Heuel - Bin sehr dankbar...

  • Nicht falsch verstehen, es könnte der Eindruck entstehen, dass ich gegen Selbsthilfegruppen (SHG) oder Therapie bin. Das ist Unsinn.

    In den vergangenen 18 Jahren habe ich hier Hunderte von Alkoholikern kennengelernt, ihre Wege verfolgt und zig Tausende Beiträge gelesen. Mich mit Alkoholikern außerhalb des Forums befasst, mich real getroffen und vieles mehr.

    Mein Fazit ist da ganz eindeutig:

    Es reicht nicht aus, einfach nur eine Therapie zu machen oder Selbsthilfegruppen zu besuchen, wenn man nur die Zeit absitzen möchte. Wenn ich mehr oder weniger dazu "überredet" worden bin. Es reicht nicht aus, trocken zu werden, wenn Zweifel einen quälen, ob man überhaupt Alkoholiker ist. Es reicht auch nicht, keinen Tiefpunkt erlebt zu haben.

    Und das zweite Fazit: Es gibt nicht den Königsweg, aber es gibt den Weg der Risikominimierung. Wenn ich schon im Kopf nicht klar bin, muss ich mich erst einmal so schützen. Das anhand der Grundbausteine.

    Ich kenne einige langjährig trockene Alkoholiker, die nichts von unseren Grundbausteinen wussten, aber weitgehend danach lebten. Und noch eine ernüchternde Weisheit: Es schaffen eben nur 5 %, trocken zu bleiben. Und wer dazu gehören will, darf nicht zimperlich sein.

    Gruß Hartmut

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    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • Wie sieht dein alkoholfreies Umfeld aus, wer weiß Bescheid, wer unterstützt dich wo und wann kommt der Druck auf? Was passiert vorher? Sind es Sinnesreize, sind es Verzichtsgedanken oder Angst?

    Ich soll Allen erzählen dass ich Alkoholikerin bin?

    Niemand, ausser mein Mann, wissen von meinem Alk. Problem.

    Bei mir sind die Sinnesreize sehr ausgeprägt, bestimmte Szenen in einem Film reichen schon.

  • Ich soll Allen erzählen dass ich Alkoholikerin bin?

    Wer sagt das?

    Bei mir sind die Sinnesreize sehr ausgeprägt, bestimmte Szenen in einem Film reichen schon

    und am Anfang hast du geschrieben

    Vielen Dank für die Aufnahme.

    Mein Mann trinkt jeden Abend eine Büchse Bier, hat mich aber nie gestört.

    Alle meine Freunde, Bekannten Verwanten trinken Alkohol, bin jeden Tag damit konfrotiert.

    Ist das immer noch so? Ist deine Wohnung nicht alkoholfrei? Besuchen euch noch trinkenden Freunde und du schaust dir das alles an? Oder gehst du noch auf Feiern, bei denen vorwiegend getrunken wird? Wenn das so ist, dann ist es nicht die Fernsehszene, sondern die Summe aller Eindrücke, die das auslösen.

    Wenn meine Sinne anschlagen, dann muss ich mich doch als Alkoholiker schützen. Mach doch die Bude alkoholfrei. Oder ist dein Mann auf Alkohol angewiesen?

    Gruß Hartmut

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    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • Zu dem Saufdruck:
    Was stellst Du Dir denn vor, was es bringen würde, wenn Du wieder trinkst? Welche Erwartungshaltung steht dahinter?

    Ich habe anfangs gar nichts gemacht (meinen Arzt hate ich schon früher gefragt, da kam aber nix, ausser, dass ich halt weniger trinken soll) und dann einen Termin in der Suchtberatung, weil ich gemerkt hatte, ich kann zwar jederzeit aufhören, aber ich fange auch jedesmal wieder damit an.
    Bis zu dem Termin hatte ich den Entschluss aber bereits gefestigt und war fertig ausgenüchtert, es ging "nur" darum, noch einiges abzuklären.

    Trotzdem hatte ich nie Saufdruck.

    Irgendwann nach Jahren bin ich mal in eine Gruppe, weil ich dachte, ich kann mir vielleicht noch was abgucken. Aber da haben sich längst Andere von mir was abgeguckt. War zwar OK, Andern zu helfen, bei mir änderte sich dadurch höchstens die Selbstakzeptanz, ganz OK, wenn man helfen kann. Ausserdem waren da immer Rückfällige als Beispiel, wie man es nicht machen sollte. Wenn Du das mit eigenen Augen siehst, statt es nur zu lesen, beeindruckt das möglicherweise mehr, schon möglich.

    Was passiert, wenn Du trinkst? Ich hatte das komplett durch. Mir fiel keine Situation mehr ein, wo mir, weder ein Bier noch zwei Flaschen Schnaps, in meiner Vorstellung irgendwas gebracht hätten. Wenn ich mich absichtlich dran erinnere, reizt mich nicht mal der Geschmack. Weswegen es mich nie tangiert hat, wenn um mich herum getrunken wurde und da bin ich sicher nicht ganz forumskonform (wie war das mit dem Standard), was ich nach meiner Trockenzeit mit Sicherheit behaupten kann. Aber wie in meiner Vorstellung geschrieben, ich will niemanden überzeugen, jeder so, wie es für ihn passt. Nur mein Beitrag zum Erfahrungsaustausch.

    Und ansonsten ist es so, dass alles, was ich mir früher vom trinken erhofft hatte, von Feiern bis Problembewältigung, nüchtern eigentlich schon immer besser konnte, ich wollte es nur nicht wahr haben, so lange ich trinken wollte.

    Ich hatte schon oft den Eindruck, dass Leute, die rein aus Vernunftgründen aufgehört haben, obwohl noch "Appetit" da war, weniger aus überwältigenden Schwierigkeiten heraus, dem mehr nachtrauerten als ich, dem es einfach völlig gereicht hatte.

    Nur mal was zum Nachdenken.

    Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
    Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man es anschiebt.

    Aber das Gras wächst.
    Sei sparsam mit dem Düngen:mrgreen:

  • Ist das immer noch so? Ist deine Wohnung nicht alkoholfrei? Besuchen euch noch trinkenden Freunde und du schaust dir das alles an? Oder gehst du noch auf Feiern, bei denen vorwiegend getrunken wird? Wenn das so ist, dann ist es nicht die Fernsehszene, sondern die Summe aller Eindrücke, die das auslösen.

    Ja, unsere Wohnung ist inzwischen Alk frei und haben auch keine trinkende Freunde. Es gibt auch keine Bars, Clubs und Partys, was ich aber nicht vermisse.

    Heute zum Beispiel auf der Arbeit, fragte mich ein Arbeitskollege, welchen Wein ich gerne trinke..... Dass hat mir als Auslöser schon gereicht.

  • Was stellst Du Dir denn vor, was es bringen würde, wenn Du wieder trinkst? Welche Erwartungshaltung steht dahinter?

    Bei mir ist das völlig irrational. Ich weiß dass saufen in keiner Hinsicht hilfreich ist und trotzdem erscheint ab und zu ein unbändiges Verlangen. Dafür der Werkzeugkoffer- ich verwende meine ganz persönlichen Skills und fertig ist die Sause.

    Es gibt Ststistiken darüber, dass eine akute Drucksituation (Neudeutsch Graving) durchschnittlich nur 20min dauert. Das hat mir sehr geholfen und deckt sich mit meiner Erfahrung

    Trotzdem hatte ich nie Saufdruck.

    Dafür beneide ich dich aufrichtig. Bin ja auch erst 7 Monate dabei und hoffe die Situationen werden weniger. Aber es zeigt dass ich mich schützen muss.

  • Das ist schon ein guter Anfang.

    Es ist normal, dass du immer wieder mit Alkohol in Berührung kommst, da du früher oft mitgetrunken hast. Wenn die anderen nicht wissen, dass du keinen Alkohol mehr trinkst, werden sie dir vermutlich weiterhin etwas anbieten.

    Bei mir ist das anders: Da alle wissen, dass ich keinen Alkohol mehr trinke, bietet mir auch niemand mehr etwas an.

    Wie bist du darauf gekommen, Alkoholiker zu sein, oder wie bist du zu dieser Erkenntnis gekommen ? Von dir aus oder hat deine Ärztin darauf hingewiesen?

    Gruß Hartmut

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    Trocken seit 2007

  • Wie bist du darauf gekommen, Alkoholiker zu sein, oder wie bist du zu dieser Erkenntnis gekommen ? Von dir aus oder hat deine Ärztin darauf hingewiesen?

    Das gieng von mir aus.

    Ich habe getrunken, bis ich fast bewusstlos war und in der Klinik landete. Einmal das Glas ansetzen und ich konnte nicht mehr aufhören.

  • "Der Suchtteufel" ist für mich ein problematischer Begriff, weil es ja ein Teil meiner Selbst ist, was als Suchtteufel betrachtet wird, und ich habe festgestellt, dass es problematisch oder unglücklich ist, wenn ich Teile von mir selbst hasse. Als ich mich selbst lieben lernte...ein Text von Charlie Chaplin.
    Auch die Scham fällt unter diese Kategorie von Teilen seiner selbst, die man am liebsten loshätte. Und die man mit Alkohol zumindest theoretisch gut für ein paar Stunden wegmachen könnte. Scham ist ein prima Saufgrund.

    Ich kenne aber auch, von einem anderen Suchtmittel, die Erfahrung, dass der "psychische Enzug" Monate dauern kann, entgegen jeglichem Verstand. Da heisst es durchhalten, Geduld üben, es geht vorbei. Und da sind die Grundbausteine und der Notfallkoffer sicher gar kein Fehler.

    Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
    Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man es anschiebt.

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  • Heute zum Beispiel auf der Arbeit, fragte mich ein Arbeitskollege, welchen Wein ich gerne trinke..... Dass hat mir als Auslöser schon gereicht.

    Dann ist es, meines Erachtens, wichtig, dass Dein Umfeld weiß, dass Du keinen Alkohol mehr trinkst.

    Wenn Du Dich nicht outen willst, kannst Du sagen. Ich habe ihn nicht mehr vertragen, usw. Noch ehrlicher wäre, ich konnte damit nicht umgehen. Oder, ich habe gemerkt, dass es mir schadet, usw.

    Sonst wirst Du immer wieder mal etwas angeboten bekommen.

    Habe auch schon damals jemanden kennengelernt, der sagte einfach "schmeckt mir nicht". Da konnte ich ja nicht sagen "Doch, schmeckt dir".


    Bei den AAs musst Du gar nichts reden, wenn Du nicht möchtest. Mir war es anfangs wichtig, reale Alkoholiker zu treffen.

    Tatsächlich fehlt mir dort aber ein wenig das direkte Feedback. Also das wovor ich anfangs Angst gehabt habe. Denn das gibt es dort nicht.

    Nach ca. einem Jahr habe ich es dort nicht mehr gebraucht und bin lieber nur noch hier. Weil es hier mehr Austausch ist.

    Ich bin vor Angst fast gestorben, vor dem ersten Mal dort. Aber Du musst Dich dort gar nicht erklären.

    Wo ich hingehe, dort bin ich.

  • Ich dachte mir:
    so lange ich getrunken habe, war es mir absolut egal, wenn sich jemand beschwert hat, dass ich zu viel trinke. Ging doch keinen was an, was ich mir gebe.
    Als ich aufgehört habe, war es mir genau so egal, was Andere von mir dachten.

    Ich frage mein Gegenüber im allgemeinen nicht, warum er jetzt Bier oder Wein trinkt. Warum sollte ausgerechnet ich erklären, warum ich lieber Saftschorle mag?

    Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sichs gänzlich ungeniert...

    Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
    Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man es anschiebt.

    Aber das Gras wächst.
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  • Ich kenne aber auch, von einem anderen Suchtmittel, die Erfahrung, dass der "psychische Enzug" Monate dauern kann, entgegen jeglichem Verstand. Da heisst es durchhalten, Geduld üben, es geht vorbei. Und da sind die Grundbausteine und der Notfallkoffer sicher gar kein Fehler

    Bleibe aufjedenfall weiter dran

  • Und das zweite Fazit: Es gibt nicht den Königsweg, aber es gibt den Weg der Risikominimierung. Wenn ich schon im Kopf nicht klar bin, muss ich mich erst einmal so schützen. Das anhand der Grundbausteine.

    Da fehlt nur ein Ding.

    Wenn ich von den Grundbausteinen nicht überzeugt bin, sondern sie nur einhalte, weil ich irgendwie dazu gedrängt oder überredet wurde, helfen die Grundbausteine so wenig, wie wenn ich eine Therapie oder SHG aus den von Dir genannten Gründen angehe.
    Es muss immer für denjenigen passen, der aufhören will, egal wie ich es drehe.

    Ich bin genauso wenig gegen die Grundbausteine wie Du gegen Therapie und ich habe weder das Eine noch das Andere benutzt.
    Ich habe bei Allem, wirklich Allem gesehen, dass überall nur mit Wasser gekocht wird, sprich, es gibt Rückfällige und Leute, die es im ersten oder soundsovielten Anlauf schaffen.

    Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
    Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man es anschiebt.

    Aber das Gras wächst.
    Sei sparsam mit dem Düngen:mrgreen:

    3 Mal editiert, zuletzt von Lebenskuenstler (13. Januar 2025 um 21:36)

  • Am Anfang wusste ich gar nicht, was richtig ist und was hilft und wusste somit auch nicht, was mein Weg sein könnte. Mit der Unsicherheit eines Frischlings kann ich die Grundbausteine anwenden und mich darauf verlassen. Wie ich sie mit der Zeit auspräge, ist jedem selbst überlassen, aber ich habe mich damit in der risikoreichen Zeit des Anfangs geschützt und diese überwunden.

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          - abstinent seit 6.01.2024 -

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