Anthurie - Eka sagt Hallo

  • Vor einer Woche war ich ja im Krankenhaus und jetzt werden mir einige Dinge nochmal richtig klar. Also, nicht nur vom Kopf her.

    Wirklich zu begreifen, wie egal ich meinem Vater zu sein scheine, haut heute rein. So richtig. Es schmerzt. Hört das wieder auf? Kann das überhaupt irgendwie aufhören?

    Mir fallen heute so viele Begebenheiten ein, in denen mein Vater mich verletzt hat, mich respektlos behandelt hat, mich im Stich gelassen hat- und neben dem Schmerz ist da immer der Gedanke, dass es wieder nur um ihn geht und das finde ich gerade so anstrengend.

    Dann denke ich die ganze Zeit, dass es mich nervt, dass ich mir soviele Gedanken um einen Menschen mache, der mich so oft so allein gelassen hat.

    Und dann denke ich auch, was, wenn er stirbt? Trauere ich dann? Und will ich das überhaupt? Um jemanden trauern, der mich so behandelt hat?

    Hat das jemand von Euch schon durch und kann mir sagen, dass es irgendwann besser werden wird?

  • Hallo Anthurie,

    nach einigen Vorfällen habe ich den Kontakt zu meinem Vater vor über 12 Jahren abgebrochen.

    Vom Gefühl her hat er schon immer zu viel getrunken. Ob er Alkoholiker ist oder war, weiß ich nicht genau. Aber sein Verhalten war immer sehr sprunghaft und er hatte sehr viel an mir zu kritisieren. Ganz im Gegenteil zu meiner Kindheit. Da hat er mich oft bestärkt. Im Laufe der Zeit hat sich das alles gedreht und ich habe es nicht mehr hingenommen so behandelt zu werden.

    Der Anfang war schmerzhaft, aber ich habe begriffen, dass mir der abgebrochene Kontakt guttut.

    Es hat einige Zeit gedauert, bis es nicht mehr weh getan hat. Nach 2-3 Jahren hatte ich es überwunden und akzeptiert, dass es nie wieder so sein wird wie früher.

    Tatsächlich weiß ich gar nicht, ob er noch lebt und ob ich es wirklich erfahren würde, sollte er versterben. Aber eins weiß ich, dass ich nicht in Tränen ausbrechen werde, wenn mich die Nachricht ereilen wird. Und ich glaube auch heute, dass ich kein Bedürfnis verspüre auf seine Beisetzung zu gehen.

    Hart, aber durch meine Abstinenz habe ich mich sehr verändert und bin stärker geworden.

    LG Elly

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    Mancher wird erst mutig, wenn er keinen anderen Ausweg mehr sieht.

    - Trocken seit 06.01.2013 -

  • Und dann denke ich auch, was, wenn er stirbt? Trauere ich dann? Und will ich das überhaupt? Um jemanden trauern, der mich so behandelt hat?

    Hat das jemand von Euch schon durch und kann mir sagen, dass es irgendwann besser werden wird?

    Ich hatte den Kontakt auch viele Jahre abgebrochen. Es war ihm sicher recht, da er kein Interesse an mir hatte.

    Kamen noch ein paar Dinge hinzu.

    Als ich trocken wurde, habe ich beschlossen, ihn zu besuchen. Da war er bereits seit 10 Jahren in der geschlossenen Abteilung. Hat sich praktisch alles kaputt gesoffen. Körperlich und im Gehirn. Wollte ihn noch einmal sehen.

    Ich habe ihn gesehen. Und es hat mir geholfen. Nicht als Sohn. Aber ich konnte sehen, was mit meinen Genen passiert, wenn ich weiter getrunken hätte. Diesen "Gefallen" hat er mir noch getan.

    Letztes Jahr ist er dann gestorben. Ich empfinde etwas Trauer, um das, was hätte sein können und nie war. Aber das hätte sich ja auch zu seinen Lebzeiten nicht mehr geändert.

    Jetzt ist wenigstens diese leise innere Stimme weg. Die mich immer mal wieder gefragt hat, ob ich ihn nicht doch besuchen sollte.

    Es hätte mich nur runtergezogen und war die richtige Entscheidung. Ich bereue gar nichts.

    Er war ja für mich ja schon lange tot. Jetzt kam nur noch sein Körper hinterher.

    Ja, es ist schade. Aber es ist so.

    Wo ich hingehe, dort bin ich.

  • Bei mir ist es ähnlich. Mein Vater hat sich die letzten Jahre vor seinem Tod auch für keinen von uns mehr wirklich interessiert. Nicht für mich, nicht für seine Enkel, die ihn angehimmelt haben und die so gerne mehr von ihrem Opa gehabt hätten. Am Ende wurde die Distanz zu uns allen immer größer, bis zum Schluss nichts mehr da war.


    Ich hatte mich dann auch in den letzten Jahren immer mehr distanziert, zwar zaghaft, aber doch konstant. Er war mir nicht mehr wichtig und aufgrund seiner Eskapaden und Ausfälle überwiegend lästig. Ich habe gerade auch in dieser Zeit eigentlich bei jeder Gelegenheit versucht, ihn in die Schranken zu weisen, weil ich Streitsucht und andere Respektlosigkeiten einfach nicht mehr tolerieren konnte. Manchmal war es fast so, als würde ich Rache für die Demütigungen in meiner Jugend nehmen. War vielleicht nicht klug, besser wär es gewesen, ich wäre früher auf die Idee gekommen, dem Offensichtlichen mal ins Auge zu sehen.


    So richtig gebrochen habe ich erst mit seinem Tod mit ihm. Aber das war auch das erste Mal, als ich mich getraut habe, mich über Alkoholsucht zu informieren. So bin ich letztlich hier in der Gruppe gelandet.


    Schmerz empfinde ich wegen den Ausfällen und der Ignoranz nicht mehr. Da schafft es der Kopf schon zu erkennen, das das Verhalten an der Sucht lag. Aber Wunden aus der Jugend sind da, keine Frage. Die sind für mich Mahnung und Ansporn, dass meine Kinder in einer komplett anderen Umgebung aufwachsen sollen.


    Trauer empfinde ich ehrlich gesagt wenig, eher Erleichterung, weil er schon eine Belastung war. Es tut mir manchmal leid, das ich so empfinde, aber ich kann es nicht ändern. Gehört ein bisschen zum neuen Ich, das gerade lernt, auch auf seine Bedürfnisse zu achten. Vielleicht ändert sich das auch wieder, es gab ja wahrlich nicht nur schlechte Zeiten. In meiner Kindheit war er ein echt cooler Papa.


    Aber gerade ist es so wie es ist.

  • Danke für Eure Berichte. Die gingen mir sehr nahe, weil ich es so traurig finde, was Ihr erlebt habt und wie Ihr gerungen habt.

    Gleichzeitig hab ich mich beim Lesen so sehr drin wieder gefunden- nunja, die Geschichten ähneln sich. Ich finde es so traurig, welche Folgen eine Suchterkrankung hat. Für alle.

    Neben aller Trauer, die so da war und auch noch ist, bahnt sich aber eine noch nie da gewesene Leichtigkeit ihren Weg. Das ist ein völlig neues Gefühl und ich hab die Gewissheit, dass ich jetzt mein Leben anfange zu leben und zwar so, wie ich es will. Ich kann das alles gar nicht in Worte fassen. Dabei denke ich immer an das, was Du Seb25 mir vor einigen Monaten geschrieben hast, nämlich, dass es bei Dir nach ca einem halben Jahr deutlich besser wurde. Daran habe ich mich seitdem fest gehalten und ja, Du hattest Recht: Es wird besser :). Danke.

  • Das ist ein völlig neues Gefühl und ich hab die Gewissheit, dass ich jetzt mein Leben anfange zu leben und zwar so, wie ich es will.

    So geht’s mir auch und tendenziell mit fortschreitender Zeit wird es immer noch besser. Sich nicht mehr für einen Elternteil verantwortlich fühlen bzw. Verantwortung übernehmen zu müssen, sondern selbstbestimmt sein Leben führen zu können, ist einfach befreiend. Ich bin gerade in einer Phase, in der ich viele Szenen meiner Kindheit/Jugend neu bewerte - auch aufgrund die vielen Erzählungen hier in der Gruppe. Hilft mir auch irgendwie sehr.

  • So geht’s mir auch und tendenziell mit fortschreitender Zeit wird es immer noch besser.

    Ja, das fühlt sich gerade so irre an. Manchmal könnte ich vor Rührung heulen, weil ich kapiere, wie anders und leichter alles ist.

    Ich stelle auch fest, dass sich alte Gewohnheiten ändern. Ich hab auf vieles (was Kompensation war) keine Lust mehr und es fehlt mir nicht einmal.

    Die Stimme im Hinterkopf, die mich immer mal wieder fragt, ob ich nicht doch mal wieder meinen Vater besuchen will, ist zwar noch da, aber ganz leise. Das schlechte Gewissen hält sich sehr in Grenzen und je mehr ich mich abgrenze und mein Leben lebe, desto besser gelingt mir das.

    Die Rückschau und Neubewertung vergangener Dinge kenne ich. Mir wird so vieles nochmal klar, was ich bis vor einem halben Jahr gar nicht in einen Zusammenhang bringen konnte. Mir fehlte es schlicht an Wissen. Und Trauer. Dass ich getrauert habe und durch den Schmerz durch bin, das war essentiell.

  • Das Leben wird immer noch leichter und langsam gewöhne ich mich dran. Das ist super. Einerseits.

    Anderseits...

    Je mehr Abstand ich habe, desto mehr wird mir bewusst, wie sehr ich von Kind an verraten wurde. Alle wussten von der Erkrankung meines Vaters und alle haben geschwiegen und so getan, als ob alles normal wäre.

    Ich habe von Kind an auf das Schweigen und die Unstimmigkeiten reagiert und wurde dafür meist auch noch bestraft oder runter gemacht. Ich musste sinnlos leiden, nur weil Erwachsene es nicht auf die Reihe bekommen haben, Verantwortung zu übernehmen und Konsequenzen zu ziehen. Das ist gerade echt hart.

    Habt Ihr das auch durch?

    Mir hilft gerade Abstand und wenig (Mutter)bis kein (Vater) Kontakt.

    Vor allem kann ich auch nicht drauf hoffen, dass seitens meiner Eltern was kommt, was mir weiter helfen würde. Sie sind zu beschäftigt mit sich und zu verstrickt in ihren eigenen Problemen.

    Wenn ich nicht dabei wäre, mir mein Leben selber lebenswert zu machen, könnte ich sagen "Alles Mist ". Ist zum Glück nicht so.

    Ich glaub, das ist wieder so eine Phase in der wieder was hoch kommt und beackert werden will?

    Wenn ich Kontakt mit meiner Mutter habe, blocke ich jegliches, was sie über ihre Ehe erzählt, konsequent ab, weil es ja nicht sein kann, dass ich als "Opfer" ihr, als "Täterin", zuhören soll, geschweige denn Absolution erteilen.

  • Liebe Anthurie,


    die Gefühle, die Du beschreibst, habe ich auch immer mal wieder. Besonders stark waren sie vor einem halben Jahr. Das war auch der Zeitpunkt, an dem ich angefangen habe, maximale Distanz zu meiner Mutter aufzubauen und mich total abzugrenzen.


    Zu merken, dass ich als Kind nicht geschützt wurde, das die Aufmerksamkeiten letztlich immer dem Suchtkranken galten und man deshalb gezwungen war, zu funktionieren und sich keine Schwäche zu erlauben, war hart. Zudem habe ich erstmals realisiert, was andere Freunde eigentlich für ein Glück mit ihrer normalen Familie hatten, in der überwiegend liebevoll miteinander umgegangen wurde.


    Ich glaube, diese Gefühle sind normal. Aber überkommen sollten sie einen nicht. Ändern kann man die Vergangenheit ohnehin nicht. Jeder war auf seine Art Teil dieses kranken Systems. Du bist dabei, Dich daraus zu lösen und Dir ein eigenes, freies Leben aufzubauen. Darauf solltest Du den größten Teil Deiner Energie verwenden.


    Seb

    Einmal editiert, zuletzt von Seb25 (23. Juli 2025 um 21:54)

  • Je mehr Abstand ich habe, desto mehr wird mir bewusst, wie sehr ich von Kind an verraten wurde. Alle wussten von der Erkrankung meines Vaters und alle haben geschwiegen und so getan, als ob alles normal wäre.

    Ich habe von Kind an auf das Schweigen und die Unstimmigkeiten reagiert und wurde dafür meist auch noch bestraft oder runter gemacht. Ich musste sinnlos leiden, nur weil Erwachsene es nicht auf die Reihe bekommen haben, Verantwortung zu übernehmen und Konsequenzen zu ziehen. Das ist gerade echt hart.

    Danke Anthurie,

    diese Sätze geben mir die Motivation für den heutigen Tag und die Bestätigung das richtige für meine Kinder zu tun, trotz allen Sorgen und Qualen die innerlich immer wieder hochkommen.

    Viele Dank für das Teilen!!!!

  • Liebe Sonnenschein CoA,

    ich verfolge Deinen Strang lesenderweise und bin schwer beeindruckt davon, was Du in der letzten Zeit geleistet hast.

    Du hast das für Dich getan und für Deine Kinder. Irgendwie tröstet mich das, auch wenn es mich nicht direkt betrifft. Aber zu wissen, dass es Menschen gibt, die für sich und ihre Kinder Verantwortung übernehmen und sich ein besseres Leben aufbauen, ist tröstlich, weil ich bei Dir lese, dass es auch anders gehen kann, als ich es erlebt habe.

    Dass ich Dir mit meinen Zeilen eine Hilfe auf Deinem Weg sein konnte, rührt mich.

  • . Du bist dabei, Dich daraus zu lösen und Dir ein eigenes, freies Leben aufzubauen. Darauf solltest Du den größten Teil Deiner Energie verwenden.

    Danke Dir für diese Zeilen. In letzter Zeit merke ich, wie ich mich in meiner Wut verlieren könnte. Das möchte ich nicht, eben, weil ich nix ändern kann.

    Mein Leben gestalte ich neu, ja. Der Unterschied zu sonst ist, dass ich dabei aktiv bin und mir die Dinge und Menschen nicht mehr "passieren", sondern ich überlege und entscheide.

    Das fühlt sich zur Zeit alles merkwürdig an. Ich kann den Zustand gar nicht beschreiben. Die Folgen aus meinen Entscheidungen gefallen mir.

    Kontakt zu meiner Familie habe ich wenig und zu meinem Vater gar nicht. Je weniger ich mit meinem "alten" Leben Berührung habe, desto entspannter fühle ich mich.

    Das soll nicht heißen, dass ich gar keinen Kontakt mehr haben will, aber zur Zeit brauche ich echt Abstand und Zeit.

  • Meine Wut ist immer noch da. Ich laufe seit Wochen wie ein Dampfkessel herum, bei dem die Ventile kaputt sind und den Dampf nicht mehr rauslassen.

    Klingt vielleicht gefährlich, was es auf lange Sicht auch wäre, wenn ich nicht die Entscheidung getroffen hätte, meine Wut als Wegweiser zu nehmen und nochmal radikal meine Grenzen zu ziehen und zu halten.

    Ich mache mich in meinem Umfeld garantiert unbeliebt, aber so trennt sich für mich die Spreu vom Weizen und der Effekt daraus ist, dass ich eine sehr klare Haltung entwickelt habe, die ich nach außen hin auch ausstrahle.

    Vorhin beim Daddeln bei einem Handyspiel wurde mir urplötzlich klar, warum ich so eine Ambivalenz ggü meinem Vater habe: Ich bin noch im Überlebensmodus. Das Wissen, dass meinem Vater der Alkohol immer wichtiger war als seine Tochter und er keine Verantwortung übernommen hat, war so überwältigend schwer (und vernichtend)für mich, dass ich bis vor Kurzem immer wieder Rechtfertigungen und Entschuldigungen für sein Verhalten parat hatte. Um mir eine Erklärung zu basteln, damit ich die volle Wucht des Wissens nicht spüren muss. Die Erkenntnis ist gerade sehr heftig.

    Jetzt, wo ich das weiß, kann ich es sacken lassen und ich wünsche mir, dass sich dieses Muster auflöst. Da hätte ich eine Anstrengung weniger in meinem Leben und ich komme hoffentlich nicht nur vom Verstand her, sondern auch vom Fühlen aus meinem Überlebensmodus raus.

    Eine Falle, in die ich während des letzten Jahres auch beinahe getappt wäre, war der Glaube daran, dass ich mich nur genug anstrengen muss bei meiner Aufarbeitung, um dann ein gutes Verhältnis mit meinem Vater zu haben. Im Rückblick betrachtet finde ich das einerseits sehr schräg, aber ich verstehe auch, was dazu geführt hat, dass ich so dachte.

    Puh, ich bin gerade so erleichtert. Und aufgewühlt, ja, das auch, aber in erster Linie erleichtert.

  • Das Befreiendste der letzten Monate war für mich die Erkenntnis (also nicht vom Kopf her, der wusste das schon ewig, aber der Bauch brauchte Zeit), dass ich mich nicht den Verhaltensweisen anderer Menschen ausliefern muss. Denn das Gefühl des Ausgeliefertseins hab ich seit Kindheit an, kombiniert mit dem Gefühl, das aushalten zu müssen und nichts ändern zu können bzw zu dürfen. Ich nenne diesen Zustand mein "persönliches Grauen", in den ich mich auch jahrelang aufgrund meiner Prägung selber hinein begeben habe (da grüßt die Co- Abhängigkeit).

    Aaaaah, wenn ich das lese merke ich Sehnsucht bei mir, diesen Zustand auch erreichen zu wollen. Mein Vater ist schon einige Jahre tot (totgesoffen - harter aber passender Ausdruck), ich stehe trotzdem jetzt erst am Anfang meiner Aufarbeitung.
    Das Gefühl aushalten zu müssen...Im Freundeskreis meines Mannes wird viel Alkohol getrunken (ja, ich glaube ich habe mir das ausgesucht, was mir vertraut war...), in den letzten Jahren merkte ich, dass ich mich da zunehmend unwohler fühlte. Erst dachte ich: "Liegt halt an mir, dass ich da nicht reinpasse, mit mir stimmt etwas nicht.". Erst danach dämmerte mir langsam: "Moment mal, ich will eigentlich nicht mehr in so Kreisen unterwegs sein, in denen Saufen verherrlicht wird und normal ist. Es gibt auch Freundeskreise, in denen das nicht so ist.". Dem Kopf dämmerte es also schon, der Bauch und das Verhalten hinken noch hinterher. Wobei ich mich im letzten Jahr bei vielen Aktivitäten zurückgezogen habe, bei denen der Alk im Vordergrund steht. Dafür treffe ich mich regelmäßiger mit Freundinnen, die eine ähnliche Einstellung zu Alkohol haben wie ich.

  • Liebe Seepandarine,

    da bist Du auf einem guten Weg, aus dem "Ich muss das aushalten" - Glaubenssatz heraus zu kommen.

    Ich kann Dir dieses Unwohlsein im Kreis alkoholisierter Menschen nachfühlen. Mir ging es im jungen Erwachsenenalter so und ich habe das nasse Umfeld verlassen. Danach konnte ich mich mit dem ausgeliefert sein befassen und mir Stück für Stück mein Leben zurecht basteln.

    Hab Geduld, das geht nicht von heut auf morgen und es geht gefühlt mal einen Schritt vor und zwei zurück. Aber es geht voran und bist schon auf dem Weg.

    Ach so, ich hab mir das alkohollastige Umfeld früher genauso wie Du ausgesucht. Es war eben vertraut und "normal". Bist nicht allein damit.

  • Eben ist mir klar geworden, wie sich das Verhalten von nassen Alkoholikern und Co-Abhängigen ähnelt.

    Es ist beides eine Sucht und das Suchtmittel ist im Prinzip egal. Wenn ich mir das Verhalten meiner Mutter und das meines Vaters ansehe, dann sind die Gemeinsamkeiten: Jammern, sich klein machen, sich in den Mittelpunkt stellen, immer im Alarmmodus sein, wenig bis keine Gefühlsregulation haben, keine Grenzen setzen, Parentifizierung.

    Und hinter allem steckt eine große Not. Oh Mann, das ist jetzt wieder eine Erkenntnis, die reinhaut. Nicht vom Kognitiven her (das weiß ich schon lange), aber vom wirklichen Begreifen/ von der Bedeutung her.

    Es gilt für mich bei meiner co- abhängigen Mutter wie bei meinem Vater: Eigene Grenzen klar machen, diese vertreten und sehen, wie ich von meiner Seite aus den Kontakt gestalte.

    Ich kann meine Mutter ebenso wenig ändern, wie meinen Vater. Ändern kann nur jede/r für sich etwas, wenn gewollt.

    Einerseits fühlt dieses Begreifen entlastend und befreiend an und anderseits wird mir klar, wie allein ich als Mensch im Grunde genommen war und bin in dieser Beziehung. Weil mir beide Elternteile keine emotionale Stabilität gegeben haben und aufgrund ihres Zustandes auch nicht geben können.

    Zum Glück bin ich schon groß. Zum Glück kümmere ich mich um mich selbst.

  • Das ist sehr treffend beschrieben, liebe Anthurie. Es ist genau so.

    Bei mir war und ist die Erkenntnis, die mich immer wieder umhaut die, dass meine Mutter nicht die Heilige ist, wie ich es als Kind immer glauben wollte. Das Vatern säuft,dass war stets bewusst. Aber heute würde ich fast sagen, dass die Auswirkungen der Co-Abhängigkeit auf die Kinder mindestens genauso krass sind. Denn während sich der Alkoholsüchtige Liebe, Bestätigung, Anerkennung etc. beim Co holt und sich auf dessen Kosten groß macht, braucht der Co auch jemanden für seine emotionalen Bedürfnisse. Und das wird nicht selten halt doch das Kind sein.


    Parentifizierung habe ich auch erlebt. Ich habe neulich einmal einen guten Artikel dazu in der Zeit gelesen, bei dem für mich die Erleuchtung kam.


    Aber Du hast es richtig geschrieben. Wir sind jetzt erwachsen, dh wir können, dürfen und müssen Grenzen setzen. Und wenn der Gegenüber beleidigt oder gekränkt ist (wie es bei mir mit meiner Mutter gerade der Fall ist), dann ist es eben so.


    Viele Grüße


    Seb

  • Vielen Dank für Deine Antwort, Seb25 .

    Das arbeitet sehr in mir und ich versuche mal, meine Gedanken zu dem Thema halbwegs sortiert aufzuschreiben.

    Aber heute würde ich fast sagen, dass die Auswirkungen der Co-Abhängigkeit auf die Kinder mindestens genauso krass sind.

    Ja, das sehe ich auch so. Die Suchtstruktur ist ja gleich. Diese Erkenntnis, dass der zweite Elternteil auch wegen Sucht (in dem Fall die Co- Abhängigkeit)handlungsunfähig geblieben ist und mich als Kind so allein und hilflos gelassen hat, ist gerade schwer zu ertragen. Mein persönliches Grauen kommt gerade wieder hoch.

    Von dem Zustand der Selbstwirksamkeit von vor einigen Tagen scheint seit gestern nix mehr da zu sein.

    Zudem habe ich das Gefühl, dass gerade meine eigenen Co- Abhängigkeitsanteile hoch kommen. Ich suche nach Beschwichtigungen und Erklärungen für das Verhalten meiner Eltern und sag mir selber "War vielleicht doch nicht alles so schlimm" usw usf. Das Übliche halt.

    Mein Bedürfnis ist gerade, zu meinen Eltern zu fahren in der Hoffnung, dass ich mich genug mit meiner Aufarbeitung angestrengt habe und jetzt "alles gut wird". Boah, das fühlt sich so sehr nach einem Rückfall in die alten Muster an.

    Ich werde weiter meinen Weg gehen, aber ich gebe zu, dass das zur Zeit reine Kopfentscheidungen sind und nicht aus der inneren Haltung heraus geschieht, die ich zeitweise hatte. Ich möchte meine innere Haltung zurück. Damit ist der Umgang mit dem Thema leichter.

    Was ich vorhin festgestellt habe, ist, dass die HALT- Regel auch für mich gilt. Ich hangel mich von Buchstabe zu Buchstabe.

    . Ich habe neulich einmal einen guten Artikel dazu in der Zeit gelesen, bei dem für mich die Erleuchtung kam.

    Den hab ich auch gelesen. Bzw in einer Wissenschaftszeitung, aber die kooperiert ab und ab mit der Zeit. Dieser Artikel hat mir auch sehr weiter geholfen und ich kann wieder ein Stück besser sehen, wie ich mit meinen Eltern umgehe.

  • Ich werde weiter meinen Weg gehen, aber ich gebe zu, dass das zur Zeit reine Kopfentscheidungen sind und nicht aus der inneren Haltung heraus geschieht, die ich zeitweise hatte. Ich möchte meine innere Haltung zurück. Damit ist der Umgang mit dem Thema leichter.

    Liebe Anthurie,

    das kann ich gut verstehen, dass du dir das Gefühl der starken inneren Haltung zurückwünschst. Und gleichzeitig finde ich das, was du machst, in deinem Sinne zu entscheiden, auch wenn du merkst, dass deine Gefühle in eine andere Richtung (alte Muster gehen) sehr stark. Ich denke mir grade: wie toll ist das, wenn ich das vertrauen haben könnte, dass ich auch in schlechten Tagen gut für mich sorgen kann, dass dann mein Verstand/erwachsener Anteil übernimmt, der mittlerweile einen besseren Überblick hat, was mit gut tut und was nicht. Auch wenn mein Gefühl/kindlicher Anteil gerade etwas anderes sagt und Sicherheit im alten Verhalten sucht.

  • Liebe Anthurie ,

    ich habe deinen Strang gelesen. Ich musste zwischendurch immer mal wieder aufhören. Es gibt sehr viele Gemeinsamkeiten mit meiner Geschichte.

    Du scheinst schon ein ganzes Stück weiter zu sein als ich. Herzlichen Glückwunsch dafür, auch wenn man immer denkt, dass man noch weiter sein könnte, aber Schritt für Schritt.

    In letzter Zeit habe ich mich sehr abgekapselt, aber trotzdem lese ich seit 1 Woche wieder im Forum. Das zeigt mir auch, dass wieder etwas nicht stimmt. Gestern kontaktierte mich mein Vater. Mein erster Gedanke beim Blick auf das klingelnde Telefon „Ach du sch…“

    Das Gespräch war nicht gut. Vorwürfe. Ich würde die Enkel entziehen. Diejenige, die ich bestrafe, sei meine Mutter. Sie weine nun. Manipulationen ohne Ende. Zwischendurch immer wieder wutentbrannt aufgelegt. Ich wollte es aber richten, damit meine Mutter am Abend nicht zu leiden hat. Also gute Miene zum bösen Spiel. Gezittert, Beleidigungen, Lügen gehört und … Der gesamte Gesprächsverlauf kam mir sehr bekannt vor. Als hätte ich ihn haarklein genauso schon einmal erlebt, vor ein paar Jahren. Er war seit Tagen nüchtern. Das hörte ich. Genau das macht mich aber irgendwie noch mehr fertig. Er tätigte seine Aussagen in vollem Bewusstsein. Unfassbar. Am Schluss wieder nur seine Sicht der Dinge. Wie er sich betrunken fühlt. Ein tolles Gefühl muss das sein. Es gab nur Positives, man sei so stark. Alle Probleme überwindbar. Aber jetzt sei er trocken, für uns! Ach nein, für sich (Das was Therapeuten eben hören wollen. Darin ist er ganz groß. Er verarscht alle.) Die Großspurigkeit, von der du schreibst, kenne ich auch. Er ist allwissend, alle Anderen dumme Lämmer. Und auch ich habe dieses Verhalten sehr lange als ganz normal empfunden und es auch teilw. adaptiert. Interessant, dass es bei dir genauso ist. Und erschreckend, dass es im Krankenhaus die anderen 3 Alkoholabhängigen auch zeigten. Das war mir vorher irgendwie nur am Rande bewusst und jetzt ergibt es ansatzweise einen Sinn, den ich für mich selbst auch noch weiter ergründen möchte.

    Diese ganzen Erkenntnisse haben mich so zurückgeworfen!!! Alles wurde gestern so präsent. Wie alles gewesen ist.

    Ziemlich genau vor einem Jahr hatte ich den Kontakt schon einmal abgebrochen, für ein halbes Jahr. Ich habe mich aber nicht so befreit gefühlt wie ich dachte. Habe auch immer wieder Infos von meiner Mutter bekommen, viel zu viele. Ich hatte ihr das auch mitgeteilt. Und so wie Seb25 habe ich es noch nie betrachtet. „… braucht der Co auch jemanden für seine emotionalen Bedürfnisse.“ Aber ja klar!

    Wie hast du geschafft, den Kontakt dauerhaft abzubrechen? Mir graut es vor dem Moment, wenn ich es aussprechen MUSS. Ich kann auflegen, wohne weit weg. Aber er stand auch schon betrunken vor meiner Tür. Ich musste ihn rauswerfen und 2h lang wieder nach Hause fahren. Ich weiß noch nicht mal wie er überhaupt ohne Auto kommen konnte. Und jetzt ist Weihnachten. Er wird sich nicht fern halten, wobei ich ihm schon gesagt habe, dass wir in den Urlaub fahren (was aber nicht so ist).

    Ich sehne mich so sehr nach emotionalem Abstand. Es klingt hart, aber ich wünschte er wäre tot. Dann hätte das Leiden für alle, auch für ihn endlich ein Ende. Und doch wäre es zu einfach.

    Ich habe noch keinen eigenen Faden, überlege aber einen zu eröffnen. Es kostet mich noch zu viel Überwindung einen zu eröffnen, weil man dann natrülich nochmal ganz anders im Fokus steht.

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