Hallo Allerseits,
ich wollte mich mal wieder zurückmelden und von meinen Besuchen bei Ärzten und bei einem Suchtberater berichten. Das ist jetzt zwei Wochen her.
Ich hatte jeweils folgende Symptome beschrieben, die ich seit der Abstinenz (mittlerweile 6 Wochen) habe.
Üblicherweise ca. eine halbe Stunde nach dem Aufstehen Nervosität, Unsicherheit, diffuse Ängste und dann länger anhaltend bis zum Nachmittag Nebel im Kopf.
Der Hausarzt hat mir Vitamin B Komplett (Loges) verschrieben. Mittlerweile habe ich das Ergebnis des Blutbildes, welches einen erhöhten MCH (HBE) anzeigt, was auf einen Mangel an Vitamin B12 schließen lässt und Folge von Alkoholmißbrauch sein kann (so das Internet). Bisher konnte ich keine Veränderung durch die Einnahme feststellen, aber gut, das dauert wohl ein paar Wochen. Der Hausarzt ist eigentlich kaum auf meine Alkoholabstinenz eingegangen, sonder meinte allgemein, dass die Schulmedizin hier keine Antworten hätte.
Danach war ich bei einem mir empfohlenen Internisten, der hat mich körperlich durchgecheckt, vor allem was meine Nerven-Reaktionen betrifft und länger mit mir gesprochen. In seiner Praxis hätte er bisher keinen Patienten erlebt, der ohne stationären Aufenthalt in einer Suchtklink vom Alkohol weggekommen sei. Sein Tip war ein sehr klar strukturierter Tagesablauf, ganz feste Routinen.
Ich muss sagen, das mit den Routinen, insbes. morgens: jeden morgen um halb 7 aufstehen und dann ca. 1 Stunde spazieren gehen, wirklich eine Hilfe sind. An manchen Tagen habe ich damit meine Angst regelrecht konfrontieren können und innerhalb von einer Stunde berufliche und private Telefonate geführt, die ich lange aufgeschoben hatte.
Dann war ich bei einem Suchtberater:
In dem einstündigen Gespräch hat er mich erstmal allgemein zu meinem Befinden, zu meinen Lebensumständen etc. befragt und vorangestellt, dass wir gemeinsam in ca. 8 wöchentlichen Gesprächen herausfinden könnten, wie eine ambulante Suchttherapie aussehen könnte. Erst beim zweiten Gespräch kamen wir dann konkret auch auf mein Alkoholproblem zu sprechen.
Der Berater geht wirklich sehr behutsam vor und ist mir eine riesige Hilfe.
Er hat einfach die Erfahrung auch mit diesen diffusen Begleiterscheinungen in den ersten Wochen der Abstinenz, die bei jedem anders sein können. Es ist ein Glück und ich möchte mich sehr für die Empfehlungen diesbezüglich, die ich im Forum erhalten habe, bedanken.
Auch wenn sich meine Begleiterscheinungen nicht in Luft aufgelöst haben, bin ich auf dem Weg, einfach zu akzeptieren, dass sie da sind und ich mit Wachsamkeit und Neugier, Schrittchen für Schrittchen weiter kommen werde.
Ich wäre jetzt heute Abend eingeladen gewesen, an einem Ort und mit Menschen, an dem und mit denen ich alkoholisiert schon Einiges erlebt bzw. fabriziert habe.
Da konnte ich jetzt absagen, nachdem ich heute eine Probestunde im Stockkampf habe. Diese Sportart habe ich in einer Therapie kennen gelernt u. hatte damals schon das Gefühl, dass man dabei etwas über eigene unbewusste Abwehr- und Vermeidungsmechanismen lernt.
Es ist mir nicht wichtig zu wissen, warum ich Alkohol getrunken habe; aus meinem täglichen Erleben der Abstinenz entpuppt sich der Umgang mit Angst bzw. Lebensangst als ein wesentlicher Faktor in meinem Leben, dem ich jetzt ohne Fatalismus und Widerstand, also ohne das tägliche Fallbeil Alkohol begegne.
Sich hier so detailliert reflektieren zu können ist so wichtig. Ich bin dankbar für diese Möglichkeit.
Iphigenie.