Das stigmatisierte Bild vom Alkoholiker

  • Ich hatte einige Monate gewartet. "Ich bin Alkoholiker und habe gestern noch gesoffen" wäre jetzt nicht gerade gut angekommen.

    "Ich trinke seit einem halben Jahr nichts mehr und es geht mir sehr gut damit", dann schon eher.

    Inzwischen passt die Aussage von Bolle bei mir.

    und kein 🐓 mehr danach kräht und die Gefahr sehr gering ist wieder zu saufen, weil man sich kümmert und zufrieden trocken ist

    Da fallen Leute wegen ihres Rückens Monate lang aus. Auch andere Erkrankungen scheinen zuzunehmen.

    Na ja. Bei mir kommt vielleicht auch hinzu, dass ich funktioniert habe, als ich noch gesoffen habe. Deswegen ist wohl ein "Ausfall" bei einem "Rückfall" gar nicht auf deren Schirm.

    Jedenfalls interessiert das keinen Menschen dort wirklich. Sie wissen, Alex meint er ist Alkoholiker und trinkt nichts mehr. Ggfs. geht er deswegen auch nicht mit.

    Das war es auch schon. So wichtig bin ich nicht für die Menschheit. Aber für mich ist es wichtig und sehr entspannend. Die jetzt noch ca. 16 Jahre brauche ich mir keine grauen Haare wachsen lassen, wie ich hier was verpacken muss. Und huiii, großes Geheimnis.

    So passt es für mich. Wenn klar ist, dass ich beruflich dadurch nicht im Eimer bin, würde ich es jederzeit wieder machen.

    Wo ich hingehe, dort bin ich.

  • Das Thema ist nicht neu und kommt natürlich immer wieder. In den letzten 18 Jahren, in denen ich den Job hier mache, sind ständig neue Alkoholiker dazugekommen. Und ich werde ganz sicher nicht müde, es immer wieder aufzugreifen auch wenn bei manchen die Augenbrauen hochgehen und sie murmeln: „Ach, das schon wieder…“ Ja, genau das schon wieder.


    Ich trete das Thema bewusst temporär breit – damit auch in der letzten Ecke des Forums keiner sagen kann, er hätte es nicht mitbekommen. :whistling::mrgreen: Und nein, ich bin nicht auf der Brennsuppe hergeschwommen (den Spruch hab ich, glaube ich, aus dem bayerischen Raum mitgenommen). Ich weiß, dass es Arbeitgeber gibt, die wenig bis gar keine Ahnung haben. Die stressen, das Leben schwer machen wie all die anderen Halbwissenden und Noch-Säufer.

    Ja, aber das ist die Minderheit. Es wird jedoch nicht besser, wenn man ein Beispiel hundertmal wiederholt und hofft, dass sich dadurch das große Bild ändert. Klar, sich zu outen und die Welt darüber zu informieren, ist nicht jedermanns Sache. Das muss es auch nicht sein. Niemand muss sich dafür rechtfertigen, wenn er es nicht tut , das ist völlig in Ordnung, für sich selbst und seinen Schutz.


    Vielleicht hätte ich den Thread anders benennen sollen mein Fehler.:whistling:

    Zum Beispiel: „Wie kann man durch Outing das Stigma bekämpfen?“ Aber nun ist er hier, und wer sich angesprochen fühlt, darf gerne mitdenken oder mitdiskutieren und meinen Liebreiz erfahren, da ich es natürlich anders sehe.:mrgreen:

    Gruß Hartmut

    ------------------

    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • Hallo. Hab das jetzt alles gelesen, auch in dem anderen Thread, und mir schwirrt der Kopf. Das Thema "Outen am Arbeitsplatz" beschäftigt mich ja schon eine gute Weile.

    Als ich Mitte der 90iger zur LZT ging, wusste mein AG Bescheid und hielt mir die Stelle frei, ich hatte auch Telephonate mit einem direkten Vorgesetzten, der mir von der Alkoholproblematik eines engen Freundes erzählte und mir sein Verständnis zusicherte. Warum auch immer, ich habe mich nach den 16 Wochen LZT so geschämt, daß ich nicht zurück bin :-/

    Vielleicht war das auch ganz gut. Es folgten 19 abstinente Jahre, in denen ich anderweitig gearbeitet habe und sehr viel Gutes und Spannendes erlebt habe, das ich nicht erlebt hätte, wäre ich beim AG geblieben.

    Und dann wollte ich wieder in meinen Beruf zum selben AG zurück und hab mich beworben mit den Worten "... seit 15 Jahren trockene Alkoholikerin ...". Und wurde eingestellt.

    Anfangs ging ich sehr offen mit meiner Sucht um, wurde aber immer wieder gewarnt. Von verschiedensten Kollegen und Kolleginnen. Ich solle mir sehr gut überlegen, wem ich was erzähle. Das hat mich sehr verunsichert, so daß ich das Thema nicht mehr ansprach.

    Seit dem Rückfall habe ich mit einer direkten Vorgesetzten, der ich 100%ig vertraue, gesprochen, die mir privat Hilfe anbot, mich aber dringend gebeten hat, es niemanden zu sagen, da weiter höhergestellte Personen krasse Vorurteile haben.

    So sind meine Erfahrungen mit dem Thema: Unterschiedlich.

    Aktuell tendiere ich dazu, nichts zu sagen und die beantragte Reha wird eine psychosomatische Reha sein.

    Liebe Grüße,

    ST

    ☯ 𝒞𝒶𝓇𝓅𝑒 𝒹𝒾𝑒𝓂. 𝒞𝒶𝓇𝓅𝑒 𝓃𝑜𝒸𝓉𝑒𝓂. 𝒞𝒶𝓇𝓅𝑒 𝑜𝓂𝓃𝒾𝒶. ☯

  • Hallo Seiltaenzerin,

    tatsächlich ist es im Berufsleben ganz unterschiedlich. Ich kenne einen Langzeittrockenen (über 20 Jahre). Er erzählte mir, er hätte bei seinem letzten Bewerbungsgespräch erzählt das er trockener Alkoholiker ist. Er wurde eingestellt und sein Vorgesetzter sagte ihm wortwörtlich, dass seien die besten Mitarbeiter. Gewissenhaft und man weiß gleich, dass man keinen Säufer einstellt.

    LG

    Bibi

    Das Leben wird dir solange denselben Test geben, bis du ihn bestanden hast.

    -Xo Filou-

  • Dass du einen lockeren Umgang mit der Sucht hast, das lese ich ja. Es ist ein Weg, der nicht empfehlenswert ist.

    Wie ich sagte... (siehe oben)...

    Ich habe schon immer die Meinung vertreten, dass ich in Bezug auf die Alkoholfrage ein Realist bin. Das war immer schon so. Es gibt ein Utopia, die Welt des makellos Wunderbaren, des Schönen, die Welt der Glückseligkeit (den Verweis auf die amerikanische Prohibition erspare ich mir hier lieber) - ja, und es gibt einen Bereich des Tatsächlichen, des Realistischen, des "Machbaren". Dort, wo man trotz der vorhandenen, schwierigen Umstände und Lebensrealitäten trocken werden will. Ja, wo ich mich insoweit zugehörig fühle, ist wohl klar. Frage: Zählt letztlich nicht das Ergebnis?

    Seit einem Jahr trinke ich nicht(s) mehr und das wird wohl auch so bleiben. Mein "Jahrestag" war mir so etwas von egal, gibt es hier wirklich etwas zu feiern? Aus meiner Sicht nein.

    Die letzten Tage habe ich mich tatsächlich bewusst aus diesem Forum herausgenommen (obwohl ich hier ständig lese), da ich mir zeitweise schon gedacht habe, dass... (ach, ich lasse es)...

    Einen "lockeren" Umgang mit der Sucht (der mir vorgeworfen wird), den habe ich nicht. Auch dazu äußere ich mich nicht weiter. Mir hat mein Alkoholmissbrauch nicht nur fast mein gesamtes soziales Leben ruiniert und mich auch sehr viel Geld gekostet; fast alles, was ich mir über die Jahrzehnte aufgebaut habe, ist weg und es wird Jahre dauern, mich hier wieder zu festigen. Und ich mache hier sehr viel, um hier wieder Fuß zu fassen. In allen Bereichen... Die Vorhalte des "lockeren Umgangs mit der Sucht" möchte ich daher hier nicht weiter kommentieren... Ja, ich habe zuviel getrunken, dies ist mir klar. Ich habe dies gestoppt und versuche mir nun, meine Existenz neu aufzubauen. Den Vorhalt eines vermeintlich laxen Umgangs mit der Trinkerei nehme ich zur Kenntnis, muss aber auch sagen, dass ich diesen so nicht annehmen kann...

    Aus meiner Vergangenheit habe ich seit den Ereignissen des letzten Jahres sehr viel gelernt; ich gehe davon aus, verstanden zu haben, wie ein zukünftiges Leben aussehen sollte...

    Ich schätze dieses Forum wirklich sehr und ich habe hiervon sehr viel profitiert.

    Insoweit bedanke ich mich auch für die oft aufmunternden Antworten der Mitglieder.

    Dort, wo mir (metaphorisch) die Holzlatte vor (auf?) die Stirn geknallt wird, auch dies akzeptiere ich... Gleichwohl erlaube ich mir dabei auch schon, mir meinen Teil dahingehend zu denken und vielleicht zu bedenken zu geben, dass nicht alle Menschen gleich sind, andere Lebensgeschichte haben und dennoch, womöglich unter anderen Voraussetzungen bemüht sind, ein neues Leben zu leben...

  • . Gleichwohl erlaube ich mir dabei auch schon, mir meinen Teil dahingehend zu denken und vielleicht zu bedenken zu geben, dass nicht alle Menschen gleich sind, andere Lebensgeschichte haben und dennoch, womöglich unter anderen Voraussetzungen bemüht sind, ein neues Leben zu leben...

    Der Klassiker an sich. Wer sind andere Menschen? Wer sind sie denn? Was hat das mit der Sucht zu tun? Warum sind diese "anderen Menschen" überhaupt süchtig geworden, wenn sie doch so anders sind?

    Sucht macht doch keinen Unterschied . Das nächste Glas, das ist wichtig.

    Ich habe schon immer die Meinung

    Erfahrung schlägt Meinung. Ich hatte genug Meinungen, sie haben mich jedoch nicht trocken gemacht.

    Auch nicht die Verluste haben die Wende gebracht, nicht Geld, nicht Menschen, nicht Scham. Der Wendepunkt war die Erkenntnis, dass ich alkoholkrank bin und dass die Sucht mein Leben steuert und mich umbringt.

    Verluste kann ich ersetzen, das sind keine Tiefpunkte. Sucht hört jedoch nicht auf, bis ich sie stoppe, denn sie folgt ihren eigenen Regeln. Hat ihre eigenen Gesetze und richtet sich nicht nach Meinungen.

    Sie orientiert sich an der Risikominimierung, nicht mehr und nicht weniger. Wie viele Kompromisse ich mir selbst zugestehe, ist mein persönliches Restrisiko.

    Dann nützt es auch wenig, dass der eine mit dieser Art, der andere mit jener Art trocken bleibt. Er hat ja nichts mit mir zu tun. Und wenn jahrzehntelange Erfahrungen die Grundbausteine ins Leben gerufen haben, hat das auch einen Grund. Friedhöfe sind voll mit individuellen Helden.

    Jeder, der nüchtern bleibt, hat natürlich recht, doch das ist keine Frage eines Jahres, sondern eines ganzen Lebens.

    Wenn unsere Erfahrungen abweichen, hat das Gründe. Und wer nur mit Willen trocken bleiben möchte, der kann das tun, aber er macht aus einer Notwendigkeit einen Wettbewerb.

    Aber hier in diesem Thread geht es um Stigmatisierung. Alles, was damit nichts zu tun hat, kann im eigenen Thread geschehen.

    Gruß Hartmut

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    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • Mir ist neulich irgendwo aufgefallen, dass die meisten Leute, von denen ich etwas mitkriege, unter Alkoholiker ausschliesslich den nassen Alkoholiker verstehen. Ach ja, hier in der Zeitung, war am letzten Wohnort auch schon so in einer anderen Zeitung, da ist die Rede von der Alkoholikerszene am Bahnhof, die die Passsanten anpöbeln. Und das ist ja so. Das ist das Bild und es wird immer wieder bestätigt.
    Die meisten gehen auch nicht ganz zu Unrecht davon aus, dass ein Alkoholiker eben nicht mit dem Trinken aufhört. Oder dass er rückfällig wird. Und wir hier wissen, das trifft auf die Meisten zu.

    Und der schlechte Ruf ist auch verständlich. Gestern hat ein Delirierender auf einer Intensivstation einem Mitpatienten die Beatmungsgeräte manipuliert mit Todesfolge.
    Gewaltverbrechen finden überdurchschnittlich oft im alkoholisierten Zustand statt (also Trinker begehen prozentual mehr Gewaltverbrechen als ihr Anteil an der Bevölkerung ausmacht)
    Und was ich im Co-Bereich lese, macht Trinker auch nicht gerade zu Sympathieträgern. Wird auf mich wohl auch zugetroffen haben.

    Hier wird ja ebenfalls betont, dass wir Trockenen die Minderheit sind.
    Wie willst Du das in Köpfe reinbringen, die sich mit diesem unschönen Thema am liebsten gar nicht erst beschäftigen wollen und es nur tun, wenn sie in ihrem Umfeld davon und auch meist unangenehm betroffen sind?

    Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
    Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man es anschiebt.

    Aber das Gras wächst.
    Sei sparsam mit dem Düngen:mrgreen:

    Einmal editiert, zuletzt von Lebenskuenstler (11. November 2025 um 16:45)

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