Kann man denn auch 100% einsichtig sein und trotzdem nichts ändern wollen?
Meine kurze Meinung (bzw. aus meinem Leben): Ich denke ja, aber vermutlich nur so lange wie die - sagen wir es mal so - individuelle "Schmerzgrenze" nicht erreicht ist.
Ich trank über viele Jahre immer wieder viel zu viel. Oh ja, dabei war es mir vollkommen bewusst, das ist schädlich, das ist ungesund, Du hast ein Problem, das andere nicht haben. Habe ich deshalb aufgehört? Nein. Weil ja alles - aus meiner nassen Sicht - bestens lief. Warum sollte ich dann wirklich etwas ändern wollen?
Meine vielen Trinkpausen habe ich stets dann eingelegt, als es für mich in irgendeiner Form "unangenehm" wurde. Ich wurde während meiner Trinkphasen immer fauler, nahm an Gewicht zu, vernachlässigte Beruf, Partnerschaft, Freunde und Bekannte, die eine oder andere Peinlichkeit gab es auch - also mal die Stopp-Taste drücken war dann angesagt. Machte ich auch. Das ziemlich konsequent.
Bloß: In der Phase des Trinkens, wenn es mir noch (gefühlt) so einigermaßen gut ging, war der Änderungswunsch - trotz Wissen und Einsicht, dass ich ein Alkoholproblem hatte - ich sage es, wie es ist: gleich null! Lieber bei allen anderen Dingen zurückstecken als mit dem Trinken aufzuhören...
Bis die Trinkerei dann aber irgendwann auch für mich selbst nicht mehr tragbar war. Das dauerte allerdings oft eine Weile.
Dazu noch abschließend ein kleines banales Beispiel aus meinen Trink-Zeiten: In guten Zeiten hatte (habe) ich Konfektionsgröße 48. Als ich trank nahm ich natürlich zu. Als Größe 48 zwickte und zwackte, trug ich halt die 50er Größe. Für mich aus meiner Sicht kein Problem, die Sachen passten ja auch gut. Gefühlt sah man das nicht wirklich. Stimmt übrigens nicht. Ich wollte es bloß nicht sehen. Ich trug dann auch keine hellgrauen oder beigen Anzüge oder andere helle Klamotten mehr (weiß war sowieso tabu), sondern ging ins Dunklere. Marineblau, anthrazit - je dunkler, desto besser, weil das macht ja schlank. Warum also nur deswegen, weil man in seine Sachen nicht mehr rein passt, mit dem Trinken aufhören? Dann irgendwann Größe 52. Auch die Gürtel mussten länger werden. Es wurde also zunehmend unangenehm. Aber nach wie vor keine Einsicht. Bei Größe 54 sagte ich dann meist Stopp. Da ward es dann auch für mich so dermaßen offensichtlich und untragbar geworden, dass wieder mal die Notbremse gezogen wurde (und ich nach einem halben Jahr oder so wieder bei Grüße 48 war).
Bloß grüßte mich das Murmeltier dann wieder recht schnell und der ganze Irrsinn ging von vorne los.
LG, Stef.