rory mcivy - high on life

  • Bald sind es 17 Monate, die ich trocken bin. Einerseits bin ich nach wie vor sehr stolz auf mich und andererseits weiß ich, dass ich mich nicht sicher wähnen darf. Ich mache weiterhin meine Trockenübungen und erfreue mich der kleinen Dinge und bin dankbar. Trockenübungen ist wirklich ein gutes und passendes Wort.
    Ich habe aktuell mit einer schmerzhaften Krankheit zu kämpfen und das schon seit Wochen. Vermutlich wird es auch noch einige Zeit brauchen, um das zu überstehen, aber so zehrend und unangenehm es ist, ich habe heute ausreichend Ressourcen um mich vernünftig darum zu kümmern, und Übung in Zuversicht. Aber was meine ich damit? Ganz einfach gesagt: War ich früher krank, habe ich trotzdem weiter getrunken. Fühlt sich nicht toll an das zu sagen, aber so war es.
    Wenn ich heute überlege, welches Risiko ich manchmal damit eingegangen bin, wird mir schwindelig. Heute ohne Suff kann ich mich auf die Rekonvaleszenz konzentrieren. Ich habe Zeit und Muße mich mit meinem Krankheitsbild auseinander zusetzen und zu lernen wie ich sie besser in den Griff bekomme, statt mich im Suff abzuwenden und verdrängen zu wollen. Nach der Erfahrung, erfolgreich trocken zu sein, habe ich aber auch gelernt, dass Verbesserungen möglich sind. Diesen Beweis zu haben stärkt unheimlich mein Selbstvertrauen und gibt mir echte Perspektive. Geduld, die ich nie hatte, habe ich inzwischen auch ein bisschen gelernt. Das hilft.
    Was ich damit sagen möchte, ist, es ist aktuell echt bescheiden, aber dadurch, dass ich trocken bin, ist es so viel leichter mit den Herausforderungen zu dealen. Echt cool.

  • Hallo rory

    Es tut gut bei Dir zu lesen. Irgendwie habe ich Deinen Thread während meiner Anfangszeit übersehen.

    Viele Grüße

    Nayouk

    -------------------------------------------------------
          - abstinent seit 6.01.2024 -

  • Hallo rory

    Es tut gut bei Dir zu lesen. Irgendwie habe ich Deinen Thread während meiner Anfangszeit übersehen.

    Viele Grüße

    Nayouk

    Hallo Nayouk,

    vielen Dank. Es freut mich, dass du damit etwas anfangen kannst. Im Idealfall bringt es dich auf Ideen, wie du gut und sorgsam mit dir und deinen Zielen umgehen kannst - in deiner sehr anspruchsvollen Situation. Ich muss aber erneut ganz deutlich sagen, dass, obwohl ich, seitdem ich trocken bin, wieder eine gesunde & positive Grundeinstellung habe, die längste Zeit als Trinker in teerartigen Depressionen steckte. Und auch die Anfangszeit als trockener Alkoholiker war echt hart. Es ist ständige, intensive Arbeit der Auseinandersetzung und Reflexion, die es mir erlaubt heute wieder so positiv zu sein. Ich sage „wieder“ weil ich auch früher im Grunde ein total lebensfroher und motivierter Mensch war. Trocken zu werden ist der erste Schritt, aber ohne Plan & Perspektive ist es imho zum Rückfall verurteilt. Ich vermute, das könnte auf der anderen Seite ähnlich aussehen. Allein, es ist meine Erfahrung.

    Ich muss bei deiner Situation daran denken, als ich ca. 1 Jahr trocken war und gefragt habe: „Wie hast du es mit mir ausgehalten?“ Und als Antwort kam nur: „Ich wusste, dass du es irgendwann schaffst.“ Mir wird ganz anders, wenn ich mich an diesen Augenblick erinnere. Mein Trinkverhalten war von dem, was ich bei dir gelesen habe, noch nicht vergleichbar mit dem deines Partners und ich sage das nicht, um mich besser darzustellen, sondern weil ich weiß, dass ich in den letzten Monaten meines Trinkens in einer Abwärtsspirale war, die zur Folge gehabt hätte, dass sich die Sucht weiter verschlimmert hätte und meine Beziehung das mutmaßlich nicht mehr allzulang ausgehalten hätte. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es schlimmer wird. Ich war zwar nie aggressiv oder asozial - innerhalb der Beziehung - aber was ist der Wert einer Beziehung, in der der eine dem anderen bei feiger Selbstsabotage & -zerstörung zusehen soll? Bei gleichzeitigem Abbau und Abwesenheit von Träumen und Zielen? Ohne greifbare Zukunft? Mir wurde klar, dass das für uns essenziell ist.

    Ich habe die andere Perspektive aus einer alkoholgetunkten Beziehung heraus, und ich kann dir sagen, dass ich mich jahrelang darauf verlassen konnte und deshalb auch habe, dass die nächste Eskapade und wahrscheinlich die übernächste noch geduldet würden, und genau das hat dazu geführt, dass ich das zum Nachteil meiner Gesundheit und unserer Beziehung willentlich und ganz bewusst ausgenutzt habe. Ich fand es furchtbar und schlimm bla bla, aber ich habe es dreist darauf ankommen lassen, weil ich süchtig war. Mir hat es erst geholfen die Ernsthaftigkeit meiner Krankheit zu erkennen und etwas zu tun, als das Schweigen eingetreten war.
    Und das war auch nur ein Aspekt. Es bedarf einer bildenden Sammlung von Beweggründen, die nötig ist, um aufzuhören. Und diese müssen nach vorn, in die Zukunft gerichtet sein. Jedenfalls war das bei mir so. Als ich irgendwann mal wieder vollkommen besoffen aus war und es komplett eskaliert war und ich wieder einmal Grund hatte mich zu schämen und zu entschuldigen, kam irgendwann der Punkt, an dem nicht mehr darüber gesprochen wurde, sondern das Schweigen mir ganz deutlich machte: Meine Grenze ist erreicht und die Uhr hat angefangen zu ticken. Noch nicht sehr laut, aber vernehmbar.

    Ich wünsche dir, dass du auf deiner Seite nun die Kraft findest, deinen Weg zu gestalten. Erst mit der Unabhängigkeit von meiner Sauferei und der Entwicklung von eigenen Positionen, die mein Trinken nicht berücksichtigt haben, erlangte der Co-abhängige Teil den eigenen Dreh- und Angelpunkt - abseits des Alkohols. Das habe ich in meiner Beziehung beobachtet und das erst hat bei mir eine Änderung möglich gemacht. Das war auch primär kein Egoismus, Selbstschutz oder Ignoranz, sondern etwas grundlegend positiv Eigenes und Schöpferisches. Die Fokussierung auf eigene Ziele und das Vorankommen mit seinen persönlichen Träumen. Denn dann habe ich gemerkt, dass ich davon kein lebendiger Teil sein kann. Nicht wenn ich so weiter saufe, ergo überhaupt weiter saufe. Schwierig das zu erklären. Ich hoffe, es ist halbwegs verständlich, worauf ich hinaus will. Das ist meine Erfahrung. Ich weiß nicht ob und inwieweit das übertragbar oder nützlich ist. Da sollte man bescheiden bleiben. Ich kann nur davon berichten, wie es bei uns war.

    Einmal editiert, zuletzt von rory mcivy (27. Juli 2024 um 21:45)

  • Hallo rory,

    Gestern habe ich Deinen Text überflogen und habe ihn mir als Link gespeichert um ihn jetzt in Ruhe nochmal zu lesen.

    Mein Trinkverhalten war von dem, was ich bei dir gelesen habe, noch nicht vergleichbar mit dem deines Partners

    Der Satz, in Bezug auf mich, passt nicht.
    Meine Partnerin (meine Frau) trinkt normal Alkohol, so normal, wie eben in der Gesellschaft Alkohol konsumiert wird.
    Soll heißen, ich bin der Alkoholiker, nicht sie.

    Würde mich interessieren, wie Du in meinem Thread darauf gekommen bist bzw. wo ich mich vlt.
    missverständlich ausgedrückt habe.

    Viele Grüsse

    Nayouk

    -------------------------------------------------------
          - abstinent seit 6.01.2024 -

  • Würde mich interessieren, wie Du in meinem Thread darauf gekommen bist bzw. wo ich mich vlt.
    missverständlich ausgedrückt habe.

    Hallo Nayouk,

    entschuldige vielmals die Verwirrung, aber die Erklärung ist denkbar einfach. Nicht nur der Satz passt nicht, ich habe mich auf einen anderen Thread bezogen. Auf einen aus dem Co-Bereich. Wie ich aber dahin gekommen bin, mit dem Glauben, dass es dein Thread ist, kann ich mir gerade überhaupt nicht erklären. Denn offenbar beziehe ich mich in den Stellen auf eine Dame, die gerade mit der Abhängigkeit ihres Partners und ihrer Beziehung kämpft.
    Ich habe aber inzwischen auch deinen Thread gelesen.

    Viele Grüße

  • Alex_aufdemweg 20. Oktober 2024 um 08:21

    Hat den Titel des Themas von „rory mcivy - 11 Monate trocken“ zu „rory mcivy - high on life“ geändert.
  • Ich habe seit zwei Wochen nicht mehr geraucht und bin gereizt und habe immer wieder leichte Entzugssymptome. Ich wollte schon lange aufhören, aber ich wollte einen guten und stabilen Zeitpunkt abpassen. Einen Augenblick, in dem ich es richtig fühlen würde aufzuhören. Aber er kam nicht, also habe ich einfach aufgehört.
    Ich war mit 3-5 Zigaretten täglich kein starker Raucher, aber schon eben irgendwie immer ein Raucher. Ich will nicht rauchen, habe keine Lust darauf, aber zwischendurch stelle ich mir vor wie es mich „erleichtern“ und „beruhigen“ würde. Natürlich weiß ich, dass das Unsinn ist. Die Kreise und Spiralen der Sucht sind mir inzwischen bekannt. Ich weiß auch, dass es in ein zwei Wochen schon so viel besser sein wird. Ich weiß, dass ich nur von Tag zu Tag denken muss, mich jeden Tag ein bisschen mehr freuen kann, aber..

    Ich schaffe es gerade nicht meinen Blick auf die Vorteile zu lenken. Keine gute Vision von mir als Nichtraucher zu entwickeln. Ich schaue immer mal wieder in meine Rauch-Entwöhnungs-App, versuche mich damit positiv zu stimmen und daran zu denken, dass es mir ja schon besser geht ohne die Fluppen aber..alles ist irgendwie blöd. Ich versuche mir, als Motivation klar zu machen, dass ich es geschafft habe, nicht mehr zu trinken (19 Monate trocken yay!!) Aber..es nervt mich, diese latente Unzufriedenheit, die ich nicht verstehe? Eigentlich passt der Rahmen und das Bild aber gerade ist auch alles blöd, obwohl es das gar nicht ist und dann wieder doch.

    Ich denke, was ich versuche etwas trotzig und ungelenk zusammenzuschreiben, ist, dass nach der Rosa-Wolken-Zeit der ersten Abstinenz, die sich besser als die beste Droge anfühlt (!!), das Normlife mich wieder hat. Ich merke, dass das natürliche high nachlässt und ich jetzt vor neuen Herausforderungen stehe. Aber das Gute daran ist: Es sind Herausforderungen, die sich erst durch das nüchterne Leben überhaupt ergeben. Als Trinker wurde das meiste zur Seite geschoben, unter den Teppich gekehrt, vernachlässigt, ignoriert etc. Ich habe mich nur auf das gerade so Durchkommen, auf das Überleben konzentriert. Jetzt, da ich mit mehr Klarheit und Ressourcen auf meine Aufgaben und Projekte blicke, ergeben sich natürlich auch mehr Möglichkeiten und das verlangt Entscheidungen ab und dabei macht man Fehler, man muss mit anderen klar kommen, die einen (sehr) nerven etc. pp. So irgendwie.

    Jedenfalls bin ich gerade wohl dabei langsam ins echte Leben zurückzukehren oder vielmehr, fühlt es sich eigentlich so an, als würde ich überhaupt zum ersten mal richtig leben. Auch wenns gerade fiept und knarzt, ich habe mich noch nie glücklicher gefühlt. Ich habe mich selbst noch nie so intensiv gespürt. Ich war noch nie so mit der Welt im Einklang. Also: Kopf hoch. Weitermachen. Tag für Tag. Kleine Schritte. Ikigai.

    So viel zu high on life :)

    Danke fürs Lesen

  • Ich überlege gerade was mir leichter gefallen ist. Mit dem Rauchen ( vor ca. 4 Jahren) oder mit dem Trinken (vor 8 Monaten) aufzuhören.

    Ich weiß es nicht, ich kann es irgendwie nicht vergleichen.

    Eines weiß ich aber, hört man mit dem Trinken auf, stellt sich sofort ein positiver Effekt ein. Man spürt somit den Vorteil sehr schnell.

    Bis man einen echten körperliche Vorteil spürt, nachdem man nicht mehr raucht, dauert eher lang. Somit hat man die Entzugserscheinungen aber die "Belohnung" lässt auf sich warten.

    Einfach durchhalten, es lohnt sich!

Unserer Selbsthilfegruppe beitreten!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!