Vorstellung - 15 Tagen Nüchternheit

  • Hallo Jonas, du schreibst: " Jeder Denkende, der sich der ökonomischen Maschinerie entzieht, um nicht absorbiert zu werden, gerät in die Aporie: denn bleibt er draußen, bleiben seine Reflexionen leer.".

    Nun ist aber doch die Frage, ob diejenigen, die sich dieser Maschinerie eben nicht entziehen (können) und also absorbiert werden, ob diese nicht viel hinreichendere Gründe zur Verzweifelung hätten da sie ja, als Absorbierte die sie sind, als Subjekte ihres eigenen Lebens zu existieren aufgehört haben --

    -- und ob nicht diejenigen, die sich dieses Absorbiert-Werdens entziehen konnten, etwas vorzufinden imstande sind (:eine eigene Identität), das ihnen helfen kann einer Verzweifelung entgegenzuwirken?

    Mir ist dein Ansatz zu pessimistisch, weil er der Manipulationsmaschine der derzeitigen Konsum-, Markt- und Leistungsgesellschaft eine allumfassende Wirkmächtigkeit zubilligt. Das kommt mir ein wenig vor wie Selbstmord aus Angst vor dem Tod. So dermaßen allumfassend ist der Einfluß dieser Maschinerie non do h auch nicht - selbst wenn er die Stärke hat alle öffentlichen Debatten zu unterlaufen und mitzubestimmen.

    Die Reflexionen einer sich nicht all dem unterwerfenden Minderheit bleiben eben nicht "leer". Sie sind unverzichtbar und finden zumindestens Resonanznischen die ihnen einen Wert und Sinn verleihen: eine dieser Resonanznischen ist, beispielsweise, dieser dein Thread hier, und das spüren Viele nach meinem Eindruck.

    Wenn du, beispielsweise, jemandem wie mir mit ein paar Worten einen verschütteten Zugang zu großer Kunst (Bach) wieder eröffnen kannst dann ist das sehr sehr viel. Auch wenn es die TV-Werbung nicht verändert. Wenn jemand hier mitliest und ihm das hilft nicht mehr zu trinken ist das radikal viel. Und, vor allem, es eröffnet individuelle Fühl- und Handlungsmöglichkeiten für einzelne, individuelle Menschen: und das ist nicht bloß viel - es ist alles was wir hoffen können.

    Sich bloß "Gutfühlen" wär ja blind und dumm in diesen Zeiten --- aber "Verzweifelung"?! nee nee Jonas da solltest du dir mehr wert sein finde ich.

    LG Frank

  • Zitat von garcia


    Nun ist aber doch die Frage, ob diejenigen, die sich dieser Maschinerie eben nicht entziehen (können) und also absorbiert werden, ob diese nicht viel hinreichendere Gründe zur Verzweifelung hätten da sie ja, als Absorbierte die sie sind, als Subjekte ihres eigenen Lebens zu existieren aufgehört haben --

    -- und ob nicht diejenigen, die sich dieses Absorbiert-Werdens entziehen konnten, etwas vorzufinden imstande sind (:eine eigene Identität), das ihnen helfen kann einer Verzweifelung entgegenzuwirken?

    Hallo Frank,

    das eben ist die "Antinomie, die es auszuhalten gilt". Es gibt sicher Versuche, sich "dumm zu stellen", ich meine hier intellektuelle Versuche, wie sie tatsächlich vor allem von französischen Intellektuellen nach Camus unternommen worden sind, die dem (akademischen) Betrieb entflohen und an der Côte Azur nur noch "genießen" wollten. Die Antinomie ist die: Naivität ist nicht erlernbar. Sie ist, wie etwa der Glaube, ein persistierender Augenblick des Nicht-Reflektierens.
    Wenn der eine oder andere einen Gewinn für sich aus diesem Thread zieht, freut mich das natürlich trotzdem.

    LG Jonas

  • Aber Jonas,

    sich um die Werte zu kümmern und sie zu kultivieren die einem noch bleiben - mit einer Sucht zu brechen - seinen Enkel in die Musik einzuführen - sich Gedanken zu machen und das eigene Handeln danach auszurichten versuchen - einen solchen Thread zu führen...

    ... das ist doch das Gegenteil davon alles hinter sich zu lassen und die Professorenrente an der Cote Azur zu vertrinken? Das ist doch das Gegenteil von Naivität? Es ist doch wertverbundenes Handeln in einer wertvergessenen Zeit (und also ein notweniges Gegengewicht das seinen Wert in sich selbst trägt)?

    Doch, so seh ich das.

    LG Frank

  • Zitat

    die Freiheit der Verzweiflung, also das unmögliche Leben. Diese Antinomie gilt es auszuhalten.

    da denke ich an meine Auswegslosigkeit in meinem Kinderzimmer.
    Heute ziehe ich Schlüsse aus meinem Co-Verhalten, das nichts als der Hinweis auf eine anderartige Persönlichkeitsstörung ist, die dadurch entstand,
    das ich die Verzweiflung aushielt und aushalten mußte. Die Freiheit die mir blieb war meine Fantasie und meine Gefühlswelt. Ein unmögliches Leben als Kind war das was mir ohne eigene Entscheidung vom Schicksal auferlegt wurde.

    Es kann ein Gewinn sein - für mich - wenn ich dadurch erlerne mich selbst zu lieben mit allen Störungen, Suchtveranlagungen und Irrwegen. Wenn ich das geschafft habe, ist es auch ein Gewinn für andere. Wir haben die Welt ja nicht verlassen - nur weil wir anders sind.

    LG Nys

  • Zitat von garcia

    Aber Jonas,

    sich um die Werte zu kümmern und sie zu kultivieren die einem noch bleiben - mit einer Sucht zu brechen - seinen Enkel in die Musik einzuführen - sich Gedanken zu machen und das eigene Handeln danach auszurichten versuchen - einen solchen Thread zu führen...

    ... das ist doch das Gegenteil davon alles hinter sich zu lassen und die Professorenrente an der Cote Azur zu vertrinken? Das ist doch das Gegenteil von Naivität? Es ist doch wertverbundenes Handeln in einer wertvergessenen Zeit (und also ein notweniges Gegengewicht das seinen Wert in sich selbst trägt)?

    Doch, so seh ich das.

    LG Frank

    Hallo Frank,
    danke für deine Zeilen. Ich weiß, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt, aber ich weiß auch, dass es darauf ankommt, sich nicht von der Macht der anderen und der eigenen Ohnmacht dumm machen zu lassen. Und du hast ja Recht, es gibt auch für mich "Inseln der Glückseligkeit", die ich, versenkt in Kunstwerke, ab und zu erreiche. Auch erfreut mich mein bi-lingual (englisch/deutsch) aufwachsender Enkel, der beide Sprachen so schön parallel spricht, er vermischt da nichts, kein abstoßendes "Denglisch" muss ich hören. Er sagt "Mama's car", "Opa's coat" (englischer Apostroph!), aber auch Es ist kalt, heiß, und danke. Und er sitzt mit großen ernsten Augen an meinem Klavier und spielt seine Phanatsien. Er wird im April 2 Jahre.
    Doch, es gibt immer wieder Augenblicke, die mich erfreuen.

    LG Jonas

  • "Doch, es gibt immer wieder Augenblicke, die mich erfreuen." Und da liegt der Wert. Es gibt kein "richtiges" oder "falsches" Leben in irgendeinem abstrakten "Richtigen" oder "Falschen". Das ist doch auch nur so eine simplifizierende 68er Floskel...

    Es gibt nur ein Leben, unsres, und das wird immer ebenso viel Falsches wie Richtiges enthalten. Pfeffer und Salz wirr gemischt... das ist seit den alten Griechen so.

    Und unsrer Job ist auf das Salz zu achten und es immer da zu befördern wo wir können (statt uns nach dem nächstbessren HD Ready Super Flachbild-TV aus der Werbung zu verzehren).

    Kein Grund für Kulturoptimismus. Aber Verzweifelung gilt nicht. Schon gar nicht für jemand der das alles so klar sieht wie du das tust. Das hab ich ausdrücken wollen...

    LG

  • Zitat von garcia

    "Doch, es gibt immer wieder Augenblicke, die mich erfreuen." Und da liegt der Wert. Es gibt kein "richtiges" oder "falsches" Leben in irgendeinem abstrakten "Richtigen" oder "Falschen". Das ist doch auch nur so eine simplifizierende 68er Floskel...

    Unvollständig zitiert ist es eine Floskel, Minima Moralia ist keine. Aber ich weiß schon, wie du's meinst. Die Kritik ist mir auch bekannt, wonach es schon ein "etwas richtigeres" Leben gäbe. Übrigens ist es meiner Ansicht nach ein methodischer Fehler, sich Adorno über die Soziologie zu nähern. Sein "Kinderbild", Mutter und Tante spielen vierhändig Klavier, prägt sein ganzes Denken, definiert seine Vorstellung von möglicher Kollektivität. In meinem schon erwähnten Text erarbeite ich (aphoristisch) so das, was ihn mit Nietzsche verbindet: Die Geburt des Denkens aus dem Geiste der Musik.

    LG Jonas

  • Update

    Guten Morgen, liebe Foristen!

    Nach den kurzen Ausflügen in die (Existenz-)Philosophie nun zurück zum Suchtthema. Hartmut hat kürzlich noch einmal hervorgehoben, dass der Alkohol nur das Suchtmittel, nicht die Krankheit selbst ist. Diese wichtige Erkenntnis möchte ich hier vertiefen:
    Ich begreife mich als (orale) Suchtpersönlichkeit. Da wir in einer Alkoholgesellschaft leben, ist die Wahrscheinlichkeit, am Suchtmittel Alkohol zu erkranken besonderrs hoch. In einer Opiatgesellschaft wären es eben Opiate. Aus diesen Gründen erscheint es mir sinnvoll, die Begrifflichkeit anzupassen: weg von der Fokussierung auf das Suchtmittel Alkohol, hin zur Suchtpersönlichkeit selbst. Um meine Selbsterforschung weiter zu systematisieren, habe ich für mich die wichtigsten und problematischsten oralen Suchtformen unter genaue Beobachtung gestellt: Kaufen, Essen, Glücksspiel, Spielarten des S*x. Wie das "heimliche Trinken" können durch das Internet auch die anderen Suchtformen weitestgehend "heimlich" ausgelebt werden.
    Kann ich Verschiebungen, Verstärkungen feststellen? Habe ich Wünsche, die ich mir möglichst sofort erfüllen möchte? Empfinde ich Frustration, wenn das nicht möglich ist?
    In der "analogen Zeit" musizierte ich gerne mit mir selbst (Multiplay, Overdubbing). Bevorzugt sang ich Madrigale, aber auch Mozart-Kanons, sang Schubertlieder u.a. Die damals dafür notwendigen Tonbandmaschinen besitze ich nicht mehr. Durch den Plan meiner Tochter (s.o. im Thread) angeregt, beobachte ich bei mir, wie ich sehr hartnäckig an einer digitalen Lösung für mein Linux-System arbeite. Ich spüre Unruhe und die Abstimmung von nötiger Soft- und Hardware kann mir "nicht schnell genug gehen". Ich verbuche mein Verhalten und die Ungeduld (nicht das Vorhaben an sich!) unter suchtähnlich. Auch das Online-Kaufen der nötigen Komponenten machte mir Freude.
    Ich werde diesen Prozess beobachten und protokollieren.

    LG Jonas

  • Guten Morgen Jonas

    ich freue mich über die neue Zielsetzung in Deinem Thread und möchte noch eine Anmerkung zur Suchtpersönlichkeit machen.

    Der Suchtpersönlichkeit liegt meist eine Persönlichkeitsstörung zugrunde. Im Fall des Alkoholikers, den ich liebte, war es sehr ausgeprägt die Hysterische-Persönlichkeitsstörung. Das äußert sich z. B. in dieser Ungeduld alles sofort haben zu müssen und kann aus der (falschen!) Verwöhnung im Elternhaus kommen. Insbesondere dann, wenn das Kind eigene Defizite der Eltern durch übertriebene Zuwendung kompensieren muß und dabei in seiner persönlichen Entwicklung fehlgesteuert wird.

    Meiner eigenen Suchtpersönlichkeit liegt das Boarder-Line zugrunde.
    Wenn ich sehr verzweifelt bin entwickle ich auch hysterische Züge.
    Die Suchtpersönlichkeit hat sich als Ausweg aus dem inneren Dilemma
    angeboten.

    Stoff-bezogene Abhängigkeit wie beim Alkohol kann natürlich auch durch das Gift sebst entstehen, das süchtig macht. Sich gegen den Sog der Sucht nicht wehren zu können oder wollen, ist mE aber auch ein Hinweis auf eine unausgereifte und damit gestörte Persönlichkeit des Betroffenen.

    Eine reine Behandlung der Suchtpersönlichkeit wird nicht zufriedenstellend gelingen, wenn gleichzeitig eine unausgeheilte Persönlichkeitsstörung vorhanden ist. Davon ist mE in den meisten Fällen auszugehen.

    LG Nys

  • Zitat von Nys

    Der Suchtpersönlichkeit liegt meist eine Persönlichkeitsstörung zugrunde. (...)

    Meiner eigenen Suchtpersönlichkeit liegt das Boarder-Line zugrunde.

    Guten Morgen, Nys,

    du meinst wahrscheinlich das Borderline-Syndrom. Wer hat das bei dir diagnostiziert? Personality disorder ist heutzutage eine beliebte Schnelldiagnose, die meistens ex negativo gestellt wird, d.h., wenn ICD10 oder DSM keine andere hergeben. Vorsicht ist immer geboten bei monokausalen Ursachenvermutungen. Wie eine Sucht genau entsteht, ist noch unklar. Sehr wahrscheinlich gibt es ein Bündel von möglichen Ursachen, wobei die genetische (Prä-)Disposition eine wichtige (nicht die einzige!) Rolle spielen dürfte.

    LG Jonas

  • Wie schon vormals beschrieben.

    Beim Buch "Wege aus dem Chaos, Das Boarderline-Syndrom verstehen" von Heinz-Peter Röhr

    habe ich so vieles meiner Persönlichkeit gefunden, das auch Du bestätigen könntest, würdest Du mich besser kennen.

    Eigentlich wollte ich da nur mal rein lesen, weil ich ein Mädchen kenne das sich ritzt. Bin dabei auf meine Geschichte und mein Gefühl und meine Reaktionen gestoßen. Sicher gibt es auch noch eine Kombination mit Hysterie oder vllt. was anderem.
    Extrem daneben benehme ich mich selten. Aber wesentlich ist für mich meine Gedankenwelt und Spontanhandlungen. Daraus meine ich Diagnosen stellen zu können. Machst Du bei Dir ja auch.

    Aber bitte bleib bei Deinem Thema. Vllt. finden wir in diesem Forum ja mal einen Weg miteinander zu reden. Wäre ein echter Wunsch von mir. Weiß aber nicht ob Du daran Interesse hast und wenn ja- dann wo?

  • Zitat von Nys

    Wie schon vormals beschrieben.

    Beim Buch "Wege aus dem Chaos, Das Boarderline-Syndrom verstehen" von Heinz-Peter Röhr

    Daraus meine ich Diagnosen stellen zu können. Machst Du bei Dir ja auch.

    Hallo Nys,

    Ein "Boarderline-Syndrom" gibt es nicht. Du meinst Borderline (von engl. border=Grenze, line=Linie).
    Nys, nimm's mir nicht übel, aber du erinnerst mich an Frau Stöhr aus dem Zauberberg. Und nach ein bisschen Anlesen eines populären dtv-Büchleins maßt sich niemand an, eine Diagnose stellen zu können. Selbst eine Verdachtsdiagnose, eine Vermutung setzt erheblich mehr Kenntnisse der Allgemeinmedizin, Neurobiologie, Neurochemie und (Neuro-)Psychiatrie voraus.

    LG Jonas

  • Hallo Jonas,

    wieder mal ein interessanter Ansatz von Dir. Denoch wird man auch hier keine verallgemeinernde Sichtweise herausfiltern können. Wäre Alkohol nur der Mittel zum Zweck, quasi ein Ausdruck einer Suchtpersönlichkeit, müßte man eigentlich davon ausgehen, daß man als trockener Alkoholiker zwangsläufig einer anderen Sucht verfällt. In vielen Fällen ist das ja auch tatsächlich der Fall. Ein Bekannter von mir ist seit 5 Jahren trocken und kompensiert seine Sucht mit extremer Fixierung auf den Sport...normales Sportverhalten ist ihm fremd, er saugt eine Sportart auf, geht dort an die Extreme und widmet sich dann, wenn er an seine Grenzen gelangt ist, einer anderen Sportart. Solange das nicht zu Gesundheitsschäden führt, mag das sogar eine Alternative sein. Das Problem hingegen scheint dadurch auch nur oberflächlich behoben...er sieht sich selber immer noch als Suchtmensch.
    Die Frage ist mMn., ob man vom Status des Suchtmenschen überhaupt wegkommen kann oder ob einem so ein Verhalten nicht sogar in die Wiege gelegt wurde.
    Andererseits finden genug Alkoholiker einen Weg ohne Suchtverhalten, indem sie malen, ihre Mitte finden, musizieren...was auch immer.
    Ich denke jedenfalls nicht, daß einer Sucht zwangsläufig eine Persönlichkeitsstörung zugrunde liegen muß.

    Um noch kurz auf Deine persönliche Situation zurückzukommen:

    Ich finde es ganz normal, daß man sich Ziele setzt (in Deinem Fall eben der Wunsch, wieder mit Dir selbst zu musizieren) und diese dann auch relativ schnell erreichen will...solange sich diese Ungeduld auf die Verwirklichung des einen Zieles beschränkt.

    Aber mal ne ganz andere Frage:

    Hat es einen Grund, warum Du lieber mit Dir selber musizierst und nicht mit anderen Musikern zusammen ?

    Gruß Andreas

  • Hallo Carpenter,

    meine persönliche Erfahrung ist, daß eine "Alkoholabhängigkeit" so gut wie nie eine alleinstehende Diagnose ist.
    Ich nenne mal einige häufige "Begleiterkrankungen" :

    Nikotinsucht, Depression, Angststörung, Essucht, Spielsucht, Psychose, Persönlichkeitsstörung ( wie z.B. Narzismus, Borderline, etc. ) , usw.
    Ich persönlich kenne keinen Alkoholabhängigen, der nicht mindestens 1 weitere der o.a. Diagnosen ehrlicherweise hätte.
    Ich kenne aber bisher auch nicht hunderte sonder eher 20-30 persönlich.
    Die "Schwere" der anderen Erkrankungen variiert dabei erheblich, genau wie die Schwere der Alkoholerkrankung.

    LG Jürgen

  • Zitat von Carpenter

    Wäre Alkohol nur der Mittel zum Zweck, quasi ein Ausdruck einer Suchtpersönlichkeit, müßte man eigentlich davon ausgehen, daß man als trockener Alkoholiker zwangsläufig einer anderen Sucht verfällt. (...)
    Andererseits finden genug Alkoholiker einen Weg ohne Suchtverhalten, indem sie malen, ihre Mitte finden, musizieren...was auch immer.
    Ich denke jedenfalls nicht, daß einer Sucht zwangsläufig eine Persönlichkeitsstörung zugrunde liegen muß.

    Hallo Carpenter,

    vollkommen einverstanden. Es kann nicht deutlich genug gesagt werden, dass jeder Mensch, so auch jeder Suchtkranke, ein Individuum ist. Zwar gibt es bei diesen viele Übereinstimmungen, keinesfalls muss aber alles auf jeden zutreffen. Das gilt natürlich für alle Erkrankungen. Ja, und wenn es zu Kompensationen (Suchtverschiebungen) kommt, ist es auch sinnvoll, sich genau zu beobachten: wo hört das Lustvolle auf, wo fängt das Qualvolle an. Die Grenze stellt den Übergang vom (gesunden)Rausch zur (kranken)Sucht dar. Was hätte ich gewonnen, wenn ich statt Suchtmittel Alkohol zu trinken mich krank laufe, esse, mich in den finanziellen Ruin kaufe oder spiele? Ich nehme deine Wertung an und verbuche mein Musik-Vorhaben (zunächst!) unter Lust und werde mich dann weiter beobachten.
    Overdubbing ("mit sich selbst musizieren") ist eine interessante Herausforderung. Ich musiziere aber auch mit meiner Tochter.

    LG Jonas

  • Guten Morgen Jonas,

    entschuldige, daß ich Dich schon wieder nerve.
    Ich habe gestern etwas in Deinem Thread gelesen und mir ist aufgefallen, daß auch ich diese Unfähigkeit habe, über Themen zu reden, die mich nicht interessieren, die mich nicht weiterbringen. Smalltalk mochte ich noch nie, muß ihn aber aufgrund meiner Selbstständigkeit doch ab und zu abhalten. Ich merke dann immer eine gewisse Ungeduld, will nur noch weg und bin unheimlich froh, wenn da Ganze dann vorbei ist und ich mich wieder meiner Arbeit widmen kann...mein Vater ist da übrigens ganz genauso gestrickt.
    Genau wie er hasse ich Massenveranstaltungen wie Volksfeste, Dorffeste, Fasching u.ä. Ich habe bei solchen Veranstaltungen immer das Gefühl auf einer ganz anderen Gesprächsebene zu sein, ausgetauschte Banalitäten interessieren mich einfach nicht. Auch mir wird das recht oft als Arroganz ausgelegt...das ist es aber nicht...ich habe einfach nicht das Bedürfnis, Banalitäten auszutauschen...ich halte das irgendwie für Zeitverschwendung. Der Alkohol hat mir immer irgendwie geholfen, mich auf diese banale Gesprächsebene zu bringen, sobald es nötig war.
    Wie würdest Du das beurteilen ? Ist das lediglich eine gewöhnliche soziopathische Verhaltensweise ?

    LG Andreas

  • Zitat von Carpenter


    entschuldige, daß ich Dich schon wieder nerve.
    Ich habe gestern etwas in Deinem Thread gelesen und mir ist aufgefallen, daß auch ich diese Unfähigkeit habe, über Themen zu reden, die mich nicht interessieren, die mich nicht weiterbringen. Smalltalk mochte ich noch nie, muß ihn aber aufgrund meiner Selbstständigkeit doch ab und zu abhalten. Ich merke dann immer eine gewisse Ungeduld, will nur noch weg und bin unheimlich froh, wenn da Ganze dann vorbei ist und ich mich wieder meiner Arbeit widmen kann...mein Vater ist da übrigens ganz genauso gestrickt. (...)

    Hallo Carpenter,

    du nervst mich überhaupt nicht. Ich habe deine Beiträge gelesen. Du bist insgesamt ein geselliger Mensch, wobei du dich, wie du schreibst, freuen würdest, öfter einmal allein sein zu dürfen. Wir können das Thema (Asperger-)Autismus hier selbstverständlich nicht vertiefen. Wenn du selbst den Verdacht hast, dass du eventuell neurotypisch mit aspergerischen Zügen sein könntest: du findest im Internet einen Fragebogen von einem renommierten Institut dazu (150 Fragen). Die Auswertung beschreibt das Verhältnis von neurotypischem und aspergerischem Persönlichkeitsanteil, eine Verdachtsdiagnose bekommst du auch (dass sie eine ärztliche Diagnose nicht ersetzt, versteht sich von selbbst). Ich werde hier natürlich keinen Link posten, aber so schwer ist die Seite nicht zu finden. Auch gibt es einige Online-SHGn, deren Aufsuchen du nach der Auswertung in Erwägung ziehen kannst.

    LG Jonas

  • hi jonas
    ich würde dir gere etwas zu deinen eintrag in hepzibahs tread sagen, bzw meine gedanken mitteilen...

    Ich würde mir wünschen, daß du und andere trockene alkoholiker häufiger im co teil schreiben würdest.
    Mir persönlich haben gerade solche klaren an und aussagen am meisten weitergeholfen und auch die oft gerade offenheit finde immer wieder imponierend...

    Dein hinweis mit den hilfesuchen eines coabhängigen,
    nur mal ein paar erfahrungen von mir...
    Ich hatte glück, ich wurde länger wegen depressionen behandelt wechselte von einen arzt und psychologen zum anderen bis auf einmal alles richtig lief eine ärztin war sofort alarmiert schickte mich in eine tagesklinik, zufällig waren die therapeutin und sozialarbeiterin lange in der suchttherapie... Nach beendigung rutschte ich bei einer therapeutin rein, die glücklicher weise gerade ein platz frei hatte und die in dieser thematik erfahrung hatte... Und ich fand den weg hier ins forum.... Alles in allen hatte ich gück das alle möglichkeiten nahtlos ineinandergriffen.

    Aber mein "leidensweg vorher dauerte jahre".
    Ich war auch bei der suchtberatung, die mir ganz klar sagten für co abhängige sind wir hier nicht ausgerichtet wir können nur den süchtigen helfen und schickte mich weg.

    Ich hätte mir damals gewünscht, es gebe für mich soetwas wie eine stationäre entgiftung und eine anschließende langzeittherapie wo ich in einen geschützten umfeld mich mit meiner sucht auseinandersetzen könnte... Aber ich würde immer wieder "nach hause" geschickt"
    es war ein langer prozeß um dahin zu kommen wo ich jetzt bin.
    Und manchmal dauert es einfach noch länger...

    Außerdem:
    deine flasche ensorgst du, du gehst im geschäft vielleicht schweren herzens vorbei, aber sie schickt dir keine sms, bombardiert dich nicht mit anrufen, steht nachts vor der tür und lauert dir auf und und und...

    So nun ist mein eintrag bei dir doch etwas läger geworden, aber ich wollte meine gedanken dazu los werden ohne damit fremde treads zuzutakten...

    Lg
    topas

  • Zitat von topas


    So nun ist mein eintrag bei dir doch etwas läger geworden, aber ich wollte meine gedanken dazu los werden ohne damit fremde treads zuzutakten...

    Hallo topas,
    danke für diesen Eintrag. Dass Stoff- und Beziehungsabhängigkeit nicht vollständig zur Deckung gebracht werden kann, steht ja außer Frage. Weil sich das Suchtverhalten jedoch ähnelt, nennt man es Co-Abhängigkeit. Ich habe die Symptomatik an anderer Stelle schon skizziert.
    Vielleicht wäre es gar keine schlechte Idee, die beliebte deutsche Beleidigung "du bist eine Flasche" wörtlich anzuwenden, denn der Mensch, um den es geht, hat sich auf eine Flasche reduziert.
    Du hast ohne Zweifel Glück gehabt. Die Wartelisten sind in der Tat lang, und nicht immer findet man sofort einen Arzt, der mit diesen Suchtformen sehr gut vertraut ist, eine sichere Diagnose stellen und eine adäquate Therapie einleiten kann. Das ist nicht nur in Deutschland der Fall. Aber in diesem Fall kann sich der Betroffene guten Gewissens sagen, dass er den ihm möglichen ersten Schritt getan hat. Dieser Schritt aus der autodestruktiven Lethargie schafft schon Erleichterung.

    LG Jonas

  • Hallo Jonas

    Wollte mal auch in Deinem Thread vorbeischauen. Was Du schreibst find ich hochst interressant.

    Suchtpersonlichkeit. Ob es angeboren ist weiss ich nicht (obwohl ich glaub mich zu erinnern dass man ein "Suchtgen" entdeckt hat) ich wuerde mich als Suchtpersonlichkeit bezeichnen.
    Es muss nichtb heissen einmal suchtig, immer suchtig, aber Menschen wie ich fallen da schon eher rein als andere. Ich glaube auch trockene Alkoholiker mussen immer auf sich besonders acht geben nicht nur wenn es um Alk geht. Korrigier mich, wenn ich falsch liege.

    Ob Alk oder Co, bei all den Unterschieden finde ich die Strukturen gleich. Sucht ist Sucht und die funktioniert immer gleich. Durch unseres Gehirn. Jedes Jahr unserer Abhangigkeit macht diese krankhafte Stereotypien starker und am Ende landen wir hier (wenn wir Gluck haben)

    Wollen wir dann wirklich raus, oder wollen wir uns nur mal reinschnuppern um rauszufinden ob das nicht etwa zu anstrengend ist.?
    Ich trau mich selten bei Co's es so krass zu sagen. Obwohl manchmal hatte ich gerne eine oder andere mal durchgeschuttelt und gesagt : Mensch wach auf!
    Ob sie es wollen oder nicht steht nicht in meiner Macht.

    Wurde mich interressieren was verstehst DU unter dem Wort "Co".

    LG Grazia

    Da, wo du nur eine Spur im Sand siehst, da habe ich dich getragen...

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