Seepandarine - Tochter eines verstorbenen Alkoholikers

  • Hallo zusammen,

    Ich bin erwachsene Tochter eines Alkoholikers. Mein Vater ist Anfang 2019 am Alkohol gestorben, das Thema lässt mich dennoch nicht los bzw. holt mich erst jetzt, mit Mitte/Ende 30, so richtig ein. Mein so geworden sein, wie ich bin. Mich zu fragen und anzuerkennen, wie viele meiner Charakteristiken und Eigenheiten auf das Aufwachsen in einer alkoholabhängigen Familie zurück gehen. Der Gedanke: "Ach, vielleicht bauschst du da auch einfach zu viel auf, so schlimm war es ja jetzt auch wieder nicht." Und andererseits dieses große Wiedererkennen, wenn ich mir typische Eigenschaften/Eigenheiten von EKA durchlese.

    Ich würde mich freuen, mich hier mit euch austauschen und über mich schreiben zu dürfen.

  • Hallo Seepandarine,

    herzlich Willkommen hier bei uns im Forum.

    Im EKA-Bereich gibt es einen oben angepinnten Thread 'Merkmale für ein EKA'. Beim Lesen können einem Kronleuchter aufgehen...

    Damit wir dich fürs Forum freischalten können, folge bitte diesem Link und schreibe einen Satz.

    https://alkoholiker-forum.de/bewerben/

    Danach geht der Erfahrungsaustausch los.

    Liebe Grüße, Linde

    You can't wait until life isn't hard anymore before you decide to be happy.

    - Nightbirde

  • Guten Morgen,

    du bist jetzt freigeschaltet und der Erfahrungsaustausch kann losgehen, nur bitte die ersten vier Wochen nicht im Vorstellungsbereich bei der neuen Usern mit den orangeroten Namen.

    Liebe Grüße. Linde

    You can't wait until life isn't hard anymore before you decide to be happy.

    - Nightbirde

  • Linde66 5. November 2025 um 10:07

    Hat den Titel des Themas von „Vorstellung EKA - Tochter eines verstorbenen Alkoholikers“ zu „Seepandarine - Tochter eines verstorbenen Alkoholikers“ geändert.
  • Guten Nachmittag,

    ich merke grade wieder meine Hemmung/Unsicherheit, wie ich jetzt hier genau anfange, was ich schreibe, berichte, etc. Vor dem Hintergrund einer diffusen Angst es falsch zu machen und ... andere Forenmitglieder damit zu verärgern. Damit bin ich auch bei einem Kernmerkmal, das ich auf mein Aufwachsen in einer alkoholabhängigen Familie zurückführe. Ein diffuses Gefühl anderen "unterlegen" zu sein und vieles zu tun, damit ich keinen Ärger/Wut auf mich ziehe.

    Ein Schnupfen inklusive positivem Corona-Test schafft mir jetzt heute Nachmittag unerwartet Zeit, etwas durchs Forum zu stöbern. Ein großes Verantwortungsbewusstsein und gleichzeitig Kontrollbedürfnis kenne ich auch schon sehr lange von mir - ohne den positiven Test hätte ich es mir heute wahrscheinlich nicht zugestanden mich krankzumelden, auch wenn ich merke, dass es mir nicht ganz gut geht. Dann kommt aber gleich die Selbstüberprüfung: "Geht es dir wirklich schlecht genug? Redest du das nicht grade schlimmer als es eigentlich ist?"

    Jetzt vergrabe ich mich mal ein bisschen im "Merkmale für ein EKA" Thread.

  • Hallo Seepandarine,

    willkommen bei uns in der Selbsthilfegruppe!

    Du brauchst Dir keine Sorgen zu machen, Du wirst hier sicherlich keinen mit Deinen Worten verärgern. Du bist für Dich selbst hier und Deine Selbsthilfe. Nutze das für Dich und schreibe all das, was Dir wichtig ist!

    Ich wünsche Dir gute Besserung! 🍀

    LG Elly

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    Mancher wird erst mutig, wenn er keinen anderen Ausweg mehr sieht.

    - Trocken seit 06.01.2013 -

  • Hallo zusammen,

    habe mich durch den "Merkmale für ein EKA" Thread gewühlt und fleißg Zitate für mich kopiert, wo ich mich wiederfinde. Wie ich dort schon geschrieben hatte, ist für mich ein Kernmerkmal, meine Zurückhaltung. Daher habe ich mir vorhin gedacht, eine gute Leitfrage für mich könnte sein: "Was halte ich grade zurück?". Diese Frage kann ganz verschiedene Ebenen aufgreifen, zum Beispiel in einem Gespräch zurückhalten, dass ich die Sicht des Gegenübers grade nicht teile. Aber auf einer größeren Ebene z.B. auch, dass mir meine Lebenssituation bisweilen nicht zusagt, ich das aber vor mir selbst zurückhalte.

    Ich will die Tage nochmal über meine gesammelten Zitate drüber lesen und die 5 Seiten zusammenfassen/runterbrechen. Ich glaube/hoffe klar zu sehen, was es ist bzw. was ich tue, hilft mir etwas zu verändern. Oder mich im Idealfall erst mal so anzunehmen, wie ich bin.

  • Hallo zusammen,

    Ich bin erwachsene Tochter eines Alkoholikers. Mein Vater ist Anfang 2019 am Alkohol gestorben, das Thema lässt mich dennoch nicht los bzw. holt mich erst jetzt, mit Mitte/Ende 30, so richtig ein. Mein so geworden sein, wie ich bin. Mich zu fragen und anzuerkennen, wie viele meiner Charakteristiken und Eigenheiten auf das Aufwachsen in einer alkoholabhängigen Familie zurück gehen. Der Gedanke: "Ach, vielleicht bauschst du da auch einfach zu viel auf, so schlimm war es ja jetzt auch wieder nicht." Und andererseits dieses große Wiedererkennen, wenn ich mir typische Eigenschaften/Eigenheiten von EKA durchlese.

    Ich würde mich freuen, mich hier mit euch austauschen und über mich schreiben zu dürfen.

    Hallo Seepandarine,

    ich bin auch ein EKA. Mein Vater war alkoholabhängig, ist im Rausch meiner Mutter (die Co-Abhängig war) gegenüber aggressiv geworden und wir Kinder mussten diese Situationen aushalten bzw. war meine Familie "normal" so für mich. Bis ich mit 20 Jahren ausgezogen bin, um dem zu entkommen.

    Ich empfinde bei mir verschobene Grenzen, auch dieses "ist das jetzt wirklich so schlimm oder muss ich mich einfach noch mehr anstrengen oder meine innere Einstellung ändern, um es passend zu machen." Ich habe da keinen inneren Kompass, wann was zu viel ist und stelle mich und mein Empfinden oft in Frage. Erst wenn mir manches von außen von jemand unabhängigen validiert wird, sozusagen die Erlaubnis erteilt wird, dass ich es schon richtig empfinde, kann ich Grenzüberschreitungen etc. sehen und auch für mich anerkennen, ziehe aber nicht unbedingt dann die nötigen Konsequenzen.

    Ich scheine sehr leidensfähig zu sein und sehe dann das Problem eher bei mir als bei anderen bzw. lasse ich bei anderen sogar vieles durchgehen, was ich bei mir selbst stark verurteile. Mir wurde auch erst vor kurzer Zeit (Ü50) klar, wie anders geprägt ich bin als EKA. Das hat mich sehr traurig gemacht bzw. trauere ich immer noch teilweise um meine Kindheit und um meine, für heute destruktiven und hinderlichen Schutzfunktionen, die mir mein Leben und Durchhalten in meiner Familie aber ermöglicht haben. Meine Eltern sind leider beide schon tot. Ich würde tatsächlich sehr gerne die eine oder andere Situation mit Ihnen aufarbeiten und in meiner Erinnerung gerade ziehen und/oder abgleichen. Das geht nun nicht mehr.

    In dem Post "Merkmale für ein EKA" habe ich mich auch erschreckend oft wiedergefunden und mir ist einiges klarer geworden, warum ich so bin, wie ich bin. Nur macht es diese Erkenntnis nicht unbedingt leichter, wenn ich getriggert werde und meine Schutzfunktionen hochfahren...

    Liebe Grüße

    Mel

  • Ich empfinde bei mir verschobene Grenzen, auch dieses "ist das jetzt wirklich so schlimm oder muss ich mich einfach noch mehr anstrengen oder meine innere Einstellung ändern, um es passend zu machen." Ich habe da keinen inneren Kompass, wann was zu viel ist und stelle mich und mein Empfinden oft in Frage. Erst wenn mir manches von außen von jemand unabhängigen validiert wird, sozusagen die Erlaubnis erteilt wird, dass ich es schon richtig empfinde, kann ich Grenzüberschreitungen etc. sehen und auch für mich anerkennen, ziehe aber nicht unbedingt dann die nötigen Konsequenzen.

    Liebe Mel,

    danke für deine Antwort! Ich finde mich da stark wieder, mein eigenes Empfinden in Frage stellen oder auch gar nicht bemerken, dass eine Grenzüberschreitung stattfindet bzw. das Fehlverhalten beim Gegenüber liegt.

    Hatte so eine Situation auf der Arbeit, da kam ein wütender Brief mit Vorwürfen wir hätten betrogen etc. Ich bin Teamleitung und war in den Fall nicht direkt involviert. Nachträgliche Recherchen haben dann ergeben, dass wir tatsächlich unwissentlich zum Nachteil dieser Person gehandelt hatten. Ich hab mich so klein gefühlt und in mir drin war nur noch: "Ich muss mich entschuldigen, der hat ja Recht!", dass ich völlig den Ton des Schreibens übergangen habe. Erst die Reaktion meines Vorgesetztes und einer guten Freundin, die beide sinngemäß sagten: "Na, so ein Ton wie diese Person an den Tag legt, ist einfach nicht angemessen, Fehler hin oder her." hat mich da innehalten lassen. Ich habe bemerkt,dass es für mich scheinbar völlig okay ist zur Sau gemacht zu werden, wenn ich einen Fehler gemacht habe.

    Außerdem kenne ich auch diese "Normalität" von der du schreibst. Es war völlig normal, dass mein Vater quasi immer mit Bier auf seinem Sofa lag (außer vielleicht früh am Morgen). Wenn er zu viel getrunken hatte oder Frust von der Arbeit mit nachhause gebracht hatte, hat er das auch oft an meiner Mutter ausgelassen. Gestichelt, Streit gesucht, war richtig ecklig im verbalen Verhalten. Ich habe sogar ganz lange überzeugt gesagt: "Ich hatte eine schöne Kindheit und Jugend, das war halt schlagartig vorbei als meine Mutter gestorben ist" und erkenne jetzt erst, dass etwas ganz wichtiges (tiefere Bindung) in der Kindheit gefehlt hat. Nicht nur von meinem abhängigen Vater, auch von meiner Mutter, die ich (noch) nicht als klassische Co einsortieren kann, sondern eher als Mensch, der selbst so verloren war, dass sie sich oft in Fantasiewelten geflüchtet hat (Lesen, Videospiele, Fernsehen).

  • Meine Mutter hatte sich auch verloren. Sehr jung geheiratet, mein Vater 9 Jahre älter. Es gab auch eine Trennung, mit getrennten Wohnungen, da war ich ca. 11/12 Jahre alt. Aber leider haben sich meine Eltern wieder versöhnt und sind wieder zusammengezogen. Eine dauerhafte Trennung wäre für meine Schwester und mich in diesem Zusammenhang vielleicht besser gewesen, keine Ahnung. Aber meine Mutter war mental nicht so stark und leider kann ich sie dazu heute nicht mehr befragen, was ihre Gründe waren, wieder zu meinem Vater mit uns zu ziehen.

    Bei mir ist es auch so, dass ich, wenn ich mich an heftige Situationen erinnere, dazu so gut wie keine Emotionen empfinde. Ich kann sowas absolut wie einen Tatsachenbericht erzählen, ganz gefühlskalt. Ich scheine wirklich vieles abgespalten zu haben, Thema Dissoziation. Und auch ich fand meine Kindheit nicht so schlimm, bis ich tiefer in alles eingestiegen bin. Mein bewusstes Erinnern fängt aber auch erst ab 10 Jahren an. Ich vermute, meine Eltern werden auch schon Probleme gehabt haben, als ich ein Baby, Kleinkind und junges Schulkind war. Mein Vater hat auch da bereits getrunken und bei Feiern die Kontrolle über sich und seine Emotionen verloren. Was ich also als Kind mitbekommen habe, entzieht sich völlig meiner bewussten Kenntnis. Ich hatte so oft Angst um meine Mutter, wenn es zwischen ihnen Streit gab.

    Bei mir ist es so, dass ich fast keine Wut verspüre wenn z.B. Versprechen nicht eingehalten werden. Mein Vater hat damals auch nüchtern, nach Rausch und Wut, meiner Mutter und uns soviel versprochen. Bis zum nächsten alkoholisierten Vorfall. Es gehörte anscheinend zu meiner Lebensrealität, das Dinge versprochen wurden und dann nicht eingehalten worden sind und ich da einfach machtlos und nicht handlungsfähig war. Ich musste es einfach ertragen und so hinnehmen. Ich werde mir da auch Enttäuschungsgefühle abtrainiert und abgespalten haben.

    Auch habe ich eine hohe Schwelle bis ich Freude und Spaß bei irgendwas empfinde. Ich sage dazu gerne mir fehlen "Gefühlsfarben", ich habe nicht die volle Palette an Farben zur Verfügung. Und meine Antennen sind oft bei anderen Menschen im Außen, wie sind sie drauf, wie reagieren sie. Meine Mutter hatte uns und meinen Vater mal über Nacht verlassen und ist zu einem anderen Mann "geflüchtet", da war ich 11 Jahre alt, meine Schwester 10. Sie kam aber irgendwann wegen meiner Schwester und mir wieder zurück. Aber auch heute ist das Gefühl, dass ich als Mensch einfach zurückgelassen und ausgetauscht werden kann, sehr präsent. Ich glaube nicht an Stabilität in Beziehungen und bin immer irgendwie auf der Hut, als ob ganz plötzlich was schlimmes passieren kann und ich Bindung und Zugehörigkeit verliere. Das sitzt alles so tief in mir...

  • Die fehlende Wut und fehlende Emotionen wenn ich an schlimme Ereignisse aus meiner Biografie denke, finde ich bei mir auch. Manchmal bin ich wirklich am Zweifeln: "War es denn so schlimm, was ich erlebt habe?" und erkenne dann erst an der Reaktion meines Gegenübers: ja, das war definitiv keine behütete Biografie ohne Vorkommnisse. Mir fehlt Wut auf meinen Vater. Ich finde sie nicht in mir, spüre sie nicht. Ich wünsche mir immer wieder, ich könnte wütend auf ihn sein, statt ihn nur empathisch zu verstehen. Und es ist ein bisschen so, als würde ich durch diese fehlende Wut ausdrücken: "Ist schon okay wie du mit mir umgegangen bist. Ich weiß, du konntest nicht anders." Auf einer Ebene weiß ich, dass er selbst nicht rosig aufgewachsen ist, Konflikte mit seinem Vater hatte und uns Kindern nie bewusst schaden wollte. Und das, also meine Empathi und mein Verständnis, finde ich auf einer anderen Ebene ziemlich verkorkst. Und da merke ich in dem Ausdruck: Wut ist schon irgendwo da, aber ich richte sie gegen mich selber. Ich empfinde sie nicht für den Vater, der mir in besoffenen Telefonaten erzählt hat, dass es viel schlimmer ist die Ehefrau zu verlieren, als die Mutter zu verlieren, dass ich doch verstehen muss, dass er schlimmer dran ist als meine Schwester und ich (das gemeine an der Aussage: er hat die Erfahrung nie gemacht, wie es ist einen Elternteil zu verlieren. Beide Eltern von ihm leben heute noch...). Ich empfinde sie nicht, für den Vater, der in seiner einzigen stationären Rehabilitation pünktlich zum Angehörigenseminar rückfällig war, sodass ich mal wieder alleine war. Ich empfinde sie nicht, für den Vater, der nicht wie verabredet in den Kindergarten kam, sodass ich als einziges Kind ohne Elternteil bei einem Event/Ritual war (weiß nicht mehr, um was es da genau ging, nur dass ich mich geschämt habe und eine andere Mutter mich dann unter ihre Fittiche genommen hat, damit ich da nicht so verloren im kleinen Kreis stehe). Ich spüre stattdessen eine Ahnung von Traurigkeit und die tiefe Sehnsucht eines kleinen Kindes doch endlich noch von diesem Mann gesehen und angenommen zu werden...

  • Ich habe mich jetzt nochmal eingehener mit der Liste von Zitaten aus dem "Merkmale für ein EKA" Thread beschäftigt und das für mich zusammengefasst.

    Stark verdichtet sehe ich bei mir zwei Bereiche von Merkmalen:

    Bereich 1:
    Eine tief liegende Verunsicherung in Bezug auf mich selbst und Angst vor Bedrohung/Abwertung durch andere.
    Das führt zu Zurückhaltung meinerseits und Schwierigkeiten mit der Wut von anderen umzugehen.

    Bereich 2:
    Verantwortungsübernahme/Kontrolle


    Jetzt wo ich das nochmal so schreibe, ist es möglicherweise doch ein Gesamtbereich. Ich konnte erst nicht ganz sehen, wie die Verantwortungsübernahme/Kontrolle zu Bereich 1 passt, aber Verantwortungsübernahme und Kontrolle sind letztlich auch sehr gute Mittel, um Angst (siehe Verunsicherung und Angst vor Abwertung) nicht spüren zu müssen und damit vielleicht eine andere Strategie neben der Zurückhaltung.

    Ich frage mich in letzter Zeit öfter, ob diese Angst vor Abwertung eigentlich meine eigene Wut ist. Wut, die ich in mir nicht zulassen und spüren darf und daher auf meine Umwelt projiziere, denen also unterstelle, sie wären so wütend - was mir dann Angst macht.

  • Und da merke ich in dem Ausdruck: Wut ist schon irgendwo da, aber ich richte sie gegen mich selber. Ich empfinde sie nicht für den Vater...

    Guten Morgen,

    ja, da geht es mir ähnlich. Übergeordnet geht es wohl darum, die Bindung und Zugehörigkeit damals in der Familie erhalten zu können. Also man musste "selbst der Fehler" sein. Das gibt einem das trügerische Gefühl, "wenn ich besser bin, mich mehr anstrenge, Verständnis aufbringe" dann kann ich Teil der Familie bleiben und "habe die Kontrolle". Zum anderen sind Kinder absolut von ihren Eltern und ihrer Fürsorge abhängig um überleben zu können, wir mussten Strategien zur Anpassung entwickeln, um in diesen Familienstrukturen klarkommen zu können. Das waren ganz schlaue Muster, die uns allerdings jetzt als Erwachsene im Weg stehen. Ich kann dir den Podcast von Verena König empfehlen (u.a. die Folge #267, da geht es darum, warum wir unsere Kindheit bagatellisieren.) Diese Frau ist super. Sie hat mir in vielem die Augen geöffnet, es geht dort um Bindungstraumata. (Dami Charf kann ich auch empfehlen, sie macht es ähnlich) Es geht auch viel darum, heute diese verborgenen und verkapselten Gefühle körperlich zu "fühlen". Wir haben einen Klumpen an nicht gefühlten Gefühlen (auch Wut und Traurigkeit) in uns. Wie eine Zwiebel mit vielen Schichten. Nur leider bekomme ich das auch noch nicht so wirklich hin. Ich verstehe kognitiv sehr viel, bekomme es aber nicht ins Gefühl. Und wenn ich getriggert werde, bin ich wie auf einer Schiene unterwegs. Ich sehe zwar von außen, was passiert, aber ich kann dann schlecht eingreifen und meine Reaktionen nicht bewusst umleiten. Ja, und dann kommt die Wut auf mich und die Scham, es wieder nicht hingekriegt mal anders reagiert zu haben.

    Ich habe mich auch schon gefragt, was ich für ein Mensch geworden wäre wenn meine Kindheit nicht durch die Alkohol Abhängigkeit meines Vaters so geprägt worden wäre. Ist natürlich müßig und nicht zielführend. Von Außen sieht man es mir nicht an. Ich wirke stark, gut organisiert, lege großen Wert auf Ehrlichkeit, bin sehr zuverlässig und verantwortungsbewusst, wirke selbstbewusst und ich stehe im Leben, ich würde mich insgesamt als "erfolgreich" beschreiben, was auch immer das für jeden einzelnen bedeutet.

    Das bin ich auch alles, aber innen drin habe ich viele Selbstzweifel, bin sehr perfektionistisch, erkläre und rechtfertige mich viel zu oft, gehe hart mit mir ins Gericht und suche Fehler und Schuld immer zuerst bei mir, als bei anderen.

  • Danke für deine Empfehlungen zu den Podcasts - hatte in beide schon mal reingehört aber mich bisher nicht tiefer damit beschäftigt. Ein Grund, dort nochmal einzutauchen :)

    Ich finde mich in vielem wieder, was du geschrieben hast - kognitiv vieles verstehen, es aber nicht ins Fühlen bekommen (und dann werde ich ungeduldig mit mir selbst - nach dem Motto: "Ja, ich hab's ja jetzt verstanden - warum ändert sich denn nix?!"). Von außen betrachtet lebe ich mein Leben sehr erfolgreich, wenn man mein Elternhaus mit betrachtet. Vor allem was meine formalen Bildungsabschlüsse angeht. Innen drin schaut es (wie schon weiter oben geschrieben) oft anders aus.

    Darf ich fragen, ob du in Bezug auf deine Kindheit/Herkunftsfamilie in Therapie bist oder warst?

  • Darf ich fragen, ob du in Bezug auf deine Kindheit/Herkunftsfamilie in Therapie bist oder warst?

    Guten Morgen Seepandarine,

    speziell wegen meiner Kindheit nicht, wenn ich es mir recht überlege. Ich habe tatsächlich zwischen 20 und 50 überhaupt nicht an meine Kindheit gedacht. Ich war mit "meinem" Leben beschäftigt. Bin beruflich weitergekommen, hatte Beziehungen, habe dann geheiratet und selbst eine Familie gegründet. Die Augen hat mir vor ca. 2 Jahren die Folge " Wie ernst nimmst du dich, von Verena König" geöffnet, weil mir bestimmte Muster bei mir aufgefallen sind, die andere Menschen so nicht haben.

    Kennst du das Thema "Objektkonstanz" z.B., auch ein Thema bei mir, ich kann Bindungen recht schnell innerlich "kappen" und schlecht über Distanzen oder zeitliche Entfernungen aufrecht erhalten. Ich fliege sozusagen aus der Bindung raus und dachte, sowas ist normal. Das haben aber andere Menschen oft nicht, die Bindungsstabil sind. Die fühlen sich innerlich auch noch mit ihrem Partner verbunden, wenn sie zeitlich oder räumlich getrennt sind. Wie gesagt, mir sind so einige Themen bei mir aufgefallen, die für mich "normal" aber auch hinderlich waren. Oder auch die Hypervigilanz (erhöhte Wachsamkeit), ich bin viel im Außen und scanne unbewusst mein Umfeld ab. Ich meine zu erkennen, wenn Spannungen in der Luft liegen oder sich Menschen minimal im Verhalten ändern und bei engen Bezugspersonen beziehe ich das dann gerne auf mich und versuche mich dann so anzupassen, das es wieder läuft, mit dem Ergebnis, dass ich mich in Beziehungen dann recht schnell "verliere" und durch voreilige Trennungen dann gerne die Notbremse ziehe um wieder die Kontrolle über mein Leben zu bekommen. Ich kann auch schlecht darauf vertrauen, dass es andere Menschen einfach so gut mit mir meinen.

    Ich war aber zwischendurch wegen anderer Themen bei Psychologen, wegen Beziehungsthemen, Schuldgefühlen, mangelndem Selbstwert, Ehethemen und was daraus so resultiert. Ich hatte auch in der Endphase meiner Ehe mit Panikattacken und depressiven Verstimmungen zu tun. Ich habe mich im Laufe der Jahre in Ehe und Kinder gross ziehen völlig verloren und mein Nervensystem war echt am Limit. Mit meinem jetzigen Wissen führt das natürlich alles auf meine Kindheit und die dort entwickelten (Schutz-) Muster zurück. Es waren immer Verhaltenstherapien, besser wäre evtl. eine Trauma- Körpertherapie gewesen. Diese Art der Therapie kannte ich bis vor 2 Jahren aber noch gar nicht, muss auch wohl privat bezahlt werden, das ist keine Kassenleistung.

    Ein Trauma war eher für mich, wenn man eine Katastrophe/Unfall überlebt hat oder aus einem Kriegsgebiet kommt. Das es sowas wie Entwicklungs- und Bindungstraumata gibt, war mir nicht bewusst.

    Aber ich versuche immer mehr mich zu "entspannen" und mein Nervensystem selbst beruhigen und stabilisieren zu können. Mache gerade einen MBSR Kurs und versuche bewusster mit meinen Bedürfnissen und Gefühlen umzugehen, mich wieder wichtiger zu nehmen, an erste Stelle zu stellen und auch Grenzen zu setzen. Es ist kein gradliniger Heilungsweg, aber es wird...Ich bin da recht zuversichtlich....:)

    Einmal editiert, zuletzt von Engel11 (10. November 2025 um 08:34)

  • Guten Morgen Mel,

    danke für deine ausführliche Antwort :) Und danke auch nochmal für den Hinweis auf Verena König. Die war irgendwann schon mal auf meiner digitalen Bildfläche erschienen, ich habe damals aber nur kurz was gelesen, in den Podcast nur oberflächlich reinghört. Jetzt ich habe ich die von dir empfohlene Folge angehört und mich auch schon bei einigen weiteren "festgehört" zu Entwicklungstrauma/Bindungstrauma und zur Angst sich zu zeigen und gleichzeitig dem Bedürfnis danach sich zu zeigen und gesehen zu werden. Ich glaube der Podcast ist eine kleine Goldgrube <3

    Kennst du das Thema "Objektkonstanz" z.B., auch ein Thema bei mir, ich kann Bindungen recht schnell innerlich "kappen" und schlecht über Distanzen oder zeitliche Entfernungen aufrecht erhalten. Ich fliege sozusagen aus der Bindung raus und dachte, sowas ist normal.

    Hm, von der Perspektive habe ich da noch gar nicht drüber nachgedacht bzw. noch nicht systematisch drüber nachgedacht. Ich habe zu Beziehungen im Thread zu EKA Merkmalen eines gelesen, worin ich mich wiedergefunden habe - dass Freundschaften lange brauchen, um sich zu entwickeln, es lange dauert, bis ich einen Freund/Freundin wirklich vermissen würde in meinem Leben, ich aber umgekehrt meine Partnerschaften immer Hals über Kopf eingegangen bin, ein Gefühl der Verliebtheit stellte und stellt sich bei mir schnell ein. Ich glaube das ist nicht ganz das gleiche wie du es beschreibst.
    Was ich in die Richtung noch an mir beobachte, ist, dass ich jedes Mal wieder ein bisschen aufgeregt bin (körperlich), wenn ich zu meiner Therapeutin gehe. Und sie ist wirklich eine ganz liebe Person, ich finde da nichts bedrohliches in ihr. Aber scheinbar ist alleine schon dieses Zweier-Setting für mein System irgendwie aufregend (bedrohlich?).

  • Ich guck mal kurz bei euch rein, um mich bei euch für die "Objektkonstanz" zu bedanken.

    Jetzt hat das Thema einen Namen für mich- ich agiere seit meiner Kindheit nach dem Motto "Aus den Augen, aus dem Sinn". Hab mich immer gefragt, was das ist und woher das kommt. Beim Lesen hier ist mir einiges klar geworden.

    Bindungen zu kappen kann ich auch gut- zu Menschen, die "sicher" für mich sind. Bindungen (innerlich) halten kann ich auch gut- bei Menschen, die für mich nicht sicher sind. Da glaub ich immer, dass ich um Aufmerksamkeit kämpfen muss. Dabei haben die Menschen, bei denen ich so reagiere, mit sich zu tun und das triggert das Kind in mir, dass um die Aufmerksamkeit der süchtigen Eltern kämpft.

    Normale bzw gesunde Beziehungen zu erhalten kam mir jahrelang nicht in den Sinn. Die waren einfach weg für mich. Ich konnte auch nicht damit umgehen. Normal und vertraut fühlten sich für mich die suchtgeprägten Beziehungen an.

    Also, danke nochmal.

  • - Der Alkohol und ich -

    Mir ist vor ein paar Tage wieder akut bewusst geworden, welche Rolle Alkohol und Alkoholabhängigkeit immer noch in meinem Leben spielt - auch wenn mein Vater jetzt bald 7 Jahren tot ist. Meine Gedanken/Beobachtungen dazu möchte ich hier nochmal zu digitalem Papier bringen (ist etwas länger geworden).


    Wie trinke ich selbst?
    Ich lebe nicht abstinent, trinke aber seit meinem 30. Geburtstag eher selten und maximal 1-2 Getränke. Mein 30iger war so eine typische Feier im Kreis der Freunde meines Mannes - mit viel Alkohol, wie es mir vertraut war und ich bis dahin auch noch mitgemacht habe. Und an diesem Abend auch mitgemacht habe. Mir ging es am nächsten Tag so elendig, mein Kreislauf war so instabil, dass ich noch nicht mal meine beste Freundin zum Bahnhof fahren konnte. Ich will mich nie mehr in meinem Leben so fühlen, wenn ich es vermeiden kann und ich bin vor dem Hintergrund der Abhängigkeit meines Vaters froh, dass dieser Kater so eindrücklich auf mich gewirkt hat und mich seither davon abhält solche Mengen zu trinken.

    Mit ca. 20 habe ich mit meinem damaligen Freund regelmäßig Freitag und Samstag neben dem Computerspielen Alkohol getrunken. Nicht bis zum Vollrausch, aber es war sehr regelmäßig für ein paar Jahre damals und meine beste Freundin sagte mir später im Vertrauen auch mal, dass sie sich da Sorgen über meinen Konsum gemacht hatte.


    Co-abhängige Züge in meiner Beziehung
    Ich habe hier schon neugierig in einige Threads von Partner*innen reingeschielt. Seit Corona mache ich mir auch Sorgen über den Alkoholkonsum meines Mannes. Die Sorgen sind mal präsenter, mal weniger präsent. Sie kamen damals auf, als er zu Corona angefangen hat, täglich Bier zu trinken. Das war vorher definitiv nicht der Fall. Es waren keine großen Mengen, mehr als 1-2 Bier waren es selten. Aber eben jeden Tag, das berühmte Feierabendbier. Das ich nie haben wollte in einer Beziehung. Ich habe ihn darauf angesprochen, dass ich eine Veränderung wahrnehme, er täglich trinkt und das vorher nicht getan hat. Ich habe parallel auch bei mir bemerkt, wie ich angefangen habe, Flaschen zu zählen...Rückblickend: mir selbst Sicherheit durch Kontrolle zu verschaffen, was bei einer Abhängigkeit ja nichts bringt. Ich weiß bis heute nicht, ob mein Mann abhängig ist oder nicht. Meine Angst ist aber da. Ich habe einmal beim Putzen in einer versteckten Ecke einen leeren Bierkasten gefunden, da war ich ziemlich baff und beunruhigt. Mein Mann meinte als Erklärung, er hätte den geschenkt bekommen und da ich ihn ja immer auf sein Trinken angesprochen hätte, hätte er lieber vor mir verborgen getrunken. Er wirkte ziemlich kleinlaut, als ich ihm sagte, dass das heimliche Trinken eigentlich schon ein sehr untrügliches Zeichen ist, dass da was im Argen liegt. Vor ca. 1,5 Jahren habe ich dann nochmal 2 leere Bierflaschen hinterm Trockner gefunden, die ziemlich sicher noch nicht lange dort gestanden waren - die waren angeblich von einem Handwerkereinsatz einige Wochen vorher...

    Ich merke, dass ich mittlerweile abchecke, wenn er von der Arbeit nachhause kommt, ob ich Alkoholgeruch wahrnehme und wie er auf mich wirkt. Und ich bin mir soooo unsicher in meiner eigenen Wahrnehmung. Ich würde ihm so gerne glauben, wenn er mir sagt, dass seine schweren Augenlieder, sein leichtes Schwanken nur auf einen langen und stressigen Arbeitstag zurückgehen. Gleichzeitig bleibt Restzweifel. Und andererseits bin ich mir doch sicher in meiner Wahrnehmung: er ist oft "anders" nach langen Arbeitstagen. Eben das schwankende Stehen, das langsame Blinzeln, eher müde in der Gegend rumschauen beim Reden. Seine Stimmlage ist anders. Oft schwingt etwas Überhebliches mit, wenn er dann über Probleme auf der Arbeit spricht. Mir ist neulich bewusst geworden: eigentlich ist es egal, ob und welche Rolle Alkohol bei diesem Zustand spielt. Ich mag diesen Zustand einfach nicht, weil ich so keine Freude habe noch Zeit mit ihm zu verbringen (und er meistens eh schnell im Bett ist).


    Meine Arbeit
    Beruflich bin ich seit 7 Jahren im Bereich der Suchthilfe, ich habe meine Stelle knapp 2 Monate vor dem Tod meines Vaters angetreten. Wenn ich im Kontext meiner Familiengeschichte von meiner Arbeit erzähle, juckt es mich immer gleich klarzustellen, dass ich nicht versuche Suchtkranke zu retten, nachdem ich meinen Vater nicht retten konnte. Das ist so ein Narrativ, das dann recht schnell auftaucht. Rückblickend würde ich sagen, dass ich nie versucht habe, meinen Vater zu retten. Meine unbewusste Strategie war eher, durch Verständnis ihm gegenüber (auch wenn er suizidale Gedanken geäußert hat), doch noch Liebe und Anerkennung zu bekommen... Und natürlich hat es für mich sehr wahrscheinlich doch eine besondere Bedeutung, dass ich in dem Bereich arbeite. Für mich war damals klar, dass ich bei meiner vorherigen Stelle aufhöre. Ich habe einige Zeit damit verbracht, nach Stellen zu suchen. Habe Bewerbungen geschrieben, in meinem Wunschbereich aber keine Einladungen zu Gesprächen bekommen. Und habe damals schon gesehen, dass sogar zwei örtlich und von meiner Qualifikation her passende Stellen in der Suchthilfe frei sind. Mein erster Impuls war: "No way bewerbe ich mich da, bei der Geschichte mit meinem Vater bin ich wahrscheinlich gar nicht in der Lage da gut zu arbeiten, das wäre alles viel zu nahe an meiner eigenen Geschichte dran". Die Zeit verging, ich fand keinen Job in meinem Beruf. Die beiden Stellen waren weiter ausgeschrieben. Ich begann zu überlegen, ob ich es nicht doch einfach dort versuchen könnte - wieder kündigen, wenn ich es gar nicht packe, könnte ich ja jederzeit. Bewerbung geschrieben, eingeladen, überzeugt, zack - eingestellt. Nach meiner Wahrnehmung bin ich in der Suchthilfe gelandet, weil ich mich nicht genügend abgrenzen konnte - weil meine Angst keinen Job zu finden irgendwann größer wurde als mein "Nein" gegenüber dem Thema Sucht. Diese mangelnde Abgrenzung ist auch ein Thema, dass ich in der Beziehung zu meinem Vater sehr gut kenne.

    Ich war dann etwas überrascht, als ich relativ schnell gemerkt habe, dass die Arbeit in der Suchthilfe für mich auch heilsam war. Ich bin hier das erste mal mit Suchterkrankten zusammengekommen, die wirklich motiviert waren, etwas zu verändern, und die es für sich geschafft haben einen Weg aus der Sucht zu nehmen. Zu sehen, dass es auch diesen Weg gibt, und nicht nur den schweren Weg, immer weiter in die Sucht rein, über soziotherapeutische Einrichtungen, Betreuer*in, Trinkpause, Trinken, Trinkpause, Trinken.... - das hat mir gut getan. Und so bin ich geblieben. Seit knapp 2 Jahren befasse ich mich jetzt mehr mit mir, bin in Therapie und da ist mein Vater natürlich wieder präsent. Seitdem gibt es Tage, manchmal auch Wochen, in denen ich mit meiner Arbeit hadere - mich frage, ob sie mir grade wirklich gut tut. Und dann kommen auch wieder Momente, in denen ich sehr dankbar für meine Arbeit bin, weil sie mir ermöglicht einzigartige Menschen bei ihrer Entwicklung aus der Sucht zu begleiten. Und weil ich wirklich tolle Kolleg*innen habe, die ich eigentlich nicht missen möchte.

    Was für mich bisher definitiv nicht ging, war Menschen zu begleiten, die mich von ihrer Art her zu sehr an meinen Vater erinnern. Hier kam früher oder später ein deutliches Unwohlsein bei mir auf. Der Zusammenhalt im Team ist aber so gut, dass in solchen Fällen eine Kollegin übernimmt.


    So, jetzt ist das mal raus aus dem Kopf. Ich merke einen altbekannten Druck, damit doch jetzt etwas tun zu müssen. Entscheidungen treffen zu müssen - mich trennen, neuer Job. Alle Verbindungen zu Alkohol kappen. Gleichzeitig habe ich den starken Verdacht, dass das auch nicht zwingend hilfreich wäre. Ich nehme mich selbst ja überall mit hin. Meine Kindheit hat Spuren IN MIR hinterlassen. Die möchte ich mir anschauen und sanft verändern. Und dann sehe ich, was ich mit dem Thema Alkohol noch machen möchte. Ich denke das regelt sich in die eine andere Richtung wahrscheinlich nebenbei, im Zuge dessen, dass ich mich um mich und meine Verhaltensmuster und Prägungen kümmere.

  • Heute möchte ich wieder eine neue Erkenntnis hier niederschreiben.

    Wobei, sie ist nicht ganz neu, aber ich habe dieses Mal das Gefühl, dass sie eine Etage tiefer gerutscht ist, nicht nur ein gedankliches "Jaja, hab verstanden", sondern auch ein gefühltes Verstehen.

    Ich beschäftige mich aktuell intensiv mit Traumatisierung, habe mich in einen Selbsthilfekurs dazu eingeschrieben. Ich erinnere kein Schocktrauma, keine körperliche oder sexuelle Misshandlung in meiner Kindheit. Und trotzdem sind durch das Aufwachsen mit meinem alkoholabhängigen Vater und meiner psychisch beeinträchtigten Mutter Spuren geblieben - eine Form von Bindungstrauma, möglicherweise.

    Eines der ersten Dinge, die in diesem Kurs geübt werden, ist Orientierung. Körperliche Orientierung im Hier und Jetzt, sich bewusst im Raum umschauen, den Kopf und Oberkörper dazu mitdrehen. Die Erklärung hierfür fand ich sehr interessant. Bei Traumatisierung ist die natürliche Orientierungsreaktion unterbrochen. Die führt normalerweise dazu, dass wir uns einem unbekannten Reiz (etwas erregt unsere Aufmerksamkeit) zuwenden (z.B.: Es raschelt im Gebüsch, ich registriere das, bin evtl. überrascht und schaue dann da hin, orientiere mich dahin). Als Folge eines Traumas ist wohl diese Orientierungsreaktion unterbrochen. Wir gehen bildlich gesprochen mit hochgezogenen Schultern und eingeengtem Blick durchs Leben, schauen gar nicht rechts und links, trauen uns das vielleicht nicht. Und dieses Bild passt soooo gut zu meinem Empfinden! Ich habe mich so gesehen gefühlt und hatte ein echtes "Aha!" Erlebnis. Mal abgesehen davon, dass ich tatsächlich oft meine Schultern unbewusst hochziehe und mich grade in sozialen Situationen oft nicht traue, mich neugierig umzuschauen (das könnte ja auffallen), trifft es auch meine innere Situation. Es fällt mir schwer, Optionen, Entscheidungs-, Handlungsspielräume zu sehen. Fühle mich dadurch manchmal letztlich "optionslos" in meiner aktuellen Situation. Und das stimmt ja überhaupt nicht.

    Nachdem ich die letzten Tage die Orientierung zuhause geübt habe, hatte ich noch eine Erkenntnis: meine bisher eingeschränkte Orientierungsreaktion hat mir sehr geholfen/hilft mir sehr, mich anzupassen in meinem Leben. Wenn ich mich bei uns im Haus ehrlich umschaue, orientiere, Gefühle und Empfindungen zulasse, gibt es einige Sachen ganz pragmatisch in der Einrichtung und Funktionalität des Hauses, die mir nicht gefallen. Selbiges, wenn ich mich in meiner Ehe "umschaue". Das die ganze Zeit zu fühlen, ist anstrengend. Vor dem Hintergrund kann ich es auch als Ressource wertschätzen, diese Anpassungsfähigkeit zu haben - die hat mir mein Leben bisher erträglich gemacht (leider aber auch etwas weniger "lebendig"). Dumm nur, dass ich mich dabei selbst verliere, Kontakt zu meinen Bedürfnissen verliere :| Ich bin aktuell in einer berufsbegleitenden therapeutischen Weiterbildung. Meine Ausbilderin sagte vor ca. 1 Jahr, sehr wohlwollend, sinngemäß zu mir: "Wann fängst du an, die Augen aufzumachen?". Jetzt bekommt dieser Satz große Bedeutung und Tiefe für mich. Ich glaube ich fange an, ganz langsam, sie aufzumachen. Und erkenne gleichzeitig, warum ich sie so lange verschlossen hatte - mir gefällt einiges von dem, was ich sehe, nicht. Bisher war es für mich einfacher, die Augen wieder zu zu machen und keine Energie in eine Veränderung der Umstände zu stecken. Ich glaube nur, dass das auf Dauer für mich nicht mehr funktionieren wird. Wenn ich zu mir finden will, mich mit mir auseinandersetzen, mit mir Freundschaft schließen will, kann ich die Augen nicht länger dauerhaft geschlossen halten.

    Irgendwie fühlt es sich grade angenehm aufregend an, das hier zu schreiben.:) Ich bin froh, hierher gefunden zu haben und hier diesen Platz zur Selbstreflektion zu haben, nicht ganz alleine in einem verschlossenen Buch, sondern an einem Ort, an dem ich auch gesehen werden kann <3

  • Hallo Seepanderine,

    danke für deine Beiträge, ich komme nicht aus einer Alkoholbelastenden Familie aber durch deine beiträge wird mir manches klar oder bewußt. Ich bin praktisch ein nachkriegskind, meine Eltern spät geheiratet voll von ihren eigenen Erlebnissen, ich denke sie wollten vieles besser machen aber die eigene Lebensgeschichte kam oft durch mit physischer und psychischer Gewalt.

    Mariexy

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