich für mich so an: Das Einzige, was er nicht gehen lässt, ist der Alkohol. Mich lässt er sehr wohl gehen.
Ich schreibe das nicht, weil ich ihn schlechtmachen möchte. Ich sehe auch heute noch seine guten Seiten und alles, was er für mich getan hat.
Aber ich möchte nicht mehr mein ganzes Leben damit verbringen, darauf zu hoffen, dass irgendwann die Beziehung entsteht, die ich mir so lange gewünscht habe.
Ich habe viele Jahre daran gearbeitet, gesund zu werden und mich selbst besser zu verstehen.
Und vielleicht ist meine wichtigste Erkenntnis heute, dass ich nicht noch mehr an mir arbeiten muss, um es endlich wert zu sein, geliebt, gesehen und ernst genommen zu werden.
Ich bin es längst wert.
Ich möchte nicht mehr nur funktionieren. Nicht mehr nur überleben.
Ich möchte leben.
Und ich hoffe, hier Menschen zu finden, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und verstehen, wie schwierig es sein kann, sich aus einer solchen Beziehung zu lösen, selbst wenn man längst erkannt hat, dass man so nicht mehr weiterleben möchte.
Danke an alle, die sich die Zeit genommen haben, meine lange Geschichte zu lesen.
EigenSinn