Es ist so: Wenn man mit zwölf anfängt und das Gehirn noch in der Entwicklung ist, dann geht die Abhängigkeitsentwicklung wirklich extrem schneller vonstatten, als wenn du mit 19 anfängst. Es zerschießt dir komplett die Reifeentwicklung deines Gehirns.
Deswegen war damals meine Therapie vor 40 Jahren eher ein militärisches Camp. Durch Disziplin und Unterordnung unter fast militärische Regeln wurde man wie „umprogrammiert“. Aber der Erfolg spricht für sich.
Einerseits diese Härte, und andererseits wurde der Erfolg dieser Härte innerhalb der Therapie den Süchtigen selbst bewiesen – und zwar während der sogenannten Entlassphase, die einen Monat dauerte. Jeder Erfolg wurde aber auch belohnt.
Jetzt mal konkret: Man musste – ich betone: musste – alleine in die Stadt gehen, sich in eine Kneipe setzen und dort ein Glas Wasser bestellen. Ich kenne Alkoholiker, die nach einer solchen Therapie Jahrzehnte hinter dem Tresen ihrer eigenen Kneipe standen und Alkohol ausgeschenkt haben, ohne einen Rückfall zu bauen.
Und ich saß dann in der Kneipe und habe mir immer wieder gesagt: Es gibt keinen Grund zu saufen.
Man macht es heute auch mit Leuten mit Panikattacken oder Höhenangst: Die müssen dann auf einen 100‑Meter‑Turm und es so lange aushalten, bis die Panik weg ist – selbst wenn sie dabei schreien. Hab ich übrigens auch durch, aber das ist hier nicht das Thema.
Wenn ich richtig Suchtdruck hatte, dann wurde das in der Selbsthilfegruppe mit einem müden Lächeln quittiert – mit dem Hinweis, dann doch einfach auf den Knien sitzend den Boden mit der Zahnbürste zu schrubben. Ohne Wenn und Aber. Klar haben wir das gemacht.
Wir mussten beweisen, beweisen, beweisen, dass wir nur einen Satz verstanden hatten. Und an dem hängt für mich hinsichtlich Alkoholismus alles: Es gibt keinen Grund zum Trinken.
Wer von mir persönlich den einzigen Tipp haben will, wie man 40 Jahre trocken bleiben kann: Es gibt keinen Grund zum Trinken. Niemals. Oder andersherum: Niemals wird durch Trinken etwas besser. Fertig.
Und nicht rumreden, sondern zeigen, zeigen, zeigen. Das ist die härteste, aber meines Erachtens effektivste Methode.
Und jedem Co‑Abhängigen sage ich dasselbe: Sag deinem Gegenüber: „Es gibt keinen Grund zu trinken.“ Und dann verlass ihn.
Es gibt keinen Grund zu trinken.
Aber wie heißt es so schön am Tisch – und das sehe ich genauso: Das sind nur meine Erfahrungen.
Aber bitte: Wer kontrolliert trinken will – nur zu. Ich werde ihn nicht aufhalten. Du willst alkoholfreies Bier trinken, obwohl du weißt, dass da 0,5 % Alkohol drin sind? Tu es. Du willst um dein Leben zocken? Mach es.
Aber bevor du es tust, schreib dir auf einen Zettel diesen Satz: „Es gibt keinen Grund zum Trinken.“
Dann lies ihn dir – und am besten auch noch einen zweiten Satz – laut vor und trink kontrolliert oder ein alkoholfreies Bier oder ein Schnäpschen oder einen Sekt am Abend.