Alyfee - 7 Monate ohne Alkohol - ich wusste nicht mehr, wie schön das Leben sein kann.

  • Jeder muss sein Leben leben, du lebst noch, inzwischen sogar ohne Alkohol und schaffst es, dein Kind zu versorgen, du hast allen Grund stolz auf dich zu sein. Dass der Alkohol die Therapeuten weniger interessiert hat, kann ich nachvollziehen, da du auch ohne diese Problematik genug Probleme hattest, die bearbeitet werden konnten. Ohne selber abhängig zu sein, hättest du dich vielleicht eher von deinem Partner getrennt, wer weiß. Aber jetzt ist jetzt und du bist handlungsfähig, das freut mich sehr für dich. LG Matcha

  • Die Jahre nach der Traumatherapie waren dann geprägt von Kampf. Kampf um Teilhabe für meinen Sohn. Den Kampf führe ich bis heute weiter. Und der wird wahrscheinlich auch nie ganz aufhören. Kampf mit Behörden, Ämtern, Schulen, Ärzten. Geprägt von Ausgrenzung und Unverständnis. Und der Alkohol mein Begleiter. Weil ich nirgends Halt fand, weil ich so hart geworden war, mich niemandem öffnen wollte und konnte, weil die Welt für mich grundsätzlich böse und beängstigend und verschlossen war. Alkohol war mein Halt. Meine Flucht, mein Gefühlsregulator. Ohne Alkohol fühlte ich einfach bald gar nichts mehr. Ich war innerlich leer. Funktionieren geht, das habe ich ja seit frühster Kindheit gelernt. Aber Fühlen, das hatte ich nie gelernt. Mit Alkohol konnte ich fühlen. Aber es waren eben Alkoholgeschwängerte Gefühle, sie waren nicht echt, sie waren künstlich erzeugt. Wenn Angst mal wieder hochkam, hat Alkohol sie betäubt. Wenn ich wieder leer war, hat Alkohol zu Heulkrämpfen und Selbstmitleid geführt. Ich war einfach gar nicht ich selbst. Ich hatte keine Zeit dafür und ich wusste auch nicht, was das überhaupt heißen soll. Sei du selbst...mein Selbst war so tief unter Schutt begraben, dass ich schon lange nicht mehr wusste, was das eigentlich sein soll. Und ich ertrappte mich dann immer wieder bei dem Gedanken, dass ich einfach nur noch ein bisschen durchalten muss. Bis ich meinen Sohn groß habe. Bis er Selbstständig ist, ein eigenes Leben führt und dann...war da nichts.

    Was kommt dann?

    Da war nichts. Ich hatte einfach keine Perspektive. Ich wusste nicht mehr, was ich schön fand, ich hatte keine Hobbies mehr, kein Ziel. Da war einfach nichts. Nur der Gedanke, dann kannst du einfach weitersaufen, die paar Jahre hält dein Körper schon noch durch und dann kannst du endlich Ruhe finden. Dann kann ich endlich sterben.

    Und als sich dieser Gedanke immer häufiger einstellte, da kam irgendwo, wo auch immer das herkam, Trotz auf. Ich hab mein Leben angesehen und dachte, du hast so viel hinter dir, soviel geschafft, so viel gelitten und nie an dich gedacht. Du darfst nicht sterben, ohne vorher nochmal ein schönes Leben gehabt zu haben. Du darfst nicht so verbittert gehen. Da MUSS irgendwo auch für dich ein Stückchen Glück übrig sein. Und bevor du das nicht gefunden hast, gehst du nicht. Aber um das zu finden, muss der Alkohol endlich weg. Nicht für ein paar Monate, sondern für immer. Er ist der Nährboden, er füttert mein Elend, er muss weg. Für immer.

  • "Er füttert mein Elend".

    Das trifft es sehr genau, was der Alkohol mit mir auch gemacht hat. Danke schön für deinen Bericht und deine klaren Worte, das hilft mir, weiterhin wachsam und nüchtern zu bleiben.

    Ich bin zuversichtlich, dass nicht nur ein Stückchen Glück für dich da ist, sondern mehr, wenn du dich nicht davor versteckst.

    LG Matcha

  • Der Punkt war vor ca. 2 Jahren. Ich beschloss, nochmals umzuziehen. Habe den Alkohol beiseite gestellt, organisiert, gepackt, renoviert, mein restliches Hab und Gut in zwei Autos geladen und bin 100 km weiter weg in eine kleine Stadt gezogen. In die Nähe meiner restlichen Famlie. In der Hoffnung, nicht ganz allein dazustehen. (Spoiler...naiver Gedanke) Habe eine schöne, bezahlbare Wohnung gefunden und mich auch sofort bemüht, hier (unabhängig von meiner Familie) Anschluss zu finden. Hilfssysteme installiert, nicht nur für meinen Sohn, sondern auch für mich. Tja, so, wie ich mir das vorgestellt habe, war es dann natürlich wieder nicht. Die Schulsituation meines Sohnes ist hier NOCH schlechter geworden (das wäre aber ein eigenes Thema) mittlerweile ist er dauerhaft krankgeschrieben und ich kämpfe gerade dafür, dass er über eine Onlineschule überhaupt einen Schulabschluss machen kann.

    Alkohol war wieder kein Thema, als dann hier aber wieder alles in Kampf ausartete...kam er wieder. Und diesmal, da wurde aus Bier, Schnaps. Ich hatte über die Jahre eigentlich immer nur Bier getrunken. Eine Zeit dann Wein, den ich aber überhaupt nicht gut vertrage. Aber ich hatte mittlerweile eine solche Toleranz, dass ich das mit Bier nicht mehr decken konnte. Also ging ich zu Rum über. Mit Cola gemischt. Das schmeckt ja sogar. Da kann man sich dann noch mehr genemigen. Alkohol weg für immer...tja, wieder nicht. Und nachdem ich umgestiegen war auf Rum, war ich in kürzester Zeit (6 Monate vielleicht) bei einer Flasche am Abend. (Ich trank ja nur abends) Dann rückte der "Abend" aber immer weiter vor, 18.00 Uhr, 17.00 Uhr, 16.00 Uhr.

    Bis es zu dem Ereignis kam, dass ich anfangs schon geschildert hatte.

    Seitdem Tag bezeichne ich mich selbst als Alkoholiker. Habe es auch Freunden, Familie, Ärzten und allen Menschen, die gerade mit uns zusammenarbeiten (Sozialarbeiter/sozialpsychiatrischer Dienst, meiner neuen Psychiaterin ect.) gesagt. Ich habe es das erste Mal öffentlich gemacht. Bin zur Suchtberatung gegangen und werde dort betreut. Habe für mich (und diesmal nur für mich) das Ambulant Betreute Wohnen beantragt. Für meinen Sohn eine Erziehungsbeistandschaft. Und mache den Alkohol jetzt zum Thema. Nicht mehr versteckt und nur mit mir selbst, sondern offen. Ich habe neue Kontakte geknüft, die ohne Alkohol funktionieren, weil dort niemand trinkt. Habe alte Kontakte (unter anderem meine Familie) vorerst auf Eis gelegt, weil ohne Alkohol dort nichts geht. (selbst alles Trinker) Ich habe angefangen, Verantwortung nicht mehr allein zu tragen, sondern abzugeben, um Zeit zu haben, für mich selbst zu sorgen. Das erste Mal überhaupt in meinem Leben. Und habe seit 7 Monaten keinen Tropfen mehr getrunken. Nicht, weil ich denke ich darf nicht oder ich muss das tun, sondern, weil ich es wirklich endlich nicht mehr will. Und seitdem ist meine Lebensfreude zurückgekommen. Meine Kontakte haben sich gefestigt, ich unternehme Dinge, die mir Spaß machen, ich bin Teil einer tollen Gemeinschaft geworden, mit der ich zusammen meinen Hobbies nachgehe. Ich habe so viele Menchen kennengelernt, wie seit 20 Jahren nicht mehr. Mit Alkohol, wäre das nicht gegangen. Das geht nur ohne. Ich habe endlich wieder Zugang zu meinen Gefühlen, kann sie fühlen, kann sie zulassen, kann sie aushalten und endlich wirklich verarbeiten, statt sie zu betäuben oder zu unterdrücken. Das ist ein Gefühl, nach dem ich mich immer gesehnt hatte, was ich aber nie erreichen konnte, weil der Alkohol eine riesen Mauer darum gebaut hatte. Die Mauer ist jetzt durchlässig. Und dahinter ist das Leben, was ich mir gewünscht habe. Und es ist jetzt erreichbar. Jeden Tag ohne Alkohol ist ein weiterer Schritt hinein in dieses Leben. In dem ich mich selbst finde. In dem ich mein verschüttetes Selbstbild wiederfinde und neu aufbauen kann.

    Ich weiß nicht, ob ihr euch das vorstellen könnt, aber es ist für mich wirklich, wie ein neues Leben. Wie eine neue Welt. Ich habe wieder vertrauen, ich habe wieder Träume, ich habe wieder Lust und Energie, Dinge zu tun, die mir Spaß machen. Ich nehme mir bewusst Zeit nur für mich. Nach so vielen Jahren in emotionaler Abgestumpftheit, dachte ich, ich sei innerlich tot. Das mein Inneres so kaputt ist, dass es da nichts mehr gibt, was heilen kann. Aber mein Kern, der innerste Kern, der ist heil geblieben. Er war nur verschüttet und wird jetzt, Stück für Stück freigelegt.

    Ich dachte so viele Jahre, ich brauche den Alkohol, um zu Leben. Jetzt merke ich, der Alkohol hat mir das Leben genommen. Ohne ihn fängt das Leben an. Und ich habe wieder Lust aufs Leben. Ich habe Lust auf die Zukunft. Ich freue mich auf das, was noch kommt.

    Nur der Alkohol, der darf nie wieder zu mir kommen.

    Danke fürs Schreiben dürfen.

  • Ich bin zuversichtlich, dass nicht nur ein Stückchen Glück für dich da ist, sondern mehr, wenn du dich nicht davor versteckst.

    Hallo Matcha,

    das Glück liegt offen auf der Straße. Aber Alkohol macht blind dafür. Ich finde heute, nüchtern, jeden Tag ein Stück Glück. Ich führe jetzt eine Art "Glückstagebuch" Ich schreibe jeden Tag auf, was schön war am Tag. Ich finde immer etwas. Und meditiere abends, um weiterhin Zugang zu meinen Gefühlen zu behalten. Das tut mir sehr gut.

    Liebe Grüße und auf deinem Weg weiter viel Kraft. Und Glück.

  • Hallo Alyfee, Deine Geschichte hat mich sehr berührt. Ich wünsche Dir alles Gute auf Deinem Weg…. von Deinem Wunsch, den Rest Deines Lebens die Sonne und das Glück auf Deiner Seite zu haben. Das Funktioniert nur ohne Alkohol. Sicherlich verläuft das Leben nicht immer geradlinig, es wird immer mal Sorgen und Probleme geben, aber Hilfe zu suchen, anzunehmen, das richtige Umfeld zu haben, sind wichtige Bausteine einer zufriedenen Abstinenz. Du machst das gut 👍🏼

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    LG Tabsi, abstinent seit 27.04.2024

  • Danke Tabsi,

    ich habe die Tage mit meiner (tja, wie nennt man sowas eigentlich) Betreuerin ( ne, irgendwie nicht, egal) vom Ambulant Betreuten Wohnen über meine Alkoholgeschichte gesprochen. Sehr offen. Und sie gebeten, mich direkt anzusprechen, sollte sie merken, dass Alkohol hier wieder Einzug hält.

    Ich glaube, das ist ein wichtiger Schritt, der mir früher gefehlt hat. Ich wollte es allein schaffen. Von meinem Alkoholproblem habe ich nie jemandem erzählt, auch, wenn ich mir mal vorgenommen hatte, weniger bzw. nicht zu trinken. Ich dachte, ich mache das, weil ich mich einfach zu sehr schäme. Aber eigentlich habe ich mir damit immer die Tür offen gehalten, wieder anfangen zu können, ohne dass ich mich rechtfertigen muss. Diese Tür hab ich jetzt zugemacht, indem ich meinen engsten Freunden und den Menschen, mit denen ich zusammenarbeite die Wahrheit gesagt habe. Das macht den Weg zurück in die Sucht für mich deutlich schwieriger.

    Was ich außerdem geändert habe ist mein Umfeld. Der Umzug in eine neue Stadt hat dabei sehr geholfen. Meine Heimatstadt war so vergiftet von meiner Vergangenheit, dass dort ein alkoholfreies Leben so gut wie unmöglich war. Überall, egal wo ich hingegangen bin, hingen Erinnerungen an meine Vergangenheit in der Luft. Und ich hatte nur noch "Freunde" mit denen ich außschließlich getrunken habe. Viele waren das auch nicht mehr. Habe mich aus einer völlig zerstörerischen Beziehung gelöst (basierte auf Alkohol) und den Kontakt abgebrochen.

    Hier habe ich in kurzer Zeit so viele neue, tolle Menschen kennengelernt, wie in den letzten 10 Jahren in der alten Heimat nicht. Und Alkohol spielt hier gar keine Rolle. So gut wie niemand trinkt. Und wir können trotzdem eine unglaublich tolle Zeit miteinander verbringen. Was heißt trotzdem, gerade deswegen. Meine Unsicherheiten und Ängste konnte ich nach und nach abbauen und fühle mich das erste Mal seit vielen Jahren in einer Gemeinschaft wirklich angenommen und wohl und kann meine Fähigkeiten miteinbringen und werde dort geschätzt. Was für ein Gefühl. Ich dachte wirklich jahrelang, dass es das für mich einfach nicht gibt.

    Ein Problem habe ich allerdings noch, und das zu lösen wird nicht einfach werden.

    Meine Familie. Meine Schwester, ihr Mann und mein Neffe. Ich hatte mich sehr gefreut, endlich bei ihnen in der Nähe zu wohnen und hatte gehofft, unsere Beziehung würde dadurch fester und intensiver werden. Naja, das hat sich leider so nicht erfüllt. Wir haben einfach unterschiedliche Auffassungen, was Famlienleben angeht. Und sie trinken alle. Viel. Mein Neffe schafft es, wenn wir uns treffen wenigstens nicht zu trinken, dafür konsumiert er andere Dinge. Meine Schwester und ihr Mann schaffen das nicht. Sogar wenn wir uns mittags treffen, haben sie schon mindestens ein Bier intus.

    Als ich ihnen gesagt habe, dass ich aufhöre mit dem Alkohol, weil ich mich sonst totsaufe, haben sie völlig verdattert reagiert. Obwohl sie wissen, wie viel ich trinke. Unsere komplette Beziehung basiert auf Alkohol. Wenn wir uns früher getroffen haben, war das erste, was ich in der Tür in die Hand gedrückt bekam ein Bier und nach spätestens 2 Stunden stand die Schnapsflasche auf dem Tisch. Wir hatten NIE und ich meine NIE nüchterne Begegnungen. Die Zeit ist jetzt vorbei. Und unsere Beziehung muss irgendwie neu gelernt werden. Aber ich weiß einfach nicht, wie das klappen soll.

    Ich hatte vor ca. 1 Monat mit meiner Schwester gesprochen und ihr gesagt, dass ich mich erstmal neu sortieren muss. In meiner Nüchternheit stabil werden muss, mit mir selbst ins Reine kommen muss und deswegen Zeit brauche und den Kontakt vorerst auf Eis lege, weil es mich überfordert. Denn seit ich nicht mehr trinke, ist das Thema bei ihr noch präsenter geworden. Sie spricht es bei jeder Gelegenheit an und geht dann ständig in die Rechtfertigung, warum SIE ja kein Alkoholproblem hat (Spoileralarm...hat Sie) im nächsten Atemzug aber sagt, dass ihr ihre eigene Sauferei auf die Nerven geht, dass sie Angst hat vor der nächsten Blutabnahmen (sie meint, es wäre erst ein Problem, wenn die Leberwerte schlecht sind) Total widersprüchliche Aussagen und das triggert mich massiv. Gleichzeitig ist sie aber auch NIE nüchtern. Der letzte Besuch bei mir (schon ein paar Monate her, da hatte ich gerade aufgehört zu trinken und das auch so kommuniziert) wollten wir uns zum Frühstück treffen bei mir zu Hause. Gut, Frühstück bedeutet bei ihr eher 12.00 Uhr als 08.00 Uhr, das wusste ich. Aber sie kam rein und das erste, was sie sagte war..."Ich hab einen Zwischenhalt in der Eckkneipe gemacht und erstmal ein Bier getrunken, stört dich hoffentlich nicht." Ähm es ist noch nicht mal Mittag? "Aber ich hatte so einen Bierdurst" *hihihihi*

    Das war unser letztes Treffen, ansonsten haben wir die letzten Monate nur telefoniert. Weihnachten wollte sie nicht kommen, Silverster hat sie einen Tag vorher abgesagt.

    Jetzt herrscht seit etwas über einem Monat Funkstille aber ich muss mir langsam überlegen, wie das mit uns weitergehen soll. Ich will sie nicht verlieren, denn sie ist trotz allem ein toller Mensch (wenn auch ganz anders als ich) Aber wie unsere Beziehung jetzt funktionieren soll, weiß ich auch nicht. Sie kann sich selbst nur schwer reflektieren, fühlt sich schnell angegriffen, obwohl sie gar nicht gemeint ist, bezieht sehr sehr vieles auf sich, obwohl ich sie gar nicht meine. Auch mein Entschluss, keinen Alkohol mehr zu trinken, scheint sie irgendwie als Angriff auf sich zu beziehen. Das macht das Ganze irgendwie schwierig. Und eine Lösung habe ich noch nicht. Ich schiebe den Kontakt im Moment auch immer weiter auf. Aus Sorge, sie zu verlieren, weil sie mit meiner Nüchternheit nicht zurecht kommt.

    Ich vermisse sie schon, aber ich vermisse sie nicht so sehr, als dass ich mein alkoholfreies Leben für sie wieder aufgeben würde. Und die letzte Konsequenz wäre es, den Kontakt zu beenden. Und davor habe ich Angst. Und deswegen schaffe ich es nicht, mich bei ihr zu melden.

    Mit ihr darüber reden kann ich nicht. Sie versteht das wirklich nicht, da fehlt es ihr irgendwie an Tiefgang. Ich habe es schon versucht, aber wie oben beschrieben, alles wird als Angriff gewertet.

    Tja, und nun? Habt ihr vielleicht Ideen? Nächsten Monat ist unser "Geburtstagsmonat" Alle Geschwister bis auf eine haben kurz hintereinander Geburtstag und ich muss langsam eine Entscheidung treffen..einladen oder nicht? Hingehen oder nicht?

    LG

  • Ich fürchte, um irgendjemandem irgendetwas zu raten, dafür bin ich noch viel zu frisch im Thema, als dass ich mir da anmaßen würde, Tipps zu geben. Und mein Bauchgefühl ist in dem Thema leider auch nicht der beste Ratgeber, denn das trügt mich gern, vor allem, wenn es um meine Familie geht.

  • Hallo Alyfee, ich denke, Rennschnecke meinte die Frage anders. Wie würdest Du entscheiden, wenn Deine beste Freundin in so einer Situation wäre? Also quasi von außen betrachtet. So wie wir jetzt auf Deinen Beitrag sehen…

    Du hast Deiner Schwester und Schwager den Spiegel vorgehalten und das macht was mit denen. Andererseits hält sie Dir den Spiegel vor, wie es zu Deiner Trinkerzeit war. Hast Du Dich nicht auch angegriffen gefühlt.
    Mein persönliches Fazit wäre: Meine Abstinenz steht an erster Stelle. Ich muss nichts aushalten ( Feiern), was ich nicht will. Entweder gehe ich nicht hin oder brauche Fluchtwege. Frage Deinen Bauch, wie fühlt es sich an, wenn Du daran denkst? Kommt da ein Unwohlsein hoch?
    Du musst nichts tun, weil andere es erwarten und es ist egal, was andere darüber denken… das sind ihre Gefühle, nicht Deine…sie müssen mit ihren Gefühlen umgehen. Du bist nicht dazu da, denen ein gutes Gefühl zu geben. Bleib bei Dir. Im ersten Jahr meiner Abstinenz war das für mich wichtig, nicht an jeder Party dabei sein zu müssen…

    Familie kann ich mir nicht aussuchen, aber auch dort musste ich lernen, meine Grenzen zu setzen. ICH bin mir der wichtigste Mensch und das hat nichts mit Egoismus zu tun, sondern mit gesundem Selbstschutz.

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    LG Tabsi, abstinent seit 27.04.2024

  • Liebe Alyfee,

    Ich las gerade Deinen Faden und bin tief berührt.

    Du verdienst einen Riesen-Respekt, für das, was Du bislang er- und überlebt hast. Ich finde es wunderbar, dass Du jetzt leben willst, ohne Vorsilben.

    Deine Schreibe wirkt auf mich sehr reflektiert und Deine Prioritäten wirken gesetzt. Halte an denen fest und lass nichts in die Nähe, was das destabilisieren könnte.

    Bezüglich Deiner Schwester: hör auf Dein Bauchgefühl, prüfe kritisch, ob ein Treffen Deiner Abstinenz und damit Deinem neuen Leben gefährlich werden kann. Vielleicht tut es auch ein Geburtstagspäckchen mit einem lieben Brief, um ihr zu zeigen, dass Du sie gern hast, Kontakt momentan aber nicht möglich ist (stell Dir vor, sie hat Ebola und nicht Alkoholsucht).

    Ich wünsche Dir viel Kraft, Deinen Weg weiter zu gehen!

    Liebe Grüße,

    Toffifee 🌞

  • Danke für eure Antworten... Das nächste Treffen ist gerade auf unbestimmte Zeit verschoben. Ein Todesfall in der Familie meines Schwagers. Sie brauchen gerade Ruhe und haben anderes im Kopf. Verständlich und für mich noch etwas Zeit, mir Klarheit zu verschaffen. Ich fürchte allerdings, dass der Alkohol jetzt bei ihr noch stärker in den Fokus rückt. Gefühle aushalten, vor allem negative wie Trauer, war noch nie ihre Stärke und Alkohol immer der Seelentröster. Das macht das ganze nicht einfacher. Wir werden sehen.

    An meinem Geburtstag will ich sowieso nicht groß feiern. Es gibt hier eine Veranstaltung an dem Tag, da werde ich hingehen, mit meinem Sohn zusammen, wahrscheinlich werden auch einige Leute aus meiner Hobbygruppe da sein. Ich werde einfach verkünden, dass man mich an diesem Tag dort antrifft und wer kommt der kommt, wer nicht, der nicht.

    Fluchtwege...das ist ne gute Idee. Ich kann jetzt zum Glück jederzeit gehen, weil ich keinen weiten Weg nach Hause habe. Müsste ich, wie früher, bei ihr übernachten, wäre die Sache für mich klar, ich würde nicht fahren. Jetzt kann ich mich einfach aufs Fahrrad schwingen und nach Hause düsen, sollte die Trinkerei aus dem Ruder laufen.

    Bis dahin bleibe ich bei meiner positiven Lebenseinstellung. Heute ist das Wetter bombastisch gut, ich werde einen schönen langen Spaziergang am Wasser machen. Am Wochenende bin ich auf einen Geburtstag eingeladen, und der wird...tataaaa alkoholfrei sein. Mein Nachbar trinkt nämlich auch nicht (noch nie) und kauft dementsprechend auch keinen Alkohol ein. Meine erste alkoholfreie Geburtstagsparty (seit ich 13 bin oder so) Darauf freue ich mich tatsächlich schon, obwohl es mir eigentlich immer Angst macht, irgendwo eingeladen zu sein und ich kenne außer dem Gastgeber niemanden. Diesmal ist es nur normale Aufgeregtheit, keine Panik. Auch ein neues Gefühl. Eins, dass gern bleiben darf.

  • Ich fürchte allerdings, dass der Alkohol jetzt bei ihr noch stärker in den Fokus rückt. Gefühle aushalten, vor allem negative wie Trauer, war noch nie ihre Stärke und Alkohol immer der Seelentröster

    So war es auch bei mir, meine Gefühle im Alkohol ertränkt. Heute lerne ich mich neu kennen, auch schlechte Gefühle dürfen sein.

    Sicherlich machst Du Dir Sorgen um Deine Schwester, das kann ich verstehen. Aber sie ist erwachsen und trägt die Verantwortung für ihr eigenes Leben. Sie darf trinken.

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    LG Tabsi, abstinent seit 27.04.2024

  • So, wieder sind ein paar Tage ins Land gezogen. Ich hab mich hier ein wenig eingelesen, hatte aber auch einiges zu tun.

    Mal wieder den Kampf weiterführen, den wir schon so lange führen, aber je älter mein Sohn wird, desto schwerer werden die Kämpfe. Nicht etwa mit ihm, er wird immer toller, sondern mit den ganzen Behörden, die mir irgendwie immer mehr Steine in den Weg legen und uns unbedingt in die Ecke "Behindertenwerkstatt" drängen wollen. Dieser Kampf fällt mir auch immer schwerer und ich hoffe, dass ich ihn bald nicht mehr allein austragen muss. Im April läuft meine Wartezeit für meine Rechtsschutzversicherung aus und dann kann ich endlich einen Anwalt einschalten, der den Kampf wenigstens auf eine rechtssichere Seite bringen kann. In den letzten Wochen war ich nur mit Bergen von Stellungnahmen, Gutachten und Arztterminen beschäftigt. Es nervt, beweisen zu müssen, dass man etwas nicht kann, aber gleichzeitig auch genug kann, um wenigstens einen Schulabschluss machen zu dürfen. Es frustriert. Zum Glück ist das Wetter gerade gut, sodass ich viel spazieren gehen kann, um den Kopf frei zu bekommen.

    Ich bin froh, das gerade alles mit nüchternem Kopf erledigen zu können. Ich habe das früher auch gemacht, mit Alkohol. Und es war auch nie schlecht oder ich hab es nicht gut gemacht. Aber es hat lange gedauert und war immer mit dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit verbunden. Bringt ja sowieso nichts, such dir schon mal ein schönes Heim für dein Kind aus. (Gruseliger Gedanke) Jetzt ist da zwar immer noch Frustration aber auch viel Wut, die ich in Energie umwandeln kann. Die Wut hat vorher der Alkohol gefressen und ich Depressionen umgewandelt.

    Meine erste Geburtstagseinladung ohne Alkohol habe ich auch hinter mir. Absolut unvorstellbar noch vor einem Jahr. Ein Geburtstag, auf dem ich, außer dem Gastgeber, niemanden kenne und 80% davon ist auch noch Familie. Ich habe mir nie vorstellen können, so eine Situation jemals nüchtern erleben zu können. Panikattacken vorprogrammiert. Und dann auch noch alles Akademiker, mit Ferienhaus in der Schweiz, ein berühmter Arzt, der sogar irgendeine Operationstechnik erfunden hat, die nach ihm benannt ist. Und ich, das Alkoholikerkind aus dem Ghetto. Selbstzweifel, Minderwertigkeitsgefühle, sich völlig Fehl am Platz fühlen...das wäre normal gewesen für mich und ich wäre wahrscheinlich schon angetrunken hingegangen.

    Und dieses Mal? Gar nichts davon. Ich habe bei den Vorbereitungen geholfen und war so in meinem Element, dass ich die Gäste hab gar nicht kommen hören. Und war sofort im Gespräch. Und blieb im Gespräch. Vielleicht etwas steif, aber nüchtern und ohne diese ganzen Minderwertigkeitsgedanken. Mit einer Gästin hab ich mich sogar so gut verstanden, dass wir Nummern ausgetauscht haben und uns mal auf einen Kaffee treffen wollen.

    Nüchtern. Ich musste nicht nachher überlegen, was hast du gesagt, warst du zu forsch, warst du zu aufdringlich, bist du nach dem 5. Glas nur noch torkelnd durch die Gegend gelaufen. Um 22.00 Uhr war Feierabend und ich konnte nach Hause gehen. Nicht wie sonst, noch irgendwo versacken, bis 06.00 Uhr morgens und dann den ganzen Tag über der Kloschüssel hängen mit dem dicken Kater, der auch gern mal zwei Tage bleibt. Und es hat mir Spaß gemacht. Und ich habe neue, schöne Erfahrungen gemacht. Ich kann mich auch in fremden Gruppen bewegen, ohne dass ich Alkohol brauche. Ganz im Gegenteil, ohne bin ich deutlich entspannter und zugänglicher und souveräner. Sogar mit dem Arzt habe ich ein tolles Fachgespräch geführt, ohne dass ich mir dumm vorkam.

    An den Getränken habe ich mich am Kindertisch bedient. Diverse Säfte, die ich mit den Kids zusammen in den interessantesten Kombinationen zusammengeschüttet habe. Mein Nachbar hatte auch an alkoholfreies Bier gedacht, das hab ich mal stehen lassen. Am Schluss war es dann trotzdem alle, die Gäste hatten alle kein Interesse daran, sich volllaufen zu lassen. Sehr angenehm.

    Wieder eine neue (alte) Situation ohne Alkohol gemeistert. Und für gut befunden. Und auch für notwenig. Wenn ich getrunken habe, viel und auch schnell hintereinander, weil ich so meine Unsicherheit verberge. Ich wäre nach einer Stunde besoffen gewesen. Und das ist in dieser Wohnung wirklich fatal. Alles ist mit Nippes vollgestellt, zwei Leute nebeneinander geht eigentlich nicht. Wahrscheinlich hätte ich bei jedem Toilettengang (also alle 10 Minuten) alle Regale leergefegt, weil ich das Gleichgewicht nicht hätte halten können. Diese Peinlichkeit ist mir erspart geblieben. :D

    Irgendwo hier im Forum hatte ich gelesen, dass, wenn der Alltag kommt, es keine bahnbrechende Erkenntnis gibt, oder nichts tolles passiert, sondern einfach nur Alltag ist ohne Alkohol und dass es deswegen gefährlich ist, nicht immer auf der Hut zu sein. ( sinngemäß) Aber ich liebe diesen Alltag ohne Alkohol. Für mich ist jeder Alltagstag ohne Alkohol eine tolle Erfahrung. Ich genieße immer noch jeden Morgen, an dem ich fit aufwache, einen Kaffee trinke und loslegen kann. Ich genieße jeden Abend, an dem ich einfach schön müde ins Bett gehe, weil ich viel geschafft habe oder erlebt habe, ohne den Kotzeimer neben dem Bett stehen haben zu müssen. Ich genieße es, durchschlafen zu können. Ich genieße den Alltag ohne Alkohol und es ist für mich jeden Tag wirklich ein Geschenk. Ich warte auch nicht darauf, dass irgendwann was "Großes" passiert, es passieren jeden Tag große Dinge (für mich sind sie groß, für andere wahrscheinlich sebstverständlich)

    Craving habe ich übrigens fast jeden Tag. Es kommt wie eine Welle und geht dann auch wieder. Meine Skills greifen da wirklich gut und meine positive Einstellung zur Abstinenz tut ihr übriges. Wenn der Wunsch zu Trinken kommt, muss ich mir eigentlich nur vorstellen, was für Schmerzen schon der erste Schluck bei mir auslöst, um mich hinzusetzen, durchzuatmen, mir meine Positiv-Zettel anzusehen und abzuwarten, bis es vorbei ist. Ein großes Glas Sprudelwasser mit Zitrone in der Hand.

    Soweit erstmal neues von mir.

  • Ihr Lieben,

    jetzt stehe ich das erste Mal seit meiner Abstinenz vor einer wirklichen Herausforderung. Eine meiner Schwestern ist gestern nach langer Krankheit verstorben.

    Ich hatte oben schon geschrieben, dass unser Verhältnis schwierig war. Das Verhältnis zur gesamten Familie ist schwierig. Und der Tod macht es nicht einfacher. Zu viele Dinge, die nie ausgesprochen wurden, Erwartungen, die nicht erfüllt wurden, Erwartungen, die noch kommen. Und ein Gefühl in mir von... nichts.

    Dieses Nichts ist immer ein gefährliches Gefühl für mich. Denn Leere hat früher immer der Alkohol gefüllt. Das soll und darf heute nicht wieder passieren.

    Ich habe zum Glück heute einen Termin beim sozialpsychiatrischen Dienst. Mir graut vor der Beerdigung.

  • Liebe Alyfee, erstmal mein Beileid zu Deinem Verlust Deiner Schwester.
    In solch einer Situation übermannen einem die Gefühle…Trauer, Wut, Angst.
    Auch diese Gefühle dürfen sein. Es würde nichts besser machen oder an der Situation ändern, wenn Du sie mit Alkohol betäubst.
    Lass die Gefühle zu, rede, schreibe hier… um diese Leere zu füllen. Eine Beerdigung ist ein schmerzhafter Gang, aber auch noch mal ein Abschluss, den Verstorbenen zu würdigen und loszulassen.

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    LG Tabsi, abstinent seit 27.04.2024

  • Und wieder war der Alkohol, zumindest teilweise, der Grund für den frühen Tod. Schon mein Bruder ist vor drei Jahren an den Spätfolgen von Alkohol verstorben. Nun meine Schwester. Leberzirrhose und Bauchspeicheldrüsenkrebs, beides durch Alkohol bedingt. Sie konnte das Trinken bis zum Schluss nicht lassen.

    Dieses Zeug ist wie ein Fluch, der auf unserer Familie lastet.

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